Carrie

Blu-ray Review

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20th Century Fox, seit 04.04.2014

OT: Carrie

 


Abnabelungsprozess

Remakes kultisch verehrter Filme stoßen nicht immer auf Gegenliebe. Wie sehr darf man die Neuverfilmung von „Carrie“ mögen?

Inhalt

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Carrie weiß absolut nicht, was mit ihr geschieht

Carrie ist 16 Jahre alt, wird von ihren Klassenkameradinnen gehänselt und erlebt eines Tages nach dem Schwimmunterricht einen Alptraum: Da ihre absurd-religiöse Mutter sie nicht aufgeklärt hat und ihr ohnehin alles Übel der Welt die Schuld in die Schuhe schiebt, rechnet das verängstigte Mädchen nicht damit, dass das Blut, welches ihr an den Beinen herunterläuft, nicht bedeutet, dass sie sterben muss, sondern schlicht ihre erste Periode darstellt. Während die ignoranten Schulkolleginnen die höchst unangenehme Situation mit ihren Handys filmen und anschließend ins Internet stellen, beginnt Carrie eine Kraft zu spüren, mit der sie mächtige Dinge anrichten kann – Telekinese. Zuerst ist es nur ein berstender Spiegel, weil sie ihr Antlitz nicht ertragen will, doch bald schon setzt sie sich damit gegen die immer gemeiner und gehässiger werdenden Menschen um sie herum zur Wehr. Besonders die fiese Chris, die Carrie die Schuld dafür gibt, nicht zum Abschlussball zu dürfen, macht immer weiter mit ihren Gemeinheiten. Bis es bei eben jenem Ball zur Katastrophe kommt …

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Nur Carries Lehrerin scheint Verständnis für das junge Mädchen zu haben

Brian de Palmas Adaption des ersten Stephen-King-Romans genießt einen Ruf wie Donnerhall und so war es für Kimberly Peirce sicher nicht einfach, hier eine zeitgemäße Neuverfilmung zu realisieren, die dennoch den Geist des Originals bewahrt. Seinerzeit traf der Film über ein völlig normales Mädchen, das von seinen Mitmenschen schikaniert wird und nach und nach seine telekinetischen Fähigkeiten gegen ihr Umfeld einsetzt, den Nerv der Zeit und Sissy Spacek als Hauptdarstellerin erlangte schlagartig Berühmtheit.
Inszenatorisch beginnt Peirce‘ Carrie atmosphärischer und böser als das Original, hält sich ansonsten aber eng an De Palmas Verfilmung und noch enger an den Roman. Die Regisseurin bindet moderne Kommunikationsformen schlüssig ein und zeigt damit, dass das fast 40 Jahre alte Thema noch heute aktuell, ja vielleicht aktueller ist denn je. Denn mit Facebook, YouTube & Co. sind die Möglichkeiten, junge Menschen vorzuführen und zu denunzieren heute schneller und weitreichender als je zuvor. Wie häufg hört man Meldungen, dass Schüler/innen in den Selbstmord getrieben wurden, weil sie öffentlich der Lächerlichkeit preisgegeben wurden. Hier darf Carrie durchaus als kritischer Kommentar verstanden werden.

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Die Mutter des jungen Mädchens hält die Welt „da draußen“ für böse und verloren …

Was ebenfalls dazu beiträgt, dass die Neuverfilmung gelingt, ist die erwachsenere Darstellung der Carrie. So ist die Figur zwar sexuell nicht aufgeklärt, aber nicht völlig naiv. Sie weiß um die Tatsache, dass alle nur mit ihr spielen und kann durchaus beurteilen, wem gegenüber sie misstrauisch sein muss. Der Film begeht also nicht den Fehler, ein Original lediglich zu kopieren. Stand 1976 vornehmlich das Rachethema im Vordergrund, kommen im Remake auch starke Coming-of-Age-Apekte hinzu. Aspekte, die eine grandios aufspielende Julianne Moore als Carries Mutter zu verhindern und unterdrücken sucht. Gerade der Charakter der Mutter wurde erweitert und um (sehr gut passende) autoaggressive Momente ergänzt. Moore verleiht Carries Mutter dadurch etwas immens beängstigendes und furchteinflößendes.
Ein weiterer positiver Aspekt, wenn auch nur ein kleines Detail: Der Anbieter übernimmt beim Remake von Carrie nicht den unsäglichen und schlicht falschen deutschen Untertitel „Des Satans jüngste Tochter“, den das Original effektheischenderweise noch tragen musste. Denn schon damals wollten viele den Film als Horrorfilm interpretiert haben, obwohl es weit eher ein Psychodrama ist.

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… weshalb sie es überhaupt nicht gutheißen kann, dass Carrie zum Abschlussball gehen will

Jetzt gibt es, wie immer, solche, die nichts auf ihre geliebten Klassiker kommen lassen und mit einer Mischung aus romantischer Verklärtheit und dezenter Ingnoranz einfach alles abwehren, was modern und neu gemacht wird. Man mag über den Sinn von Remakes streiten können, darüber, ob solche Filme überhaupt notwendig sind, objektiv betrachtet haben sich heute die Sehgewohnheiten allerdings massiv geändert und warum sollte man nicht auch eine neue, jüngere Generation mit einem 40 Jahre alten Thema bedienen, das man behutsam an die Moderne angepasst hat?
Hüben wie drüben ist Kritik angebracht: Während im De-Palma-Original mitunter zuviel Hysterie herrschte, darf man dem Remake durchaus vorwerfen, dass Chloe Grace Moretz eigentlich ein bisschen zu hübsch ist, um als Mobbingopfer durchzugehen. Auch hätte man sicher nicht drei unterschiedliche Einstellungen gebraucht, um den Eimer mit Schweineblut fallen zu sehen.
Kritik, die sich schon der King-Roman gefallen lassen muss, gilt dafür für beide Filme, denn es ist schon höchst unwahrscheinlich, dass zuvor kratzbürstige Schulkolleginnen Carrie und ihren Abschlussballpartner plötzlich zur Siegerin kühren, damit sie zufällig auf DER Bühne steht, wo später das Schweineblut auf sie hernieder geht – zumal nie geklärt wird, ob im Voting vielleicht auch Chris ihre Finger im Spiel hat. Die Blu-ray enthält auch eine (nicht synchronisierte) Fassung mit alternativem Ende, das aus filmischer Sicht des Remakes sogar schlüssiger wirkt.

Bild- und Tonqualität

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Meint ihr Abschlussballpartner Tommy es ernst oder spielt auch er nur ein Spielchen?

Leicht bräunliche Filter bewirken einen erdigen Look, die Farben wirken dazu ein wenig verwaschen und schmuddelig. So entsteht eine optische Nähe zum 70er-Jahre-Look des Originals. Der Kontrastumfang in Carrie ist deshalb eher mittelprächtig und die Schärfe könnte gerade in Halbtotalen noch besser sein. Bei Close-ups sieht es etwas knackiger aus.
Akustisch gelingen sowohl die deutsche dts- als auch die englische dts-HD-Masterspur sehr gut. Dialoge und Stimmen kommen in Carrie hervorragend eingebettet aus dem Center, die Musik, oftmals dezent, gelangt stimmungsvoll in den Raum und die Tricksequenzen, die Carries Telekinese begleiten, werden erstaunlich effektvoll und mit ordentlich Nachdruck transportiert. Immer wieder grummelt es bedrohlich aus dem Subwoofer. Und wenn ab Minute 75 Carries Wut ihren Lauf nimmt, feuern die Speaker aus allen Rohren.

Bonusmaterial

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Carrie erlebt die finale Demütigung bei der Prom Night

Der Audiokommentar von Regisseurin Kimberly Peirce ist eher sachlich gehalten, aber dennoch sehr informativ. Neun entfernte Szenen ergänzen den Kommentar und vier Featurettes gesellen sich hinzu. So erfahren wir, wie der Stunt mit dem brennenden Mädchen auf der Prom-Night realisiert wurde und bekommen knapp 20 Minuten Einblick darin, wie „Carrie“ realisiert wurde. In „The Power of Telekinesis“ wird dann näher auf die entsprechenden Fähigkeiten der Hauptfigur eingegangen und „Telekinetic Coffee Shop Surprise“ zeigt, wie sich das Drehteam einen Spaß mit ahungslosem Publikum machte, nachdem sie einen Raum so präparierten, dass telekinetische Fähigkeiten simuliert und vorgeführt werden konnten.

Fazit

Das Remake von Carrie begeht nicht den Fehler, die heutigen Techniken zum Selbstzweck verkommen zu lassen, sondern konzentriert sich ebenfalls auf das Psychogramm eines gemobbten und von der Mutter im Käfig religiösen Fanatismus gehaltenen Käfigs. Beide Filme haben ihre starken und ihre schwachen Seiten und gleichermaßen Existenzberechtigung.
Timo Wolters


Bewertung

Bildqualität: 70%
Tonqualität (dt. Fassung): 85%
Tonqualität (Originalfassung): 85%
Bonusmaterial: 50%
Film: 65%

Anbieter: 20th Century Fox
Land/Jahr: USA 2013
Regie: Kimberly Peirce
Darsteller: Chloe Grace Moretz, Judy Greer, Portia Doubleday, Julianne Moore
Tonformate: dts HD-High Resolution 5.1: en // dts 5.1: de, fr
Bildformat: 2,35:1
Laufzeit: 100
Codec: AVC
FSK: 16

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