Sieben Minuten nach Mitternacht

Blu-ray Review

Sieben Minuten nach Mitternacht Blu-ray Review Cover
Studiocanal, 19.10.2017

OT: A Monster Calls

 


Die verborgene Wahrheit

Ebenso fantastische wie berührende Romanverfilmung.

Inhalt

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Conor will seine Mutter nicht verlieren

Conor ist zwölf Jahre alt und in der Schule eher ein Außenseiter. Die einen prügeln ihn, die anderen ignorieren ihn. Weil seine Mutter schwer an Krebs erkrankt ist und oft zu schwach ist, um sich um ihn zu kümmern, ist in diesen Zeiten seine Großmutter für ihn da. Allerdings kann er sie nicht leiden, weil sie ihn wenig liebevoll behandelt. Seine traurigen und oft wütenden Gefühle verarbeitet er, in dem er zeichnet und malt. So versucht er auch einen immerwährenden gruseligen Traum los zu werden, in dem er versucht, eine Person vor dem Hinabstürzen in ein Erdloch zu bewahren. Eines Nachts, um sieben Minuten nach Mitternacht taucht ein knorriger Baumriese vor seinem Haus auf und bereitet den verdutzten Conor darauf vor, dass er ihm drei Geschichten erzählen werde. Drei Geschichten, von denen der Junge lernen soll und an deren Ende er seinerseits eine vierte Geschichte erzählen soll. Eine, die die Wahrheit über seine Ängste preisgeben wird …

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Mit seiner Großmutter versteht sich Conor nur äußerst notdürftig

Sieben Minuten nach Mitternacht basiert auf dem viel beachteten und ausgezeichneten Buch von Patrick Ness, das er 2011 basierend auf einer Idee der Autorenkollegin Siobhan Dowd verfasste, die es ihrerseits aufgrund des eigenen Krebstodes nicht realisieren konnte. Der Spanier Juan Antonio Bayona nahm sich des Stoffs an, nachdem er schon mit The Impossible – Nichts ist stärker, als der Wille zu überleben und Das Waisenhaus gezeigt hatte, dass er intensive Dramen inszenieren kann. Wie in seinem Film über den Tsunami im Indischen Ozean, so geht es auch hier um den drohenden Tod. Allerdings ist Sieben Minuten nach Mitternacht dabei deutlich intimer angelegt. Zudem geht es Autor Ness nicht zwingend nur um die Furcht vor dem Tod, sondern vor allem um die Angst davor, jemanden zu verlieren. Das Monster tritt dabei an die Stelle eines Mentors für den jungen Helden der Geschichte. Es bereitet Conor auf das vor, was vor ihm liegt. Es hilft ihm dabei, die bevorstehenden Themen zu bewältigen, an ihnen zu wachsen und zu ERwachsen. Der Film schildert das zwar mit teilweise gruseligen Bildern, aber eben auch mit Humor. Wenn Conor dem Baumriesen gegenüber wie ein ungezogener Junge agiert, was das Monster ein wenig verdutzt zurücklässt, ist das wirklich entwaffnend und charmant. Die Geschichten selbst, die das Monster erzählt, dienen als Analogien auf Conors Leben. So lernt er, dass es nicht nur Gut und Böse gibt, sondern auch Schattierungen im Grau. Ihm wird vermittelt, dass er den Glauben nicht verlieren darf – egal, wie schwer es auch sein mag. Und die letzten beiden Geschichten konfrontieren ihn mit seiner eigenen Wut und Wahrheit.

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In der Schule flüchtet sich Conor oft in seine Zeichnungen

Wenn diese am Ende dann ausgesprochen ist, ist das ebenso wahrhaftig wie mutig und vor allem bedingungslos ehrlich. Mitunter wird so viel schonungslose Wahrheit nicht von jedem Zwölfährigen sofort differenziert zu analysieren sein, doch Sieben Minuten nach Mitternacht ist ein Film, an dem man als Jugendlicher auch wachsen kann. Viele Kinowerke beanspruchen genau das gerne schon mal für sich, doch hier trifft es wirklich zu. Regisseur Bayona und sein Drehbuchautor Patrick Ness haben die Originalstory um ein paar Details und Figuren entschlackt und die Geschichte auf die universell verständliche Botschaft kondensiert. Trotz aller Melancholie und Traurigkeit, die dem Film innewohnt und trotz einem Ende, das einen dicken Kloß im Hals zurücklässt, kann man sich emotional und intellektuell mit den angesprochenen Themen identifizieren. Und ganz nebenbei liefert Sieben Minuten nach Mitternacht poetische Momente mit wunderschöner Musik, wenn Conor seine Zeichnungen zu Papier bringt und bebildert die Geschichten des Baumwesens mit herrlich altmodischen Animationen im Aquarell-Stil. Apropos Animationen: Das Baumwesen ist in all seinen Details und Einzelheiten derart beeindruckend, dass dem Zuschauer die Spucke wegbleibt. Liam Neeson, der ihn im Original gesprochen und per Motion-Capturing zum Leben erweckt hat, scheint irgendwo im verästelten Gesicht der Eibe versteckt zu sein, so real wirkt das Wesen. Geehrt hat man seine wichtige Arbeit für den Film dann mit einem ganz kurzen „Auftritt“ am Ende des Films. Wirklich tolle und nuancierte Darstellungen legen auch Sigourney Weaver und Felicity Jones hin. Gerade Letztere zeigt, dass sie nicht nur in Blockbustern die Action-Heroine geben kann (Rogue One: A Star Wars Story) und berührt mit ihrer alles andere als einfachen Rolle.

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Es ist sieben Minuten nach Mitternacht und das Monster taucht pünktlich auf

Bild- und Tonqualität

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Conor will, dass ihm die Eibe hilft, die Mutter zu retten

Das Bild von Sieben Minuten nach Mitternacht muss damit zurecht kommen, dass viele Szenen in dunkler Umgebung spielen. Das gelingt ihm allerdings hervorragend, denn die hohe Bildruhe lässt sich davon nicht aus dem Tritt bringen. Mit warm gefilterten Farben passt der Look perfekt zum melancholisch angehauchten Thema und lässt gerade Hauttöne sehr angenehm erscheinen. Die ganz dezente Körnung ist stets unauffällig und nimmt nie großartig zu. Während der Szenen bei Tageslicht wirkt das Bild ein wenig kühler, liefert aber ebenso ausgewogene Kontraste und eine bis auf die unteren Randbereiche gute Schärfe. Farben sind ein klein wenig entsättigt und deshalb nie zu kräftig. Während der schnelleren Bewegungen wie dem Streit mit der Oma geht die Schärfe schon mal verloren und es schleichen sich vor allem Unruhen auf den Gesichtern ein.
Akustisch ist schon der Beginn mit Conors Alptraum eine echte Freude mit dynamischen Attacken und Rundherum-Sounds. Dazu kommt die tiefdunkle (manchmal etwas zu dröhnige) (Synchron)Stimme Liam Neesons, die das Monster spricht und den Subwoofer ein ums andere mal kitzelt – etwas nuancierter allerdings im Original. Aber auch der Wind, der ständig durch die alte Eibe bläst (9’55), lässt sich schaurig im Heimkino nieder. Sieben Minuten nach Mitternacht gehört definitiv zu den lebhafteren Filmen der letzten Zeit – gerade, wenn man bedenkt, dass er zu einem großen Teil dem Genre des Drama entstammt. Etwas mehr Gewicht auf dem Subwoofer hätte man sich indes von den Schritten des Baumriesen gewünscht, wenn er nach 13 Minuten erstmals auf das Zimmer von Conor zustapft. Dafür entschädigt das Knorren und Knarzen, das Quietschen und Ächzen, wenn das Monster mit Conor spricht und sich bewegt. Auch wenn im weiteren Verlauf keine neuen Geräusche hinzukommen – für ein Fantasydrama ist der Tonsektor außergewöhnlich gut.

Bonusmaterial

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Wunderschöne Zeichnungen bebildern die drei Geschichten des Baumriesen

Das Bonusmaterial von Sieben Minuten nach Mitternacht liefert zunächst mal je einen Audiokommentar von Regisseur Bayona und Autor Patrick Ness. Dazu kommen sechs Minuten an entfernten Szenen und sechs Interviews mit Darstellern, dem Filmemacher und Patrick Ness. Ein Making-of der visuellen Effekte, in dem Pre-Visualisierungen den fertig komponierten Bildern gegenübergestellt werden gesellt sich dazu. Fünf Featurettes kümmern sich außerdem um das Entstehen der Geschichte, die Besetzung des Films, die Arbeit mit Regisseur Bayona und die Erschaffung des Monsters.

Fazit

Sieben Minuten nach Mitternacht ist einer der schönsten, bewegendsten und fantastischsten, sicher aber vor allem der ehrlichste Film des vergangenen Jahres. Unbedingt sehenswert.
Timo Wolters


Bewertung

Bildqualität: 75%
Tonqualität (dt. Fassung): 85%
Tonqualität (Originalversion): 90%
Bonusmaterial: 60%
Film: 90%

Anbieter: Studiocanal
Land/Jahr: USA/Spanien 2016
Regie: Juan Antonio Bayona
Darsteller: Lewis MacDougall, Toby Kebbell, Felicity Jones, Liam Neeson, Sigourney Weaver, Geraldine Chaplin, Ben Moor
Tonformate: dts HD-Master 5.1: de, en
Bildformat: 2,35:1
Laufzeit: 109
Codec: AVC
FSK: 12

Trailer zu Sieben Minuten nach Mitternacht

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