Race – Zeit für Legenden

Blu-ray Review

Universum Film, 06.01.2017

OT: Race

 


9,93

Fasinierendes Sportlerporträt vor politsch instabilem Hintergrund.

Inhalt

Jesse läuft für sein Leben gerne

Als Erstem aus seiner Familie gelingt es Jesse Owens, ein Stipendium fürs College zu ergattern – ziemlich ungewöhnlich in einer Zeit, in der Schwarze alles andere als zivilisiert behandelt werden. Man befindet sich inmitten der 30er Jahre und während in Deutschland die Nazis beginnen, ihre Macht voll auszuspielen, müssen in den USA farbige Menschen auf den hinteren Plätzen der öffentlichen Busse platznehmen. Owens sieht im Besuch der Ohio State University aber seine Chance und versucht, über sämtliche „Bimbo-“ und „Neger“-Kommentare hinwegzusehen. Sein Traum ist es, mit seinem Lauf- und Weitsprungtalent Coach Larry Snyder zu überzeugen. Der Trainer war selbst erfolgreicher Läufer, hat aber zuletzt kein Glück mehr gehabt, ein neues Talent zu finden. Als Snyder den jungen Owens laufen sieht, findet er zwar dessen Start und Haltung furchtbar mies, doch die Zeiten, die er läuft, sind mehr als vielversprechend. Snyder ist sich sicher, Owens zur Goldmedaille der Olympischen Spiele von Berlin zu machen – wenn es die Spiele denn gibt. Aufgrund der Ereignisse in Deutschland erwägt das amerikanische Olympische Komitee, den Spielen fern zu bleiben. Avery Brundage, Bauunternehmer und Mitglied des Komitees, macht sich auf ins Land der Austragung und erwirkt bei Göbbels, dass Propaganda und Vorbehalte gegen Juden und Schwarze vermindert werden. Währenddessen stellt Owens zuhause einen Rekord nach dem anderen auf (während einer Veranstaltung gar drei offizielle innerhalb von 45 Minuten) und qualifiziert sich für die Olympischen Spiele 1936 in Berlin. Doch dann sieht es so aus, als würde sich sein Traum von der Olympiateilnahme doch nicht erfüllen, weil das amerikanische Komitee erwägt, Hitler eine Absage zu erteilen. Und selbst als deren Entscheidung feststeht, appeliert die Hilfsorganisation für Farbige im US-Sport an ihren Vorzeige-Athleten, nicht zu den Spielen zu fahren, um sich mit den unterdrückten Juden in Deutschland zu solidarisieren …

… in einer Zeit, in der Respekt den afroamerikanischen Bürgern gegenüber noch ein Fremdwort ist

Race – Zeit für Legenden ist ein von der ersten Minute an fesselndes Sportlerporträt vor dem Hintergrund einer politisch äußerst schwierigen Zeit. Während Die Hauptfigur in packenden Sportszenen zeigt, wie dominant er seine Rennen gewinnt, verschweigt Stephen Hopkins‘ (Explosiv – Blown Away) Film zu keiner Zeit, mit welchen Schwierigkeiten Schwarze in den USA zu tun hatten. Angefangen bei der Tatsache, dass sie auf den hinteren Plätzen der Busse sitzen mussten, über die offenen Anfeindungen am College und die ungläubigen Blicke derer, die nicht mal damit rechnen, dass Farbige überhaupt auf die Uni gelangen. Exemplarisch für diese Aspekte steht Snyders Ansprache wider die Ablenkung, wenn er Owens und seinen beiden weiteren schwarzen Schützlingen erklärt, wie sie den Lärm um sie herum ausblenden lernen müssen. Grandios pegelt der Film langsam das rassistische Geschrei der weißen Footballspieler herunter und zeigt, worauf sich Jesse konzentrieren muss (25’00). Parallel zum schauspielerisch herausragenden Duo Stephen James/Jason Sudeikis kämpft ein abgeklärter und geradeheraus formulierender Jeremy Irons als Brundage einen scheinbar einsamen Kampf für die Beteiligung der USA an den Spielen. Bedrückend, wenn vor dessen Augen Juden in LKWs verladen werden, während keine paar Kilometer entfernt das größte Stadion der Welt gebaut wird, um die Nation zu feiern (20’00). Während des darauf folgenden Gesprächs mit Goebbels (ebenso feige wie dämonisch: Barnaby Metschurat) spart Brundage nicht mit klaren Worten vor den am Tisch sitzenden Nazis. Dass schon damals wirtschaftliche Verstrickungen am Werk waren, ist umso erstaunlicher und schlägt eine Brücke zu den skandalösen Großveranstaltungen der letzten Jahre. Irons stellt den Baulöwen mit viel Emotion dar, obwohl man sich als Zuschauer immer wieder fragt, ob der Boykott nicht doch der moralisch konsequentere Weg gewesen wäre – zumindestens sind die Hintergründe Brundages eher zweifelhaft. Inhaltlich konzentriert sich Race – Zeit für Legenden vollständig auf die Zeit rund um die Olympischen Spiele und lässt den vorherigen Werdegang Jesses außer Acht.

Coach Snyder entdeckt das Talent des jungen Sprinters …

Allerdings reicht dieser Stoff locker für die knapp zwei Stunden Laufzeit und entwickelt diverse spannende Höhepunkte. Natürlich läuft das im Grunde nach bekanntem Schema ab, doch wenn’s so ambitioniert und leidenschaftlich vorgetragen wird, wie es hier der Fall ist, darf man auch über einen vorhersehbaren Verlauf hinwegsehen. Nachwuchsdarsteller Stephen James überzeugt dabei sowohl in den sportiven Szenen als auch während der Phase, in der er beschließt, nicht teilzunehmen. Herausragend ist dabei, dass er sich nicht als pathetischer Kämpfer gegen Rassismus instrumentalisieren lässt, sondern seinen eigenen, eher unaufgeregten und individuellen Weg geht. Der machte ihn am Ende zum Seriensieger der Spiele und zum Helden seines Sports. Ein wenig zu romantisch wird die dezent aufkeimende Freundschaft zwischen dem Deutschen Weitspringer Luz Long und Owens geschildert. Zwar stimmt, dass der Deutsche als Silbermedaillengewinner als Erster Jesse gratulierte und die zwei gemeinsam eingehakt Richtung Führer-Tribüne liefen, doch der daraufhin von Luz ausformulierte Anti-Hitlerismus wirkt wenig glaubhaft, war Long doch bereits Mitglied in des NS-Studentenbundes, trat später sogar in die SA ein wurde 1940 Mitglied der NSDAP. Allerdings honorierte Owens dessen Gratulation nachträglich und sprach ihm eine Menge Mut zu, einen derartigen Affront gegen Hitler zu wagen. Wirklich sauer war Owens nur auf Präsident Roosevelt, der (im Auge des Wahlkampfes) weder ein Glückwunsch-Telegramm schickte, noch ihm die Hand schüttelte, als er wieder in den USA zurück war.

… und führt ihn von Erfolg zu Erfolg

Bild- und Tonqualität

Brundage kämpft für die US-Beteiligung an den Spielen

Race – Zeit für Legenden hat ein stets etwas stilisiertes Bild. Abhängig vom Drehort ist es mal bläulich gefärbt (Anfang bei Jesses Familie) und mal deutlich sepiafarben. Das passt hervorragend zum Thema. Allerdings hätte der Kontrastumfang durchaus größer sein dürfen, denn Schwarzwerte sind eher verhalten. Die Schärfe geht halbwegs in Ordnung, allerdings wurde (ebenfalls aus Gründen der Authentizität) ein dezenter Weichzeichner integriert, der Köpfen einen leichten Schein verpasst. Die Bildruhe ist durchweg gut, nur ein leichtes Korn ist sichtbar.
Offen und räumlich beginnt Race – Zeit für Legenden mit einem fetzigen Song und addiert danach vorzüglich verständliche Dialoge. Während der großen Massenszenen gibt es Rundumsound für Gänsehaut und einen wunderbar stimmigen Score (15’30). Der Schwenk über den Berliner Flughafen Tempelhof mit vorbeifliegenden Propellermaschinen sorgt dann endgültig für ein eindrucksvolles Sounderlebnis (18’53) und wenn der Bus am Stadion vorbeifährt, gibt’s schön grummelnde Grüße vom Subwoofer (68’09) – ein wirklich lebhafter und toller Score.

Bonusmaterial

Goebbels lässt sich auf einen Deal mit Brundage ein, doch hält er sich auch daran?

Neben dem Trailer hält das Bonusmaterial von Race elf Interviews mit Cast & Crew bereit. Dazu gesellt sich ein Making-of, das mit vier Minuten allerdings ziemlich kurz und inhaltslos ausfällt. In „Owens-Schwestern“ geht es um die beiden Töchter des Sportlers, die den Film von Beginn an unterstützten. „Verwandlung in Jesse Owens“ zeigt hingegen, wie Stephen James für den Film trainierte – und das nicht nur in Sachen Ausdauer, sondern auch in punkto Studium, wie Jesse während des Rennens und am Start aussah.

Fazit

Race – Zeit für Legenden ist ein packendes Sportlerdrama mit zeitpolitischem Hintergrund, das von Anfang bis Ende fesselt. Dabei hält es eine ausgewogene Balance zwischen persönlichen/sportlichen und gesellschaftspolitischen Aspekten – absolut empfehlenswert.
Timo Wolters


Bewertung

Bildqualität: 70%
Tonqualität (dt. Fassung): 80%
Tonqualität (Originalversion): 80%
Bonusmaterial: 40%
Film: 80%

Anbieter: Universum Film
Land/Jahr: Frankreich/Deutschland/Kanada 2016
Regie: Stephen Hopkins
Darsteller: Stephan James, Jason Sudeikis, Jeremy Irons, Carice van Houten, William Hurt, Eli Goree, David Kross, Barnaby Metschurat
Tonformate: dts HD-Master 5.1: de, en
Bildformat: 2,35:1
Laufzeit: 117
Codec: AVC
FSK: 0

Trailer zu Race – Zeit für Legenden

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