The Visit – Keiner hat dich so lieb wie Oma und Opa

Blu-ray Review

The Visit - Niemand liebt dich so wie Oma und Opa Blu-ray Review Cover
Universal Pictures, seit 04.02.2016

OT: The Visit

 


21:30 Uhr

Die Rehabilitation des M. Night Shyamalan?

Inhalt

The Visit - Niemand liebt dich so wie Oma und Opa Blu-ray Review Szenenbild 2
Oma und Opa sind ein betont freundliches Ehepaar …

Ihre Mutter hatte seit 15 Jahren keinen Kontakt zu den Großeltern ihrer Kinder Rebecca und Tyler. Nun haben die älteren Herrschaften sich wieder gemeldet und möchten gerne ihre Enkel sehen. Rebecca nutzt die Möglichkeit, eine Dokumentation über die Reise und ihren Aufenthalt bei dem Farmer- und ehrenamtlichen Seelsorger-Paar zu drehen. Wärmstens werden sie empfangen und bewirtet, jedoch erscheint es ihnen ein wenig komisch, dass sie nach halb zehn Abends das Schlafzimmer nicht mehr verlassen sollen. Als Rebecca die Regel direkt mal missachtet, um sich noch etwas zu essen zu holen, sieht sie von der Treppe aus ihre Oma vor sich hinspuckend im Erdgeschoss umherwandeln. Doch was die Enkelin zunächst als Magen-Infekt vermutet, entpuppt sich als höchst seltsames Verhalten. Die Versuche des alten Ehepaares, die eigenen Eigenarten als Symptone einer Sundown-Erkrankung zu deklarieren, halten dann auch nicht lange vor, denn bald wirken die Großeltern mehr als beängstigend auf Becca und Ty …

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… nur warum will Oma, dass Rebecca zum Reinigen in den Ofen kriecht …

M. Night Shyamalan hat für seine letzten Arbeiten viel Spott, Häme und Kritik über sich ergehen lassen müssen. Manche meinen gar, er hätte seit The Sixth Sense keinen guten Film mehr gemacht. Andere sehen das liberaler, müssen aber auch konstatieren, dass es Shyamalan trotz aller Kritik nicht an (überzogenem) Selbstbewusstsein mangelte. Mit The Visit kehrt er nach Ausflügen ins Fantasy- und Sci-Fi-Genre wieder zu seinen Wurzeln zurück und präsentiert einen mysterisch angehauchten Grusler. Allerdings keinen waschechten, denn er integriert auch eine Menge Humor. Dass dem indischstämmigen Regisseur sein jüngsten Werk eine Herzensangelegenheit war, sieht man daran, dass er den nur 5 Mio. Dollar teuren Film vollkommen aus eigener Tasche finanzierte. So behielt er auch gleichzeitig die Kontrolle über die finale Schnittfassung und konnte sich über ein weltweites Einspiel von 90 Mio. Dollar freuen – immerhin das 18-fache der Kosten. Nach dem Comeback und Erfolg mit der von ihm konzipierten Serie Wayward Pines gab ihm also zumindest das Publikum für The Visit schon mal Recht. Formal nutzt er für den Film den (immer noch) angesagten Mockumentary-Stil und vermischt es mit Haunted-House-Horror. Und da Shyamalan weiß, wie man eine Kamera einsetzen muss, um Wirkung zu erzielen, ist der semidokumentarische Stil hier ausnahmsweise auch technisch überzeugend. Empfindlichen Mägen wird nicht einmal schlecht, weil er sich die arg wackelige Handkamera-Arbeit glücklicherweise meist spart und die Kamera oft fest positioniert. Da The Visit grundsätzlich einen lockeren Ton anschlägt und vor allem das Spiel zwischen den Geschwistern und deren Mutter mit viel ironischem Witz würzt, setzt sich das Geschehen schon mal deutlich vom festgefahrenen Paranormal-Activity-Franchise ab. Vor allem Ed Oxenbould (Die Coopers – Schlimmer geht immer), der den Tyler spielt, glänzt mit erfrischendem Humor, ohne dabei albern zu werden.

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… und warum behauptet Opa, er wolle das Gewehr nur reinigen, wenn es zuvor noch in seinem Rachen steckte?

Doch neben dem Humor gibt’s ja auch noch den Grusel. Und kaum einer versteht es so gut, in kurzen Momenten für eine Atmosphäre zu sorgen, die äußerst beängstigend ist. Schon das Bild der vor sich hinspuckenden Oma wirkt schaurig und ihr „Angriff“ beim Versteckspiel unter dem Haus ist trotz humorvoller Auflösung durchaus spannend. Deanna Dunagan, Darstellerin der Großmutter, legt dabei eine mutige Vorstellung aufs Parkett und scheut nicht vor kompletter Nacktheit zurück – was wiederum zur konsequenten Inszenierung passt. Dass das Überraschungsmoment bei weitem unspektakulärer ausfällt als bei Syhamalans frühen Filmen, sollte man idealerweise schon zu Beginn auf dem Schirm haben, da man dann nicht ständig auf den Knalleffekt wartet. Nein, The Visit fällt am Ende recht konventionell aus, lässt dafür aber immer bizarrere Verhaltensweisen vom Stapel. Ein wenig schade ist allerdings schon, dass der Gruselfaktor, den der Regisseur bei den nächtlichen Aktionen der Oma loslässt, nicht ein wenig konsequenter durchgezogen wird. Hier lässt der Film ein wenig Potenzial auf der Strecke und verschenkt es an die fsk-freundliche Einstufung. Man kann zwar diskutieren, ob die Freigabe ab 12 Jahren gerechtfertigt ist – gerade in Bezug auf das Finale – doch der geneigte Horrorfan sollte wissen, dass hier nicht pausenlos „Gas“ gegeben wird. Vielmehr lockert Shyamalan die Spannungskurve zur Mitte hin und integriert (erneut) Elemente eines Familiendramas. Nicht fehlen darf hier natürlich das Thema, das sich wie ein roter Faden durch seine Mystery-Filme zieht: Vergebung. Man fragt sich mittlerweile doch, ob der in Indien geborene Filmemacher in seinen intimeren Werken nicht auch autobiografische Elemente einfügt, so oft wie er Gebrauch von den immergleichen Motiven macht. Glücklicherweise hält sich der ansonsten oft religiöse Unterton hier nicht nur zurück, sondern findet erst gar nicht statt.

Bild- und Tonqualität

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Rebecca und Tyler berichten ihrer Mutter vom seltsamen Verhalten der Großeltern

Das Bild von The Visit schuldet dem Mockumentary-Geschehen ein wenig Tribut. Zwar ist die Schärfe in ruhigen Szenen sehr gut und auch die Kontraste passen, in den schnelleren Szenen gibt’s aber schon mal Ruckler und Wischeffekte. Während der Tageslicht-Außenszenen sind die Farben kräftig und die Konturenabgrenzung gelingt sehr gut (Jacke und Pullover 43’00). Wird es düsterer hält sich diese Qualität fast gleichbleibend, denn die Durchzeichnung bleibt erhalten.
Akustisch gesehen wirkt sich der Found-Footage-Stil ebenfalls auf das Geschehen aus, denn dynamisch oder effektvoll wird es nur selten. Der Center dominiert meist und präsentiert die Dialoge gut verständlich. Der Unterschied zwischen der deutschen dts-only und der englischen Fassung in dts HD-Master ist bis auf einen dezenten Lautstärkenunterschied kaum zu merken – sodass The Visit nicht übermäßig darunter leidet, keine deutsche HD-Spur zu haben. Während der lauteren Szenen und der eingefügten Jump-Scares wird es schon mal etwas dynamischer, allerdings geschieht auch dies meist von vorne – dann jedoch mit zahlreichen Stereo-Effekten.

Bonusmaterial

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Manchmal verharrt Oma einfach so in bizarren Stellungen

Das Bonusmaterial von The Visit ist nicht sonderlich reichhaltig. Der knapp zehnminütige „Blick hinter die Kulissen“ hat einen etwas werbelastigen Charakter, zeigt den Regisseur allerdings in einem recht entspannten Gemütszustand und lässt auch weitere Beteiligte zu Wort kommen. Zehn unveröffentlichte Szenen sowie ein alternatives Ende und eine Bildergalerie runden das Angebot ab.

Fazit

The Visit mag inhaltlich nicht der ganz große Wurf sein, zeigt aber, dass M. Night Shyamalan nach wie vor in der Lage ist, atmosphärische kleine Filme zu drehen. Was hier an Überraschungsmoment fehlt, machen die gut aufgelegten Jungdarsteller und die gruseligen Momente wieder wett – wenngleich der Mystery-Anteil gerne hätte höher ausfallen dürfen.
Timo Wolters


Bewertung

Bildqualität: 70%
Tonqualität (dt. Fassung): 65%
Tonqualität (Originalversion): 65%
Bonusmaterial: 20%
Film: 70%

Anbieter: Universal Pictures
Land/Jahr: USA 2015
Regie: M. Night Shyamalan
Darsteller: Olivia DeJonge, Ed Oxenbould, Deanna Dunagan, Peter McRobbie, Kathryn Hahn, Celia Keenan-Bolger, Samuel Stricklen, Patch Darragh
Tonformate: dts HD-Master 5.1: en // dts 5.1: de
Bildformat: 2,35:1
Laufzeit: 94
Codec: AVC
FSK: 12