Anarchie

Blu-ray Review

Anarchie Blu-ray review cover
New KSM, seit 21.09.2015

OT: Cymbeline

 


Es stand bei Shakespeare

Ein Liebespaar gegen jede Konvention – klingt verdammt nach dem englischen Dramatiker.

Inhalt

Anarchie Blu-ray review Szene 1
Gangsterboss Cymbeline knöpft sich den ungewollten Freund der eigenen Tochter vor

Drogenboss und Bikerchef Cymbeline regiert de facto eine Kleinstadt irgendwo in der Provinz. Tatkräftige Unterstützung erhält er von seiner zweiten Ehefrau, der „Queen“. Diese rät ihm aktuell dazu, die Polizei nicht mehr mit Schutzgeld zu versorgen, was dazu führt, dass ein Krieg fast unvermeidlich erscheint. Das sind jedoch die geringeren Sorgen, die Cymbeline aktuell zu beklagen hat, denn seine Tochter Imogen hat sich in das Gangmitglied Posthumus verliebt, ihn gar heimlich geheiratet. Posthumus ist kaum der Umgang, den der Herr Papa für seine Tochter vorgesehen hatte und auch die Stiefmutter sähe lieber ihren eigenen Sohn Cloten an der Seite Imogens. Man bringt also den manipulativen Iachimo ins Spiel, der mit Eifersüchteleien für Zwietracht sorgen soll. Scheitert er bei Imogen noch, findet er in Posthumus Ohr mehr Aufmerksamkeit. Er wettet mit ihm, dass es ihm gelingen werde, Imogen zu verführen. Obschon Iachimo das nicht gelingt, liefert er Intimfotos als angeblichen Beweis und Posthumus reagiert in Rage. Er beauftragt einen Kollegen der Motorradgang, Imogen zu ermorden. Jedoch führt dieser den Auftrag nicht aus. Die Situation beginnt zu eskalieren, als Cymbelines „Queen“ ihren eigenen Anspruch auf den Thron der Bande erhebt …

Anarchie Blu-ray review Szene 5
Der intrigante Iachimo hat seine Finger im Spiel

Die auf dem Cover des Films angepriesene Mischung aus Sons of Anarchy und Game of Thrones leitet etwas in die Irre, wenn man weiß (was die Verpackung nicht verrät), dass Anarchie auf Shakespeares Stück Cymbeline basiert. Was den Zuschauer also vielmehr erwartet, ist eine Mischung aus Sons of Anarchy und Romeo + Juliet – Letzterer in der Fassung mit Claire Danes und Leonardo di Caprio. Es wird also bisweilen in abgemildertem Fersmaß gesprochen und die Inszenierung ist in der Tat vom Theater abgeschaut. Regisseur Michael Almereyda hat mit seinem 2000er Hamlet schon mal Sicherheit auf dem Gebiet der shakespeare’schen Verfilmungen bewiesen und drängte sich deshalb als Idealbesetzung für den Regiestuhl bei Anarchie auf. Mit schmuckem Tablet (der dominante Apfel leuchtet praktisch auf jedem elektronischen Gerät) statt Liebesbriefen wird auf modernem Weg für Zwietracht gesorgt, die Schwerter werden durch Knarren ersetzt und über (fast) allem liegt ein wahlweise unpassender Klavier- oder Techno-Wummer-Soundtrack. Was allerdings stärker den Genuss trübt, ist die Teilnahmslosigkeit und die unemotionale Inszenierung des Films. Dass es hier um die ganz große Liebe geht, die in Gefahr schwebt, wird einem eigentlich nur bewusst, wenn man sich den Inhalt vor Augen führt. Wirr und zerfahren wirken die aneinandergereihten Szenen, die ohne große Bindung zu stehen scheinen und teilweise wichtige Informationen vermissen lassen. Und wenn man uns (und Belarius‘ Dreier-Gruppe) weismachen will, dass man eine Frau nicht mehr als Frau erkennt, nur weil sie kurze Haare hat, dann wird’s schon ein bisschen bizarr – gerade im Angesicht der Tatsache, dass die Figuren mit modernster Technik umgehen und fest in der Realtität verankert sind. Wer jetzt übrigens auf Rocker-Attitüde und Bikerszenerie gehofft hatte, der wird ebenfalls enttäuscht. Nach Sons of Anarchy sieht es hier nämlich nur deshalb aus, weil der deutsche Anbieter seinen Film vom Titel her an die erfolgreiche Serie angelehnt hat. Motorräder kommen jedenfalls nur sehr begrenzt zum Einsatz und eine Lederjacke macht noch keine Bikergang aus. Anarchie ist sicher ungewöhnlich und anders, will aber vielleicht etwas zu sehr hip sein, um am Ende durch die Bank zu überzeugen. Auch schauspielerisch hält sich der Film in Grenzen. Dakota Johnson, die gerade unter Christian Grey leiden darf (Anarchie entstand noch vor Fifty Shades of Grey), ist zwar mit Leidenschaft bei der Sache, kann jedoch die Emotionalität ihrer Figur nicht vermitteln, weil das Drehbuch es ihr nicht leicht macht. Ed Harris als titelgebender Boss Cymbeline ist in seinem zweiten Film diesen Monat (Run All Night) deutlich glaubwürdiger und besser aufgehoben, denn als Bikerchef vom Dienst. Einzig Ethan Hawke in der Rolle des intriganten Iachimo überzeugt – auch wenn seine Figur ein Riesenarsch ist, so ist er das wenigstens mit Leib und Seele. Ganz schlimm ist der krass fehlbesetzte Penn Badgley als Posthumus. Weder taugt er als Projektionsfläche pubertierender Mädchen, noch kann man nachvollziehen, dass Imogen sich so unsterblich in den schlafäugigen Flegel verliebt hat – unsympathischer war schon lange kein Held einer romantischen Geschichte mehr. Wenn dann wenigstens Action geschehen würde, wo sie ursprünglich angedacht ist – aber was am Ende als Krieg zwischen Rom und Britannien inszeniert wird, geschieht zum einen im Off und lässt zum anderen zwei angekokelte Fahrzeuge und ein paar Trümmer auf dem Hinterhof eines Supermarktparkplatzes zurück. Das mag alles bewusst so gehalten sein, um von der Ursprungsgeschichte nicht abzulenken, doch für das heutige Kinopublikum ist das einfach zu wenig und letztlich furchtbar langweilig.

Bild- und Tonqualität

Anarchie Blu-ray review Szene 4
Die „Queen“ stirbt – vermutlich an einem Schreikrampf

Dem Bild von Anarchie fehlt’s an Plastizität und Kontrast. Farben wirken ausgewaschen, die Schärfe ist maximal mittelmäßig und Bewegungen verwischen schon mal etwas. Außenaufnahmen sind zu hell, was den Kontrasteindruck noch weiter schwächt. Akustisch ist’s auch kaum besser: Der Film bleibt beständig frontbezogen, lässt nur hin und wieder ein paar Stereoeffekte zu und konzentriert sich ansonsten auf die (immerhin) gut verständlichen Dialoge.

Bonusmaterial

Anarchie Blu-ray review Szene 6
Showdown mit allem, was die Pyrotechnik gerade im Sonderangebot hatte

Im Bonusmaterial von Anarchie findet sich ein kurzes Hinter den Kulissen, das vor allem darstellt, für wie komplex die Schauspieler die Story hielten. Ein paar Interviews gesellen sich noch dazu

Fazit

Ein Ethan Hawke macht (leider) noch keinen Film – Anarchie strotzt vor mieser Darstellerleistungen, uninspirierter Regie und mäßig umgesetzter Shakespeare-Dialoge. Mr. Almereyda, bitte noch mal die eine oder andere Shakespeare-Verfilmung eines Kenneth Brannagh anschauen und entweder in die Ecke schämen oder Besserung einleiten.
Timo Wolters


Bewertung

Bildqualität: 60%
Tonqualität (dt. Fassung): 55%
Tonqualität (Originalversion): 55%
Bonusmaterial: 20%
Film: 30%

Anbieter: New KSM
Land/Jahr: USA 2014
Regie: Michael Almereyda
Darsteller: Ethan Hawke, Ed Harris, Milla Jovovich, John Leguizamo, Penn Badgley, Dakota Johnson, Anton Yelchin, Peter Gerety, Bill Pullman
Tonformate: dts HD-Master 5.1: de, en
Bildformat: 1,78:1
Laufzeit: 98
Codec: AVC
FSK: 16