mother!

Blu-ray Review

mother! Blu-ray Review Cover
Paramount Home/Universal Pictures, 25.01.2018

OT: mother!

 


Ein Opfer für die Kunst

Darren Aronofskys jüngster Film: Meisterwerk oder kunstvoller Trash?

Inhalt

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Die Frau hat eine besondere Beziehung zu dem Haus aufgebaut …

Die Frau lebt seit langem mit ihrem Ehemann, einem mittlerweile in der Schaffenskrise steckenden Dichter, in einem abgeschiedenen Landhaus im viktorianischen Stil. Nachdem das Anwesen vor Jahren einmal abgebrannt war, hat Sie viel Zeit investiert, das Haus wieder bewohnbar zu machen. Eines Tages steht plötzlich ein Fremder vor der Tür und zu ihrer Verwunderung bittet ihr Ehemann diesen hinein. Mehr noch: Er bietet dem offensichtlich kranken Mann an, bei ihnen für kurze Zeit einzuziehen. Der Fremde, ein Doktor steht vor dem Abschluss einer wichtigen Arbeit und hatte angenommen, das Haus des Ehepaares sei ein Bed & Breakfast. Auch dessen Ehefrau, die nicht viel später vor der Tür steht und ebenfalls um Einlass bittet, lässt der Mann hinein. Die Frau des Dichters verstört dieser Zustand mehr und mehr. Erst recht, als auch noch die Söhne der Fremden auftauchen und in einem Streit der eine den anderen erschlägt. Während der Trauerfeier für den Verstorbenen, die ebenfalls in dem Haus stattfindet, eskaliert die Situation und die Fremden reisen ab. Tags darauf merkt die Frau, dass sie schwanger ist, was die Schreibblockade des Ehemanns löst und ihn vor Ideen nur so sprühen lässt. Die Situation scheint sich wieder zu entspannen – bis zu dem Tag, da die Fans des Dichters in Scharen anreisen, um dessen neues Werk zu feiern. Sie dringen in das Haus ein, reißen alles an sich, was sie mitnehmen können und töten bald darauf scheinbar wahllos Menschen. Keine gute Umgebung für die Niederkunft der jungen Frau des Dichters …

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… und entdeckt immer wieder neue Seiten in dem alten Gemäuer

Darren Aronofsky kann nur kontrovers. Das begann schon 1998 mit Pi, ging zwei Jahre später mit dem ultradüsteren Drogen-Drama Requiem for a Dream weiter und gipfelte zuletzt im sensationell erfolgreichen Black Swan. Selbst seine Blockbuster-Versuche geraten dunkel und beleuchten die Abgründe der Seele (Noah). in mother! knüpft er sich nun das Subgenre des Home-Invasion-Thrillers vor und verleiht dem Thema in seinem von ihm selbst geschriebenen Drehbuch die erwartete, ganz eigene Note. So beginnt sein Werk (wie immer) sehr atmosphärisch und steigert sich dann über die Ängste seiner Hauptfigur nach und nach in immer surrealere Alptraum-Welten. Dass auch sein jüngster Film alles andere als einfache Kost ist, wird jeder bemerken, der die obige Inhaltsangabe gelesen hat. Es ist schwer, den Film inhaltlich zu beschreiben, ohne es wirken zu lassen, als hätte der Drehbuchautor (also Aronofsky) nicht Tonnen von bewusstseinserweiternden Drogen geschluckt, als er die Geschichte niederschrieb. Und der Konsum solcher wäre zumindest nachvollziehbar, wenn man vorhat, den fertigen Film wirklich zu verstehen. Die zahlreichen Andeutungen (da hat ihn Noah wohl inspiriert) an die Schöpfung und die Niederkunft, die vielen scheinbar völlig zusammenhanglosen Visionen und Ereignisse, die absurden Taten der Eindringlinge – das alles sorgt zwar einerseits für viel Interpretationsmöglichkeit auf der Meta-Ebene, aber eben auch für Verwirrung bei Zuschauern, die sich nicht so tief auf das Geschehen in mother! einlassen können oder wollen.

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Die Fremden benehmen sich wie die Axt im Walde

Eins ist aber klar: Ohne Jennifer Lawrence und deren außergewöhnlich intensives Spiel wäre mother! nicht der faszinierend-kompromisslose Film geworden, der er ist. Da die Kamera praktisch ständig auf sie fokussiert ist, ihr folgt, über die Schulter schaut oder aus ihrem Blickwinkel filmt, ist Lawrence Dreh- und Angelpunkt von mother!. Auf sie konzentrieren sich alle Emotionen des Zuschauers. Mit ihr leidet man, wenn der Ehemann die Anerkennung und die gute Gastgeberschaft vor das Interesse an seiner Frau stellt. Und man ist ebenso schockiert wie sie, wenn nach einer Dreiviertelstunde die erste Eskalationsstufe für ein kleines Blutbad im Anwesen sorgt. Spätestens hier hat der Film seinen ersten packenden Höhepunkt, der schon alleine durch die angesprochene Kameraführung für ein intensives Erleben sorgt. Wie es aber bei so ziemlich jedem Höhepunkt ist, so folgt auch hier eine Phase, die sich etwas zieht. Immer noch mehr Leute ins Haus zu lassen, bewirkt keine Steigerung des Schreckens. Vielmehr gerät mother! in diesen Szenen in Gefahr, aus dem Ruder zu laufen und wirkt für kurze Zeit lachhaft. Besser funktionieren die ähnlich übervölkerten Szenen zum Finale hin, die den “Kunst gehört Allen”-Tenor wörtlich nehmen und für Anarchie im Haus sorgen. Das ist für den Zuschauer zwar schwer erträglich und besitzt einen gewissen Strengt-die-Nerven-an-Faktor, zeigt aber erneut, dass Aronofsky nun mal keine Kompromisse macht – und schon gar nicht als Zugeständnis an Sehgewohnheiten. Denn die untergräbt der Regisseur spätestens in der letzten Viertelstunde derart krass, dass nicht nur Fans von Jennifer Lawrence ihren Blick schmerzvoll abwenden werden.

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Die Frau setzt selten einen Schritt vor die Tür

Bild- und Tonqualität

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Am Anfang kann der Mann seine Frau noch beruhigen

Das Bild von mother! orientiert sich ein wenig am körnig-düsteren Look, den Arronofsky schon bei Noah nutzte, um Atmosphäre zu erzeugen. Durchweg geht es selbst in den gut ausgeleuchteten Szenen relativ dunkel zu. Das genutzte Korn lässt den Film nicht nur analog erscheinen – immerhin ließ der Regisseur seinen angestammten Kameramann Matthew Libatique weite Teile des Films mit 16mm und 35mm-Analog-Apparaten drehen. Bisweilen ist es farblich dann auch noch so stilisiert, dass eine Kontrast-Dynamik sich praktisch gar nicht einstellen will (Blick nach Draußen: 03’41). Schwarzwerte sind durchweg nur mittelprächtig und Weiß wirkt stets gräulich. Dazu kommen die gelbgrünen Hautfarben während der available-Light-Szenen im Inneren des Hauses, die Gesichter bisweilen komplett konturenlos erscheinen lassen. Die Schärfe ist in Close-ups noch gut, lässt aber in Halbtotalen bereits nach. Randprobleme gibt’s indes nicht. Subjektiv passt das Bild zum Film. Objektiv sieht es nicht gerade gut aus.
Leider muss man beim Ton von mother! auch hier wieder sagen: “Typisch Paramount”. Erneut schafft es der Anbieter, die englische Tonspur in Dolby Atmos abzulegen, während die deutsche Synchronausgabe in antiquiertem Dolby Digital daherkommt. Man muss schon viel Großmut haben, das als deutscher Film- und Heimkinofan im Jahre 2018 zu tolerieren oder gar gut zu finden. Wir reden hier immerhin über das gleiche Dolby Digital, das es bereits zur Einführung der DVD im Jahre 1997 gab. Das ist, wohlgemerkt, 21! Jahre her. Jetzt kann es natürlich sein, dass auch eine komprimierte DD-Spur annehmbar klingt. Dennoch bleibt der Ärger darüber, dass man hierzulande von Paramount nicht gerade als Fan betrachtet wird und offenbar nur für wenige Titel Geld in die Hand nimmt, um sie technisch auch im Deutschen auf aktuellsten Stand zu bringen.

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Doch bald schon ist es mit der Ruhe vorbei

Dass die Atmos-Fassung besser klingt, zeigt schon die Feuersbrunst zu Beginn, die viel stärker prasselt und deutlich mehr Druck erzeugt. Für eine Dolby-Digital-Spur geht zwar in Ordnung, was der deutsche Sound daraus macht, aber im direkten Vergleich ist es eben KEIN Vergleich. In Sachen Atmos gibt es erste Höheninformationen dann in der nächsten Szene, wenn sich das Haus wieder verwandelt und hübsch wird. Aber auch die reguläre Räumlichkeit ist hier wunderbar. Wenn J.Law vor die Tür tritt und der Wind durch die Natur streicht, hört man die wehenden Grashalme von überall. Auch das Eigenleben des Hauses wird äußerst direktional auf den Zuschauer übertragen. Es klappert bedrohlich, Schritte verursachen Knarzen und die visuellen Effekte während der Lawrence’ Visionen werden ebenfalls räumlich wiedergegeben. Der englische Atmos-Sound hält darüber hinaus immer wieder großartige Geräusche von den Heights parat, wenn etwas in den oberen Etagen passiert. Beispielsweise wenn Michelle Pfeiffer in des Mannes Raum möchte (33’38) oder der Kristall zu Boden fällt (35’22). Zwar bleibt es bei ebensolchen Szenen, um die Atmos-Spur in Sachen 3D-Sound aktiv werden zu lassen, doch das wird spätestens im chaotischen Finale von unglaublich räumlichen Geräuschen und Geschrei ergänzt, die über die reguläre Surround-Ebene für eine äußerst realistische Akustik sorgen. Dann darf auch der Subwoofer mal wieder zur Tat schreiten, wenn die Wehen der Frau von ihrer bevorstehenden Niederkunft verkünden und erst recht, wenn danach der Kriegszustand ausbricht (ab 92’50).
Die hiesige DD-Fassung kann das in Sachen Räumlichkeit zwar auch gut, klingt im unteren Frequenzbereich aber etwas dumpfer und bei Weitem nicht so dynamisch wie die englische Version. Das wird besonders im 20-minütigen Finale deutlich, in dem es immer lauter und heftiger wird. Gerade das brutale Wabern während der Lawrence’ Wehen-Anfälle wirkt undifferenziert und geht sogar ein bisschen unter. Das passiert der Atmos-Spur überhaupt nicht.

Bonusmaterial

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Wenn der Ruhm des Mannes zur tödlichen Gefahr wird

Im Bonusmaterial von mother! wartet mit “mother! die abwärtsspirale” ein Making-of, das gut eine halbe Stunde läuft und von der aufwändigen Vorbereitung der Proben bis hin zum Bau des Haues reicht. Oft ist man extrem nahe dabei, wenn die unterschiedlichen Kameras bspw. den Kampf zwischen
Ein zweites Featurette kümmert sich um die make-up-effekte des Films. Hier kommt Make-up-Designer Adrian Morot zu Wort, der nicht nur die eigentlichen Schmink-Geschichten verrät, sondern auch die Arbeit mit dem Baby (das im Übrigen ein Roboterbaby war). Auch die Schrotflinten-Schockeffekte legt er offen und erzählt, dass Aronoafsky sich visuell an die Schusswunden von Verwundeten im Ersten Weltkrieg orientiert hat.

Fazit

Schwangeren sei vor der Sichtung von mother! eindringlich gewarnt. Auch alle anderen sollten (sehr) aufgeschlossene Arthaus-Fans sein. Denn das, was Aronofsky hier an menschlichen Abgründen auftut, ist schwer verdaulich und wird die Zuschauer im Urteil auf die gleiche Weise spalten, wie der Einleitungssatz es so bewusst zugespitzt formuliert hat. Mit einem guten Gefühl, so viel sei verraten, geht vermutlich niemand aus diesen zwei Stunden heraus.
Timo Wolters


Bewertung

Bildqualität: 60%
Tonqualität (dt. Fassung): 70%

Tonqualität BD/UHD 2D-Soundebene (Originalversion): 90%
Tonqualität BD/UHD 3D-Soundebene Quantität (Originalversion): 50%
Tonqualität BD/UHD 3D-Soundebene Qualität (Originalversion): 80%

Bonusmaterial: 60%
Film: 75%

Anbieter: Paramount Home/Universal Pictures
Land/Jahr: USA 2016
Regie: Darren Aronofsky
Darsteller: Jennifer Lawrence, Javier Bardem, Michelle Pfeiffer, Ed Harris, Domhnall Gleeson, Brian Gleeson, Stephen McHattie, Kristen Wiig, Stefan Simchowitz, Jovan Adepo, Robert Higden
Tonformate: Dolby Atmos: en // DD 5.1: de
Bildformat: 2,35:1
Laufzeit: 121
Codec: AVC
FSK: 16

Trailer zu mother!


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