1984

Blu-ray Review

1984 Blu-ray Review Cover
20th Century Fox, seit 10.09.2015

OT: Nineteen Eighty-Four

 


Das System obsiegt

Die legendäre Filmdystopie erscheint endlich auf Blu-ray.

Inhalt

1984 Blu-ray Review Szene 2
Big Brother ist watching you

Der Atomkrieg hat die Welt in drei Teile aufgegliedert: London ist die Hauptstadt Ozeaniens und liegt an der Peripherie im ständigen Krieg mit den beiden anderen Mächten Ostasien und Eurasien. Die Partei, von allen nur „Großer Bruder“ genannt, regiert über Ozeanien und hält mit Parolen das Volk erfolgreich bei Laune. Absolute Kontrolle verhindert, dass Aufständische sich formieren oder sich gar kritische Gedanken zu einer Revolution entwickeln könnten. Dafür sorgt unter anderem Winston Smith, der im Ministerium für Wahrheit arbeitet, das alles andere als die Wahrheit veröffentlicht. Vielmehr ist es dafür da, regierungsfreundlich Fakten zu verdrehen, damit das Volk keine Zweifel bekommt. Als Winston eines Tages beginnt, am System zu zweifeln, schreibt er Tagebuch. Auf diese Weise will er die wahren Fakten „retten“, die er im Anschluss im Job zurechtbiegen muss. Wäre das Tagebuch nicht bereits ein sogenanntes „Gedankenverbrechen“, lässt er sich auch noch zusätzlich mit der emotionalen Regierungskritikerin Julia ein und begeht mit ihr damit auch noch einen Verstoß gegen die Regeln des Ministeriums für Liebe. Als man ihre Affäre verrät, wird Winston von O’Brien gefoltert – mit schlimmen Folgen …

1984 Blu-ray Review Szene 1
Winston führt sein Tagebuch im Angesicht von geständigen Staatsverrätern, die über die allgegenwärtigen Monitore flimmern

1948, knapp zehn Jahre nach einigen Treffen mit Alternativnobelpreisträger Leopold Kohr, während derer die Zwei über totalitäre Überwachungstendenzen der modernen Gesellschaften diskutierten, finalisierte George Orwell seinen Roman 1984. Der Zahlendreher sollte dabei sowohl den Bezug zur Aktualität der Nachkriegsjahre als auch die Vision einer Zukunft symbolisieren. Bis heute ist die Dystopie gesellschaftlich dermaßen verankert, dass man von orwell’schen Verhältnissen spricht oder 1984 nur erwähnen muss, um Bedenken bzgl. etwaiger Überwachungsmethoden der Machthabenden anzuprangern. Dies ist sicherlich nicht nur der Romanvorlage zu verdanken, sondern auch der tatsächlich im Jahr 1984 gedrehten Filmadaption. Die von Michael Radford inszenierte, extrem düstere Dystopie war nicht nur optisch bahnbrechend, sondern kam zu einem Zeitpunkt, da Ost und West noch mitten im Kalten Krieg und die Ängste vor einer atomaren Auseinandersetzung allgegenwärtig waren. Der mit John Hurt und Richard Burton perfekt besetzte Film ist auch in den letzten Jahren immer wieder zitiert worden, wenn es darum ging, die modernen Dystopien im Stile der Tribute von PanemMaze Runner oder Die Bestimmung einzuordnen. Dabei unterscheiden sich die heutigen, extrem effektbeladenen Werke drastisch von der intimen und bedingungslos hoffnungslosen Atmosphäre in 1984. John Hurt katapultierte sich mit seiner grandiosen Darstellung des Winston Smith auf Anhieb in die Riege der besten Charakterdarsteller dieser Zeit und Richard Burton hat mit seiner Rolle als Folterknecht nicht nur seinen letzten Leinwandauftritt, sondern verlässt die Filmbühne praktisch mit einem darstellerischen Paukenschlag. Die konsequent graue und schmuddelige Atmosphäre in 1984 wird über die gesamte Laufzeit von knapp zwei Stunden eingehalten und bietet ein Bild der Trostlosigkeit. Gesellschaftspolitisch ist Radfords Film (und damit Orwells Vorlage) auch heute noch aktueller als die hochtechnologisierten Effektspektakel, die während der letzten Jahre über die Kinoleinwände flimmerten – einzig die Ausprägung ist anders. Dass eine totale Überwachung technologisch möglich ist und in großen Teilen genutzt wird, daran kann spätestens seit den Enthüllungen eines Edward Snowden kaum einer mehr zweifeln. Wohl aber daran, wie sehr (oder ob) die Menschen darunter leiden. Im Zeitalter des Kurzzeit-Konsumvergnügens und der grenzenlosen Verfügbarkeit von „Unterhaltung“ sieht die Gleichschaltung der Menschen eben ein wenig positiver aus. Das „Neusprech“ aus Orwells Vision gibt es allerdings auch – nur dass es heute irgendwie cool ist, die ursprünglich gelernten Sprachen zu vergewaltigen …

Bild- und Tonqualität

1984 Blu-ray Review Szene 5
Winston und Julia begeben sich mit ihrer Affäre in höchste Gefahr

Wer 1984 schon mal gesehen hat, der weiß, dass der Rahmen für eine wirklich referenzwürdiges Bild kaum gegeben ist. Das wäre vermutlich auch gar nicht im Sinne des Films, denn immerhin wird hier ein düsteres Bild der Zukunft gezeichnet. Dennoch ist die Blu-ray die bisher beste Möglichkeit, Radfords Adaption zu genießen. Abgesehen von der deutlich Körnung zeigen sich gerade Nahaufnahmen sehr gut konturriert und scharf. John Hurt, der zum Drehzeitpunkt gerade mal 44 Jahre alt war, wirkt fast 20 Jahre älter, sein Gesicht ist zerfurcht und von den Erlebnissen gezeichnet. Das bringt die Blu-ray erstaunlich gut zur Geltung. Die Farblosigkeit und Kontrastarmut bleibt indes. Wenn Smith die Hure besucht und von knallroten Lippen schwärmt, muss man sich diese schon denken. Gut, wenngleich nicht exzellent gelungen ist die Defektfreiheit. Es blitzt zwar immer mal wieder und ein paar Schmutzpartikel sieht man ebenfalls, doch bisherigen Veröffentlichungen waren da bedeutend schwächer. Letztlich muss man einfach attestieren, dass der unperfekte Look sehr gut zum Film passt.
Akustisch muss man sich mit einem auf die Stereokanäle gedoppelten Monosound begnügen. Der liegt zwar unkomprimiert vor und zeigt keine großartigen Schwankungen oder Verzerrungen, ist aber extrem dünn und wirkt ohne dynamische Ausprägungen ziemlich limitiert. Die Stimmen gelangen indes gut verständlich und ohne schlimmere Zischeltöne ans Ohr – unabhängig von der gewählten Sprache.

Bonusmaterial

1984 Blu-ray Review Szene 3
O’Brien verrichtet sein schmerzhaftes Werk

Schade, dass man dem Bonusmaterial von 1984 keine gesteigerte Aufmerksamkeit geschenkt hat – hier lockt lediglich der Originaltrailer.

Fazit

1984 ist der filmische Archetyp der Dystopie und auch heute noch höchst erschreckend. Technisch ist die Blu-ray die mit Abstand beste Veröffentlichung des Films überhaupt. Allerdings auf durchschnittlichem Niveau, wenn man sich aktuelle Werke anschaut. Bleibt die Frage: Hätte Radfords Film einen blitzblanken, kontraststarken und scharfen Look, wäre 1984 dann überhaupt noch 1984?
Timo Wolters


Bewertung

Bildqualität: 50%
Tonqualität (dt. Fassung): 40%
Tonqualität (Originalversion): 40%
Bonusmaterial: 5%
Film: 90%

Anbieter: 20th Century Fox
Land/Jahr: GB 1984
Regie: Michael Radford
Darsteller: John Hurt, Suzanna Hamilton, Richard Burton, Cyril Cusack, Gregor Fisher, James Walker
Tonformate: dts HD-Master 2.0 Mono: de, en, it, fr, sp
Bildformat: 1,85:1
Laufzeit: 111
Codec: AVC
FSK: 16