Hardcore

Blu-ray Review

Hardcore Blu-ray Review Cover
Capelight, seit 09.09.2016

OT: Hardcore Henry

 


Halb Maschine, halb Pussy

Hier kommt der erste echte Egotrip der Filmgeschichte.

Inhalt

Hardcore Blu-ray Review Szene 2
Wo bin ich? Und vor allem: WER?

Als Henry die Augen öffnet, liegt er in irgendeiner Flüssigkeit und kann sich an nichts erinnern. Die erste, die ihm in die Augen schaut, ist seine Frau Estelle – das jedenfalls behauptet sie, denn Henry kann sich an nichts erinnern. Nur kurze Zeit später dringen Fieslinge in das Labor ein und erzählen Henry, dass er eigentlich tot sein müsste. Denn immerhin waren ein Arm und ein Bein weggeschossen, der Schädel eingedrückt, die Augen weg und der Unterkiefer zerfetzt. Estelle hat ihren Mann also reanimiert und offensichtlich physisch verbessert. Denn selbst der Fall von einer Brücke und brutale Schläge setzen ihm von nun an überhaupt nicht mehr zu. Als es richtig brenzlig wird, taucht plötzlich Wissenschaftler Jimmy auf. Der scheint genau zu wissen, wer Henry ist und ihm helfen zu können. Und Hilfe hat Henry nötig, denn er möchte seine vom Fiesling Akan, bzw. dessen Handlanger Yuri entführte Frau befreien und wird ohnehin von dessen Schergen dauerverfolgt. Denn Akan hat ein gewisses Interesse an Henry, bzw. an dem, was in ihm steckt …

Hardcore Blu-ray Review Szene 4
Der einzige, dem Henry vertrauen kann?

An diesem Film aus russisch-amerikanischer Koproduktion ist einfach alles ungewöhnlich. Schon der Vorspann, der zahlreiche Varianten von Tötungsarten in Nahaufnahme präsentiert und dabei einen süßen Popsong trällern lässt, ist ziemlich skurril bis verstörend. Im Anschluss daran darf sich Hardcore als erster Film in die Geschichte einschreiben, der wirklich komplett aus der Ego-(Shooter)-Perspektive gedreht wurde. Regisseur Ilya Naishullers und Produzent Timur Bekmambetovs Mission ist klar: Der Zuschauer soll mit der Hauptfigur verschmelzen und praktisch zum interaktiven Helden werden, wenn die Kamera in einer ungeahnten Dynamik über Autos hechtet, von Brücken fällt, Überschläge macht oder sich einfach nach links und rechts schüttelt, wenn Henry mal “Nein” sagt. Spektakulär ist an Hardcore einfach alles. Während praktisch über 90 Prozent mit zwei Go-Pros aufgenommen wurden, die am Kopf der Henry-Darsteller angebracht wurden (gleich diverse Stuntmen sprangen ein, um die waghalsige Action zu realisieren), sind es vor allem diejenigen Kameraaufnahmen, die mit Rigs bewerkstelligt wurden, die Eindruck schinden. Natürlich verlangte man auch von den Stuntmännern einiges. Oftmals in Parcours-Manier durch die Stadt hetzend oder auf schmalen Fenstersimsen entlanghangelnd, kommt man sich nicht nur während der Ego-Shooter-Schusswechsel vor wie in einem Videospiel. Auch die Eigenschaften, dass Bösewicht Akan telekinetische Fähigkeiten besitzt und Kumpel Jimmy, eigentlich querschnittsgelähmt, zig Avatare durch die Gegend schicken kann und so als Mensch mit 1000 Leben erscheint, dürften Zocker aus ihren Lieblingsgames kennen. Letzteres gipfelt nach knapp einer Stunde zu einer höchst bizarren One-Man-Show von Jimmy-Darsteller Sharlto Copley. Und was ein Film im First-Person-Shooter-Look ist, dem darf natürlich auch eine Sniperszene nicht fehlen (64’00). Die eröffnet die gleichsam heftigste Sequenz im abbruchreifen Lagerhaus von Jimmy, die aufgrund der teils am Stück gedrehten Geschehnisse durchaus Kultcharakter hat.

Hardcore Blu-ray Review Szene 3
Yuri hat Henrys Frau in seiner Gewalt

Völlig überdreht wirkt Hardcore bisweilen, wenn er in einem Bordell einen völlig zugekoksten Wirrkopf vorstellt und gefühlt 25 Gegner erledigt. Der Blutzoll des ungeschnitten durch die FSK gekommenen Films ist hoch und präsentiert auch schon mal einen zur Hälfte weggeschossenen Schädel in Nahaufnahme. Die atemlose Action und der hohe Gewaltanteil ist dann auch das, woran man als Zuschauer seinen Gefallen haben muss, denn inhaltlich ist der PoV-Film dünn wie Papier. Sicher ist es cool, dabei zuzusehen, wie Henry und Jimmy gemeinsam auf einem Highway von Motorrad zu Auto zu LKW hechten und dabei die spektakulärsten Stunts vollziehen – auf Dauer ist das aber auch etwas ermüdend und kann nicht zur Gänze kaschieren, dass das Drehbuch der günstigste Teil des Films war. Auch der teils überzogen-alberne Humor wird nicht jedem gefallen. Allerdings muss man Hardcore attestieren, dass er aus den vorhandenen Mitteln (ein guter Teil des 2-Mio.-Dollar-Budgets wurde über Crowdfunding zusammengebracht) ein Maximum an Action herausholt und darf durchaus gratulieren, dass er mit einem weltweiten Einspiel von über 14 Mio. Dollar zu einem echten Erfolg wurde. Hardcore mag als Film nicht für jederman sein und gerade solche Cineasten, die mit wackeliger Handkamera nichts anfangen können, werden hier schnell Kopfschmerzen bekommen, doch der Mut der Macher und die Innovation sind es, die das Medium Film wieder ein Stück über Grenzen treiben. Ohne derartige Umsetzungen träte das Kino auf der Stelle – ob man Henrys Egotrip nun mag oder nicht.

Hardcore Blu-ray Review Szene 7
Die Gegner sind zahlreich und gesichtslos

Bild- und Tonqualität

Hardcore Blu-ray Review Szene 5
Henry verfügt über erstaunliche Kräfte

Da zu Rezensionszwecken lediglich ein Streaminglink zur Verfügung stand, muss die Bewertung für das Bild von Hardcore leider entfallen. Der Ton von Hardcore liegt auf der Disk selbst in dts-HD-Master, bzw. Dolby Atmos (Originalfassung) vor, während der Streaminglink eine reguläre dts-Kodierung hatte. Dennoch lässt sich auch hier keine echte Einschätzung vornehmen, da nur zwei Kanäle ausgegeben wurden. Diese allerdings langen beim Einbruch der Bösewichte in die Einrichtung richtig zu – es ist also davon auszugehen, dass Hardcore eine äußerst dynamische und effektvolle Vertonung haben wird.

Bonusmaterial

Hardcore Blu-ray Review Szene 6
Alles Gute kommt von oben

Auch hier ist keine Wertung möglich, da der Streaminglink lediglich den Film beinhaltete. Wer sich aber die limitierte 3-Disk-Edition ergattern kann, wird mit einem Audiokommentar von Regisseur Naishuller sowie Hauptdarsteller Sharlto Copley belohnt. Hinzu gesellen sich Fan-Chat-Featurettes mit den Beiden und einige Musikvideos. Ein 48-seitiges Booklet sowie eine CD mit dem Soundtrack komplettieren das Angebot.

Fazit

Hardcore ist die Steigerung von Crank und transportiert dessen atemlose Action in die Ich-Perspektive. Der Zuschauer IST Henry und muss gleichsam mit ihm um sein Leben laufen, kämpfen und töten – das ist hektisch, völlig überdreht und wirkt fragmentarisch, außergewöhnlich ist es dennoch. Kino-Feingeister sollten allerdings nicht nur aufgrund des hohen Gewaltfaktors die Finger von Naishullers Film lassen. Hardcore richtet sich praktisch ausschließlich an Actionfans der Videospiel-Generation, die mit der Ego-Shooter-Perspektive aufgewachsen ist.
Timo Wolters


Bewertung

Bildqualität: keine Wertung möglich
Tonqualität (dt. Fassung): keine Wertung möglich
Tonqualität (Originalversion): keine Wertung möglich
Bonusmaterial: keine Wertung möglich
Film: 65%

Anbieter: Capelight Pictures
Land/Jahr: Russland/USA 2015
Regie: Ilya Naishuller
Darsteller: Sharlto Copley, Danila Kozlowskj, Haley Bennett, Tim Roth, Andrey Dementiev, Dasha Charusha, Svetlana Ustinova, Will Stewart
Tonformate: Dolby Atmos: en // dts HD-Master 5.1: de
Bildformat: 1,85:1
Laufzeit: 96
Codec: AVC
FSK: 18 (uncut)

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