Gone Girl – Das perfekte Opfer

Blu-ray Review

Warner Home, ab 05.02.2015
Warner Home, seit 05.02.2015

OT: Gone Girl

 


Amazing Amy

Ein neuer Fincher? Her damit!

Inhalt

Eine Geste, die sich Nick gut überlegen sollte ...
Eine Geste, die sich Nick gut überlegen sollte …

„Ich stelle mir vor, wie ich ihren Schädel einschlage, ihr Gehirn seziere …“ – Nick hat nicht gerade die nettesten Gedanken, wenn er sich seine Frau Amy vor das geistige Auge führt. Gedanken, die er besser nicht laut ausspricht, nachdem er sie am 05. Juli, ihrem fünften Hochzeitstag, als vermisst meldet. Denn nachdem die Polizei keinerlei Hinweise auf ihr Verschwinden findet und auch die von Amys reichen Eltern hinzugezogene Öffentlichkeit verstärkt Misstrauen hegt, gerät Nick selbst ins Visier der Ermittlungen. Immer wieder beteuert er, dass die Ehe perfekt war und die Zwei das ideale Paar. Eine Geschichte, die selbst für Nicks Schwester, die sich eigentlich bedingungslos hinter ihn stellt, allmächlich Löcher bekommt. Spätestens als sie rausfindet, dass Nick fremdgegangen ist und die scheinbare Harmonie tatsächlich mehr Schein als Sein gewesen ist. Sollte der finanziell angeschlagene Nick sich seiner Frau entledigt haben, um freien Weg für seine Liebelei zu haben und Amys Geld zu erben? Irgendwie wirkt er auch zu teilnahmslos und nüchtern, kann relevante Fragen zu seiner Frau nicht einmal beantworten. Aber wäre er so dumm, sich derart zu verhalten, wenn er wirklich der Mörder seiner Frau wäre ..?

Nick und Amys Eltern stehen den Ermittlern Rede und Antwort
Nick und Amys Eltern stehen den Ermittlern Rede und Antwort

Ein weltweites und kollektives „durch-die-Zähne-einatmen“ ging raunend durch die Print- und Onlinemedien sowie die sozialen Kanäle, als klar wurde, dass Regie-Wunderknabe David Fincher einen neuen Thriller ins Kino bringen würde. Mit Gone Girl nimmt der Regisseur von modernen Klassikern wie Sieben, The Game oder Fight Club sich des noch jungen Erfolgsromans von Gillian Flynn an, die auch das Drehbuch beisteuerte. Die extrem vielschichtige Vorlage bietet Storywendungen en masse und wird von Fincher virtuos in Szene gesetzt. Allerdings ist gerade die komplexe Struktur auch ein Problem von Gone Girl, beziehungsweise der Erwartungshaltung dem Film gegenüber: Um nicht zu viel von der Story preiszugeben, beschränkten sich fast alle Inhaltsangaben auf die Frage, ob Nick nun der Täter sei oder nicht. Diese Frage wird allerdings bereits früh aufgelöst, obwohl Gone Girl danach noch viel spannendere Themen berührt. So kann es passieren, dass man als Zuschauer zunächst das Gefühl bekommt, die Luft aus dem Film ist nach 65 Minuten raus – was schade ist, denn es schließen sich noch weitere 90 Minuten daran an. Aus dem Ehedrama wird ein Thriller und es geht dann eben nicht mehr um das Wer und Was, sondern um das Warum. Man muss sich also überraschend auf einen ganz neuen Aspekt konzentrieren, der zum Ende wiederum einige Kapriolen schlägt, die nicht immer nachvollziehbar sind. Gerade die Nebengeschichte mit dem kriminellen Pärchen aus der Motel-Nachbarschaft führt die zuvor so berechnend agierende Amy an den Rand der Glaubwürdigkeit. Dazu, und das ist vielleicht das größte Manko des Films, fällt es schwer, sich mit einer der Figuren zu identifizieren. Weder der von der Situation vermeintlich überrumpelte Nick, noch Amy bieten eine Projektionsfläche für Sympathien. Beide wirken kühl und unnahbar. Einzig Nicks Schwester punktet mit nachvollziehbarem Verhalten und entsprechend echten Emotionen.

Nicks Schwester Margo stellt sich hinter ihren Bruder
Nicks Schwester Margo stellt sich hinter ihren Bruder

Da Fincher ein Ästhet ist und ein Gespür für Atmosphäre und Spannung besitzt, ist Gone Girl deshalb aber kein schlechter Film – er ist nur spröder und anders als zunächst erwartet. Wenn man die Spielchen, die er mit dem Zuschauer spielt, mitmacht und über arg konstruierte Zwischenelemente (Diebstahl im Motel) hinwegsieht, zieht die sich aufbauende bedrohliche Stimmung den Zuschauer immer weiter und stärker in ihren Bann. Fincher findet immer die richtigen Bilder, setzt sie teilweise symbolhaft ein (Nicks Geste vor dem ersten Kuss) und nutzt einen kongenialen, zurückhaltenden Filmscore, der sukzessive Spannung aufbaut. Ebenso geschickt und stets nachvollziehbar nutzt er die Rückblenden, in denen Amy ihre Version der Geschichte erzählt. Die aufkeimenden Spannungen der einst so scheinbar idealen Beziehung nutzt der Regisseur, um zu schildern, wie eine Ehe langsam verfällt. Dabei sollte man als Zuseher jedoch permanent auf der Hut sein, denn ob man ihrer oder seiner Version der Geschichte glaubt, ob eine davon die Wahrheit präsentiert oder beide erlogen sind, das bleibt der Interpretation eines jeden individuellen Betrachters überlassen. Hier zeigen sich nicht nur die absoluten Stärken von Gone Girl, sondern vor allem Finchers Talent, dem Zuschauer falsche Fährten zu legen. Wer The Game gesehen hat, weiß, wie viel Spaß er daran hat. Diese Momente gehören zu den absoluten Stärken von Gone Girl. Dazu integriert er immer wieder bösen bis zynischen Humor (meist ausgehend von Detective Boney) sowie eine unverhohlene Medienschelte. Die öffentlichkeitswirksame Suche nach Amy, die Reaktionen der TV-Sender und vor allem der Kreuzug der NNL-Anchorfrau Allen Abbott gegen Nick triefen vor Kritik an den Massenmedien und zeichnen nach, welche Macht von Berichterstattungen ausgehen kann, welche Lust an der Vorverurteilung und der Provokation sich in den Redaktionen tummelt.

Die Öffentlichkeit soll helfen, Amy zu finden
Die Öffentlichkeit soll helfen, Amy zu finden

Warum Gone Girl trotz der angesprochenen Kritik an der Kühle seiner Hauptfiguren und der ewas zu abrupten Storysprünge ein sehr guter Film ist, liegt auch an den Darstellern: Ben Affleck, der zuletzt nur in seinen eigenen Filmen durch eine versierte Regie und engagiertes Spiel überzeugen konnte, liefert vermutlich die beste Leistung seiner Karriere ab – denn, seien wir ehrlich: Ein großer Schauspieler war er nie. Affleck schafft es hier aber, seinen Nick von scheinbar teilnahmslos über investigativ bis hin zu ernsthaft schockiert und entsetzt wirken zu lassen. Rosamund Pike an seiner Seite ist bisweilen derart abgebrüht und kühl, dass man regelrechte Aggressionen entwickelt. Und das, obwohl die ersten Kennenlern-Szenen zwischen beiden durchaus romantisch und charmant rüberkommen. Nicht wirklich gelungen ist die Besetzung von Desi Collings. Der offensichtlich psychopathische Typ, der in der Vergangenheit Amy mit Briefen und aufdringlichem Verhalten drangsalierte, wird von How-I-Met-Your-Mother-Star Neil Patrick Harris gespielt, der es ob seiner Erscheinung und seines Bekanntheitsgrades nur bedingt schafft, bedrohlich zu wirken. Manchmal muss man Typen vielleicht nicht zwingend gegen den Strich bürsten, um ein wenig mehr Aufmerksamkeit zu erregen – das hätte Gone Girl auch gar nicht nötig gehabt.

Apropos „nicht nötig gehabt“. Nachdem sich Drama-, Thriller- und Advokaten-Schachzüge thematisch abgewechselt haben, integriert Fincher ein paar überraschend deftige Splatter-Elemente, die verwirren und etwas zu oberflächlich schockieren. Viel schauriger als diese sind da eher die unaufgeregten Schlussbilder und der letzte Satz von Nick. Gerade dieser schockiert mehr als die zwei Liter Blut, die noch fünfzehn Minuten zuvor geflossen sind.

Amy schreibt ihre Geschichte akribisch nieder
Amy schreibt ihre Geschichte akribisch nieder

Bild- und Tonqualität

Wie zwei verliebte Teenis: Als Amy und Nick noch glücklich waren ...
Wie zwei verliebte Teenis: Als Amy und Nick noch glücklich waren …

Gone Girl nutzt verstärkt farbige Filter, schwelgt manchmal in Sepiatönen und dann wieder in kühlem Blau. Die Bildruhe ist stets hervorragend und der Kontrastumfang in Außenszenen lässt das Bild sehr plastisch und greifbar erscheinen. In den häufigen schlecht ausgeleuchteten, dunklen Szenen fehlt’s allerdings an Durchzeichnung und man ertappt sich immer mal wieder dabei, die Augen zuzukneifen, um doch noch etwas mehr zu erkennen. Da die Bildrate beständig hoch ausfällt, geht die Bildschärfe auch in Schattenbereichen nicht in die Knie und bleibt stets hervorragend.
Akustisch geht’s in Gone Girl abgesehen von den dezenten Einsätzen des Filmscores eher frontal zu. Der deutsche dts-Ton lässt gegenüber dem englischen dts-HD-Master-Pendant kaum Federn. Die Dialoge sind auf beiden Tonspuren sehr klar, die Frontlautsprecher präsentierten die Musik räumlich und wenn es mal Anlass für die Effektlautsprecher gibt, dann sind sie präsent. Beispielsweise wenn Nick, Go und Anwalt Bolt von der Pressemeute umringt im Auto davonfahren.

Bonusmaterial

Im Bonusmaterial von Gone Girl findet sich lediglich ein Audiokommentar des Regisseurs – etwas dünn für einen Film, der weltweit mehrere hundert Millionen Dollar eingespielt hat. Immerhin ist Fincher in seinem Kommentar offen und ehrlich, wenn er den einen oder anderen Kritiker (hier bezogen auf oftmals angeblich viele Takes, die er drehen lässt) mit einem herzlichen „Fic*t Euch“ abcancelt.

Fazit

150 Minuten dauert Gone Girl. Genug Zeit, um einem der wendungsreichsten und vielschichtigsten Thriller der letzten Jahre beizuwohnen, dessen Ende ebenso überraschend wie ungewohnt ist. Die Darsteller leisten fast ausnahmslos Großes, die Bildkomposition ist herausragend und doch bleibt ein etwas fader Beigeschmack, wenn man bedenkt, dass die Spannung früh drastisch rausgenommen wird und infolgedessen die Logik nicht immer schlüssig ist. So ist es, wie es ist: Gone Girl ist zwar ein sehr guter Thriller aber eben „nur“ ein guter Fincher.
Timo Wolters


Bewertung

Bildqualität: 75%
Tonqualität (dt. Fassung): 70%
Tonqualität (Originalversion): 70%
Bonusmaterial: 30%
Film: 75%

Anbieter: Warner Home
Land/Jahr: USA 2014
Regie: David Fincher
Darsteller: Ben Affleck, Rosamund Pike, Neil Patrick Harris, Tyler Perry, Carrie Coon, Kim Dickens, Patrick Fugit, Missi Pyle, Casey Wilson
Tonformate: dts HD-Master 5.1: de, en
Bildformat: 2,35:1
Laufzeit: 149
Codec: AVC
FSK: 16

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