Leatherface Uncut Steelbook

Blu-ray Review

Leatherface Uncut Steelbook Blu-ray Review Cover
Turbine Medien, 19.12.2017

OT: Leatherface

 


Des Ledergesichts Kettensägen-Gehversuche

TCM – Klappe, die Achte!

Inhalt

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Sheriff Hartman ist alles andere als begeistert, als er seine Tochter so sieht

Die Familie Sawyer hat eine lange Tradition … im Morden. Und weil das so ist, ist es Familien-Matriarchin Verna ein großes Anliegen, auch aus Filius Jed einen amtlichen Killer zu machen. Also bekommt er zum Geburtstag eine Kettensäge geschenkt und soll damit gleich mal den vermeintlichen Dieb aus der Nachbarschaft aus dem Weg filetieren. Dumm, dass Jed das mörderische Gen offenbar noch nicht in sich entdeckt hat und es vorzieht, die Säge beiseite zu legen. Nicht allzu lange Zeit später soll er die Tochter des Sheriffs Hartman in einen Schuppen locken, wo seine Brüder schon auf das Mädchen warten und ihr den kurzen Prozess machen. Weil Hartman zwar keine Beweise hat, in den Jungs der Sawyer-Ranch allerdings die Täter vermutet, lässt er Verna die minderjährigen Kids wegnehmen und in eine Einrichtung einweisen – offiziell zum Schutz vor der Mutter. Zehn Jahre später ist Jed unter einem neuem Namen im Gorman House, wo man sich um die degenerierten Kinder „kümmert“. Eines Tages stiftet ein erzwungener Besuch Vernas Chaos und ermöglicht Jed mit drei weiteren Kids die Flucht. Zu ihrer Absicherung haben sie gleich noch die jüngst in der Einrichtung angestellte Krankenschwester Lizzy als Geisel genommen und beginnen einen blutigen Feldzug durch die Südstaaten. Doch Hartman ist den Ausreißern auf den Fersen und geht dabei ebenfalls kaum zimperlich vor …

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Ike zieht eine blutige Spur hinter den vier Ausbrechern her …

Nachdem Turbine Medien 2011 einen dreijährigen Kampf gewann und Texas Chainsaw Massacre endlich vom Index befreien konnte, war es natürlich Ehrensache für den deutschen Anbieter, sich auch um das Prequel zum Originalfilm zu kümmern. Das Uncut Mediabook kommt entsprechend von der FSK ungeprüft mit einem SPIO-ksJ-Label daher – uncut, wohlgemerkt.
In direkter Zusammenarbeit mit dem Regie-Duo Julien Maury und Alexandre Bustillo boxte man die ungeschnittene Fassung durch und kleidete sie in ein schickes Steelbook – wer als Fan jetzt noch nicht laut „HIER“ gerufen hat, dem hat Jed Sawyer vermutlich die Zunge rausgeschnitten. Die beiden Regisseure, die seinerzeit schon den harten Schocker Inside oder das Genrewerk Among the Living zu verantworten hatten, nehmen sich mit Leatherface also ein Prequel zur Story vor.
Moment mal, ein Prequel? Gab’s das nicht schon? Korrekt, gab es. Allerdings ist der 2006er Texas Chainsaw Massacre: The Beginning eine Vorgeschichte zu Michael Bays 2003er Remake des Originals. Leatherface indes hält sich an der Urstory fest und liefert den „Vorfilm“ zum 74er Tobe-Hooper-Horrorklassiker. So weit so verwirrend – immerhin gibt’s mittlerweile ganze acht Filme im Universum des Kettensägen-Fetischisten.

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… eine sehr blutige Spur

Für das jüngste Werk konnten Maury/Bustillo sogar zwei schauspielerische Größen engagieren, was schon mal Interesse wecken dürfte. Stephen Dorff (Heatstroke) als Texas Ranger Hartman ist angemessen wild, als er vom Tod seiner Tochter hört und eröffnet das Duell mit Verna durch eine krasse Provokation.
Lili Tayler ist gegenüber Dorff, der oft in Action- und Genrewerken zu sehen ist, vielleicht die größere Überraschung. Immerhin ist sie durchaus in Blockbustern wie Maze Runner – Die Auserwählten in der Brandwüste oder Conjuring zu Hause und spielte außerdem eine der Hauptrollen in zwei Staffeln von American Crime. Sie gibt Familienpatronin Verna mit Inbrunst und Mut zum furienhaften Verhalten. Ihrem wahnsinnigen Spiel ist es zu verdanken, dass Leatherface darstellerisch aus der Masse herausragt. Natürlich ist aber auch der Rest vom Cast auf gutem Niveau. Was die Stimmung angeht, so eröffnet der Film mit einer äußerst unangenehmen Szene während des Geburtstags des kleinen Jed.
In der Anstalt in stellt sich natürlich bald die Frage, wer schlimmer ist: Insassen oder Personal. Das wiederum liefert durchaus Atmosphäre.
Maury und Bustillo ging es allerdings noch um mehr. Sie wollten in ihrer Geschichte aufzeigen, wie aus dem eigentlich eher schüchternen Jungen, dem das Killer-Gen zunächst zu fehlen scheint, eben jener Koloss von tumbem Kettensägen-Mörder wird. Da der Film lange im Unklaren lässt, wer von den Insassen Jed ist und die Auflösung offenbar bewusst als Überraschung zelebriert, hat das zwar durchaus einen kleinen Knalleffekt, allerdings bleiben zum Schluss dann dennoch ein paar offene Fragen. Und die betreffen nicht nur die Sinnhaftikeit der Nekromantik-Szene (siehe nächster Absatz).

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Erinnert sich noch jemand an „American History X“?

Da nach gut 25 Minuten die Gewalt regiert und die getürmten Kids ihren mörderischen Roadtrip Richtung Süden beginnen, geraten Unklarheiten zunächst etwas in den Hintergrund. Die Flucht aus der Anstalt hat immerhin bisweilen das hysterische Format eines Natural Born Killers und wirkt vor allem durch das extrovertierte Spiel von Jessica Madsen. Die bisher nur in Kurzfilmen aktiv gewordene Darstellerin gibt eine wahrlich wahnsinnige Gruppen-Anführerin und empfiehlt sich für Größeres. Schon die Szene, in der sie einer Nebenbuhlerin eine Maus in den Mund stopft, reicht für einen ersten (fiesen) Eindruck. Und wenn sie mit den Worten: „Scheiße, ich liebe Texas“ die soeben gefundene Pumpgun zu ihrem Freund wirft, der damit kurze Zeit der Kellnerin ein fußballgroßes Loch in den Schädel schießt, dann ist ersichtlich, dass sie Spaß an ihrer Rolle hatte. Sie ist sich nicht mal zu schade für eine Szene, die an Jörg Buttgereits ersten Langfilm erinnert (Sinnfrage hin oder her). Undankbarer ist da schon die Rolle der Lizzy, die Vanessa Grasse aufs nette Mädchen von Nebenan beschränkt.
Was die Fans der TCM-Reihe vielleicht etwas die Augenbrauen hochziehen lassen wird, ist die Tatsache, dass die titelgebende Hauptfigur über weite Strecken eine Randerscheinung ist. Man schaut dem Treiben des psychopathischen Paares Clarice/Ike zu und wartet ein wenig darauf, dass die Wandlung vollzogen wird. Nach etwa 50 Minuten gibt es dann aber eine durchaus unangenehme Szene, die mal nicht von Clarice oder Ike vollzogen wird. Dennoch: Um wirklich echte TCM-Stimmung aufkommen zu lassen, muss man sich dann doch bis zum Finale gedulden.

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Clarice geht’s an den Kragen

Womit wir bei der dargestellten Gewalt sind. Klar ist: Leatherface ist brutal und die psychopathische Stimmung intensiviert das noch. Kein Wunder, dass die FSK-18-Fassung um zirka drei Minuten erleichtert wurde. Gerade die Tatsache, dass Gewalt hüben wie drüben zur „Lösung der Probleme“ genutzt wird und keine große Unterscheidung zwischen Gut und Böse geschieht, rechtfertigt die Tatsache, dass der Film keineswegs für Jugendliche zugänglich gemacht werden sollte. Die SPIO-JK-ksJ-Fassung zeigt sämtliche Szenen, wobei vieles zwar brutal ist, aber nicht frontal gezeigt wird. Wer also neue Exzesse in Sachen Ultrabrutalität sucht; wer gerne Nahaufnahmen von auseinandergesägten Knochen hätte oder aufgespaltene Schädel, der … muss bis zur 76.. Minute warten, wenn’s erstmals sehr deftig und derbe mit direkt draufgehaltener Kamera zugeht. Dann erfüllt sich zumindest auch das, was man von der Titelfigur erwartet, selbst wenn bei der Erklärung der Motivation Jeds viel Potenzial ungenutzt bleibt.
Diesem Manko gegenüber stehen allerdings die durchaus zahlreichen Verweise auf den Originalfilm und dessen Fortsetzungen. Man merkt dem Film seinen Respekt vor Tobe Hoopers Kultfilm an, was die Fans durchaus begeistern sollte. Ob, wie man sich erhofft hatte, damit ein neues Franchise eröffnet ist, das zusätzliche Sequels folgen lässt, in denen man die weitere Entwicklung der Titelfigur nachvollziehen kann, bleibt allerdings offen. Denn der bisherige Erlös über die entsprechenden Vertriebskanäle (Filmfestivals, limitierter Kino-Release) blieb bis dato überschaubar.
Damit sich das vielleicht hierzulande ein wenig ändert, veröffentlicht Turbine Leatherface in diversen Varianten. So gibt’s das Blu-ray Steelbook in einer 5000er Auflage, ein exklusives Digibook bei Müller und im benachbarten Ausland noch drei unterschiedliche, je auf 1000 Exemplare limitierte Mediabooks mit jeweils anderen Cover-Varianten. Der Inhalt ist dort allerdings immer gleich: Blu-ray, DVD sowie ein fettes Booklet.

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Verna schwingt die Säge höchstselbst

Bild- und Tonqualität

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Hartman schaut seinem Schicksal ins Auge

Wer die bisherigen TCM-Filme kennt, der weiß auch um den Look. So wird dann konsequenterweise auch in Leatherface mit dem bekannten Braunfilter gearbeitet, was die Bilder atmosphärisch düster erscheinen lässt. Das sonst so deutlich genutzte Korn tritt hier allerdings erst in den wirklich dunklen Szenen auf, beispielsweise während des Ausbruchs aus der Anstalt. In den ersten 15 Minuten bleibt das Bild erstaunlich ruhig und gleichmäßig. In den Close-ups ist die Schärfe anständig, lässt manchmal aber an den Rändern etwas nach.
Akustisch dürfen die beiden dts-HD-Master-Spuren in 7.1 durchaus zeigen, was sie können. So zirpen die Zikaden stimmungsvoll von den Rears und intensivieren die Atmosphäre unter der schwülen Südstaaten-Sonne. Die Gewaltausbrüche werden mit Dynamik wiedergegeben und Schüsse aus der Pumpgun produziert Leatherface druckvoll. Wenn Ike die Kellnerin mit der Flinte einen Kopf kürzer macht, splattert es ausgiebig und gut hörbar von den Rears (39’50) und der Regen nach etwas über einer Stunde geht ebenfalls auf sämtlichen Speakern runter (65’00). Stimmen bleiben dazu sehr gut verständlich und auch die Synchronfassung ist homogen eingebettet. Die Kettensäge letztlich, fräst sich ziemlich unangenehm durch sämtliche Lautsprecher und hinterlässt sicherlich bei dem einen oder anderen eine schaurige Gänsehaut.

Bonusmaterial

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Eine Szene aus dem alternativen Anfang

Im Bonusmaterial von Leatherface warten zunächst einige entfernte Szenen inkl. alternativem Anfang und Ende. Bspw. erfährt man hier, dass Bud durchaus ein gestörtes Verhältnis zur Kettensäge hat. Außerdem läuft das alternative Ende gut sieben Minuten und ist auf der einen Seite blutiger und auf der anderen noch wesentlich perfider als das im Film verwendete.
Dazu gesellen sich fast 100 Minuten an Interviews mit 13 Teilnehmern der Cast & Crew sowie ein Promo-Featurette. Kernstück ist das Making-of mit gut 13 Minuten Dauer sowie der Hinter-den-Kulissen-Bericht mit der gleichen Laufzeit. Ersteres erzählt davon, dass die Macher die Möglichkeit bekamen, einen ganz neuen Ansatz für das TCM-Franchise zu liefern. Aber auch die Arbeiten mit dem Regie-Duo werden ausführlich beschrieben. Letzteres ist ein unkommentierter Blick hinter die Kamera und heißt woanders B’Roll. Wer mehr über das komplette Franchise erfahren möchte, dem sei das vorzügliche Booklet mit 36 Seiten Umfang empfohlen, das alle acht Filme und ihre Entstehungsgeschichte nacheinander beschreibt.

Fazit

Leatherface mag den einen gefallen und den anderen eher nicht. Was er auf jeden Fall ist, ist ein Wendepunkt im Franchise, nachdem nun alle Karten neu gemischt werden können. Ob und wie es weiter geht, steht dabei aktuell noch in den Sternen, aber es wird vermutlich nicht in der bisher bekannten Form sein. Schade, dass Hooper diesen Neuanfang nicht mehr miterleben konnte. Sein Tod am 26.08.2017 hinterlässt eine große Lücke bei Fans und im Genrekino.
Timo Wolters


Bewertung

Bildqualität: 75%
Tonqualität (dt. Fassung): 75%
Tonqualität (Originalversion): 75%
Bonusmaterial: 70%
Film: 60%

Anbieter: Turbine Medien
Land/Jahr: USA 2016
Regie: Alexandre Bustillo, Julien Maury
Darsteller: Stephen Dorff, Lili Taylor, Sam Strike, Vanessa Grasse, Finn Jones, Sam Coleman, Jessica Madsen, James Bloor
Tonformate: dts HD-Master 7.1: de, en
Bildformat: 2,35:1
Laufzeit: 87’20
Codec: AVC
FSK: ungeprüft
SPIO-JK geprüft: Keine schwere Jugendgefährdung

Trailer zu Leatherface


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