The Lady in the Van

Blu-ray Review

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Sony Pictures, seit 01.09.2016

OT: The Lady in the Van

 


„Eine Menge Scheiße“

Keine Angst, die Überschrift ist keine Qualitätsaussage über diesen wunderbaren Film, sondern lediglich den Worten des Drehbuchautoren entnommen.

Inhalt

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Die schrullige alte Miss Shepherd lebt in einem alten Van auf der Straße

Gloucester Crescent 1970: Der junge und aufstrebende Autor Alan Bennett zieht in ein kleines Haus in der Gegend und trifft bald schon auf die schrullige Miss Shepherd. Die füllt auch schon mal Weihwasser in den Kühler ihres Vans und lebt seit geraumer Zeit in diesem auf der Straße. Ab und an wechselt sie zwar den Standort und wenn die Polizei vorbeifährt, geht sie in Deckung, doch die Nachbarn kennen sie alle. Nicht jeder ist begeistert darüber, manche wüssten sie gerne entfernt, doch vielleicht treibt sie das schlechte Gewissen des moderaten erworbenen Wohlstands dazu, sie zu dulden. Als man ein Parkverbot auf der Straße ansetzt, muss die alte Dame einen neuen Platz suchen und findet ihn in Bennetts Einfahrt. Den bietet der Autor ihr kurzerhand und aus Nächstenliebe an – nicht ahnend, dass es eine 15-jährige Zweckgemeinschaft wird …

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Auf der Straße lernt sie auch der Autor Allan Bennett kennen …

Nicholas Hytners dritte Regiearbeit nach King George und Die History Boys ist The Lady in the Van vielleicht sein bisher persönlichster. Denn Hytner selbst lebte um 1980 herum in der Nachbarschaft, in der auch der gelbe Van von Miss Shepherd stand. Er kannte Alan Bennett, den Autoren, der die Geschichte schon für ein Theaterstück nutzte und nun auch das Drehbuch für den Film schrieb. In Bennetts Einfahrt stand Miss Shepherd mit ihrem Van für 15! Jahre, was ihn nach ihrem tod dazu veranlasste, darüber zu schreiben. The Lady in the Van ist nun die filmische Adaption und vom Scheitel bis zum Fuß britisch. Viel britischer in der Tat kann ein Film kaum sein – vom sarkastischen Humor seiner Hauptfigur bis zum äußerst englischen Look und der Atmosphäre, die in jeder Einstellung und Szene England ein- und ausatmet. Hytner trifft aber nicht nur optisch stets den Ton, sondern vor allem auch in der ausgewogenen Inszenierung aus federleichtem Humor und dramatischen, bzw. bewegenden Momenten, die der Geschichte innewohnen. Vielleicht gelingt das auch deshalb so gut, weil er seinerzeit schon das Theaterstück inszeniert hatte. Tja und dann ist da Maggie Smith, die für diese Rolle eigentlich sämtliche Oscars, Globes und werweißwas verdient gehabt hätte. Wie sie die schroffe Miss Shepherd gibt und dabei nicht nur Mut zur Hässlichkeit beweist, sondern sämtliche Register ihrer Mimik und Gestik zieht, ist schlicht sensationell. Da kommt der eigentlich ablehnende Nachbar vorbei, öffnet ihr hilfsbereit die Konservendose und erntet dann eben kein „Danke“, sondern einen „was erwartest du denn jetzt von mir“-Blick – großartig. Wenn sie wie eine Furie über die Straße sprintet, um den Kinder die (in ihren Ohren grässliche) Musik zu verbieten, zeigt sich, dass sie sich mehr von ihrer Umgebung belästigt fühlt als andersherum.

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… und manchmal auch hassen

Smith schafft es, trotz der wenig charmanten (und offensichtlich müffelnden) Ausstrahlung ihrer Figur Sympathien zu erzeugen und hat stets den Humor auf ihrer Seite. Wann konnte man schon mal einer Kratzbürste im Film derart amüsiert und Freude empfindend zuschauen, falls überhaupt? Dennoch schafft sie es auch, die feinen Nuancen in der Tragik der Geschichte zu spielen – beispielsweise, wenn sie von zwei Halbstarken in ihrem Van durchgeschüttelt wird und sich an ihr mysteriöses Trauma erinnert fühlt. Der Subplot mit Underwood (Jim Broadbent), der Miss Shepherd von Zeit zu Zeit aufsucht und erpresst, wirkt ein wenig aufgesetzt und passt nicht ganz zur Stimmung, doch das macht die skurrile „Beziehungskiste“ zwischen der alten Dame und dem Schriftsteller wieder wett. The Lady in the Van geht dabei den ungewöhnlichen Weg, Alex Jennings, der den Bennett spielt, doppelt zu besetzen – und zwar als schreibenden Autoren, der sich einzig um die Geschichte kümmert und als den Bennett, der sich aktiv mit seiner Umwelt, also auch mit Miss Shepherd auseinandersetzt. Der Autor ist also auch im dauernden Dialog mit sich selbst, was gleichsam auch ein Diskurs mit dem Zuschauer ist, der stets beide Betrachtungsweisen vermittelt bekommt. Die „beiden“ Bennetts spielt Alex Jennings (der Prinz Charles in Die Queen) mit genau der distinguierten Zurückhaltung und Contenance, die man einem leicht verklemmten britischen Autoren unterstellen würde, ohne dies als Vorwurf verstanden wissen zu wollen. Und weil der Film so charmant und teils theaterhaft ist, darf er zum Schluss auch den echten Schriftsteller an den Ort des Films kommen lassen, um der (inszenierten) Enthüllung einer Gedenktafel beizuwohnen.

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Kurze Momente gemeinsamer Freude

Bild- und Tonqualität

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Für die alte Frau hielt das Leben nicht nur Zuckerbrot bereit

Das Bild von The Lady in the Van ist typisch britisch: Zu hell, zu kontrastarm und in Halbtotalen eher durchschnittlich scharf. Innenraumszenen sind durch die Bank homogener ausgeleuchtet und im Zentrum des Fokus‘ auch schärfer und detaillierter. Farben wirken hier ebenfalls natürlicher und kommen nicht so grün und unterkühlt rüber wie während der Außenaufnahmen. Gar nicht schön ist das gelegentlich auftretende Farbrauschen auf uniformen Hintergründen (Pullover 63’00).
Akustisch bleibt The Lady in the Van zwar unspektakulär, lässt hin und wieder aber durchaus atmosphärische Straßen- und Naturgeräusche über die Rears wandern. Der Filmscore und die Musik ist gegenüber den Dialogen etwas zu laut geraten, kommt dann aber prägnant ans Ohr.

Bonusmaterial

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Hat eine Vorliebe für gelb angemalte Autos: Miss Shepherd

Im Bonusmaterial von The Lady in the Van gibt’s ein Making-of, das mit einer knappen Viertelstunde Laufzeit den Bezug zur realen Geschichte herstellt und bisweilen erstaunliche Fakten parathält – so zum Beispiel, dass man tatsächlich in dem echten Haus drehte, das Bennett seinerzeit bewohnte. Das Featurette über die visuellen Effekte klärt auf, wie viel Mühe und Arbeit man sich gegeben hat, um die beiden Autoren Seite an Seite innerhalb eines Bildes mit sich selbst agieren zu lassen. Und dann gibt es mit „Verkörperung der „Lady“: Maggie Smith als Miss Shepherd“ noch einen Beitrag über die grandiose Hauptdarstellerin. Ein Audiokommentar vom Regisseur Nicholas Hytner komplettiert das Angebot.

Fazit

„Es kommt zu viel Scheiße im Stück vor“ sagt der Autor Bennett sich in einem Moment, doch damit beschreibt er nur das, was er hin und wieder neben dem gelben Van einsammeln musste. Der auf seinen Aufzeichnungen basierende The Lady in the Van ist ein kleines Stück Kinomagie mit einer herausragenden Maggie Smith und ebenso humorvollen wie bewegenden Momenten – Pflicht für Freunde anspruchsvollerer Kost.
Timo Wolters


Bewertung

Bildqualität: 60%
Tonqualität (dt. Fassung): 60%
Tonqualität (Originalversion): 60%
Bonusmaterial: 50%
Film: 90%

Anbieter: Sony Pictures
Land/Jahr: GB 2015
Regie: Nicholas Hytner
Darsteller: Maggie Smith, Alex Jennings, Frances de la Tour, Roger Allam, Jim Broadbent, Dominic Cooper
Tonformate: dts HD-Master 5.1: de, en
Bildformat: 1,85:1
Laufzeit: 104
Codec: AVC
FSK: 6

Trailer zu The Lady in the Van

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