The Straight Story – Eine wahre Geschichte

Blu-ray Review

The Straight Story - eine wahre Geschichte Blu-ray Review Cover
Studiocanal, 11.01.2018

OT: The Straight Story

 


Entschleunigung

Einer der ungewöhnlichsten, aber auch gleichzeitig der besten Filme von David Lynch erscheint erstmals auf Blu-ray.

Inhalt

The Straight Story - eine wahre Geschichte Blu-ray Review Szene 6
Alvin fährt …

Alvin Straight ist 73, hat eine kaputte Hüfte, Diabetes noch obendrauf und sieht auch nicht mehr sonderlich gut. Seine vom Schicksal ziemlich schwer getroffene Tochter Rose hilft ihm im Alltag, wenngleich Alvins Sturkopf oftmals nicht ganz leicht zu nehmen ist. Als der alte Mann vom Schlaganfall seines Bruders erfährt, verstummt Alvin erstmals seit langer Zeit. Zehn Jahre nun hat er mit Lyle kein Wort mehr geredet und ging seinerzeit im Streit. Vor Augen geführt, wie schnell das Leben vorbei sein kann, will Alvin das Kriegsbeil begraben und Lyle erstmals wieder besuchen. Dumm, dass er keinen Führerschein mehr hat, sich nicht fahren lassen will und das einzige zur Verfügung stehende Reisegefährt ein Aufsitzrasenmäher ist – nicht gerade das naheliegendste Transportmittel für die Überbrückung der 510km langen Strecke zu Lyle …

 

The Straight Story - eine wahre Geschichte Blu-ray Review Szene 2
… und fährt …

David Lynch. Ein Name wie Donnerhall. Ein Regisseur, der zu den kontroversesten Filmemachern überhaupt gehört. Einer, der mit EraserheadDer Elefantenmensch und Blue Velvet gleich drei Kultfilme in Folge drehte. Einer, dessen TV-Serie Twin Peaks in so ziemlich allen Belangen Maßstäbe setzte. Und einer, der mit späteren Werken wie Mullholland Drive oder Lost Highway reihenweise das Publikum verwirrte. Mithin also ein Typ, der stets Dinge machte, weil er sie selbst machen wollte. Und der sie machte, ohne darauf zu achten oder hören, was andere sagen. Man hätte auch 1999 erwarten dürfen, dass er dieser Linie treu bleibt. Und auf gewisse Weise tat er es auch, als er mit The Straight Story herauskam. Doch das einzige, das an diesem Film anders war, war die Tatsache, dass er anders als alles andere war, das Lynch bis dato gemacht hatte. Genau damit überraschte er dann sein Publikum, das natürlich erneut darauf wartete, verwirrt, an der Nase herumgeführt oder auf einen Trip geschickt zu werden.
Nun, ein Trip ist es tatsächlich geworden. Aber eben kein künstlerisch-drogengeschwängerter, sondern ein Road-Trip – und zwar einer, der kaum geradliniger inszeniert und entschleunigter gefilmt sein könnte.
Die wahre Geschichte von dem alten Herrn aus Laurens/Iowa, der gut 400km auf seinem Aufsitz-Rasenmäher zurücklegte, um seinen kranken Bruder zu besuchen, wird von Lynch zum Anlass genommen, ein unbedingt und in jeder Hinsicht lebensbejahendes und grundpositives Werk zu inszenieren. Gleichzeitig ist es aber auch eine Liebeserklärung an die einfachen Amerikaner. An die Bewohner der ländlichen Gegenden und die älteren Menschen, die ihren Lebensabend in Bescheidenheit verbringen. Und ganz nebenbei atmet The Straight Story auch noch eine gewisse Western-Atmosphäre. Wenn man Alvin auf dem Trekker die Landstraße entlangfahren sieht, hat das etwas von der heute fast vergessenen Land-of-the-Free-Romantik – inklusive am Lagerfeuer ausgesprochene Lebensweisheiten, die einem eine Gänsehaut verpassen.

The Straight Story - eine wahre Geschichte Blu-ray Review Szene 8
… und fährt

Als Zuschauer, der mit den bisherigen Werken des Filmemachers vertraut war, staunte man damals nicht schlecht. Denn da entfaltete sich eine dermaßen geradlinige Geschichte, die einen krassen Gegenpol zu actiongeladenen Effektfeuerwerken wie Matrix lieferte, der ebenfalls 1999 in die Kinos kam. Es brauchte nicht mehr als einen Schauspieler im besten Alter, einen Aufsitzrasenmäher und einige hundert Kilometer Asphalt, um The Straight Story zu vollenden. Der Rasenmäher war schnell gefunden und mit dem damals 79-jährigen Richard Farnsworth wurde ein Akteur gefunden, dessen Knautschgesicht auch gut als Marlboro-Mann getaugt hätte und der die knöchrige Sturheit der Rolle so gut performte, dass man es ihm mit einer Oscar-Nominierung dankte. Und das zu recht. Manchmal reicht es, wenn man in sein Gesicht schaut und sehen kann, wie stark er die innere Bewegung seiner Figur nachempfinden und zum Ausdruck bringen kann, um selbst im höchsten Maße gerührt zu sein. Und obwohl der Film viele traurige oder melancholische Momente hat, geht es einem ähnlich wie beim sechs Jahre später gestarteten Mit Herz und Hand (The World’s Fastest Indian) mit Anthony Hopkins. Hüben wie drüben sucht man bisweilen ungläubig nach dem Haken. Nach dem schweren Rückschlag, der Krise auf dem Trip. Doch genauso konsequent wie der oben genannte Film verfolgt Lynch sein Konzept bedingungsloser Positivität und hinterlässt den Zuschauer mit Wonne – ein absoluter Glücksfall von einem Film.
Für Farnsworth sollte The Straight Story auch die letzte Story werden – er er nahm sich im Jahr der Veröffentlichung aufgrund starker Schmerzen einer Krebserkrankung das Leben. Sollte er während der Dreharbeiten mit diesen Problemen schon gekämpft haben, ist seine famose Darstellung nur noch stärker zu würdigen.

The Straight Story - eine wahre Geschichte Blu-ray Review Szene 7
Manchmal isst er aber auch Rehfleisch im Angesicht von Rehen …

Bild- und Tonqualität

The Straight Story - eine wahre Geschichte Blu-ray Review Szene 3
… oder unterhält sich mit Gleichaltrigen über schwere Zeiten im Zweiten Weltkrieg

Für die Blu-ray von Straight Story wurde zwar kein Remastering vorgenommen, doch die Basis ist offenbar sehr gut gewesen. Bis auf wenige Ausnahmen, in denen die Schärfe nicht sitzt (Priester nach gut 90 Minuten), sind Close-ups bisweilen knackscharf und zeigen die Details in Farnsworths Gesicht eindrucksvoll. Erstaunlich auch, wie gut der Farbkontrast funktioniert. Gerade während der dunklen Szenen am Lagerfeuer oder in Bars kommt das rotkarierte Flanellhemd ziemlich dynamisch rüber. Auch Unruhen oder Körnung nehmen nicht Überhand. Lediglich einige hellere Szenen vor den Häusern oder in verrauchten Innenräumen sind etwas milchig und kontrastarm.
Akustisch liegt The Straight Story im Original lediglich in 2.0 Stereo vor (dts-HD-Master kodiert), während die deutsche Fassung sogar 5.1 Spuren bereithält. Ob man die allerdings braucht, wenn der einzige „Effekt“ ein Gewitter und ein späterer Regenschauer ist, sei mal dahingestellt. Wichtig ist die Verständlichkeit der Dialoge und die ist über beide Tonspuren sehr gut gegeben. Wenngleich die Originalfassung natürlich schon alleine aufgrund des Südstaaten-Dialekts authentischer ist.

Bonusmaterial

Das Bonusmaterial von The Straight Story enthält bis auf Programmtipps keine weiteren Extras.

Fazit

The Straight Story gehört zur Top Drei der Filme, die trotz bitterer Erinnerungen der Figuren und melancholischer Momente ein konsequent positives Bild zeichnen. Und er ist vermutlich der einzige Film überhaupt, der gerade aufgrund seiner langsamen Inszenierung unterhaltsam ist, ohne auch nur einmal Langeweile aufkommen zu lassen. Geradezu legendär ist die Szene, in der die Kamera vom Rasenmäher in die Luft schwenkt, nach gefühlt zwei Minuten wieder auf den Boden zurückdreht und zeigt, dass Alvin ungefähr zehn Meter weitergekommen ist.
Timo Wolters


Bewertung

Bildqualität: 75%
Tonqualität (dt. Fassung): 65%
Tonqualität (Originalversion): 70%
Bonusmaterial: 5%
Film: 100%

Anbieter: Studiocanal
Land/Jahr: USA/Frankreich 1999
Regie: David Lynch
Darsteller: Richard Farnsworth, Sissy Spacek, Jane Galloway Heitz, Everett McGill, Jennifer Edwards, Barbara Robertson, John Farley, John Lordan, Harry Dean Stanton, Kevin P. Farley
Tonformate: dts HD-Master 5.1: de // dts HD-Master 2.0: en
Bildformat: 2,35:1
Laufzeit: 112
Codec: AVC
FSK: 6

Trailer zu The Straight Story


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