Der Moment der Wahrheit

Blu-ray Review

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Universum Film, ab 07.10.2016

OT: Truth

 


Das Word-Problem

Fesselndes Politdrama über den „Rathergate“-Fall.

Inhalt

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Der alles entscheidende Kontakt mit einem Insider aus der Nationalgarde

Mitte 2004 steckt George W. Bush mitten im Wahlkampf für seine zweite Amtsperiode und hat in John Kerry einen unerwartet starken Gegner aus dem Lager der Demokraten. Noch ist nicht klar, ob die von Bush zu verantwortenden Kriege gegen den Terror ihm helfen oder letztlich das Amt kosten könnten. In dieser Zeit arbeitet Mary Mapes als Produzentin des CBS-Nachrichtenmagazins „60 Minutes“. Sie ist es, die im April des Jahres die Folter-Machenschaften der US-Militärs in Abu-Ghuraib offenlegt und senden lässt. An ihrer Seite hat sie ein Team aus eifrigen Journalisten und mit Dan Rather einen Nachrichtensprecher, der loyal zu ihr steht und eine Ikone seines Fachs ist. Bei Nachforschungen über vermeintliches Bush-Familiengeld, das angeblich an die Bin Ladens ging, stößt Mapes mit ihrem Team auf brisantes Material, das offenbar nachweist, dass George W. Bush sich durch den Eintritt in die Nationalgarde davor bewahrt haben soll, in den blutigen Vietnamkrieg zu müssen. Dort allerdings fehlte er angeblich mehrere Monate unerlaubt, was im Prinzip einer Fahnenflucht gleich käme. Die Nachforschungen allerdings stellen sich als schwierig heraus, da keiner der damaligen Verantwortlichen reden will oder beteuert, dass Bush völlig ohne Vitamin B auskam. Dann tauchen jedoch Dokumente auf, die von Lieutenant Colonel Jerry B. Killian unterzeichnet wurden. In diesen steht, dass sich Bush weit größere Verfehlungen in der Garde hat zu Schulde kommen lassen. Als die Sendung gezeigt wird, schlägt die Nachricht ein, doch da die Dokumente nicht im Original vorliegen, versuchen die Mächtigen der Gegenseite und des eigenen Senders, Zweifel an der Echtheit zu schüren …

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Dan Rather ist das Aushängeschild von „60 Minutes“ bei CBS

Die „Killian Documents Controversy“, die umgangssprachlich und in Anlehnung auf „Watergate“ sowie Nachrichtensprecher Dan Rather auch unter „Rathergate“ bekannt wurde, bietet den Hintergrund für ein brisantes Politdrama mit hochkarätiger Besetzung. Der Moment der Wahrheit ist allerdings nicht nur ein spannender Film, dem man aufmerksam folgen sollte, um den Faden im Dickicht der Fakten nicht zu verlieren. Vielmehr bedeutet die Geschichte einen Wandel in der Arbeit von Entüllungsjournalisten. Der echte Dan Rather nimmt diese Tatsache zum Anlass, im Bonusmaterial eine wichtige Fragen aufzuwerfen. Er fragt, ob sich im Zeitalter des Internet die Definition von Wahrheit an sich verändert hat, oder ob das nicht der Fall ist. Denn die Echtheit der Dokumente wurde zunächst über das World Wide Web angezweifelt. Es geht also irgendwann nicht mehr um Bush oder Mary oder Dan – es geht um die Integrität der Journalisten und der Nachrichten. Wahrhaftige Nachrichten sind aber oft gegen bestimmte Organisationen, Firmen oder Personen des öffentlichen Interesses gerichtet – und je mächtiger diese sind, desto riskanter und gefährlicher ist es, authentische Fakten ans Licht zu bringen. Selbst der eigene Sender zieht irgendwann den Schwanz ein und bricht aufgrund des Drucks zusammen. Persönliche Aussagen damaliger Beteiligter zählen plötzlich nicht mehr – zumal auch die offenbar unter Druck gesetzt werden und Gesagtes revidieren. Wenn nach 40 Minuten die Sendung über den Äther geht, nimmt sich die Filmmusik zurück, Aufnahmen in Zeitlupe erscheinen und zeigen die Reaktionen der Menschen vor den Bildschirmen. In diesem Moment weiß man, wie wichtig (und beeinflussend) Medien sein können. James Vanderbilts Film lässt dabei nicht nur durch die Besetzung (allesamt offen liberale Darsteller) keine Zweifel an seiner Einstellung.

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Marys Team leistet akribische Arbeit

Bewusst gewählt bezieht Der Moment der Wahrheit Stellung für seine Journalisten-Figuren und die Freiheit der Presse. Dass der verdiente Drehbuchautor („“) hier sein Regiedebüt gibt, merkt man dem routiniert und leidenschaftlich in Szene gesetzten Film zu keiner Zeit an. Und nicht nur aufgrund seiner männlichen Hauptrolle erinnert das Werk immer wieder mal an Die Unbestechlichen. Redford, der in der Rolle des Dan Rather zu Hochform aufläuft, sieht man an, dass er voller Überzeugung an den Film und die Botschaft herangegangen ist. Neben ihm ist Cate Blanchett herausragend in der Rolle der zunächst überzeugten und später in die Schusslinie geratenden News-Produzentin. Der Film macht zwar, wie erwähnt, keine Hehl aus seiner Pro-Journalismus-Einstellung, dennoch werden die bitteren Momente nicht ausgespart. So klammert sich Mapes im späteren Verlauf an jeden Strohhalm und geht dabei auch ein, dass ihr schwerkranker Informant noch mal vor die Kamera muss und sich dort mehrfach als Lügner outen muss – ein kaum ehrenhaftes Vorgehen. Ebenso zeigt Vanderbilt, dass der Ehemann von Mapes es nicht gerade einfach hat und unter der dominant-kühlen Art seiner Frau zu leiden hat. In den Nebenrollen mit Dennis Quaid (ohne seine angestammte Stimme) und Stacy Keach ebenfalls hervorragend besetzt, funkionieren praktisch sämtliche Teilstränge und -aspekte der Handlung – und das bis zum bitteren Ende.

Bild- und Tonqualität

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Das Blatt wendet sich gegen Mary

Das Bild von Der Moment der Wahrheit dürfte am unteren Bildrand etwas schärfer sein – oftmals verschwimmen hier Details. Sehr gut ist hingegen die Detailauflösung im zentralen Fokus. Auch die Kontraste wissen zu gefallen. Gerade Szenen mit vielen Farben kommen lebhaft und kräftig rüber. Redfords Charaktergesicht ist zudem schön akzentuiert und scharf. Die Schwarzwerte passen trotz dezenter (Gelb)Filterung der Farben. Farbartefakte oder Rauschen auf uniformen Hintergründen gibt’s nicht zu bemängeln. Ohnehin ist das Bild sehr stabil und laufruhig.
Da es sich bei Der Moment der Wahrheit um einen dialogkonzentrierten handelt, ist es vor allem die Filmmusik sowie der Score, die den Raum ein wenig öffnen. Ob das die teils pathetischen Töne oder sanftere Streicher sind – stets werden dann alle Lautsprecher mit Informationen versorgt. Die Raumakustik gelingt authentisch – egal, ob man sich in einer großen Halle oder in einem Burger-Restaurant befindet (21’00). Ab und an, wenn die Spannung vor oder während der Nachrichtensendungen steigt, gibt’s auch Informationen für den LFE-Channel – richtiggehend überraschend kommt die Sub-Attacke beim draußen stattfindenden Gewitter (102’28).

Bonusmaterial

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Kann Mary verhindern, dass ihre Produktion revidiert werden muss?

Im Bonusmaterial von Der Moment der Wahrheit erweitern sechs entfernte Szenen die Story noch ein wenig. Dazu gibt’s vier Interviews mit Cate Blanchett, Robert Redford, Topher Grace sowie Regisseur Vanderbilt. Eine Frage- und Antwortrunde mit Blanchett, Vanderbild und Elisabeth Moss komplettiert diesen Bereich. Zur Abwechslung liefern die Interviews tatsächlich mal weiterführende/erklärende Infos. Zwei Featurettes sind ebenfalls mit an Bord. In „Das Team“ geht es natürlich vornehmlich um das Cast und die Besetzung des Films – von Produzent Brett Ratner über Regisseur James Vanderbilt bis hin zu den Darstellern. In „Der wahre Fall hinter der Geschichte“ kommen Dan Rather und Mary Mapes selbst zu Wort und beschreiben, wie es damals für sie ablief. Ein Audiokommentar rundet das Bonusmaterial ab.

Fazit

Der Moment der Wahrheit ist ein leidenschaftliches Plädoyer für den investigativen Journalismus, der im Zeitalter des Internet und sozialer Netzwerke von populistischer Fake-Berichterstattung abgelöst zu werden droht. Die zugrundeliegende Geschichte ist schon skandalös genug, wird aber noch getoppt von den Ereignissen, die daraus resultierten. Bush jr. blieb Präsident, die beiden verantwortlichen Journalisten der Enthüllungsstory mussten ihren Hut nehmen – verdrehte Welt. Es scheint, als wäre es heute nicht mehr möglich, politische Skandale an die Öffentlichkeit zu bringen, die dazu führen, dass Köpfe rollen. Das Donald-Trump-Prinzip fusst auf dieser Entwicklung und perfektioniert es: Beinahe jeder Auftritt des Präsidentschaftskandidaten ist ein Skandal und hätte vor 20 Jahren zum sofortigen Fall eines angehenden Politikers geführt. Heute kümmert es nur noch die aufrechten Gegner, nicht aber die Masse und offenbar auch nicht die Verantwortlichen in den großen Nachrichtenredaktionen. Der Moment der Wahrheit regt indes wenigstens zum Nachdenken an, ob diese Entwicklung so gut sein kann.
Timo Wolters


Bewertung

Bildqualität: 75%
Tonqualität (dt. Fassung): 70%
Tonqualität (Originalversion): 70%
Bonusmaterial: 50%
Film: 85%

Anbieter: Universum Film
Land/Jahr: USA 2015
Regie: James Vanderbilt
Darsteller: Cate Blanchett, Robert Redford, Topher Grace, Elisabeth Moss, Stacy Keach, Bruce Greenwood, Dennis Quaid, John Benjamin Hickey, Dermot Mulroney
Tonformate: dts HD-Master 5.1: de, en
Bildformat: 2,35:1
Laufzeit: 126
Codec: AVC
FSK: 0

Trailer zu Der Moment der Wahrheit

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