Die gesammelten Peinlichkeiten unserer Eltern in der Reihenfolge ihrer Erstaufführung

Blu-ray Review

Tiberius Film, 02.02.2017

OT: The Family Fang

 


Von A und B

Jason Batemans zweite Regiearbeit ist genau das Richtige für Fans von Arthouse-Dramödien.

Inhalt

Eine gaaanz dumme Idee

Annie und Baxter standen schon vom Beginn ihres Lebens an im Schatten ihrer Elter. Caleb und Camille Fang sind so etwas wie der gelebte Anarchismus, wenn sie als Performancekünstler eine Bank überfallen und dabei Baxter mit einer (Fake)Waffe vorschicken, nur um hinterher eine Schießerei zu inszenieren und den Menschen zu sagen, dass sie gefälligst „ihr Leben genießen sollen“. Als die Kinder erwachsen sind, versucht sich Camille (mehr oder weniger erfolgreich) als (erstaunlich prüde) Schauspielerin, während Baxter ein unglaublich erfolgloser Autor und Reporter geworden ist, der, um Geld zu verdienen, Artikel über ein paar Rednecks schreiben muss, die mit Kartoffelwaffen um sich ballern. Im Anschluss an diese Akt der Dämlichkeit, machen Caleb und Camille ihre Aufwartung. Eine mehr als unangenehme und bittere Familienzusammenführung. Denn im Zeitalter von Youtube ist es gar nicht mehr so leicht, überhaupt noch aufzufallen, was Caleb verzweifeln lässt. Baxter und Annie indes sehen sich mit einer Wagenladung an Vorwürfen und gemeinen Kommentaren Calebs ihnen gegenüber konfrontiert. Als die Eltern für einige Tage alleine verreisen, steht kurze Zeit später die Polizei vor der Tür und berichtet vom verlassen vorgefundenen Auto der Elter, dass auch zahlreiche Blutspuren enthält. Die Polizei vermutet, dass die beiden möglicherweise einem Verbrechen zum Opfer gefallen sein könnten. Für Annie, die ihren Eltern gegenüber einen maximalen verbitterten Zynismus entwickelt hat, klingt das Ganze eher nach einer neuen Inszenierung, während sich Baxter durchaus Gedanken macht. Gemeinsam beginnen sie nachzuforschen und werden dabei mit ihrer Vergangenheit und Gegenwart konfrontiert …

Baxter und XX mussten schon als Kinder bei der Performance-Kunst ihrer Eltern mitmachen

Jason Bateman, der nicht nur den Baxter spielt, sondern mit Die gesammelten Peinlichkeiten unserer Eltern in der Reihenfolge ihrer Erstaufführung seine zweite Regiearbeit vorlegt, ist mit dem auf dem Roman von Kevin Wilson basierenden Film ein kleiner Glücksfall gelungen. Getragen von einem eher melancholischen Grundton sind die durchaus vorhendenen komischen Momente immer auch ein wenig bitter. Die Performance-Kunstakte der Eltern, die rückblickend gezeigt werden, haben immer ein witziges Moment, liefern aber auch schon mal Fremschämsituationen. Man kann mit den Kindern jederzeit mitfühlen, die zu den absurdesten Auftritten überredet wurden – zumal sie zu der Zeit von ihren Eltern nur „Kind A“ und „Kind B“ genannt wurden. Viel mehr als ein Teil des Kunstwerks durften die Kids während ihrer Kindheit nicht sein – Entwicklung und Vorbereitung für die reale Welt? Fehlanzeige!
Bateman scharte für seinen Zweitling ein paar Bekannte um sich und hat damit ein herausragendes Cast an seiner Seite. Nicole Kidman als Camille war noch nie so unglamourös und gleichzeitig passend in ihrer Rolle und Bateman spielt/schummelt sich in seiner Doppelrolle als Regisseur/Darsteller nicht in den Vordergrund – dient so dem Film. Kathryn Hahn als junge Mutter Camille ist ebenso großartig exaltiert wie Christopher Walken als Daddy Caleb in der Gegenwart. Dabei arbeitet Die gesammelten Peinlichkeiten unserer Eltern in der Reihenfolge ihrer Erstaufführung genauso die Minderwertigkeitskomplexe der Kinder heraus, wie die Verbitterungen vor allem des Vaters, der zunehmend realisieren muss, dass seine Kunst praktisch nichts außer etwas Publicity bewirkt hat.

Der Eine hat eine echte Verletzung, die Anderen nicht

Wenn er merkt, dass seine anarchistische Kunst eben nicht dafür gesorgt hat, dass die Menschen das Leben schätzen lernen. Wenn er mit der Sandwich-Gutschein-Aktion auf teilnahmslose Imbissbuden-Betreiber trifft, beginnt er an allem zu zweifeln, wofür er immer stand. So verbittert ist er, dass er immer noch dem gleichen Muster folgt und zur gleichen Zeit kein gutes Haar am Leben und der künstlerischen Entwicklung von „A“ und „B“ lässt. Wenn dann jedoch die Meldung vom Verschwinden der beiden Eltern eintrifft, schafft es der Film auf großartige Weise zu vermitteln, WIE stark die Kindheit vor allem Annie beeinflusst und geprägt hat. Sie glaubt nicht im Traum daran, dass Caleb und Camille etwas passiert sein könnte und verrennt sich in eine fantasievolle Geschichte, wie die Zwei ihren neuesten Trick wohl inszeniert haben mögen. Diese Spannungskurve führt an ihrer Spitze zu genau der Emotion, die bei Annie ausgelöst werden muss, um einen Wandel zu bewirken – selbst, wenn dann noch nicht feststeht, was wirklich mit den Eltern geschehen ist. Größtes Manko in Die gesammelten Peinlichkeiten unserer Eltern in der Reihenfolge ihrer Erstaufführung ist die Tatsache, dass trotz der bitteren Wendung am Ende der Wandel von Camille (die während der Rückblicke gar die aktivere und vehementere Attitüde zeigt und in der Gegenwart überraschend devot und unterwürfig erscheint) nicht zur Gänze erklärt wird .

Bild- und Tonqualität

Dad probiert immer wieder, seine Kunst zu inszenieren, scheitert aber immer öfter

Während die rückblickenden Szenen von Die gesammelten Peinlichkeiten unserer Eltern noch massiv auf alt getrimmt wurden und extrem körnig sind, punktet das Bild in der Gegenwart mit satten Farben und einem recht angenehmen Kontrastumfang. Allerdings ist es ein wenig zu dunkel und Schwarzwerte dürften etwas knackiger sein. Hin und wieder sieht man einen leichten Weichzeichner und in Bewegungen gibt’s schon mal leichte Nachzieher.
Beim Sound von Die gesammelten Peinlichkeiten unserer Eltern muss man leider Abstriche machen. Wo Filmmusik räumlich und druckvoll sein könnte, ist sie überraschend vordergründig und klingt eher muffig (14’00). Auch die Dialoge sind eher belegt und haben wenig Bühne. Wenn die vier Familienmitglieder im Auto unterwegs sind, klingen sie gar total topfig und wie in einen Plastikeimer gesprochen. Sicherlich hat man in einem kleinen Raum, wie dem Inneren eines Fahrzeugs, eine andere Räumlichkeit, doch derart muffig muss es nicht sein.

Bonusmaterial

Camille war früher gleichberechtigte Kraft hinter den Guerilla-Aktionen

Im Bonusmaterial von Die gesammelten Peinlichkeiten unserer Eltern wurden nur die beiden Originaltrailer abgelegt.

Fazit

Die Die gesammelten Peinlichkeiten unserer Eltern in der Reihenfolge ihrer Erstaufführung hat nicht nur einen außergewöhnlichen Titel, sondern ist auch ein außergewöhnlich guter Film über Versäumnisse, unausgesprochene Konflikte und eigenwillige Erziehung. Gleichzeitig stellt Batemans Werk die Frage nach dem Sinn und Unsinn der im Film porträtierten Kunst – ein Geschichte, die trotz gemächlichem Erzählflusses zum anschließenden Debattieren einlädt.
Timo Wolters


Bewertung

Bildqualität: 65%
Tonqualität (dt. Fassung): 60%
Tonqualität (Originalversion): 60%
Bonusmaterial: 5%
Film: 70%

Anbieter: Tiberius Film
Land/Jahr: USA 2015
Regie: Jason Bateman
Darsteller: Nicole Kidman, Jason Bateman, Christopher Walken, Maryann Plunkett, Josh Pais, Linda Emond, Michael Chernus, Grainger Hines
Tonformate: dts HD-Master 5.1: de, en
Bildformat: 2,35:1
Laufzeit: 106
Codec: AVC
FSK: 6

Trailer zu Die gesammelten Peinlichkeiten unserer Eltern in der Reihenfolge ihrer Erstaufführung

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