Annabelle 2 – Creation

Blu-ray Review

Annabelle - Creation Blu-ray Review Cover
Warner Home, 18.01.2018

OT: Annabelle: Creation

 


Mullins Toy Company #1 of 100

Der Conjuring-Kosmos wird erweitert …

Inhalt

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Die Waisenmädchen haben endlich wieder ein Zuhause

Während einer Reifenpanne verlieren der Puppenmacher Samuel und seine Frau Esther ihre kleine Tochter Bee durch einen tragischen Autounfall. Esther erlitt dadurch nicht nur einen Schock, sondern auch ein körperliches Gebrechen und ist seitdem ans Bett gefesselt. Zwölf Jahre später nimmt Samuel eine Gruppe von sechs Waisenmädchen sowie die Nonne Schwester Charlotte bei sich auf, die durch die Schließung ihrer katholischen Einrichtung ohne Obdach dastehen. Die unter den Auswirkungen einer Kinderlähmung leidende Janice ist besonders aufgeweckt und neugierig. Also setzt sie sich eines Nachts darüber hinweg, dass die Mädchen nicht in das Zimmer von Bee gehen sollen. Was Janice nicht ahnt: Die Porzellanpuppe, die sie in einem versperrten Kleiderschrank findet, beherbergt den einen Dämon, den Samuel und Esther Jahre zuvor beschworen hatten, in der Annahme es sei der Geist ihrer Tochter. Nur mit Mühe konnten sie ihn bändigen und einsperren. Doch nun ist er frei und sucht sich seine Opfer …

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Janice ist aufgrund ihrer Kinderlähmung gehandicapt

Nicht gerade oft kommt es vor, dass ein Sequel eines Horrofilms im Kino wesentlich erfolgreicher läuft UND gleichzeitig mehr Kritiker überzeugt als das Original. Selbst wenn das Original, wie im Falle von Annabelle, auch “nur” ein Spin-Off aus dem Universum von The Conjuring ist. Bei Annabelle 2 könnte der Erfolg bei Publikum und Kritikern daran liegen, dass man mit David F. Sandberg einen Regisseur engagierte, der hier zwar erst seinen zweiten Langfilm inszenierte, aber 2016 mit Lights Out einen der drei besten und spannendsten Horrorstreifen des Jahres gedreht hatte. Nun beerbt er John R. Leonetti, dessen Annabelle doch arg konventionell und überraschungsarm geblieben war. Sandberg nutzt die Gelegenheit, seinen Beitrag zum Conjuring-Franchise mit atmosphärischen und bisweilen äußerst spannenden Einstellungen zu schildern, die man schon aus Lights Out kennt und die auch hier super funktionieren (Erscheinung bei 14’20). Immer wieder nutzt er schaurige Detailaufnahmen, Licht-Schatten-Effekte, gruselige Spiegelungen und zitiert sich auch schon mal selbst (85’45). Außerdem spielt ihm das Setting der 50er Jahre in Sachen Stimmung in die Hände. Die Ausstattung der Puppenwerkstatt, die Kleidung der Mädchen, ihre Schuhe und das stimmige Innere des Hauses – das alles passt und lässt den traditionellen alten Studio-Horrorfilm aufleben.
Annabelle 2 lässt sich zwar Zeit, um seine Geschichte in Gang zu bringen, doch wer auf frühen oder gar harten Horror setzt, der ist hier ohnehin im wortwörtlich falschen Film. Erst relativ spät gesellen sich Masken-Elemente hinzu, die dann auch schon mal blutig oder sehr grafisch ausfallen. Das gilt ebenso für die Figur des finalen Dämon, den man schon weit schwächer umgesetzt sah und der wiederum nicht so frontal gezeigt wird, dass nicht noch Raum für Interpretationen bliebe. Bis dahin (und zum etwas in die Länge gedehnten Showdown) sind die Dialoge von Sam und seine Mimik getragen von seiner anhaltenden Trauer um Bee und den Zustand seiner Frau Esther. Selbst die Mädchen reden nicht hektisch durcheinander, sondern benehmen sich gesittet – so eine katholische Erziehung tut halt ihre Wirkung.

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Janice erkundet das alte Haus …

Ohnehin sind es vor allem die Darsteller der Kinder, die den Film tragen und dabei stets völlig natürlich agieren. Eine große Entdeckung ist Talitha Bateman, die schon durch kleinere Rollen in Die 5. Welle oder Voll verkatert auf sich aufmerksam gemacht hatte. Als durch ihre Lähmung beeinträchtigte Janice bringt sie nicht nur die Story selbst in Gang, sondern hat den Zuschauer schon aus reinen Aspekten des Beschützerinstinkts auf seiner Seite. Wenn sie den anderen Kindern wehmütig beim Spielen vor dem Haus zuschaut und sich auf ihren Krücken durchs Haus quält, ist klar, dass gerade sie, die körperlich beeinträchtigte Figur, eine Schlüsselfunktion haben wird.
Neben der Atmosphäre durch das Setting und die vortrefflich besetzten Darsteller ist es zudem der Sound, der Annabelle 2 wirken lässt. Gerade in der Originalfassung, die eine 3D-Abmischung hat (siehe nächstes Kapitel des Review) funktionieren die Jump-Scares perfekt und werden aus allen Lautsprechern unterstützt. Natürlich würde das aber nicht so gut funktionieren, wenn es nicht zuvor jene Momente der Ruhe gäbe, die erst so richtig auf das Hindeuten, was dann passiert. So setzt während Janice’ Entdeckungsreise durch Bees Zimmer nach 26’15 Minuten die Filmmusik komplett aus und es ist totenstill. Selbst ein leises Knarzen der Holzdielen sorgt dann schon für Gänsehaut und alle Sinne sind aufs Maximale angespannt – besser kann man einen Horrorstreifen akustisch nicht unterstützen.

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… und fördert Böses zutage

Bild- und Tonqualität

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Sie sollten nicht in diesem Raum sein

Annabelle 2 hat trotz volldigitaler Aufzeichnungs-Kette ein ganz bewusst analoges Bild, um die 50er Jahre authentisch wiederzugegeben. Dunkle Szenen hätten etwas mehr Durchzeichnung verdient gehabt, da sie bisweilen Details versumpfen lassen. Auch Gesichtsfarben wirken dann etwas überbetont und “verbrannt”. Trotz des nachträglich eingefügten Korns ist die Schärfe sehr gut. Close-ups sind detailreich und knackig. Außerdem ist die Schärfe über den gesamten Bildbereich homogen verteilt und lässt an den Rändern nicht nach. Bei seitlich einfallendem Licht gehen die Farbkontraste schon mal in die Knie, was aber ebenso bewusst eingesetztes Stilmittel ist wie das Korn. Weniger schön sind die ganz vereinzelt auftretenden Banding-Effekte in dunklen Szenen, die auf eine zu starke Kompression hinweisen (88’50).
Nachdem man diverse Anbieter (auch Warner) zuletzt zurecht loben konnte und musste, was die Inkludierung von hochwertigen (3D)-Tonspuren angeht, muss bei Annabelle 2 leider mal wieder die Kritik-Schelte ausgepackt werden. Für einen Film, der in den USA 102 Mio. Dollar umgesetzt hat und mit 600.000 Besuchern auch in Deutschland sehr erfolgreich war, ist es für hiesige Zuschauer weder verständlich noch schön, dass man für die deutsche Synchro eine Dolby-Digital-Spur aus der Steinzeit digitaler Vertonungen integrierte. Geschuldet ist es der Tatsache, dass der Film praktisch eine weltweite Disk bekam, die über zahlreiche Tonspuren verfügt. Allesamt nur DD-Fassungen – mit Ausnahme des Originaltons. Denn der liegt in Dolby Atmos mit True-HD-Kodierung vor. Und gegen den hat die DD-Variante leider nicht den Hauch einer Chance. Das beginnt schon beim Einflug des “New Line Cinema”-Logos, dessen Instrumentierung über den Originalton wesentlich wuchtiger daherkommt.

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Kann Sam gegen den Dämon ankommen?

Selbst wenn sich Annabelle 2 für einen DD-Ton relativ gut schlägt und die Effektkanäle gleichermaßen häufig wie teils auch dynamisch beliefert, fehlt es im direkten Vergleich mit der unkomprimierten US-Fassung an Druck, Offenheit und Differenziertheit. Gerade während der lauteren Szenen, wenn der Subwoofer massiv zulangt, kann der O-Ton sich deutlich absetzen. Beiden Tonspuren gemein sind die wirkungsvollen Schockeffekte, die ebenso effektiv sind wie sie den Zuschauer aufschrecken lassen – und das auch schon über die Dolby-Digital-Version. Wirklich gelungen sind die direktionalen Geräusche, die zunächst extrem leise beginnen und zeigen, wie fein und differenziert Ton grundsätzlich sein kann (Glocke bei 39’40). Aber auch die vordergründigen Effekte sind äußerst raumfüllend – als Musterbeispiel darf die Szene gelten, in der die Schritte um Linda dumpf herum poltern (61’30) oder aber die Sequenz im Schuppen, die (ab 64’50). Dazu sind die Dialoge sind in beiden Sprachen gut verständlich und harmonisch eingebettet.
In Sachen 3D-Sounds gibt’s die ersten Lebens-Anzeichen, wenn sich der Staub nach dem Unfall über die Kamera legt und im Heimkino niedergeht – ein sehr gut ortbarer Höheneffekt (7’09). Sensationell ist das Geräusch des elektrischen Treppenlifts, wenn er für Janice erstmals eingesetzt wird – man hört exakt über dem Kopf, wie er sich im oberen Stockwerk aktiviert (12’52). Dazu kommen Schockeffekte wie der hochschnellende Verschluss des Lasten-Aufzugs (17’54), das Schnalzen mit dem Ball am Seil (60’40) oder die sich herausschraubenden Glühbirnen (88’00).
Und wenn das Böse dann nach fünfzig Minuten als schwarzes Wabern den gesamten Raum und die Decke einnimmt, setzt es einen der lang anhaltendsten Höhen-Effekte bisheriger Atmos-Soundtracks überhaupt (50’16). Und wer nach etwas über einer Stunde keinen Schock bekommt, wenn Janice im Schuppen unter den Bohlen liegt und von oben Schritte und Poltern hört, der sollte wohl mal prüfen, ob sein Herz überhaupt noch schlägt (ab 65’45). Wirklich sensationell geraten die Sounds, wenn sich Linda im Lastenaufzug durchs Haus bewegt. Ab Minute 90 gibt es hier immer wieder Momente, in denen man sich selbst inmitten dieses engen Beförderungsmittel wähnt

Bonusmaterial

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Linda ist in der Höhle des Löwen

Das Bonusmaterial von Annabelle 2 beginnt mit dem Audiokommentar von xx. Dazu gesellen sich 12 Minuten an nicht verwendete Szenen, die wahlweise mit dem Kommentar des Regisseurs abgespielt werden können. Hinzu kommen zwei Featurettes. In “Annabelle 2 – Die Regiearbeit” begleiten wir David F. Sandberg knapp eine Dreiviertelstunde lang auf einen Regisseur-Workshop. Es war ihm offenbar eine Herzensangelegenheit, so etwas mal für den Bonus-Bereich einer DVD/Blu-ray zu machen, weil er sich als junger angehender Regisseur immer selbst mal gewünscht hat, genau so etwas im Extramaterial einer Videoveröffentlichung zu finden. Dabei hat er genug Selbstironie, sich nicht mit Spielberg oder Nolan vergleichen zu wollen und bezeichnet sich selbst als “weird swedish guy with a bitchface”. Natürlich ist das unkommentierte Zuschauen hinter die Kulissen manchmal etwas sperrig, aber es vermittelt SEHR eindrücklich, dass sich Filme auch am Set entwickeln und wie die Zusammenarbeit genau funktioniert – das hat man selten so hautnah und ehrlich gesehen. Klasse!
“Das Conjuring-Universum” nimmt sich fünf Minuten Zeit, damit James Wan erzählen kann, wie die Zusammenhänge zwischen den einzelnen Filmen sind. Wer genau hinhört, kann sich zusammenreimen, dass der Regisseur/Produzent durchaus vor hat, ein eigenes Horror-Universum zu erschaffen, für das noch mehr der Artefakte aus dem Haus der Warrens oder auch andere Figuren (wie demnächst in The Nun) eine eigene Geschichte bekommen. Die beiden Horror-Kurzfilme “Panik auf dem Dachboden” und “Die Truhe” (ebenfalls von Sandberg) runden das gelungene Angebot ab.

Fazit

Der Autor dieser Zeilen ist wahrlich kein großer Freund von Puppen-Horrorfilmen. Oft wirken sie uninspiriert und lieblos runtergekurbelt. Ganz anders Annabelle 2: Regisseur David F. Sandberg hat trotz eines nicht mal allzu glücklichen Drehbuchs sämtliche Register seines Könnens gezogen, um Spannung und Atmosphäre zu erzeugen. Dass er Jump-Scares beherrscht, zeigte er schon in Lights Out und nutzt es auch hier äußerst effektiv. In Kombination mit dem großartigen Dolby-Atmos-Sound der Originalfassung ein echtes Horror-Highlight des noch jungen Heimkino-Jahres.
Timo Wolters


Bewertung

Bildqualität: 70%
Tonqualität (dt. Fassung): 80% (im Rahmen einer Dolby-Digital-Wertung)

Tonqualität BD 2D-Soundebene (Originalversion): 90%
Tonqualität BD 3D-Soundebene Quantität (Originalversion): 80%
Tonqualität BD 3D-Soundebene Qualität (Originalversion): 95%

Bonusmaterial: 70%
Film: 80%

Anbieter: Warner Home
Land/Jahr: USA 2017
Regie: David F. Sandberg
Darsteller: Lulu Wilson, Stephanie Sigman, Talitha Bateman, Philippa Coulthard, Miranda Otto, Anthony LaPaglia, Brian Howe, Brad Greenquist, Alicia Vela-Bailey
Tonformate: Dolby Atmos (True-HD-Kern): en // Dolby Digital 5.1: de
Bildformat: 2,35:1
Laufzeit: 110
Codec: AVC
FSK: 16

Trailer zu Annabelle 2