Die rote Schildkröte

Blu-ray Review

OT: La tortue rouge

Die rote Schildkröte Blu-ray Review Cover
Universum Film, 28.07.2017

 


Mensch und Natur

Ghibli goes Europe – in diesem märchenhaften Animationsfilm von Michael Dudok de Wit.

Inhalt

Die rote Schildkröte Blu-ray Review Szene 1
Der Schiffbrüchige will wieder nach Hause

Während eines Sturms kentert ein Mann und kann sich mit Mühe und Not auf eine Insel retten. Der Schiffbrüchige merkt schnell, dass er sich dort den Gegebenheiten anpassen muss, um zu überleben. Da er nicht vorhat, auf dem Eiland zu sterben, baut er ein Floß und sticht hoffnungsvoll in See. Doch er kommt nicht weit, bevor er im Meer erneut kentert, weil irgendetwas mutwillig sein Floß zerstört. Auch weitere Versuche enden auf diese Weise, bis der Mann irgendwann bemerkt, dass eine große rote Schildkröte für das Kentern verantwortlich ist. Als diese eines Tages an Land kommt, kämpft er mit ihr und kann sie auf den Rücken ringen. Nun kann er endlich ungehindert seine Flucht von der Insel antreten. Doch wie das Tier so tagelang wehrlos vor ihm liegt, bekommt er Mitleid und versucht es zu retten. Womit er nicht rechnen kann: Eines Morgens nach dem Aufwachen liegt im Panzer der Schildkröte eine hübsche Frau, mit der sich sein Leben in eine vollkommen andere Richtung entwickeln wird …

Die rote Schildkröte Blu-ray Review Szene 2
Nur weg von der Insel

Michael Dudok de Wit, der 2001 mit Father & Daughter den Oscar für den besten Animations-Kurzfilm erhielt, wurde irgendwann 2008 von der Produktionsfirma Wild Bunch kontaktiert. Die waren zuvor zu Besuch bei den Ghibli Studios in Japan gewesen, wo ihnen Studiochef Hayao Miyazaki eben jenen Father & Daughter voführte. Miyazaki wollte dessen Regisseur gerne kennen lernen, da er mit ihm gerne einen Film (ko)produzieren wolle. Also entwickelte de Wit gemeinsam mit Pascale Ferran ein Skript und begann mit der Vorproduktion von Die rote Schildkröte. Es damit der erste Film, den die seit 2014 „auf Eis gelegten“ Ghibli Studios in Kooperation produzierten – und das nicht nur, weil Storytelling und Optik gut zu den legendären Animationswerken aus dem eigenen Haus passen. Erneut wurde man mit Kritikerlob überhäuft und erntete konsequenterweise eine Oscar-Nominierung – unterlag dort allerdings der Übermacht aus dem Hause Disney. Als legitimer Nachfolger eines Ghibli-Films hat de Wits Werk sämtliche Zutaten, die auch die japanischen „Originale“ ausmachen. Von tiefgründigen Figuren über die liebevolle Animation bis hin zum tiefschürfenden Inhalt. Denn Die rote Schildkröte ist vor allem eine Fabel. Eine, die schon von Beginn an surreale Traumsequenzen nutzt, um die Einsamkeit des Helden zu schildern. Dennoch verlaufen die ersten 30 Minuten verhältnismäßig linear. Von Beginn an ist die Geschichte zudem einem tiefen Realismus ihrer Figuren unterworfen. Während gerade in Animationsfilmen die Figuren oft unsterblich erscheinen, sich nicht mal verletzen, wenn mit ihnen etwas Schlimmes passiert, ist der Tod in Die rote Schildkröte stets eine reale Bedrohung. Schon nach acht Minuten wird der Protagonist vor eine Aufgabe gestellt, die all jenen einen Schauer über den Rücken laufen lassen dürfte, die mit Klaustrophobie so ihre Bekanntschaft gemacht haben. Schon hier wird deutlich, dass es ums Überleben geht. Spätestens mit der Verwandlung des roten Kriechtieres nimmt der Film allerdings vermehrt mystische und spirituelle Züge an, auf die sich der Mainstream-Animations-Filmfan erst einmal einlassen muss.

Die rote Schildkröte Blu-ray Review Szene 3
Die rote Schildkröte zerstört immer wieder das Floß

Es gibt viel zu Interpretieren in die an sich simpel gehaltene Geschichte: Von der Akzeptanz der Gegebenheiten über Motive der Rache, Vergebung und Reue bis hin zur Beziehung des Menschen zur Natur. Denn die Frau löst im Schiffbrüchigen eine Verwandlung aus und das gemeinsame Familiendasein, das auch mit Nachwuchs bedacht wird, verwandelt sich immer mehr zum Leben im Einklang mit der Natur. Wenn man es so sehen möchte, gibt es sogar eine Wiedergeburts-Szene, wenn der Mann in einen tiefen Abgrund fällt und sich nur durch eine enge Stelle unter Wasser wieder befreien kann. Bei der Animation selbst, die größtenteils handgeschaffen ist, vermischen sich die aquarellartigen Optiken eines Ghibli-Films mit dem comichaften Look bspw. der Tim-und-Struppi-Episoden. Dazu gesellen sich unglaublich eindrucksvolle Landschaftsgemälde der Insel – sei es vom grünen Wald, dem braun-grauen Sand oder einem vom Sonnenuntergang rot eingefärbten Meer. Ohnehin werden die Stimmungen des Schiffbrüchigen auch optisch visualisiert – vom trist-grauen Beginn des hoffnungslosen Gestrandeten über viel stärker eingefärbte Momente, wenn er mit der Verwandlung der Schildkröte und der jungen Frau konfrontiert wird. Da de Wits Film zudem vollkommen dialogfrei bleibt, werden Stimmungen rein über die großartige Filmmusik und die Interaktionen zum Zuschauer transportiert.
Eins ist aber sicher klar: Für Kinder unter sechs Jahren ist Die rote Schildkröte weder visuell, noch inhaltlich geeignet. Wenn der Schiffbrüchige dem Tier mit einem dicken Ast auf den Schädel schlägt, ist das trotz für ältere Kinder und Erwachsene nachvollziehbarer Motivation ein Akt, den die kleinsten Kids kaum verstehen können und mit Sicherheit sehr emotional reagieren lässt.

Bild- und Tonqualität

Die rote Schildkröte Blu-ray Review Szene 2
Abschied nehmen

Beim Bild von Die rote Schildkröte kann man schön erkennen, dass ein Bild absolut ruhig sein kann und dennoch Korn hat – Spaß beiseite. Der Film wurde absichtlich mit einem groben Korn animiert, um besonders analog zu wirken und die Atmosphäre auf der Insel zu vertiefen. So ist der Hintergrund zwar grießig, das allerdings ohne Bewegung und konstant. Dafür körnt es im Vordergrund auf den Figuren lebhaft, was zwar für eine plastische Darstellung sorgt, aber auch für leichte Irritation im Augenwinkel. So wuselt es sowohl auf der Haut des Helden, wie auch im Panzer der Schildkröte.
Beim Ton von Die rote Schildkröte muss man gegenüber hoch budgetierten Live-Action-Filmen keinerlei Abstriche machen. So gerät der Sturm, in dem unser Held fast sein Leben verliert, äußerst räumlich und lässt Wellen und Regen tosend ins Heimkino branden. Auch der Wind auf der Insel und Tiergeräusche kommen sehr authentisch und wuchtig rüber – so zum Beispiel das Röhren des Seelöwen (4’07) oder der Regenguss (34’30). Klasse ist aber auch die grandiose Filmmusik, die mit einem Mix aus klassischen und exotischen Instrumenten immens weiträumig präsentiert wird (13’00). Natürlich muss der Film akustisch auch auf sich aufmerksam machen, denn aufgrund der fehlenden Dialoge nehmen Musik und Sounds ihre ganz eigene Erzählform wahr. Besonders eindrücklich gerät dann die akustische Darstellung des Tsunami. Von der Ankündigung durch die aufgeregten Möwen über die „brutale“ Stille kurz zuvor bis hin zur brachialen Welle, die über die Insel schwappt sitzt man hier mittendrin im Unheil (ab 55’00).

Bonusmaterial

Die rote Schildkröte Blu-ray Review Szene 5
Der Junge wächst im Einklang mit der Natur auf

Das Bonusmaterial von Die rote Schildkröte gibt drei Featurettes her. In „Die Geburt …“ findet sich das umfangreichste, das mit gut 55 Minuten Spielzeit von den ersten Konzeptzeichnungen bis zum fertigen Film die einzelnen Stadien der Produktion abgeht und dabei stets nahe an den beteiligten Personen bleibt. Interessant dabei, wie selbst die Hauptfigur durch verschiedene Entwicklungsstadien gegangen ist. Dabei übernimmt Regisseur de Wit komplett die Erklärung und hangelt sich anhand der unterschiedlichen Bilder und Animationen durch seine Geschichte. Bisweilen ist das sehr trocken, aber stets informativ. Dazu gibt’s noch ein Making-of, das ebenfalls fast eine Stunde Laufzeit aufweist und ganz klassisch hinter die Kulissen der Produktion schaut. So sieht man die Animateure an den Rechnern arbeiten und den Regisseur bei der Arbeit mit Schauspielern, die visualisieren, was später im animierten Film zu sehen ist. Sensationell auch die Arbeit des Original-Synchronsprechers, der seine Figur hinter dem Mikrofon wirklich lebt- ein insgesamt sehr intimes Making-of. Im letzten Feature, einer Zeichenstunde mit Regisseur Michael Dudok de Wit, sehen wir ihm zu, wie er vom Hintergrund über die Hauptfigur bis hin zu den kleinen Details für uns darstellt, wie er arbeitet.

Fazit

Zu Recht mit dem Oscar für den besten Animationsfilm nominiert, ist Die rote Schildkröte zwar inhaltlich und visuell einfach gehalten, allerdings mit Metaphern und Interpretationsmöglichkeiten angereichert, die für drei Filme reichen würden. Für die ganz kleinen Zuschauer bisweilen sicherlich schwer zu verstehen und zu akzeptieren, ist de Wits Film eher etwas für ältere Kinder und Erwachsene, die sich die Freude an märchenhaften Erzählungen bewahrt haben.
Timo Wolters


Bewertung

Bildqualität: 80%
Tonqualität (internationale Fassung): 85%
Bonusmaterial: 70%
Film: 80%

Anbieter: Universum Film
Land/Jahr: Frankreich/Japan 2016
Regie: Michael Dudok de Wit
Tonformate: dts HD-Master 5.1: international (keine Sprache)
Bildformat: 1,85:1
Laufzeit: 81
Codec: AVC
FSK: 0

Trailer zu Die rote Schildkröte

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