Kraftwerk 12345678 – 3D Der Katalog

Blu-ray Review

Klingklang/Parlophone, 26.05.2017

OT: –

 


Tour de World

Maßstäbe setzende Blu-ray mit Atmos-Sound und 3D.

Inhalt

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Vier Männer, vier Keyboards, eine Leinwand – viel mehr braucht’s nicht für ein audiovisuelles Erlebnis. (Photo: Peter Boettcher

Kraftwerk sind ein absolutes Phänomen, das in Sachen technophiler Musik sicher das bekannteste deutsche Exportgut ist und weltweit ebenso anerkannt wie geliebt wird. Mit ihren acht Studioalben, die zwischen 1974! und 2003 erschienen, haben sie stets die technische Grenzen gesprengt und Standards gesetzt. Kaum eine internationale Elektroband, die sich nicht von der Düsseldorfer Formation beeinflusst fühlt. Selbst Rammstein berufen sich auf Kraftwerk und coverten seinerzeit schon mal (mehr schlecht als recht) das „Model“. In den Jahren 2012 bis 2016 ging man weltweit auf Tournee, um die 3D-Shows in einem angemessenen Umfeld zu präsentieren. An jeweils unterschiedlichen kulturellen Schauplätzen gab man stets an acht Abenden je ein Konzert, bei dem in chronologischer Reihenfolge nacheinander immer eins der acht Alben präsentiert wurde. Unter den Konzertorten waren Stationen wie das MoMA in New York, das Tate Modern London oder die Neue National Galerie in Berlin. Aber auch das Burgtheater in Wien oder das Guggenheim Museum in Bilbao. Zusammengefasst wurden diese Auftritte nun in Kraftwerk 12345678 – 3D Der Katalog.

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Wer „Boing“ sagt, muss auch „Pengbummtschak“ sagen. (Photo: Peter Boettcher)

Dieser liefert wiederum eine Fülle an unterschiedlichen Veröffentlichungen, von denen hier die Zwei-Disk-3D-Blu-ray- und DVD-Variante besprochen wird. Wer das volle audiovisuelle Paket haben möchte, der muss wesentlich tiefer in die Tasche greifen und sich die Vier-Blu-ray-Disk-Version zulegen. Diese enthält auf Disk 1 und 2 insgesamt 8 Album Performances in 2D/3D mit sämtlichen Songs sowie auf den Disks 3 und 4 die Projektionen in 2D/3D. Dazu gibt’s noch ein Hardcover-Buch mit 228 Seiten. Die Doppel-Disk aus Blu-ray und DVD kommt „lediglich“ im schicken Pappeinschub-Cover und liefert auf der Blu-ray insgesamt 17 Tracks der acht Alben. Das wären dann „Autobahn“, „Geigerzähler“, „Radioaktivität“, „Trans Europa Express“, „Metall auf Metall“, „Abzug“, „Die Mensch-Maschine“, „Nummern“, „Computerwelt“, „Boing Boom Tschak“, „Techno Pop“, „Music Non Stop“, „Die Roboter“, „Tour De France“, „Prologue“, „Etape 1“, „Chrono“ sowie „Etape 2“.
Künstlerisch setzt man bei der BD-/DVD-Version auf einen Mix aus (fast) reinen Projektionen wie zu Beginn bei „Autobahn“ und Szenen der vier performenden Künstler auf der Bühne. Die reduzierten Animationen von „Autobahn“ mögen dabei auf Dauer visuell etwas eintönig sein, doch das Konzept der Band war ohnehin immer das der Entpersonalisierung. In Interviews und auf Konzerten sind oft Puppen oder die Roboter-Versionen der Band zu sehen und die eigentlichen Künstler begreifen sich als „System“ hinter der Musik. Da die Vier ohnehin relativ unbeweglich hinter ihren Keyboards stehen, sind die Projektionen visuell ohnehin interessanter und der Fokus darf vor allem auf dem Genuss der Musik liegen.

Bild- und Tonqualität

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Die Roboter-Alter-Egos (Photo: Peter Boettcher)

Die Bildqualität der Blu-ray von Kraftwerk 12345678 – 3D Der Katalog zu beurteilen, ist gar nicht so leicht. Die Animationen liefern trotz ihrer oft reduzierten Art einen extrem plastischen und kontraststarken Eindruck. Sieht man die Band auf der Bühne, ist es oft so dunkel, dass man kaum etwas sieht außer den vier Musikern. Dazu gibt’s auch mal körnige schwarz-weiß-Szenen und etwas Hintergrundrauschen auf den Monitorwänden. Die comicartigen Sequenzen von „Autobahn“ liefern nicht die volle Auflösung, was sich an flirrenden Kanten und stufigen Diagonalen ablesen lässt. Allerdings passt das gut zum Style der reduzierten Grafiken.
In Sachen Tonqualität haben sich Kraftwerk für ihre 12345678 – 3D Der Katalog nicht lumpen lassen. Neben einem 2.0-PCM-Stereo-Ton und einer Spur für headphone Surround integrierte man eine Dolby-Atmos-Fassung. Man bleibt also auch hier technisch auf modernstem Level. Dabei ist schon die Stereo-Tonfassung aller Ehren wert und deutlich besser als viele 2-Kanal-Spuren anderer Konzertveröffentlichungen. Bisweilen hat man während der unterschiedlichen Sounds und Keyboardpassagen sogar das Gefühl, es wären durchaus mehr als zwei Lautsprecher am Werk. Dazu ist sie erstaunlich druckvoll und fordert den Hauptlautsprechern während der kurzen und knackigen Bassdrumeinsätze einiges ab. Die Melodien kommen dabei ebenso klar und differenziert rüber und Stimmen sind perfekt ausbalanciert.
Wechselt man dann auf die Atmos-Spur, die mit verlustfreiem True-HD-Kern gemastert ist, dürften dem Soundfreak unter den Heimkino- und Musikfans die Ohren übergehen (um das Sprichwort mal etwas zu zweckentfremden).

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Legendäre Songs in 3D (Photo: Peter Boettcher)

Natürlich ist das nur bedingt authentisch und hat auch nicht unbedingt etwas mit Konzertfeeling zu tun, wenn die elektronischen Geräusche sich lebhaft auch im 3D-Raum verteilen – aber es ist eben auch einfach total cool. Man möchte am liebsten die Augen schließen und sich völlig in dieser dreidimensionalen Klangwelt verlieren, die vollkommen fasziniert und deutlich mehr Raumgefühl erzeugt als noch Lichtmonds – The Journey. Die Frequenzsignale des Morsecodes in „Radioaktivität“ verteilen sich beispielsweise abwechselnd im Raum (17’20) und werden noch von druckvolleren Sounds abgelöst, die sogar den in den meisten Heimkinos eher klein dimensionierten Height-Speakern einiges abverlangen. In „Mensch-Maschine“ rasselt es immer wieder von oben, während der Subwoofer bisweilen richtig knackig eingebunden wird und sich die Keyboard-Effekte gerade während der kurz angeschlagenen Töne im ganzen Raum verteilen. Prädestiniert für die Dolby-Atmos-Spur ist natürlich „Boing Boom Tschak“, das seinerzeit schon auf Vinyl mit stark ausgeprägtem Stereoeffekt daherkam. Der 3D-Ton verteilt hier jetzt die Stimmen einzeln ortbar auf alle Speaker des Sets, weshalb man sich immer mal wieder dabei ertappt, über die Schulter schauen zu wollen, wenn ein „Pssst“ von hinten links ertönt – großartig. Ebenso wie das zittrige Stakkato in „Nummern“, bei dem sich die wabernden Sounds über den Zuhörer hinweg bewegen (34’20).
In „Computerwelt“ hat man bisweilen etwas Angst um seine Lautsprecher, weil die kurzen Knackstöne, die sich anhören, als messe man sein System gerade neu ein, für Hochtöner durchaus eine Herausforderung sind. Genial ist dabei, dass hier nichts vermatscht und man sein Setup auch einfach mal ein bisschen an Extreme heranführen kann.

3D-Effekt

Auch in Sachen 3D waren Kraftwerk Pioniere, als sie die Technik erstmals während ihrer Konzerte einsetzten. Die Blu-ray von 12345678 – 3D Der Katalog enthält natürlich das komplette Programm inkl. der Animationen in 3D, was bei den nicht sehr hoch aufgelösten Clips von „Autobahn“ noch zu deutlichen Abstufungseffekten in der Tiefe der Markierungslinien sorgt, die man im 3D-Modus noch stärker wahrnimmt. Dafür läuft der VW-Käfer schön plastisch von links nach rechts durchs Bild. Ganz leichte Doppelkonturen macht man zudem am Zeigefinger aus, der die Morsezeichen in „Radioaktivität“ ablässt. Die Aufnahme der Künstler vor der Leinwand ist allerdings sehr räumlich und während des fiesen Einblendens des pulsierenden Radioaktivitäts-Symbols auf gelbem Grund fühlt man sich beinahe auf einem LSD-Trip. Klasse sind auch die sich einblendenden Schriften von „Man-Machine“, die sich extrem griffig vor dem Hintergrund positionieren und eine außergewöhnliche Tiefe zulassen. Die Augen zusammenkneifen muss man unweigerlich, wenn hunderte Zahlen in „Nummern“ auf den Zuschauer zufliegen und wirr im Raum schweben – das ist 3D in Extremform. Auch die Comic-Blasen in „Boing Boom Tschak“ sowie die Noten in „Musique Non Stop“ stehen zum Herausgreifen nahe am Zuschauer. Klasse auch die Roboter im gleichnamigen Song, die gerade aus der Diagonale aufgenommen für eine tolle Tiefenstaffelung sorgen (56’40). Wenn sie sich frontal zum Betrachter schauend etwas drehen, gehen schon mal feine Details in Schuhen und an den Hosen verloren – aber das sind Aspekte, über die man auch mal hinwegsehen kann.
Für NICHT-3D-Freunde: Die Blu-ray enthält natürlich auch die Option, sie in 2D abzuspielen.

Fazit

Kraftwerk 12345678 – 3D Der Katalog ist eine einzigartige Kollektion einer einzigartigen Band, die sogar in der „abgespeckten“ 2-Disk-Variante lohnt. Das Bild ist während der Live-Szenen hervorragend, der 3D-Effekt stellt eine lebhafte Räumlichkeit her und der Atmos-Sound ist schlicht Referenz in Sachen Differenziertheit und Offenheit – eine Disk, die in jedem guten Atmos-Setup mal laufen sollte.
Timo Wolters


Bewertung

Bildqualität: 80%
Tonqualität (PCM 2.0 Stereo): 80%
Tonqualität (Dolby Atmos): 100%
Bonusmaterial: 0%
Musik/Konzert: 90%
3D-Effekt: 80%

Anbieter: Klingklang
Land/Jahr: Deutschland 2016
Künstler: Ralf Hütter, Henning Schmitz, Fritz Hilpert, Falk Grieffenhagen
Tonformate: PCM 2.0 Stereo: de // Dolby Atmos (True-HD-Kern): de
Bildformat: 1,78:1
Laufzeit: 78
Codec: AVC
Real 3D: Ja
FSK: 0

Trailer zu Kraftwerk 12345678 – 3D Der Katalog

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