Junges Licht

Blu-ray Review

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Weltkino/Universum, 18.11.2016

OT: –


Im Kühlschrank steht Nudelsalat …

Neues Lebenszeichen von Kultfilmer Adolf Winkelmann.

Inhalt

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Milch macht müde Männer munter – auch Walter, wenn er von der Schicht kommt

Der Ruhrpott inne 60er: Julian is‘ zwölf und kümmert sich nache Schule um seine kleine Schwester Sophie. Sein Vadda Waller schuftet als Berchmann unner Tage bis dat Gesicht ganz schwaz is vonne Kohle. Weil Julians Mudda mit der Situation zuhause überfordert is‘, lässt se ihre Wut oft an ihm aus und prügelt ihn immer wieder middem Kochlöffel. Vermieter Gorny ist da schon viel netter zu Julian, was aber wohl auch daran liecht, dat er Kinners nachstellt. Wat Julian aber richtich gut findet is‘ Marusha ausse Wohnung nebenan. Denn während die Jungs inne Gegend früh midde Quarzerei anfangen, interessiert sich Julian lieber für de Mädels. Eines Tages bricht de Mudda zusammen und fährt mit Sophie in‘ Urlaub. In der Zeit is‘ Julian mit Vadda Waller allein inne Wohnung und macht irgendwann ’nen Ausfluch zu Lippek. Marusha is‘ auch dabei und irgendwie knistert et zwischen Marusha und Waller – ob dat man so gut is‘ …?

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Vermieter Gorny ist Julian zu Recht nicht ganz geheuer

Die Abfahrer und Jede Menge Kohle – zwei Filme, die wie in Stein gemeißelt stehen und das unwiderstehliche Flair des Ruhrgebiets und seiner „Malocher“ einfingen. Für beide zeichnete 1978 bzw. 1981 Adolf Winkelmann verantwortlich, der sich und seiner Herkunft stets treu blieb und wie kaum ein anderer in der Lage war und ist, die Menschen aus dem Kohlenpott zu porträtieren. Für seinen jüngsten Film nimmt er sich nun zwar erneut das Thema des Unter-Tage-Kohleabbaus an, geht allerdings zurück in die 60er und inszeniert vor dem Hintergrund des Bergbaus in Junges Licht eine Coming-of-Age-Geschichte. Winkelmann nutzt dafür sowohl schwarz-weiß-, als auch farbige Szenen und wechselt von 2,35:1 auf 1,85:1 oder gar 4:3 die Bildformate. Diese Variationen zwischen den Stilelementen sind oft fließend und folgen keinem bestimmten Muster. Allerdings transportieren sie die Emotionen und sorgen für eine einzigartige Atmosphäre, die man (vielleicht) nur nachvollziehen kann, wenn man Kind des Ruhrgebiets ist. Trotzt nicht mehr vorhandener realer Schauplätze und dem Nutzen von Greenscreen-Aufnahmen (bzw. eigens aufgebauten Kulissen) verströmt Junges Licht in jeder Szene und mit jeder Tapete, jedem Sticker auf einem Möbelstück das Flair der damaligen Zeit im Ruhrgebiet. Die Sprache ist natürlich ein wesentlicher Faktor und Winkelmann nutzt sie, ohne im dumpfen Slang zu versumpfen. Natürlich wird hier geruhrpottelt, doch stets mit dem Respekt vor den Menschen und ohne Asi-Charakter – immer also, um höchstmögliche Echtheit zu erreichen.

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„Fackel“ wird von Julian vorm sicheren Tod bewahrt

Wenn Julian vor den Halden Abenteuer erlebt und von den älteren Jungs zu Mutproben verdonnert wird, könnte man glatt glauben, die 60er wären nie vorbeigegangen. Der Kohleofen schickt dicke Dampfwolken gen Himmel und im Hintergrund rußen die (animierten) Schlote. Und obwohl der lakonische Humor der Zeit immer präsent ist, schreckt Junges Licht nicht davor zurück, auch die schwierigen Szenen zu zeigen. Waller ist nicht gerade verständnisvoll zu seiner Frau und blökt sie noch während ihres Zusammenbruchs an, dass er gefälligst was zu Essen auf dem Tisch haben will, wenn er von der Schicht kommt. Demgegenüber stehen unglaublich berührende Gespräche zwischen Vater und Sohn, als beide sich über Julians Zukunft unterhalten. Vollkommen irrelevant ist die Tatsache, dass der Film keinem üblichen Konzept folgt, scheinbar kein echtes Ziel vor Augen hat. Hier geht’s eben auch nicht um eine Auflösung, einen Schluss, sondern einzig um den Weg. Erstaunlich, wie erwachsen und authentisch der junge Oscar Brose dabei agiert und seinem Filmvater Charly Hübner in Nichts nachsteht. Wenn man den beiden bei ihren Dialogen zusieht, glaubt man, dass sie tatsächlich zusammen aufgewachsen sind. Außerdem schafft Brose es, glaubhaft zu vermitteln, dass seine Figur des Julian die einzige (noch) unschuldige des Films ist; der einzige moralisch einwandfreie Charakter. Ganz im Gegensatz zu Peter Lohmeyers Gorny, der stets pädophile Anzeichen zeigt. Lohmeyer gelingt dennoch das Kunststück, dass man seine Figur nicht verteufelt. Und so ist Junges Licht nicht nur Coming-of-Age-Drama, sondern auch Milieustudie und höchst unkonventionelle Liebeserklärung an das Ruhrgebiet.

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Ruhrpott in den 60ern: Echte Männer arbeiten u.T.

Bild- und Tonqualität

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Wichtige Gespräche zwischen Männers

Das Bild von Junges Licht variiert, je nachdem, welche Kameras zum Einsatz kamen und wie es hinterher bearbeitet wurde. Die Szenen in schwarz-weiß sind erstaunlich kontraststark und plastisch (Lohmeyer bei 8’32 oder Milch auf Walters Gesicht: 8’55) – egal, in welchem Format sie vorliegen. Die Unter-Tage-Aufnahmen lassen Details schon mal versumpfen, weil’s arg körnig wird und vieles im Schwarz abtaucht. Die farbigen Szenen in 2,35:1 dürften zwar etwas mehr Kontrast haben, gefallen dafür aber mit ihrer Laufruhe und Rauscharmut (25’50). Die Schärfe bleibt während der Farbszenen auf mittlerem Niveau und reißt keine Bäume aus. Allerdings passt das gut zur Atmosphäre.
Beim Ton von Junges Licht, der auch als Hörfilmfassung vorliegt, konzentriert sich das Geschehen fast ausschließlich auf die Dialoge. Die kommen zwar vernehmbar aus dem Center, allerdings bisweilen etwas dumpf-brummelig und nicht perfekt akzentuiert. Vor allem das Gespräch zwischen Walter und Gorny nach 96 Minuten leidet etwas darunter. Der Filmscore kommt dagegen über sämtliche Lautsprecher und richtig räumlich wird’s, wenn Walter unter Tage Kohle mit dem Presslufthammer abbaut und es hinter dem Zuschauer bröckelt (100’00).

Bonusmaterial

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Wochenendausflug mit unerwartetem Ausgang

Im Bonusmaterial von Junges Licht gibt’s einen „Drehortbesuch mit Regisseur Winkelmann“, bei dem der Filmemacher erzählt, wie schwierig es war, entsprechend authentische Schauplätze zu finden, da das Ruhrgebiet nunmal nicht mehr so aussieht wie vor 60 Jahren. Das ebenfalls enthaltene Making-of läuft knapp 47 Minuten und ist ziemlich hautnah dabei, wenn die Dreharbeiten stattfinden. Auch die Improvisationen und die Zusammenarbeit des jungen Oscar Brose mit den älteren Schauspielern werden aufmerksam beobachtet. Erstaunlich ist hier, wie sehr Winkelmann die Arbeit mit digitaler Technik und Dreharbeiten vor Green Screen mit Pappbauten verachtet, bzw. von ihr verwirrt wird. Wer wissen möchte, warum der Filmemacher in schwarz-weiß und Farbe drehte, bekommt hier ebenfalls eine Antwort.

Fazit

„Kohlenstoff, nur ein bisschen älter“ – Wenn Julian naseweise Sprüche dieser Art klopft, kann man Junges Licht nur lieben. Adolf Winkelmann bleibt sich und seiner ungewöhnlichen Art Filme zu machen treu und liefert einen manchmal melancholischen, manchmal bitteren Nachruf auf eine Zeit, in der die Häuserfassaden so schwarz waren wie die Gesichter der Kumpel.
Timo Wolters


Bewertung

Bildqualität: 70%
Tonqualität (dt. Fassung): 60%
Bonusmaterial: 50%
Film: 80%

Anbieter: Weltkino/Universum
Land/Jahr: Deutschland 2016
Regie: Adolf Winkelmann
Darsteller: Oscar Brose, Charly Hübner, Lina Beckmann, Peter Lohmeyer), Stephan Kampwirth, Caroline Peters, Greta Sophie Schmidt, Nina Petri
Tonformate: dts HD-Master 5.1: de
Bildformat: 4:3 // 1,85:1 // 2,35:1
Laufzeit: 122
Codec: AVC
FSK: 12

Trailer zu Junges Licht

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