Radio Heimat – Damals war auch scheiße!

Blu-ray Review

Radio Heimat - Damals war auch scheiße Blu-ray Review Cover
Concorde Home, 26.05.2017

OT: –

 


Glück auf!

Die Jugend im Ruhrgebiet der 80er Jahre.

Inhalt

Radio Heimat - Damals war auch scheiße Blu-ray Review Szene 3
Vier Jungs, vier Ruhrpott-Kumpels

Bochum im Sommer 1983: Frank, Pommes, Spüli und Mücke sind die besten Kumpels. Was sie aber auch (immer noch) sind: Jungfrauen. Und das finden sie ziemlich uncool, weshalb es nun endlich mal geändert werden soll. Die erste Idee, eine Band zu gründen, schlagen sie bald in den Wind, denn es reicht nur zum Kirchenchor. Was macht man also mitten im Ruhrgebiet der 80er? Genau: Man geht zum Tanzkurs. Doch weil so ziemlich jeder Junge der Stadt ausgerechnet mit Carola Rösler tanzen möchte, wird’s für Frank erneut schwer. Zumal er so richtig in die Mitschülerin verknallt ist. Auch die Tipps von seinem Vater zünden nicht. Nicht verwunderlich, hatte der sich doch in seiner eigenen Jugend auch nicht sonderlich geschickt angestellt. Doch vielleicht hat sich ja doch noch etwas ereignet, wenn der Sommer vorbei ist …

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Zeitreise in die 80er im Ruhrgebiet

Wenn die Mädels „BVB Forever“ auf dem Steißbein tätowiert haben und die Bewohnter auf der Kohlehalde stehend zu sich sagen „Watt ’ne geile Gegend“, dann befindet man sich augenscheinlich nicht in einer von Rita Flaks Eberhofer-Verfilmungen (Winerkartoffelknödel) sondern mitten im Herzen Deutschlands, wie der Kohlenpottler gerne zu glauben pflegt. Matthias Kutschmann, der bisher nur mit Kurzfilmen auf sich aufmerksam machte, nahm sich Frank Goosens (Liegen lernen) Vorlage an und schrieb das Drehbuch zu Radio Heimat gleich selbst. Mit ins Boot holte man die Ruhrpott-Spezialisten Adolf Winkelmann (Jede Menge Kohle, Junges Licht) und Peter Thorwarth (Bang Boom Bang, Nicht mein Tag), die ganz genau wissen, wie man das Lokalkolorit der Gegend von Zechen und echte Maloche einfängt. Goosens Roman und damit der Film spielen augenscheinlich in den 80ern, der finalen Blütezeit des Potts – sozusagen des Winters von Zechen und Produktion, die in den 90ern nach und nach geschlossen wurden. An den Straßenrändern steht der Ford Capri, der Porsche der Arbeiterschicht und wennze nachem Wech frachst, musse damit rechnen, datte die ganze Litanei von Ereichnissen erklärt kriss (großartiger Gastauftritt: Herbert Knebel). Gedreht wurde an Originalschauplätzen (natürlich) und vor Originaltapeten (eh klar). Die sensationelle Ausstattung vom dab-Meister-Pils in der bauchigen Flasche über Katzenzungen bis hin zum „Gelsenkirchener Barock“, den typischen Polstermöbeln der 80er, fördert eine Atmosphäre, in der man sich von der ersten Sekunde an heimisch fühlt – wenn man denn aus der Gegend stammt. Die jungen Darsteller der vier Hauptfiguren kommen dazu erfrischend unverbraucht rüber und sind gerade deshalb so authentisch.

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Für die einen ist es Rumba, für die anderen die unbeholfene Art, sich arhythmisch zu bewegen

Natürlich konnte Kutschmann auch in Sachen Nebendarsteller aus dem Vollen schöpfen. Ehrensache, dass die bekannten Schauspieler aus dem Pott allesamt auflaufen. Ob das Peter Lohmeyer, Willy Thomczyk, Hans Werner Olm oder die Essenerin Anja Kruse sind. Grandios, ja geradezu grenzgenial ist aber der Besetzungscoup, Ralf Richter und Elke Heidenreich als Tante Henni und Onkel Josef zu casten. Zwar ist Heidenreich eine gebürtige Hessin, aber wenn sie mit Dauerwelle aus ihrem Kiosk heraus die missmutigen Fußballfans mit „Bürschchen“ tituliert, nur damit Richter seine Kalle-Krabowski-Rolle zitieren darf, dann lacht das Herz des Ruhrgebietlers. Radio Heimat ist aber vor allem eine Geschichte über das Erwachsenwerden, über die Pubertät und den Kontakt mit dem anderen Geschlecht. Dabei bedient sich der Film strukturell der Ich-Erzähler-Form des Buchs, indem er seine Hauptfigur die permanente Ansprache ans Publikum richten lässt. Dass die Adaption dazu sehr episodenhaft geschildert wird, liegt daran, dass Goosens Vorlagen Radio Heimat und Mein Ich und sein Leben ebenfalls Kurzgeschichten sind. Das wirkt zwar im Film ab und an etwas gestückelt, doch auf diese Weise wird gerade deutlich, dass das Leben in der Jugend halt aus kurzen Episoden besteht. Großartig funktioniert das Gegenüberstellen der ersten Erfahrungen der Jugend mit den altklugen Tipps der Eltern, die (so zeigen es die Rückblicke) sich ebenso dämlich angestellt haben. Die Ehe von Franks Vater und das Kennenlernen der beiden Eltern war beispielsweise ein einziges Chaos und eher von Zufällen denn von geplanten Aktionen geprägt. Wer in den 80ern groß geworden ist, wird sich hier praktisch in jeder Szene wiederfinden. Gerade die Beschreibung der Freibad-Situation weckt gleichzeitig ebenso schöne wie unangenehme Erinnerungen an die eigene Jugend. Dazu gesellt sich die zeitgenössische Musik, die von Elektropop über Schlager und NDW bis hin zu den punkigen Klängen der frühen 80er reicht. Das Dauerschmunzeln, das man im Gesicht hat, wenn man sich Radio Heimat anschaut wird man jedenfalls kaum los – selbst wenn es auch mal sentimental zugeht und ein wenig Ruhrgebiet-Romantik Einzug hält.

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„Fremdgehen ist auch scheiße!“ – Tante Henni und Onkel Josef feiern 50.

Bild- und Tonqualität

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Die unangenehmen Momente einer Jugend im Freibad

Das Bild von Radio Heimat wurde ganz bewusst im warmen Braun-Look gehalten, um die Zeit und vor allem das leicht Schmutzige Flair rüberzubringen. Die Schärfe ist durchweg mittelmäßig und während der dunkleren Szenen gibt’s auch schon mal ein deutlich sichtbares Korn. Beim Kontrastumfang muss man ebenfalls Abstriche machen, denn Schwarzwert und Bilddynamik bleiben wenig prächtig.
Der Sound von Radio Heimat legt von Beginn an mächtig los – zumindest was die Bass-Gewalt angeht. Die Musik ebenso wie die Dialoge sind dabei allerdings doch ein bisschen überbetont brummig. Gerade die Stimmen, die sich direkt an den Zuschauer richten, kommen etwas dumpf rüber. Dafür ist der Film überraschend räumlich – und das nicht nur während der Filmsongs. Wobei Joachim Witts Goldener Reiter wirklich prächtig im Heimkino erklingt (74’00).

Bonusmaterial

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Wenn er wüsste, wo der Whiskey versteckt war

Im Bonusmaterial von Radio Heimat findet sich ein 13-minütiges Making-of, das charmant von Regisseur Kutschmann charmant eingeführt wird und die Figuren sowie vor allem die Ausstattung vorstellt. Dazu kommt eine Set-Führung mit Kutschmann, die ebenso charmant und witzig daherkommt – ein wirklich komischer Kauz. Vier Outtakes und Spaß am Set kommen ebenfalls hinzu und vier Featurettes über Frisuren, das Styling der Schule sowie über die Musik runden das Angebot ab.

Fazit

Radio Heimat beherrscht die leisen ebenso wie die vorlauten Töne, die typisch für das Ruhrgebiet  sind – immerhin einer Gegend, in der man misstrauisch wird, wenn man nicht mit „Du alten Arschloch“ begrüßt wird. Dass er erzählerisch eher fragmentarisch ist, stört vermutlich die Filmästheten, passt aber schon alleine aufgrund der literarischen Vorlage.
Timo Wolters


Bewertung

Bildqualität: 60%
Tonqualität (dt. Fassung): 70%
Bonusmaterial: 50%
Film: 75%

Anbieter: Concorde Home
Land/Jahr: Deutschland 2016
Regie: Matthias Kutschmann
Darsteller: David Hugo Schmitz, Jan Bülow, Hauke Petersen, Maximilian Mundt, Stephan Kampwirth, Sandra Borgmann, Peter Lohmeyer, Willy Thomczyk, Ralf Richter, Elke Heidenreich, Ingo Naujoks, Anja Kruse
Tonformate: dts HD-Master 5.1: de, en
Bildformat: 2,35:1
Laufzeit: 85
Codec: AVC
FSK: 12

Trailer zu Radio Heimat

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