Alice im Wunderland: Hinter den Spiegeln

Blu-ray Review

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Walt Disney, ab 20.10.2016

OT: Alice Through the Looking Glas

 


Wettlauf mit der Zeit

Fortsetzung des Überraschungs-Blockbusters von 2010.

Inhalt

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Alice will nicht akzeptieren, dass ihres Vaters Schiff verkauft werden soll

Alice, die aus Wunderland zurückkehrte, bereiste drei Jahre lang die See und lernte das ferne Asien kennen. Als sie nach London zurückkehrt, kommt sie mit den strengen Konventionen und dem engen Korsett der Gesellschaft nicht zurecht. Als man ihr eröffnet, dass ihres Vaters Schiff jemand anderem überschrieben werden soll, damit das Haus der Mutter gehalten werden kann, verfällt sie in tiefe Trauer. Da kommt es ihr nur Recht, dass Falter Absolem ihr den Weg zurück nach Unterland zeigt. Durch einen Spiegel betritt sie die Fantasiewelt und trifft auf alte Bekannte und neue Wesen. Das Wunderland indes hat ein Problem, denn der Hutmacher ist in eine schwere Depression verfallen. Weder Grinsekatze, noch die weiße Königin können ihn daraus befreien. Ein kleiner Hut, gefunden im Wald, ließ ihn an das Schicksal seiner ermordeten Familie zurückdenken – ein Los, das er nie verwunden hat. Alice soll ihm helfen, wieder der verrückte Kerl zu werden, den alle lieben. Dafür muss sie allerdings seine Familie zurückholen, was nur gelingen kann, wenn sie in der Zeit zurückreist. Und dafür braucht sie die Hilfe von Zeit selbst – einem Wesen, halb Mensch, halb Uhrwerk, das Macht über die Chronosphäre hat. Dumm, dass auch die rote Königin etwas von ihm will, um etwas aus der Jugend zu verändern …

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Absolem zeigt ihr den Weg durch den Spiegel

Alice im Wunderland von Tim Burton war 2010 die große Überraschung in den Kinos. Mit einem Einspiel von über einer Mrd. Dollar rechnete zuvor wohl niemand. Künstlerisch hatte der Film allerdings nur wenig von dem, was Burton sonst ausmacht und so war der Erfolg sicherlich auch ein bisschen der Tatsache geschuldet, dass die Verfilmung der berühmten Vorlage einer der ersten 3D-Filme der neuen Generation in den Lichtspielhäusern war. Dennoch schien klar, dass eine Fortsetzung folgen würde. Mit Alice im Wunderland: Hinter den Spiegeln hat Tim Burton zwar vom Regie- auf den Produzentenstuhl gewechselt und das Feld James Bobin (Die Muppets) überlassen, ansonsten blieb man vor allem optisch ganz nahe am Vorgänger. Figuren werden gegenüber der Vorlage allerdings deutlich stärker variiert und immer wieder ist auch die Fortsetzung ein Crossover aus beiden Büchern von Lewis Carroll. Die Tatsache, dass Zeit nun eine eigene Figur ist, gehört sicher zu den größten Abweichungen. Die Kinogänger dankten es nicht und machten Hinter den Spiegeln zu einem der größten Flops des letzten Jahres. Vielleicht ist das äußerst magere Einspielergebnis des Sequels (gerade einmal 77 Mio. Dollar US-Einspiel stehen 170 Mio. Dollar geschätzter Produktionskosten gegenüber) auch dem abflauenden 3D-Boom in den Kinos geschuldet. Oder aber es ist die Tatsache, dass die Fortsetzung zwar unglaublich bunt ist, inhaltlich aber leer(er) und vor allem relativ humorfrei. Selbst nach einer guten halben Stunde, nach der man weiß, worum es geht und alle Fakten auf dem Tisch liegen, bleibt Schmunzeln weitgehend aus. Natürlich sind die Figuren genauso extrovertiert, wie man es vom Vorgänger kennt und sicherlich darf sich alleine Alice‘ Gang durch den Spiegel zu den schönsten optischen Trickeffekten der letzten Jahre zählen. Aber davon ab fehlt eine erneute Bindung an die Figuren. Johnny Depp, der zum Zeitpunkt der Kinoauswertung vor allem durch wirre Auftritte in der Öffentlichkeit auffiel, hat zunächst nur wenig Screentime, um seine extrovertierte Darstellung feilzubieten.

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Zeit hat die doofen Witze über sich satt

Ohnehin stiehlt ihm Sacha Baron Cohen als Zeit die Show. Obwohl gerade diese Figur in den Märchenvorlagen nur als Vorstellung des Hutmachers existiert und man sie ausschließlich für den Film zum  Leben erweckte, ist er der interessanteste und vor allem amüsanteste Charakter. Cohen ist perfekt besetzt in der Rolle des tollpatschigen und ungeduldigen Mensch-Maschinen-Charakters. Sobald er auf der Leinwand erscheint, gesellt sich Witz hinzu – und das nicht nur aufgrund der zahlreichen Zeit-Wortspiele. Auch das Zusammentreffen zwischen Zeit und der Herzkönigin gelingt. Dies auch deshalb, weil Helena Bonham Carter in der Rolle aufzugehen scheint (und damit ist nicht ihr übergroßer Kopf gemeint). Diesen gelungenen Figuren und Momenten steht der bisweilen vorhandene Videospielcharakter gegenüber, der zum einen Optik vor Inhalt setzt und zum anderen oft wirkt wie ein Jump’n’Run-Spiel. Visuell ist das zweifelsohne absolut beeindruckend und wird von der Blu-ray prächtig und fehlerfrei ins Heimkino transportiert. Wenn Alice in der Chronosphäre durch die Zeit rauscht, sind die Bilder durchaus mitreißend. Allerdings auch ziemlich düster. Die bunte Unterwelt bleibt zunächst außen vor und auch der Ton zwischen den Charakteren ist eher dunkel. Hinter den Spiegeln wirkt durch die Zeitreisegeschichte wie Sequel und Prequel in einem und versucht sich an einer rührigen Aufbereitung der Vergangenheit des Hutmachers und der roten Königin. Die Künstlichkeit des Looks verhindert aber meist, dass man emotional mitfiebern kann. Das übertriebene Moment der Sprache, Kleidung und Interaktion steht der Geschichte und den Gefühlen allzu oft im Wege. Alice bleibt dabei nur die Rolle der hektisch von A nach B rennenden Flickschusterin, die Übel abwenden möchte und dabei noch viel mehr Unheil anrichtet. Gut, dass sie das am Ende wieder geradebiegt – und das in einem Showdown, dessen Rasanz buchstäblich wie ein Zeitraffer wirkt.

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Alice und der Hutmacher werden sich schon später einmal begegnet sein

Bild- und Tonqualität

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Die rote Königin will einen Fehler aus der Vergangenheit ungeschehen machen

Alice im Wunderland: Hinter den Spiegeln nutzt die gleiche visuelle Umsetzung wie der Vorgänger. Die Bilder sind absolut frei von Rauschen oder Körnung und bewusst abgesoftet. So wird der Märchencharakter der Geschichte noch unterstützt und dieser artifizielle Look passt perfekt zum Unterland. Die Farben bleiben lebhaft wie beim Vorgänger und lassen die bunten und schrillen Kostüme plastisch erscheinen. Herausragend dabei sind die blauen Augen von Zeit, die den Zuschauer förmlich zu durchdringen scheinen. Ein wenig mehr Umfang dürfte der Kontrast haben, der Schwarz noch etwas kräftiger präsentieren könnte. Erstaunlich, dass trotz des soften Looks die Schärfe beständig sehr gut ist und die vielen Details des Wunderlands prächtig auflöst.
Akustisch legen die beiden Tonspuren von Hinter den Spiegeln schon von Beginn an mächtig los: Sturm und Bombardement der Schiffe gelangen äußerst lebhaft und druckvoll ins Heimkino. Schon die deutsche dts-HD-High-Resolution-Variante kann das gut, bleibt aber hinter der noch vehementer zupackenden dts-HD-Spur des Originals zurück. Gut zu vergleichen beim Abfeuern und Einschlagen der Kanone (2’16). Im Original kommt hier noch mehr Druck ins Wohnzimmer und das Holz birst noch knackiger. Auch die Dialoge sind auf der englischen Spur noch griffiger, prägnanter. Im Deutschen klingt Alice bisweilen ein wenig zu dünn. Großartig umgesetzt ist allerdings das Ticken und Tacken im Universum von Zeit, das von überall zu kommen scheint. Dazu gesellt sich prinzipiell alles, was im Hause der Zeit geschieht. Wenn das große Uhrwerk in Gang gesetzt wird oder die Zeitroboter aktiv werden, bebt und donnert es unaufhaltsam im Heimkino.

Bonusmaterial

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Familienzusammenführung

Im Bonusmaterial von Alice im Wunderland: Hinter den Spiegeln wartet zunächst ein achtminütiges Making-of, das erklärt, wie man die Geschichte mit dem ersten Film verband und wie Regisseur Bobin dazu kam. Auch die Improvisationen zwischen Johnny Depp und Sacha Baron Cohen werden beleuchtet und ein bisschen Produktionsdesign wird auch gezeigt. „Wunderbare Kostüme“, ein vierminütiges Featurette, muss nicht weiter erklärt werden und beschäftigt sich komplett mit den Kleidern der Figuren. In „Die Figuren im Unterland“ gibt’s einen Überblick über die neuen und die bekannten fantastischen Wesen – von Thackery über die Grinsekatze bis hin zu Mallynkum, der kleinen Giggel-Maus. „Interview mit Zeit“ gibt Sacha Baron Cohen zwei Minuten Zeit (haha), in seiner Rolle zu bleiben und weiter zu improvisieren. Zwei Szenen-Vergleiche sowie das Musikvideo zu P!NKs „Just Like Fire“ (inkl. einem Making-of dazu) ergänzen gemeinsam mit dem Audiokommentar von Bobin das Extramaterial.

Fazit

Alice im Wunderland: Hinter den Spiegeln ist düsterer und ernster als der Vorgänger und bis auf (später anstrengende) Wortspiele zum Thema Zeit nur selten amüsant. Da die Geschichte grundsätzlich nur wenig mit der Vorlage gemein hat und praktisch neu erfunden ist, darf man auch kein Verfechter von Lewis Carrolls Klassiker sein. Wirklich gelungen ist vor allem die Technik, die von der Blu-ray hervorragend übertragen wird. Auch Sacha Baron Cohen als Zeit ist ein Gewinn. Ihm und der visuellen Vielfalt gehören die großen Momente in der Fortsetzung. Was in dieser ein völlig aufgesetzt wirkender Feminismus zu suchen hat, bleibt indes wohl das Geheimnis der Drehbuchautorin und vermiest die letzte Szene des Films gehörig.
Timo Wolters


Bewertung

Bildqualität: 80%
Tonqualität (dt. Fassung): 85%
Tonqualität (Originalversion): 90%
Bonusmaterial: 50%
Film: 60%

Anbieter: Wald Disney
Land/Jahr: USA 2016
Regie: James Bobin
Darsteller: Johnny Depp, Mia Wasikowska, Anne Hathaway, Helena Bonham Carter, Sacha Baron Cohen, Rhys Ifans, Matt Lucas, Ed Speleers, Lindsay Duncan
Tonformate: dts HD-Master 5.1: de, en
Bildformat: 1,85:1
Laufzeit: 113
Codec: AVC
FSK: 6

Trailer zu Alice im Wunderland: Hinter den Spiegeln

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