Gotthard

Blu-ray Review

Studiocanal, 20.12.2016

OT: Gotthard

 


„Nur“ ein Loch im Berg

Kaum im TV, schon auf Blu-ray: Die teuerste schweizerische TV-Produktion aller Zeiten.

Inhalt

Max, Tommaso und Anna sind ein unschlagbares Trio

Das Jahr 1873 im kleinen Schweizer Dörfchen Göschenen: Der junge Ingenieur Max reist aus Deutschland an, um „zur Baustellte“ zu gelangen. Damit meint er den Bau des großen Eisenbahntunnels durch das Gotthard-Projekt. Er sucht Anstellung und hat dafür sogar die gute Anstellung beim eigenen Vater aufgegeben, denn das Projekt ist ein Jahrhundertbau und da möchte Max einfach dabei sein. 15 Kilometer durch massiven Granitstein – ein Vorhaben, das nicht bei allen Dorfbewohnern auf Gegenliebe stößt. Doch während viele Einheimische Max ziemlich mürrisch begegnen, bietet ihm die junge Anna ein Zimmer an. Allerdings nicht nur ihm, denn zur gleichen Zeit taucht der italienische Mineur Tommaso auf, der ebenfalls eine Unterkunft benötigt. Notgedrungen teilen sich Max und Tommaso den Dachboden und zwischen den beiden und Anna entwickelt sich bald ein freundschaftliches Verhältnis. Doch je länger die Arbeiten am Tunnel andauern, desto mehr Menschen fallen dem riskanten Bau zum Opfer. Da sich gerade Annas Vater als resistenter Gegner des Tunnels erweist und sich nach einem tragischen Vorfall weigert, weiter als Transporteur für die Arbeiten zur Verfügung zu stehen, führt dieser Vertragsbruch zur Enteignung sämtlicher Fuhrwerke des Mannes. Damit steht Anna praktisch vor dem Ruin. Doch richtig kompliziert wird es, nachdem ein Teil des Tunnels zusammenstürzt. Max und Tommaso werden ihrer Arbeiten am Bauwerk entbunden und Anna sieht kaum noch eine Möglichkeit, ihr Projekt eines Ausbaus ihrer Pension zu verwirklichen. Um das zu erreichen, ehelicht sie Tommaso, da Max nach Luzern gehen soll, um Favre als visionärer Ingenieur zur Verfügung zu stehen. Drei Jahre später sehen sich die Drei wieder und müssen schwere Entscheidungen treffen …

Zunächst scheint der Bau planmäßig voranzugehen …

Die bisher größte, spektakulärste und teuerste TV-Produktion der Schweiz erzählt von der Freundschaft dreier Menschen vor dem Hintergrund des Baus am seinerzeit größten Eisenbahntunnel der Welt. Mit viel Aufwand in punkto zeitgenössischer Kleidung und Gestaltung der Dörfer, sowie mit erstaunlich groß angelegten und (fast immer) überzeugenden visuellen Effekten entwickelt sich ein Szenario, das emotional packend gerät. Zwar geht es in Gotthard am Ende mehr um die emotionalen Verwicklungen zwischen den drei Hauptfiguren als um den Bau des Tunnels, doch gerade das schafft Nähe zum Zuschauer. Getragen vom glaubwürdig agierenden Trio aus Maxim Mehmet, Pasquale Aleardi und Miriam Stein fiebert man den Entwicklungen zwischen ihnen entgegen. Beim Tunnelbau selbst legte man größte Aufmerksamkeit auf die Gefahren und den Konflikt zwischen Wirtschaftsaspekt („es zählt allein der Vortrieb“) und Sicherheitsproblematik. Wenn nach knapp einer Stunde ein Teil der Röhre einstürzt, wird schmerzhaft sichtbar, unter welchen Bedingungen damals gearbeitet wurde. Die Auswirkungen sind durchaus blutig, was der Film nicht verschweigt. Und wenn das Personal anderntags in den Streik tritt, kann man nur froh sein, dass die Verhältnisse heute andere sind. Die Konflikte, die sich während des Projekts entwickeln sind aber auch die der unterschiedlichen Nationalitäten. Die billigen Gastarbeiter aus Italien bilden das lustwandelnde und trinkfreudige Proletariat, während auf der anderen Seite der Franzose Favre für den planerischen Teil verantwortlich ist und den Kopf des Unternehmens bildet. Ein Deutscher findet sich auf der mittleren Stufe wieder, während die Schweizer (wie meist) als neutrale Beobachter dargestellt werden. Das ist natürlich von vorne bis hinten klischeehaft und plakativ, sorgt aber eben auch für eine klare Struktur, der der Zuschauer leicht folgen kann.

… doch die Arbeitsbedingungen führen zum Streik unter Anführer Tommaso

Das Thema Rassismus und die Ressentiments werden dabei zwar angesprochen, gipfeln aber dann lieber in witzigen Prügeleien und nicht in dramatischen Völkerverständigungs-Szenen. Immerhin ist aber klar und deutlich, dass die Arbeiter zueinanderhalten – im Schweiße ihres Angesichts und vor dem Risiko des Tunnelbaus. Nach knapp 80 Minuten macht Gotthard einen Sprung von drei Jahren und läuft damit in die finale und entscheidende Phase des Tunnelbaus ein. Die Finanzierung steht kurz vor dem Zusammenbruch, sodass nur ein Deal mit Anleihen und Pfandcoupons dafür sorgen könnte, dass der Tunnel überhaupt fertig wird. Hier wird nochmals deutlich, welche Diskrepanz zwischen den Verantwortlichen des Baus und der Arbeiterschaft besteht und dass es möglicherweise alles hätte anders kommen können, wenn man von vornherein eine gemeinsame Sprache gesprochen hätte. Auch wird anschaulich herausgearbeitet, in welchem Konflikt gerade Max steht. Der mittlerweile aufgestiegene Haus- und Hofingenieur von Favre steht immer noch hinter dem Bau des Tunnels, will aber auch bessere Bedingungen für die Arbeiter. Als er von den geheimen Aktionen Tommasos erfährt, sitzt er zwischen allen Stühlen und. Wo es zuvor etwas intensiver um den Gotthard selbst ging, nimmt zu Beginn des letzten Drittels wieder das Intime des Dreiergespanns mehr Raum ein. Ab und an wirkt das etwas gedehnt und verschleppt das Tempo spürbar. Die dramatischen Sequenzen im Tunnel sorgen jedenfalls für deutlich mehr Spannung – zumal gerade im späteren Verlauf die Todesfälle ein extrem hohes Niveau erreichen und niemand wirklich wissen will, woran es liegt. Aus heutiger Sicht sind die Arbeitsbedingungen schlicht unfassbar. Gerade mal mit einem Halstuch vor dem Staub und den Dämpfen geschützt treiben die Arbeiter ihr Werk in die Tiefe des Tunnels voran und sterben wie die Fliegen.
Dass es am Ende gar hochdramatisch zugeht, tut dem Film gut und spitzt die Situation zu einen spannenden Finale zu.

Ein Streik, der gewaltsam beendet wird

Bild- und Tonqualität

Gibt es für Anna und Max noch eine zweite Chance?

Das Bild von Gotthard ist viel zu hell und kontrastarm. Farben dürften kräftiger sein, was allerdings auch bewusst gewählt sein kann, um die Stimmung der Zeit einzufangen. Dennoch bleibt das milchige, kontrastschwache Bild, das in dunklen Szenen noch dazu ein wenig zu rauschen beginnt. Die Schärfe ist beständig schwach und während der Außenaufnahmen in Göschenen gesellt sich noch etwas Unschärfe um Figuren herum dazu. In dunkleren Innenraum-Aufnahmen wirkt das Geschehen oft, als wären die Zimmer extrem verqualmt (18’00). Ebenfalls wenig schön sind die sich blau färbenden schwarzen Oberflächen, Haare und Anzüge in den nächtlichen Szenen.
Akustisch muss sich der Hochdeutsche unter den Zuschauern ein wenig daran gewöhnen, dass hier auch dezent in Mundart gesprochen wird. Die Stimmen bleiben zwar verständlich, für die Sprache gilt das nicht dauerhaft. Allerdings macht das auch einen guten Teil des Flairs von Gotthard aus. In Kneipen passt die Stimmung, die über sämtliche Lautsprecher wiedergegeben wird und gerade die Atmosphäre im Tunnel wirkt realistisch. Von überall her kommen die Geräusche der Bohrer und Spitzhacken und das Zusammenschippen der gelösten Steine klingt absolut authentisch. Und dann sind da ja auch noch die Dynamit-Explosionen, die den Tunnel vorwärts treiben und vehement ins Heimkino vordringen.

Bonusmaterial

Gotthard Blu-ray Review Szene 10
Favre, der Kopf des Baus hat keinen Kontakt zu seinen Arbeitern, weshalb sie ihm keinerlei Vertrauen entgegenbringen

Das Bonusmaterial von Gotthard enthält insgesamt drei Featurettes. Es beginnt mit der 50-minütigen TV-Dukomentation „Gotthard – Das Jahrhundertbauwerk“, das die Geschichte um den Bau analytisch herangeht, zwischendurch aber ein paar Szenen des Films einstreut. Ein weiteres Feature kümmert sich um die Spezialeffekte. Dabei geht man im bekannten Vorher-Nachher-Vergleich vor, was sehr anschaulich demonstriert, wie Hintergründe und/oder Häuser und ganze Figuren hinzugefügt wurden. Zu guter Letzt kommt das „Making-of“, das 25 Minuten läuft und mit deutschem Kommentar unterlegt wurde – ein typisches Making-of fürs Fernsehen aufbereitet. Dazu gibt’s noch den Audiokommentar von Urs Egger, Stefan Dähnert und Reto Schaerli.

Fazit

Gotthard ist ein absolutes TV-Ereignis, das es sich lohnt, auch auf Blu-ray „am Stück“ zu genießen. Hochkarätig besetzt und mit größtmöglicher Authentizität gefilmt, sitzt man bis auf wenige, etwas langatmige Szenen gebannt vor dem Bildschirm. Das Bild der Blu-ray dürfte allerdings besser sein.
Timo Wolters


Bewertung

Bildqualität: 55%
Tonqualität (dt. Fassung): 70%
Bonusmaterial: 50%
Film: 70%

Anbieter: Studiocanal
Land/Jahr: Schweiz/Deutschland/Tschechien 2016
Regie: Urs Egger
Darsteller: Maxim Mehmet, Pasquale Aleardi, Miriam Stein, Anna Schinz, Walter Leonardi, Joachim Król, Max Simonischek, Roeland Wiesnekker, Pierre Siegenthaler, Peter Jecklin, Silvia Busuioc, Carlos Leal
Tonformate: dts HD-Master 5.1: de
Bildformat: 1,78:1
Laufzeit: 180
Codec: AVC
FSK: 12

Trailer zu Gotthard

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