Wiener Dog

Blu-ray Review

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Prokino, 29.11.2016

OT: Wiener-Dog

 


Von tickenden Zeitbomben und kurzbeinigen Dackeln

Nicht ganz einfach zu konsumierender Film mit bitterkomischer Note.

Inhalt

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Remi versucht Wiener Dog zu verstehen und macht doch alles falsch

Remi ist neun und hat gerade Leukämie überwunden. Weil er so tapfer war, bekommt er von seinem Vater einen Dackel geschenkt, auf den er nun aufpassen soll. Außerdem kann er an dem Tier Verantwortung üben und erwachsen werden. Während Remi für das Tier schnell Gefühle entwickelt, geht es dem Vater nur um Disziplin und die Mutter erzählt Schauermärchen, um Remi davon zu überzeugen, dass das Tier kastriert werden muss. Als der Junge dem Dackel einen Müsliriegel zu fresen gibt, wird das Tier krank und soll eingeschläfert werden. Die Assistentin des Tierarztes kann ihn jedoch retten. Sie selbst weiß allerdings nicht mal mit ihrem eigenen Leben etwas anzufangen und da kommt ihr ein Hund nicht gerade recht. Und so lässt sie sich auf den Vorschlag des Jugendfreundes Brandon ein, das Tier bei dessen Bruder und Frau zu lassen. Das Paar mit Down-Syndrom „passe irgendwie“ zu dem Dackel, denn alle sind „sterilisiert“. Später dann kümmert sich ein alternder Drehbuchautor um das Tier, der seinem Frust aufs Leben damit begegnet, dass er aus dem Hund einen Selbstmordattentäter-Dackel im gelben Tütü macht. Doch die schwierigste Station hat der Vierbeiner am Ende zu bewältigen, wenn die verbitterte Nana ihm ein Zuhause gibt und ihn „Tumor“ tauft …

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Die Tierarzthelferin weiß weder wohin mit sich noch mit dem Hund

So richtig zum Lachen ist einem nicht zumute, wenn Todd Solondz der US-Gesellschaft anhand einiger Episoden den Spiegel vorhält. Die Geschichten, in denen der Dackel zentrales Element ist, sind entweder von Melancholie oder Bitterkeit geprägt. Auch sollte man sich bisweilen vor Auge führen, dass es nur ein Film ist und der Hund nicht ausschließlich in einem Käfig gehalten wurde (wie es im Vorspann und während der ersten Geschichte noch fast ausnahmslos der Fall ist). Toddd Solondz, der 1998 mit Happiness eine beißende Sozialsatire abgeliefert hatte, verwendet lange, manchmal triste Bilder und füllt Wiener Dog mit zahlreichen wortkargen Figuren an, denen das Glück bisher (und vermutlich auch weiterhin) nicht gerade hold war. Natürlich sorgt die Begegnung mit dem Vierbeiner bei allen Protagonisten für eine Art Lebenswandel oder zumindest ein eindrückliches Erlebnis. Die echte Stärke des Films ist aber der Blick auf das „normale“ Amerika. Auf die Menschen, die nicht in den Mode- oder Sportmagazinen auftauchen und auf diejenigen, die am Rande stehen. Immer ist der Grat, auf dem Solondz wandelt, hauchdünn. So gerät es zwar bewegend, wenn Brandon mit seinem Down-Syndrom-Bruder über den Tod des Vaters spricht und dem Paar zum Trost den Hund dalässt, allerdings ist die Begründung mit der „Gemeinsamkeit“ der Sterilisation von pechschwarzem Humor.

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Begegnung mit einem alten Schulfreund im Supermarkt

Die Tatsache, dass es Wiener Dog gelingt, all diese skurrilen Situationen und authentischen Figuren zu porträtieren, ohne sie der Lächerlichkeit preiszugeben, ist das größte Verdienst des Films. Und da verzeiht man auch, dass man die Schönheit des Werks ein wenig suchen muss, wenn der Regisseur gefühlt minutenlang der Diarrhö-Spur des Dackels folgt oder im Finale einen Akt vollzieht, der Tierliebhabern schwer im Magen liegen wird. Umso gelungener das Bild, in dem Dave Schmerz vor einem Grill mit sich drehenden Hot-Dog-Würstchen steht, während er den Dackel an der Leine hat. Auch die surreale Begegnung zwischen dem Vierbeiner und dem Sprengmittel-Räumkommando-Mitarbeiter gerät schwarzhumorig und ist zugleich ein ätzender Kommentar auf die Anschlagsphobie der Amerikaner. Ganz einfach zu konsumieren ist Wiener Dog durchgängig nicht und gerade die letzte Episode bei Oma Nana ist bitter und wirkt ziemlich hoffnungslos. Mainstream-Filmschauer sollten Solondz‘ jüngstes Werk deshalb besser meiden. All jenen, die gerne ein ganzes Stück weit über den Tellerrand schauen sei gesagt, dass kaum ein Film der letzten Zeit so viel menschliche Wahrheiten transportiert hat – auch wenn sie trauriger Natur sind.

Bild- und Tonqualität

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Dave Schmerz am Hot-Dog-Stand mit Hund an der Leine

Da zu Reviewzwecken lediglich ein Streaminglink zur Verfügung stand, kann über die Bild- und Tonqualität von Wiener Dog leider keine Aussage getroffen werden. Generell nutzt der Film verhältnismäßig warme Farben, könnte vom Kontrastumfang her allerdings noch etwas mehr Dynamik haben. Farben wirken dezent entsättigt und spiegeln so das oft triste Innenleben der Figuren wider.

Bonusmaterial

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Nana nennt den Dackel „Tumor“

Auch das Bonusmaterial von Wiener Dog konnte nicht gesichtet werden. Allerdings enthält es auch nur die beiden Originaltrailer zum Film.

Fazit

Wiener Dog ist eine filmische Extravaganz mit Dackel – ein Zelluloid-Experiment von Regie-Exzentriker Solondz, der vor allem für Freunde des Independentfilms einen (oder zwei) Blicke (gerne auch hinter die Fassade) wert ist.
Timo Wolters


Bewertung

Bildqualität: keine Wertung möglich
Tonqualität (dt. Fassung): keine Wertung möglich
Tonqualität (Originalversion): keine Wertung möglich
Bonusmaterial: 5%
Film: 70%

Anbieter: Prokino/EuroVideo
Land/Jahr: USA 2016
Regie: Todd Solondz
Darsteller: Danny DeVito, Greta Gerwig, Ellen Burstyn, Julie Delpy, Zosia Mamet, Kieran Culkin, Tracy Letts, Michael James Shaw Tonformate: dts HD-Master 5.1: de, en
Bildformat: 2,35:1
Laufzeit: 88
Codec: AVC
FSK: 12

Trailer zu Wiener Dog

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