The End of the Tour

Blu-ray Review

The End of the Tour Blu-ray Review Cover
Sony Pictures, seit 17.03.2016

OT: The End of the Tour

 


Unendlicher Spaß

Wunderbares Independent-Drama mit fantastischer Besetzung.

Inhalt

The End of the Tour Blu-ray Review Szenenbild 6
Wallace weiß noch nicht, ob die Interviewreise eine gute Idee ist

David Lipsky hat 1996 eine Art Stelle beim Rolling Stone ergattert. Der angehende Journalist stapelt aber tief – ist ja erstmal ein Praktikum. Zur etwa gleichen Zeit huldigt die Öffentlichkeit dem jungen Schriftsteller David Foster Wallace, der gerade einen Roman verfasst hat, der die Gegenwart literarisch verändern wird. Lipsky kommt nach der Lektüre auf die Idee, Wallace für den Rolling Stone zu interviewen, wenngleich sein Chefredakteur zunächst darauf verweist, dass das Magazin sich nunmal auf Musiker konzentriert. Lipsky aber ist hartnäckig und schafft es, das Budget für eine Interviewreise zu bekommen. Als er auf Wallace trifft, begegnet er einem Mann, der der Arbeit von Journalisten skeptisch gegenüber eingestellt ist und zu dem Lipsky zunächst kaum Zugang findet. Wallace, der sichtbar zu Depressionen neigt, sieht aber bald, dass seine Literaturreise von Lipsky auch profitieren kann. Doch wer wirklich fürs Leben lernt, das steht am Ende außer Frage, ist der junge Reporter vom Rolling Stone …

The End of the Tour Blu-ray Review Szenenbild 3
David erinnert sich an die Interviews

asThe End of the Tour ist so ein Film, der gerade jenen gefallen wird, die in den 90ern ihre Jugend oder junges Erwachsensein feierten. Angefüllt mit großartigen Songs der Zeit und in stimmungsvolle Bilder getaucht ist das Quasi-Biopic über den angehenden Reporter und den depressiven Wallace ein Independentfilm mit A-Klasse Darstellern, das vom lakonischen Humor Wallaces getragen wird. Das vollständig dialogkonzentrierte Werk bietet intelligente Konversationen voller Lebensweisheiten und zwei Männer, die aus einer beruflichen Situation so etwas wie Freundschaft entwickeln. Aber nicht nur das, denn The End of the Tour ist eben auch ein Gesellschaftsporträt aus einer Zeit, in der das zielllose in den Tag hinein leben Programm war. Musikalisch stand harter Grunge und Crossover gegen Plastik-Boybands, das Fernsehen wurde von Daily-Soaps und Shopping-Kanälen dominiert und politisch wurde die Welt nach dem Zerfall der Sowjetunion neu ausgerichtet. Die Gesellschaft wusste noch nicht, was sie mit einem Amerika anfagen sollte, das als einzige Supermacht verblieben war und sah abwechselnd mit Sorge oder Gleichgültigkeit in die Zukunft. Wallace bildete diese Stimmung in seinem bekanntesten Roman ab, der Initialzündung für Lipskys Interviews wurde. „Unendlicher Spaß“ behandelt einerseits praktisch alle Themen, die für den Autor von Bedeutung waren (von Drogensucht bis hin zu dessen Tennisleidenschaft) ist am Ende aber vor allem ein Plädoyer für das Menschsein in einer vollkommen mediatisierten Welt. Wallace sagt im Film irgendwann, dass er keinen Fernseher habe, weil er ansonsten die ganze Zeit davor verbringen würde. Das beschreibt auf eindrückliche Weise, in welchem Verhältnis er selbst und der Mensch zu modernen Medien in dieser Zeit stand: Eine Dauerberieselung, der man sich nur schwer entziehen kann, wenn man sie einmal aktiviert hat. The End of the Tour vermittelt dieses Zeitgefühl und die Frage nach der Identitätssuche sowie das Streben nach Zugehörigkeit höchst authentisch, was neben den stimmungsvollen Bildern vor allem an den beiden Hauptdarstellern liegt. Jason Segel (How I Met your Mother) als kopfbetuchter Autor ist grandios und hat diese Traurigkeit im Blick, die unmissverständlich klar macht, dass dieser Mann in dieser Welt nicht final zurechtkommen wird. Schwankend zwischen verschrobenen Ansichten bzw. Verhaltensweisen und schüchtern-freundlichem Verhalten legt Segel seine beste Vorstellung seit langem hin. Jesse Eisenberg (American Ultra) als Reporter Lipsky variiert glaubwürdig zwischen Bewunderung für seinen Interviewpartner und Arroganz in Sachen eigenen Künstlerambitionen. Letzteres bleibt aber glücklicherweise untergeordnet und wird spätestens nach 85 Minuten in einem denkwürdig bewegenden Monolog von Foster Wallace zu Grabe getragen. Die Situation, in der der Schriftsteller David dem Journalisten David in Bildern gesprochen vermittelt, dass er unter Depressionen leidet sowie die darauf folgenden Szenen eines Spaziergangs im Schnee sind ganz starkes und ergreifendes, ja kraftvolles Kino.

Bild- und Tonqualität

The End of the Tour Blu-ray Review Szenenbild 2
Der gemeinsame Weg ist schon mal frostig

Das Bild von The End of the Tour atmet den Geist der 90er, in denen Grunge eine Bewegung war und der Schmuddellook Programm. Körnig und grieselig sieht’s hier aus. Dazu ist die Schärfe maximal mittelmäßig und der Kontrastumfang schwach. In dunklen Bereichen versumpfen Details, in hellen wird’s einfach nur gräulich. Faben sind verwaschen und blass, alles wirkt irgendwie neblig und verraucht.
Akustisch liegen deutsche und englische Spur zwar in dts-HD-Master vor, dennoch ist die hiesige Fassung etwas leiser und weniger lebhaft. Da The End of the Tour allerdings so gut wie komplett vom Center und den Dialogen bestimmt wird, ist das nicht weiter dramatisch. Der 90er-Jahre-Soundtrack öffnet den Raum etwas und liefert auch Rundumsignale. Der Subwoofer bleibt meist stumm. Schön ist die homogene Einbettung der Stimmen und die äußerst gelungene Synchronisation der grandiosen Dialoge.

Bonusmaterial

The End of the Tour Blu-ray Review Szenenbild 5
Die Fans säumen den Weg der literarischen Tour

Knapp 12 Minuten an deleted Scenes wurden im Bonusmaterial von The End of the Tour abgelegt, ansonsten herrscht hier Ebbe.

Fazit

The End of the Tour ist oft amüsant, immer interessant und bisweilen von kraftvoller substantieller Ehrlichkeit. Wer Ponsoldts Film nur oberflächlich betrachtet, wird nicht die Schönheit im Subtext erkennen und verpasst einen der stärksten Independent-Filme der letzten Jahre, der zum Ende (auch wegen des kongenialen Scores) maximal bewegend und berührend wird – und das ganz ohne falschen Kitsch.
Timo Wolters


Bewertung

Bildqualität: 60%
Tonqualität (dt. Fassung): 60%
Tonqualität (Originalversion): 65%
Bonusmaterial: 20%
Film: 90%

Anbieter: Sony Pictures
Land/Jahr: USA 2015
Regie: James Ponsoldt
Darsteller: Jesse Eisenberg, Jason Segel (David Foster Wallace), Anna Chlumsky (Sarah), Joan Cusack (Patty), Mamie Gummer (Julie), Mickey Sumner, Ron Livingston
Tonformate: dts HD-Master 5.1: de, en
Bildformat: 2,35:1
Laufzeit: 106
Codec: AVC
FSK: 0