Happy Burnout

Blu-ray Review

Happy Burnout Blu-ray Review Cover
Warner Home, 26.10.2017

OT: –

 


Weniger Langeweile, mehr Sex Pistols

Wenn Wotan Wilke Möhring den Punker gibt, steckt viel echtes Leben drin.

Inhalt

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Wohnt (quasi) im Wald: Alt-Punker Fussel

Alt-Punker Fussel hat sich gut eingerichtet in seinem Leben ohne Arbeit und mit monatlicher Stütze. Immerhin bringt ihm das eine Menge Freizeit, eine kostenlose Wohnung und das zusätzliche Schnorren ist ja auch praktisch steuerfrei. Doch dann passiert das Unmögliche: Der Deal, den Fussel mit seiner Beraterin von der Agentur für Arbeit hat, droht zu platzen, weil eine interne Revision mit einem Heer von Controllern nach dem Rechten schaut. Da helfen ihm auch all seine Märchen nicht mehr, denn die Stütze droht gestrichen zu werden. Doch die vertrauenswürdige Dame vom Amt hat eine Idee: Sie schickt den Anarcho mit Burnout in eine Klinik. Sechs Wochen stationärer Aufenthalt mit anschließender Arbeitsunfähigkeits-Entscheidung – andernfalls muss Fussel auf Geld, Wohnung und sämtliche anderen Bezüge verzichten. Kaum in der Klinik angekommen, wird der Alt-Punker mit echten psychisch Kraken konfrontiert und beginnt, den Laden nach seinem Gusto aufzumischen. Seine Art und seine Aktionen begeistern die Patienten und sogar die resolute Therapeutin Alexandra taut ein bisschen auf – immerhin geht es den psychisch Kranken aufgrund der spontanen Guerilla-Aktionen besser. Viel wichtiger aber: Wenn man schon mal in der Psychiatrie ist, kann man sogar was über sich selbst erfahren – und genau das passiert Fussel …

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Ein Hoch auf die internationale Solidarität: Frau Linde

Wotan Wilke Möhring spielt sich selbst – also so ungefähr jedenfalls. Denn immerhin war der heute beliebte Schauspieler in den 90ern selbst aktiv in der Punkszene unterwegs und spielte insgesamt in drei Bands der Punker-Subkultur. Er kann also durchaus auf Erfahrungen zurückgreifen, wenn er hier den No-Bock-Fussel spielt. Und das macht er gut. Happy Burnout beginnt schwungvoll und spontan, folgt dem Altpunker mit der Kamera fast in einer One-Take-Aufnahme für gut fünf Minuten und zeigt, was für ein Lebenskünstler dieser Fussel ist. Keiner nimmt ihm sein Verhalten krumm und er ergaunert sich auf fast schon charmante Art und Weise ein paar Euro gegen die Freigabe eines Vierbeiners. André Erkaus Film nach einem Drehbuch von Gernot Gricksch ist praktisch völlig auf seine Hauptfigur ausgerichtet, die man nicht hätte treffender besetzen können. Seine Gesten, sein Sprechen und sein Gang – alles hat Möhring auf seine Figur ausgelegt und bewirkt damit ein Höchstmaß an Authentizität. Und wenn er auf die Ansage „Abendessen ist um sechs“ mit „Um Sechs? Ist doch dann eher Brunch, oder?“ reagiert, darf man sogar mal spontan und herzhaft auflachen, wo man zuvor „nur“ geschmunzelt hat. Der Humor funktioniert in all seinen Schattierungen und die Besetzung in den Nebenrollen (Anke Engelke, Kostja Ullmann, Julia Koschitz) ergänzt Möhring durchaus sehr gut. Auch Politik wird gemacht und Fussel haut des Öfteren sozialistische oder antirassistische Statements raus.

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So ein Leben in der Einrichtung kann schon hart sein

Wenn da nicht die dramatischen Elemente wären, die mitunter in völlig unpassenden Situationen dafür sorgen, dass einem das Lachen im Hals stecken bleibt. So nässt sich beispielsweise eine Patientin während einer Gemeinschafts-Therapie-Sitzung ein, just als Fussel dem Kapitalisten der Runde sozialistische Vorwürfe macht. Das will nicht so recht zum Ton passen, weshalb Happy Burnout Schwierigkeiten hat, die Waage zwischen Witz und Drama herzustellen. Deshalb konzentriert man sich am besten auf die lebhaften und kurzweiligen Momente wie das Fußballspiel im Therapieball, das für grandiose Slapstick-Momente sorgt und eigentlich als neue Sportart vorgeschlagen werden sollte. Dazu gibt’s fette Ska-Rhythmen vom ohnehin großartig ausgesuchten Soundtrack. In der zweiten Filmhälfte übernehmen dann oft die zwischenmenschlichen Töne, die mal relativ treffend und mal arg naiv geraten. Dass ein Regelverweigerer und Sozialabzocker wie Fussel aus einem Ex-Immobilien-Hai einen besseren Menschen macht, ist dann doch etwas weit hergeholt. Allerdings ist der sozialromantische Faktor auch irgendwie charmant und eigentlich möchte man ja, dass so ein vermeintlicher Taugenichts die Menschen bekehrt und sich dabei selbst ein bisschen therapiert. Außerdem kann man dem Film (fast) nichts mehr übelnehmen, wenn die fünf Freunde aus der Therapie sich auf den Weg zu Fussel machen und anhand ihrer Medikation ausknobeln, wer das Steuer des Elektrogefährts übernimmt. Diese Aktion hält dann auch noch einen großartigen Auftritt von Julia Koschitz in der Rolle der Merle bereit, die man für ihre Schlängelaktion bei Fussels Schwiegermutter mögen muss.

Bild- und Tonqualität

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Fussel animiert zu mehr Punkrock in der Psychiatrie

Ziemlich orange-braun präsentiert sich das Bild von Happy Burnout, das zudem im Kontrast noch mehr abliefern könnte. Gerade Aufnahmen, die in der Helligkeit etwas nachlassen, wirken gräulich. In den gut ausgeleuchteten Momenten überstrahlen die Farben und Kontraste hingegen. Gesichtstöne wirken extrem überbräunt bis verbrannt und das nicht nur im Falle von Günthers tatsächlich verbranntem Gesicht. Bei Aufnahmen mit seitlichem Sonneneinfall sieht das Bild beinahe aus wie vergilbte Fotoabzüge aus den 70ern. Die Schärfe geht hingegen in Ordnung, das leichte vorhandene Korn stört nicht großartig.
Das erste, das man in Happy Burnout hört, ist ungestörte Natur. Vom klappernden Specht über einen Kuckuck und anderen Vögeln kommt die Waldstimmung authentischer ins Heimkino als sie tatsächlich im Film zu finden ist. Danach verstummen die Rearspeaker zumeist und die klaren Dialoge über den Center dominieren das Geschehen. Wenn es aber nach gut 50 Minuten massiv zu regnen beginnt, fällt das Nass durchaus raumfüllend im Heimkino. Die Punk-/Rocksongs poltern dazu schön garagenmäßig roh und schepprig.

Bonusmaterial

Im Bonusmaterial von Happy Burnout gibt’s neben elf entfallenen Szenen mit einer Laufzeit von 16 Minuten noch je ein Interview mit Wotan Wilke Möhring und Anke Engelke. Ein gut halbstündiges Making-of, das seinen Namen tatsächlich verdient hat, ergänzt gemeinsam mit dem Audiokommentar von Regisseur Erkau und Hauptdarsteller Möhring die Extra-Sektion.

Fazit

Happy Burnout ist eine witzige Sozial-Clash-Komödie, die schon aus nostalgischen Gründen funktioniert, ein wirklich spielfreudiges Ensemble besitzt und das Herz am richtigen Fleck hat. Das lässt auch darüber hinwegsehen, dass einige der Ausflüge ins Metier von Einer flog über das Kuckucksnest nicht so richtig zum Rest passen.
Timo Wolters


Bewertung

Bildqualität: 60%
Tonqualität (dt. Fassung): 65%
Bonusmaterial: 40%
Film: 70%

Anbieter: Warner Home Video
Land/Jahr: Deutschland 2017
Regie: André Erkau
Darsteller: Wotan Wilke Möhring, Anke Engelke, Julia Koschitz, Michael Wittenborn, Kostja Ullmann
Tonformate: dts HD-Master 5.1: de
Bildformat: 2,35:1
Laufzeit: 102
Codec: AVC
FSK: 6

Trailer zu Happy Burnout

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