Genius – Die tausend Seiten einer Freundschaft

Blu-ray Review

Senator/Universum Film, 06.01.2017

OT: Genius

 


Große Ideen, weniger Wörter!

Wie Verleger Max Perkins Thomas Wolfe zu großem Erfolg verhalf.

Inhalt

Perkins und Wolfe – der Beginn einer intensiven Beziehung

Max Perkins ist einer der besten Lektoren der USA. Für das New Yorker Verlagshaus „Charles Scribner’s Sons“ holt er Autoren wie Ernest Hemingway oder F. Scott Fitzgerald an Bord. Geradezu visionär, wenn man in Betracht zieht, das beide später zu Legenden wurden. 1929 fällt ihm das mit 1.000 Seiten nahezu gigantische Manuskript des jungen Thomas Wolfe in die Hände. Sein ungläubiger Blick auf den riesigen Stapel Papier lässt ihn zunächst in Sarkasmus verfallen. Doch kaum beginnt er das poetische Werk im Zug auf dem Weg nach Hause zu lesen, kann er es nicht mehr aus der Hand legen. Anderntags erscheint Wolfe in Perkins‘ Büro und kann sein Glück kaum fassen, dass der sein Werk verlegen möchte. Allerdings nicht ohne ein gutes Stück herauszukürzen – 300 Seiten, um genau zu sein. Zwar ist Wolfe glücklich darüber, endlich Gehör zu finden, doch ihm ist jedes Wort, jede Zeile wichtig und auch das Verändern des Buchtitels sagt ihm zunächst nicht zu. Doch am Ende steht der Erfolg von 15.000 verkauften Büchern in den ersten paar Wochen. Als er sein Nachfolgewerk „Von Zeit und Fluss“ auf der Schwelle von Perkins Büro abladen lässt, überspannt er jedoch den Bogen. 5.000 Seiten sind einfach zu viel und für die nächsten Jahre entbrennt ein Kampf um jeden Abschnitt. Währenddessen leiden die Partnerschaften und Familien beider Männer

Aline Bernstein ist nicht so begeistert davon, dass ihr Thomas praktisch nur noch im Büro von Perkins zubringt

Die britisch-amerikanische Koproduktion Genius erzählt von der wahren gemeinsamen Geschichte zwischen Thomas Wolfe und dessen Verleger Max Perkins. Mit Bravur meistert Schauspieler und Regiedebutant  Michael Grandage (King George) den Look der damaligen Zeit und kann sich auf eine perfekte Ausstattung verlassen. Die Kamera umführt die Protagonisten nicht im modernen Wackelstil, sondern nimmt sich Zeit für lange Einstellungen gemächliche Zooms.
Geradezu grandios ist das Zusammenspiel zwischen dem fantastischen xx und Jude Law. Gerade Law ist als innerlich aufgewühlter und rastloser Charakter, aus dem die Ideen und die Poetik (auch in seinen Gesten) nur so herausströmt unfassbar gut – vielleicht war er noch nie so gut wie hier. Firth ergänzt das ansonsten vielleicht etwas spröde Thema mit sarkastischem Witz und unnachahmlicher Mimik. Beide laufen spätestens nach 35 Minuten zu Höchstform auf, wenn sie einen ebenso dramatischen wie gleichzeitig leichtfüßig inszenierten Schlagabtausch über „Von Zeit und Fluss“ lostreten. Ein weiterer Höhepunkt ist der gemeinsame Besuch in einem Jazz-Club, bei dem Wolfe seinem Verleger klar macht, warum er, der Jazz-Autor ist und Perkins der puritanische Traditionalist. Auf der Gegenseite der stets unterhaltsamen Vater-Sohn-Beziehung von Perkins und Wolfe steht der Kampf von Wolfes Partnerin sowie der Familie von Max. Beide Männer sind praktisch kaum noch zu Hause und die fünf perkins’schen Töchter haben praktisch nichts mehr von ihrem Vater.

Wolfe kämpft – um jedes seiner Worte

Genius lässt den hochkarätigen Nebendarstellerinnen Nicole Kidman und Laura Linney zwar kaum Raum und konzentriert sich auf die Männerfreundschaft, die im Nebeldunst von filterlosen Zigaretten Diskussionen um Poetik und großes Drama stattfindet, doch immerhin ist er neben den vielen humorvollen Szenen ausgewogen genug, um zu offenbaren, dass es kaum eine gute Idee ist, mit einem ambitionierten Schrifsteller zusammen zu sein. Auch versperrt sich der Film nicht davor, dass Wolfe mehr und mehr zum Alkohol griff, um seine tief verborgenen Unsicherheiten zu betäuben. Die Arroganz und die Respektlosigkeit mit der er denjenigen begegnet, die er liebt und die ihn lieben, zerstört genau diese Beziehungen und am Ende ist der Autor mit sich und seinen Figuren allein. Selbst wenn Wolfe sich nach monatelanger Reise bei Fitzgerald einfindet, redet er nur über sich und macht sich Sorgen darüber, ob er nach seinem Tod noch von Bedeutung ist. Law meistert die Momente des überraschenden Erfolgs genauso wie jene Szenen, in denen er allen gegenüber grob wird, weil er nicht damit klar kommt, dass die Öffentlichkeit Perkins einen großen Teil des Erfolgs von Wolfes Romanen zuschrieb. Davon ab ist Genius aber auch ein wunderbarer Film über die Kraft und Magie der Sprache. Das findet sich in den geschliffenen Dialogen ebenso wieder, wie in den Romanpassagen, die Perkins liest und von Jude Laws Synchronsprecher vorgetragen werden. Wunderbar ist auch der Kontrast, der entsteht, wenn der lockere und abgeklärte Ernest Hemingway einfach mal die Wahrheit ausspricht – jener Autor, der sich vom Erfolg nie hat korrumpieren lassen.

Bild- und Tonqualität

Louise hält ihrem Ehemann Max den Rücken frei – allerdings nicht grenzenlos

Zwar ist das Bild von Genius der Zeit entsprechend authentisch, lässt aber durchweg Schärfe vermissen. Auch der Kontrastumfang ist eher mau. Farben sind beinahe vollständig einer Braunpalette entnommen und Gesichter, die im Vordergrund scharf sein sollten, sind weichgezeichnet. Außerdem gibt’s Randunschärfen (Fitzgeralds Schuhe 28’00) und die Tatsache, dass damals überall gequarzt wurde, lässt die Räume eingenebelt erscheinen. Technisch schön ist das nicht, aber absolut authentisch und zum Filminhalt passend.
Akustisch muss Genius keine Effektorgien feiern, um seine Geschichte zu unterstützen. Hier mal ein bisschen Umgebungsatmosphäre, dort mal ein Auto, das von links nach rechts über die Hauptlautsprecher fährt. Ansonsten konzentriert man sich auf die sehr gut eingebetteten Dialoge, die von den angestammten Synchronsprechern wiedergegeben werden.

Bonusmaterial

Wolfe zeigt Perkins seine Sicht auf die Welt

Im Bonusmaterial von Genius wurden lediglich Trailer und Programmtipps abgelegt.

Fazit

Genius ist ein sprachlich wunderbarer Film mit zwei herausragend agierenden Akteuren. Dass er dem Zuschauer auch noch ein paar der Klassiker-Autoren näherbringt und Lust aufs Lesen derer Werke macht, ist umso schöner – unbedingt ansehen!
Timo Wolters


Bewertung

Bildqualität: 65%
Tonqualität (dt. Fassung): 70%
Tonqualität (Originalversion): 70%
Bonusmaterial: 10%
Film: 85%

Anbieter: Senator/Universum Film
Land/Jahr: GB/USA 2016
Regie: Michael Grandage
Darsteller: Colin Firth, Jude Law, Nicole Kidman, Laura Linney, Guy Pearce, Dominic West
Tonformate: dts HD-Master 5.1: de, en
Bildformat: 2,35:1
Laufzeit: 104
Codec: AVC
FSK: 6

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