Fucking Berlin – Studentin und Teilzeithure

Blu-ray Review

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EuroVideo, ab 06.10.2016

OT: –

 


Verändere deinen Beat

Urbanes Lebensdrama nach autobiografischer Vorlage.

Inhalt

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Berlin: Für Sonja zuallererst ein Beat des Freiseins

Sonja ist Mathestudentin und vor kurzem auch deshalb nach Berlin gezogen. Einen Freund hätte sie auch gerne, doch aktuell reicht’s nur für eine Sammlung von Zahnbürsten derer, bei denen sie für eine Nacht blieb. All die Freiheiten, die ihr die Hauptstadt bietet, genießt sie in vollen Zügen. Als ihr der Straßenkünstler Ladja begegnet, ist sie sofort fasziniert von dessen „Beat“ und nimmt ihn augenblicklich in ihrer Wohnung auf. Eines Abends heißt es: Wahrheit oder Pflicht und während Sonja nur die Zahnbürsten-Geschichte hat, kommt Ladja damit rüber, dass er noch bis Kurzem auf den Strich gegangen ist. Da das Leben in den Clubs teuer ist, Sonja ihren Kellnerjob verloren hat und auch die Wohnung finanziert werden will, muss schnell neue Arbeit her. Als auch noch Drogenschulden ins Spiel kommen, geht die Neuberlinerin auf den Vorschlag ein, vor der Webcam zu posieren. Als Mascha sorgt sie dafür, dass Männer vor dem Rechner ihren Höhepunkt erreichen. All das verschweigt sie Ladja, für den sie ohnehin kaum noch Zeit hat. Die Beiden entfremden sich. Am Heiligabend beschließt Sonja einen weiteren Neuanfang und meldet sich bei einem kleinen Hobbyhurenbetrieb. Dort lässt sich in kürzerer Zeit noch viel mehr Geld verdienen. Jetzt allerdings hat sie selbst ein Geheimnis und das Doppelleben birgt seine Gefahren …

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Ladja und Sonja fühlen den gleichen Rhythmus

„Jeder Mensch, den du triffst, verändert deinen Beat“ – Fucking Berlin braucht nur ein paar von der Hauptfigur gesprochene Zeilen, um den Rhythmus des Films zu bestimmen. Zu pulsierenden Songs präsentiert das Werk von Florian Gottschick die Stadt authentisch, lebendig und eben: FREI. Das funktioniert auch deshalb so plastisch, weil Svenja Jung nicht die geringste Scheu hat, sich vollkommen nackt beobachten zu lassen. So sitzt sie in einem Moment hüllenlos in ihrem Fenster mit Blick auf die Stadt und genießt diese Freiheit von ihrem zugeschnürten Elternhaus und dem Aufwachsen in einem kleinen Nest. Basierend auf dem autobiografischen Bestseller der unter dem Pseudonym Sonia Rossi schreibenden Italienierin und Wahlberlinerin läuft vor allem die ehemalige Unter-Uns-Darstellerin Jung zu Höchstform auf und spielt die wahrlich nicht einfache Rolle mit entspaannter Unverkrampftheit. Man folgt ihrer Reise durch Berlin und das Leben gefesselt vom natürlichen Spiel der Aktrice. Was Fucking Berlin zusätzlich unglaublich echt einfängt, ist seine Multikulti-Gesellschaft. Klar ist’s nicht immer alles rosig in der Hauptstadt, aber der Toleranzgedanke kommt äußerst sympathisch rüber. Wenn die Bordellmama an Weihnachten der Rosi von Gegenüber ein Frohes Fest wünscht und die das herzlich zurückwünscht oder wenn in der Falafelbude sämtliche Nationalitäten aufeinandertreffen, dann ist das Berlin wie es eben leibt und lebt. Klar, dass die Stadt selbst zum zentralen Punkt wird und Hauptstädter sich an jeder Ecke und jedem Winkel wiedererkennen werden. Fucking Berlin fängt Atmosphäre, pulsierendes Nachtleben und Mentalität perfekt ein. Dass die Schilderung der Situation in der Prostitutionsbranche ab und an scheinbar naiv gerät, liegt daran, dass Sonia Rossi es augenscheinlich genauso erlebt hat. Denn ein zweiter Grund (neben der chronischen Geldknappheit) für die Arbeit im Bordell, das gab Rossi in Interviews immer wieder zu Protokoll, war tatsächlich der Zusammenhalt zwischen und der Umgang mit den Kolleginnen – ein Stück Familie in einer Stadt, die Anonymität und Party feiert. Nach einer knappen Stunde droht der Film sich etwas im Selbstreferenziellen zu verlieren – man weiß nicht mehr so genau, wohin die Geschichte eigentlich führen will. Der zuvor lockere Ton ändert sich nach 80 Minuten und die Dramatik, die sich letztlich irgendwie angekündigt hatte, nimmt ihren Lauf. Plötzlich gibt’s dann auch noch ein bisschen Christiane F., wenn eine Ex-Kollegin auftaucht, die den Absprung eigentlich geschafft hatte.

Bild- und Tonqualität

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Sonja fühlt sich aber auch zum Barkeeper Milan hingezogen

Fucking Berlin liefert ein authentisch-körniges Bild, das prima zum Thema passt und das Geschehen realistisch einfängt. In dunklen Aufnahmen nimmt die Körnung nochmals etwas zu. Farben kommen natürlich rüber und passen sich den Jahreszeiten entsprechend an. Die Schärfe geht in Ordnung, wird ab und an durch bewusste Kamerabewegungen, die in die Unschärfe gehen, unterbrochen. Der Kontrastumfang liegt im mittleren Bereich, Farbverfälschungen auf dunklen Hintergründen gibt’s allerdings nicht.
Akustisch dominieren die Momente in den Diskos und Clubs, die mit ordentlich Dynamik und Bass ins Heimkino gepumpt werden. Auch die Effektlautsprecher bekommen dann zu tun. Die Dialoge kommen sauber aus dem Center und sind stets hervorragend verständlich. Die Großstadtatmosphäre von Fucking Berlin wird ebenfalls authentisch eingefangen – das Rauschen des Verkehrs, das man in Sonjas Wohnung hört, ist stets präsent und echt.

Bonusmaterial

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Jede durchzechte Nacht bringt einen Kater mit sich

Im Bonusmaterial von Fucking Berlin finden sich drei Musikclips und vier deleted Scenes. Wünschenswert wäre ein Making-of mit Stimmen der Autorin gewesen.

Fazit

Fucking Berlin ist vor allem eins: Echt und Authentisch. Selbst wenn die zugrundeliegende Geschichte doch nicht wahr sein sollte, so wird sie von den Darstellern und dem Schauplatz absolut fesselnd und lebensnah vorgetragen. Zum Ende stolpert der Beat zwar kurz, fängt sich aber in einem stimmigen Finalbild wieder.
Timo Wolters


Bewertung

Bildqualität: 70%
Tonqualität (dt. Fassung): 70%
Bonusmaterial: 20%
Film: 70%

Anbieter: EuroVideo
Land/Jahr: Deutschland 2015
Regie: Florian Gottschick
Darsteller: Svenja Jung, Mateusz Dopieralski, Judith Steinhäuser, Christoph Letkowski, Waléra Kanischtscheff, Paul Boche, Eugen Bauder,
Tonformate: dts HD-Master 5.1: de
Bildformat: 1,85:1
Laufzeit: 101
Codec: AVC
FSK: 16

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