Herz aus Stahl

Blu-ray Review

Herz aus Stahl Fury Blu-ray Review Cover
Sony Pictures, ab 07.05.2015

OT: Fury

 


„Du tust, was nötig ist!“

Der Zweite Weltkrieg war böse, dreckig, brutal … und offenbar waren alle deutschen Soldaten dämliches Kanonenfutter – das jedenfalls will uns Herz aus Stahl Glauben machen, dessen Titel eher nach einem Rammstein-Song klingt als nach einem um Realismus bemühten Kriegsfilm.

Inhalt

Herz aus Stahl Fury Blu-ray Review Szene 8
„Wardaddy“ wartet auf neue Einsatzbefehle

April 1945: Hitler-Deutschland steht kurz vor der Vernichtung, da lässt der Führer noch einmal Mann und Maus im „totalen Krieg“ gegen die Alliierten auflaufen. Don „Wardaddy“ Collier und seine drei Mitstreiter Boyd „Bible“ Swan, Trini „Gordo“ Garcia und Grady „Coon-Ass“ Travis haben gerade ihren fünften Mann verloren. Bei einer kurzen Verschnaufpause stößt der junge Norman Ellison dazu, der eigentlich Buchhalter ist und sich im falschen Film wähnt, als er plötzlich im Sherman-M4-Panzer von Collier sitzt. Die Kriegshandlungen, die er von nun an sehen wird, an denen er teilnimmt, werden ihn verändern – unweigerlich …

Herz aus Stahl Fury Blu-ray Review Szene 6
Norman begibt sich zum ersten Mal an seinen neuen Arbeitsplatz

Der Autor dieser Zeilen ist Pazifist und Kriegsgegner. Er mag allerdings historische Filme, ja sogar Kriegsfilme – sehr gerne vor allem dann, wenn man sie als Antikriegsfilm deklarieren kann, mithin also eine kritische Auseinandersetzung stattfindet. Kritik am Krieg gibt’s in Herz aus Stahl – erstaunlicherweise sogar am Verhalten der US-Boys. Respekt dafür. Vor allem eine Szene, in der Don den jungen Norman dazu zwingt, einen wehrlosen Wehrmachtsangehörigen zu erschießen, da dieser das gleiche auch mit seinen Feinden machen würde, gerät intensiv und verstörend. Schön, dass (trotz der Tatsache, dass auch hier vor allem der patriotische Teamgeist beschworen wird) Ayer hier nicht ausblendet und so tut, als wären die Alliierten Heilige in Uniformen gewesen. Das, so schade wie es ist, war es aber auch schon. Selten wurde die deutsche Seite dämlicher dargestellt als in Ayers Action-Panzerfilm. Klar, wir schreiben das Jahr 1945 und der Widerstand der Deutschen ist größtenteils gebrochen. Aber muss ein deutscher Scharfschütze deshalb gleich dreimal „daneben“ schießen? Oder muss ein anderer Shooter, anstelle den exponiert auf der Panzerluke hängenden Brad Pitt zu erledigen, einen drei Meter daneben stehenden DEUTSCHEN Zivilisten per gezieltem Kopfschuss exekutieren? Erklärt das die filmische Tatsache, dass am Ende hunderte von SS-Mitgliedern mit Panzerfäusten bewaffnet lieber unkontrolliert ins MG-Feuer laufen und mit Gewehren rumballern, anstatt ihre schwere panzerbrechende Munition einzusetzen? Ist es glaubhaft, dass eine Granatenwerfer-Panzerabwehr auf dreihundert Meter Entfernung auch nach fünf Schüssen nicht einmal einen der vier schutzlos auf dem Feld ankommenden Shermans trifft? Muss man akzeptieren, dass zu einer Zeit, in der die Alliierten praktisch überall für Nachschub sorgen konnten, ein Panzer mit ein paar US-Soldaten angeblich alleine auf weiter Flur kämpft und dennoch alles zusammenschießt – selbst dann noch, wenn er bereits bewegungsunfähig ist?
Ginge es bei Herz aus Stahl um einen puren Actionfilm, könnte man diese Nachlässigkeiten und Logiklöcher noch verschmerzen. Aber wenn sich Regisseur, Produzenten und Darsteller im Vor- und Nachhinein (siehe Bonusmaterial) hinstellen und furchtbar stolz auf die historische Akkuratesse und die Details sind, dann ist das beim Betrachten einfach ärgerlich.

Herz aus Stahl Fury Blu-ray Review Szene 7
Manchmal ist Krieg auch einfach stinklangweilig

Zumal Ayers Film so schlecht gar nicht beginnt. Da wird durchaus gezeigt, dass auch an den US-Soldaten die Spuren des Kriegs gewirkt haben und die erste Viertelstunde lässt sogar großes und bewegendes sowie kritisch-tragisches Kriegskino vermuten. Selbst nach einer halben Stunden glaubt man noch an den Film, wenngleich die sexistischen Sprüche von Dons Crew dann schon ziemlich genervt haben. Aber hey, es ist Krieg und irgendwie muss man sich da als testosterongesteuerter Prolet halt abreagieren. Immerhin kann man Herz aus Stahl attestieren, dass er sich Zeit nimmt, seine Figuren einzuführen und gerade in den ersten 30 Minuten eben nicht in Action erstickt. Die Schilderungen, dass die Geschehnisse an der Front die Infanteristen (gerade die jungen Grünschnabel) verändern, werden über den jungen Ellison vermittelt und treffen (zunächst) ins Mark. Oben beschriebene Szene, in der Norman von Don zur Exekution genötigt wird, ist in der Tat bewegend und schockierend, verliert aber im späteren Verlauf seine Wirkung, wenn es (auch für Norman) nur noch darum geht, möglichst viele „Schweine“ vor den Lauf zu bekommen und umzubringen. Natürlich wird bis dahin alles nur Erdenkliche getan, um den Feind zu dämonisieren und so eine emotionale Grundlage dafür zu schaffen, jeden Gegner möglichst in Stücke zu zerfetzen – ob er nun schon brennt oder unbewaffnet ist, ist vollkommen egal. Und wo wir bei den intensiven Szenen sind, die dann leider in sich selbst kollabieren: Als Don und sein Zögling im Haus der beiden deutschen Frauen sind, gibt es durchaus ein paar packende Momente. Die werden jedoch erneut ad absurdum geführt, als der „Wardaddy“ dem jungen Nachwuchssoldaten praktisch dazu „rät“ die junge Frau „ins Schlafzimmer zu zerren“, denn sonst täte er es selbst. Das tut Ellison natürlich nicht, weil ein kleiner Klaviersong und ein bisschen aus der Hand lesen ausreicht, damit das blonde Mädel sich Hals über Kopf in den Ami verliebt – also bitte, was hat sich Ayer bei diesem Drehbuch gedacht?

Herz aus Stahl Fury Blu-ray Review Szene 2
Emma hat es Norman angetan

Aber genug über die Nachlässigkeiten der Story und historische Absurdität gemeckert, denn es gibt auch Lichtblicke. Aufseiten der Schauspieler sticht Logan Lerman (Noah) heraus, der als einziger eine (wenngleich wenig wünschenswerte) Entwicklung durchmacht. Ihm ist es zu verdanken, dass man über das bisweilen peinliche Agieren eines Brad Pitt hinwegsehen kann. Auch Shia LaBoef, der sich erstaunlich dezent im Hintergrund hält, überzeugt. Michael Pena und Jon Bernthal (The Walking Dead) bleiben die undankbaren Rollen der Stichwortgeber und Sprücheklopfer. Dass alle fünf wie Abziehbilder aus sämtlichen Klischees des Genres wirken (der coole Held, der Draufgänger, der Quoten-Hispano, der bibeltreue Introvertierte und der unfreiwillig zum Einsatz gekommene Grünschnabel), dagegen können auch die versierten Darsteller nicht anspielen. Akzeptiert man die einseitige Darstellung der Figuren und findet sich damit ab, dass der Feind ein unsichtbarer „Kraut“, ein „Nazischwein“ ist, das „geschlachtet“ gehört, dann gibt’s dennoch ein paar intensive persönliche Momente. Beispielsweise wenn Grady Ellison von der toten Emma wegzerrt und ihm eindrucksvoll klarmacht, dass das nunmal der Krieg ist. Ein weiterer Pluspunkt von Herz aus Stahl ist seine Ausstattung. Nicht nur kam ein echter Sherman-M4-Panzer zum Einsatz, den man sich aus einem britischen Museum lieh, auch der gegnerische Tiger sorgt für ein Höchstmaß an authentischem Flair. Und dann gibt es da ja noch Actionszenen, die für sich genommen, extrem packend inszeniert sind. Die beste davon, die zusätzlich auch noch ein höheres Maß an Glaubwürdigkeit besitzt, ist die Minischlacht zwischen den vier Shermans und dem deutschen Tiger. Dieser schafft im Alleingang drei der M4-Panzer, da er technisch den altmodischen und anfälligen Shermans deutlich überlegen war. Ayer inszeniert diese Szene fiebrig und von spannender Intensität. Umso lächerlicher, dass er daraufhin einen bewegungsunfähigen Schrotthaufen gegen hunderte SS-Soldaten mit Panzerfäusten sowie einen weiteren Tiger einsetzt und das Gefecht tatsächlich (fast) siegreich beendet wird. Dies vor allem deshalb, weil es innerhalb von zwei Minuten von taghell auf stockfinster wechselt und weil mehrere hundert Soldaten anscheinend nicht wissen, dass man gegen Panzer seine Panzerfaust und nicht das Gewehr einsetzen sollte. Wären alle deutschen Heeresführer und Soldaten dermaßen dämlich gewesen, wie es Herz aus Stahl schildert – der Krieg hätte nicht sechs Jahre, sondern sechs Wochen gedauert.

Herz aus Stahl Fury Blu-ray Review Szene 1
Echte Männer und ihre Kanone

Bild- und Tonqualität

Herz aus Stahl Fury Blu-ray Review Szene 5
Boyd „Bible“ Swan ist der gelebte Widerspruch aus gläubigem Christ und tötendem Soldat

Ein Kriegsfilm wird immer mit deutlich stilisiertem/gefilterten Bild abgemischt und das trifft größtenteils auch auf Herz aus Stahl zu. Gerade die Farben erscheinen gefiltert. Gesichter haben einen rötlich-violetten Look und Außenaufnahmen sind vornehmlich in Sepia- und Brauntönen gehalten. Eher ungewöhnlich für ein Genrewerk: Ansonsten meist ausgiebig genutztes Korn bleibt in Herz aus Stahl eher dezent und vor allem auf uniformen Hintergründen etwas sichtbar. Hier unterscheidet sich Ayers Film beispielsweise deutlich von Soldat James Ryan. Die Schärfe gelingt in Nahaufnahmen bestechend, Halbtotale geraten schon mal etwas weicher. In Sachen Kontrast wirkt die meist etwas zu helle Darstellung für einen eingeschränkten Umfang. Gerade in Innenraumszenen wirkt das Geschehen oft etwas milchig und soft.
Endlich mal wieder ein Film, der jeden Heimkinofreund akustisch maximal befriedigen sollte. Wenn aber auch nicht ein Film mit Panzern, welcher dann? Tatsächlich ist’s egal, ob der Panzer seine sekundären MGs abfeuert oder mit der Hauptkanone die nahende Waldgrenze dem Erdboden gleichmacht – in Herz aus Stahl werden sämtliche Lautsprecher aufs Äußerste gefordert, mit einbezogen und vor dynamische Schwerstaufgaben gestellt. Nach eher enttäuschenden Tonsektoren der letzten Actionhighlights ist der Sound hier mal wieder referenzwürdig – zumal die deutsche dts-HD-Spur der Orginalversion in nichts nachsteht. Schon zu Beginn, wenn der Sherman unter Beschuss gerät, schlagen die großkalibrigen Geschosse dumpf und brutal im Heimkino ein. Eine wahre Freude sind auch die vorbeizischenden MG-Projektile. Dazu sind die Dialoge hervorragend verständlich. Wer zumindest filmisch gesehen authentisch bleiben möchte, der wechselt auf die Originalspur und erfreut sich an Pitts auswendig gelerntem Deutsch.

Bonusmaterial

Herz aus Stahl Fury Blu-ray Review Szene 4
Die Kriegsszenen lassen Norman nicht kalt

Das Bonusmaterial von Herz aus Stahl umfasst im Falle der Single-Disk-Blu-ray einige entfernte und erweiterte Szenen sowie vier Featurettes. In „Blood Brothers“ geht’s mindestens ebenso patriotisch zu, wie im Film selbst. Mal wieder durften die Schauspieler mit einigen US-Kriegsveteranen zusammensitzen und sich Geschichten erzählen lassen. Wann immer ein Film es storytechnisch hergibt oder auch nicht (siehe Battleship), sind die Veteranen zur Stelle und sorgen für das Hochhalten der US-Fahne – peinlich. In „Director’s Combat Journal“ wird geschildert, wie respektvoll die Darsteller ihrem Regisseur gegenüber aufgetreten sind, weil dieser so viele Fakten und Details beachtet hat, wie es für Pitt & Co. kaum zu Glauben war. „Armored Warriors: The Real Men Inside the Shermans“ lässt Zeitzeugen zu Wort kommen, die erzählen, wie sie zur Infanterie und in das Panzerkommando kamen. Interessant sind da vor allem die Schilderungen, wie die Soldaten im Team funktionierten. „Taming the Beasts: How to Drive …“ letztlich beschreibt, wie die Original Panzer besorgt wurden. So stammt der Hauptpanzer beispielsweise stammt aus dem britischen Bovington Museum. Allerdings wurde dieser nur für Innenaufnahmen genutzt und für die Action-Außenaufnahmen wurde ein Double auf einem moderneren Gefährt montiert. Auch wird hier der Prozess veranschaulicht, wie die Darsteller sich nach und nach mit ihrem Filmgefährt anfreundeten und am Ende angeblich mit ihm verschmolzen.

Fazit

Herz aus Stahl fängt stark an, weckt Hoffnungen auf einen differenzierten Kriegsfilm und lässt dann noch stärker nach. Am Ende verkommt er zu einem vollkommen unrealistischen US-Heldengemälde mit markigen Sprüchen, dämlichem Verhalten sämtlicher deutscher Soldaten und einem Finale, das an Absurdität kaum zu überbieten ist. Ayer wollte schildern, wie der Krieg unschuldige Männer verroht und ihnen schwere Traumata beibringt. Dieses theoretische Ziel wird in einem glorifizierenden Pathos-Ende erstickt, in dem Pitt nach der insgesamt vierten eingesteckten Kugel (davon drei durch einen Scharfschützen) seinem jungen Mitstreiter noch mitteilen kann, dass ihm alles schrecklich leid tut.
Timo Wolters


Bewertung

Bildqualität: 80%
Tonqualität (dt. Fassung): 95%
Tonqualität (Originalversion): 95%
Bonusmaterial: 50%
Film: 40%

Anbieter: Sony Pictures
Land/Jahr: USA 2014
Regie: David Ayer
Darsteller: Brad Pitt, Shia LaBoef, Logan Lerman, Michael Pena, Jon Bernthal, Jason Isaacs, Scott Eastwood, Jim Parrack, Brad William Henke
Tonformate: dts HD-Master 5.1: de, en
Bildformat: 2,35:1
Laufzeit: 135
Codec: AVC
FSK: 16

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