Alles außer gewöhnlich

Blu-ray Review

Prokino, 07.04.2020

OT: Hors normes

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Unterm Strich ist es kompliziert

Anrührender Film aus Frankreich von den Regisseuren von Ziemlich beste Freunde.

Inhalt

Bruno und Malik sind Helden des Alltags

Bruno und Malik sind Helden des Alltags. Sie kümmern sich mit viel Humor, Sensibilität und noch mehr Engagement um die schwierigsten Fälle jugendlicher Autisten. Jene Menschen, die von allen anderen Einrichtungen abgewiesen werden, weil keiner mit ihnen klar kommt. Oder weil die Eltern nicht in der Lage sind, sich selbst zu kümmern. Mit einer kleinen Anzahl freiwilliger Helfer dringen sie mit ihren jeweiligen Einrichtungen immer wieder zum Kern der verschlossenen und von der Gesellschaft abgewiesenen Menschen vor. Doch während viele der Angehörigen ihre Arbeit schätzen und die autistischen Jugendlichen ihre Betreuer lieben, machen die Behörden ihnen die Arbeit schwer. Vor allem die Inspektoren der Gesundheitsbehörde, die sich für eine Inspizierung angemeldet haben, machen Bruno Sorgen. Was, wenn man seine Einrichtung schließt. Parallel hat Malik Problem mit einem seiner jungen Mitarbeiter, der ständig unzuverlässig und unpünktlich ist …

Wenn Joseph doch nicht immer die Notbremse ziehen würde

Ist es wirklich schon neun Jahre her, dass Eric Toledano und Olivier Nakache Ziemlich beste Freunde inszenierten? Schon fast ein Jahrzehnt vorbei, seit der so witzige wie warmherzige Film über die Freundschaft eines Querschnittsgelähmten zu seinem Pfleger wider Willen Millionen Menschen in Europa zu Tränen rührte und zu herzlichem Lachen animierte?
Mit Das Leben ist ein Fest und Heute bin ich Samba setzten sie in der Folge auf das bewährte Muster aus Herz und Komödie und legen nun nach – und wie!
Mit Alles außer gewöhnlich packen sie nicht nur ein schwieriges Thema an, sondern eins, das auch heute immer noch tabuisiert wird: Autismus.
Basierend auf zwei tatsächlichen Personen, dem Arzt Stéphane Benhamou, der 1996 den Verein „Le Silence des Justes“ („Das Schweigen der Gerechten“) gründete sowie Daoud Tatou, einem Erzieher, der mit den autistischen Menschen zusammen arbeitet und dessen Verein „Le Relais IDF“ in enger Kooperation mit Le Silence des Justes operiert., entwickelten sie die Geschichte für den Film. Das Regieduo kennt Benhamou bereits seit 1994, als sie in einem Ferienlager gemeinsam als Betreuer arbeiteten.
Einige Jahre später machten sie einen Imagefilm für Benhamous Verein, um Werbung zu machen und Sponsoren zu finden.
Das war dann auch die Zeit, in der die Idee kam, einen abendfüllenden Spielfilm aus dem Engagement der beiden zu drehen.

Ausflug aufs Eis

Toledano und Nakache ging es dieses Mal darum, ihre bisherigen Motive aus den vergangenen Filmen in einem Werk zu vollenden. So kann Alles außer gewöhnlich durchaus als Teil einer Gesamterzählung gelten, die mit Ziemlich beste Freunde begann und stets mit Gehandicapten Menschen oder solchen zu tun hat, die in irgendeiner Form von der Gesellschaft ignoriert oder offen missachtet werden.
Alles außer gewöhnlich spürt nach, wie es Menschen mit Handicap schaffen, jene Menschen zu lehren, wieder sozial zu interagieren, die eigentlich die „Normalen“ sind.
Bevor es aber soweit ist, wirft und der Film abrupt in seine Handlung. Ohne jede Vorwarnung oder Charakterisierung der Protagonisten bekommen wir mit, wie schwer der Alltag für Bruno und Malik ist, wenn mal wieder eine der von ihnen betreuten Personen ausbüchst. Wie es ist, wenn Angst und Verwirrung zu aggressivem Abwehrverhalten führen. Und wie hart die beiden Betreuer für ihre Sache kämpfen müssen, die sie am Rande der Legalität ausüben, weil ihre Einrichtung eigentlich nicht abgenommen ist.
Der Film wirft auch den Blick auf die Alltagsprobleme solcher auf Spenden angewiesener Einrichtungen. Es wird thematisiert, dass die Löhne an die Mitarbeiter nur zögerlich ausbezahlt werden und dass bei allem Idealismus auch logistische Probleme zu überwinden sind.
Natürlich erzählt das Regieduo das auch mit Humor, fährt diesen im Vergleich zu Ziemlich beste Freunde aber etwas zurück. Und er behandelt seine autistischen Protagonisten mit Respekt – selbst wenn sie mal einen Spruch bringen, den nicht autistische Menschen schnell in den falschen Hals bekommen könnten. Wenn Joseph mal wieder nach der Farbe von Brunos Socken fragt oder sich bei ihm anlehnen möchte, dann ist das zwar humorvoll, aber eben auch so erzählt, dass man nicht über sie lacht, sondern mit ihnen.

Valentin ist ein besonders schwieriger Fall

Meist entlarvt der Humor der Gehandicapten ohnehin eher das Stocksteife der „normalen“ Menschen; zeigt auf, dass wir „Normalos“ so sehr von Konventionen und Regeln geformt werden, dass naiver Charme nicht mehr zu unserem Repertoire gehört.
Alles außer gewöhnlich ist in Summe dann aber doch mehr Drama als Dramödie und hat bisweilen wirklich bewegende Momente. Beispielsweise während des gemeinsamen Sports nach 43 Minuten oder wenn Vincent Cassel erklärt, was er über die jugendlichen Autisten weiß. Ohnehin ist Cassel wirklich großartig in der Rolle. Ob er seinem Schützling immer wieder sagt, dass er die Notbremse nicht ziehen soll oder unbeholfen wie ein Teenager Flirtversuche betreibt – stets ist man ganz nahe bei seinem Bruno.
Schade, dass die beiden Regisseure dieses Mal mit kleineren dramaturgischen Schwächen zu kämpfen haben. Ihre etwas fragmentarische und weitgehend ohne echten Spannungsbogen auskommende Geschichte reißt viele Teilbereiche an, öffnet mehrere Handlungsfäden, die später aber nicht im Ansatz verfolgt werden. Außerdem zaubert der Film immer wieder Ereignisse aus dem Hut, von denen man sich fragt, woher die Beiden diese nun haben. Hätte man hier und da etwas entschlackt und dafür ein paar Dinge zu Ende erzählt, wäre Alles außer gewöhnlich nicht nur humorvoll und bewegend, sondern richtig rund geworden. Dennoch: Ein absolut sehenswerter Film.

Bild- und Tonqualität

Tiere sind immer ein guter Therapie-Ansatz

Alles außer gewöhnlich wurde sichtbar digital gefilmt. Das Bild der Blu-ray liefert ein extrem ruhiges, rauscharmes Bild, das vor allem in Close-ups richtig knackig scharf ist. Selbst in dunkleren Einstellungen verliert das Geschehen nicht an Ruhe und bleibt ohne Körnung. Die Kontrastierung ist außerdem sehr gelungen. Weder hat man es hier mit zu aufdringlichen Bilddynamiken zu tun, noch mit übertriebenen Farben. Tatsächlich ist gerade die Farbgebung perfekt natürlich gelungen. Hauttöne bleiben stets authentisch und glaubwürdig. Dazu weist die BD keinerlei digitale Artefakte auf. Alles in allem ein hervorragendes Bild, das perfekt zum Geschehen passt.
Beim Ton vertraut man auf zwei dts-HD-Master-Spuren, die ohne Verluste unkomprimiert laufen. Der Codec hat allerdings nicht sonderlich viel mit Dynamik zu tun, da sich Alles außer gewöhnlich vornehmlich um die saubere Darstellung der Dialoge kümmert. Filmmusik findet meist in Form von leiser Klaviermusik statt, die nur zweimal richtig aufbrandet und für etwas Volumen sorgt. Ansonsten sind selbst Umgebungsgeräusche nur spärlich räumlich geraten.

Bonusmaterial

Joseph mag Brigitte

Im Bonusmaterial von Alles außer gewöhnlich kommen die beiden echten Menschen zu Wort, die als Vorbild für die beiden Filmhelden dienten. 20 Minuten lang erzählen sie von ihren Erlebnissen, ihrem Kennenlernen und dem Transport ihrer Geschichten in den Film. Dazu gibt’s noch gut 12 Minuten an zusätzlichen und erweiterten Szenen sowie Interviews mit Cassel und Nakache, bzw. Reda Kateb und Toledano. Ein Making-of mit rund 40 Minuten Laufzeit blickt hinter die Kulissen der Dreharbeiten und fokussiert sich auf die autistischen Helden des Alltags.

Fazit

Alles außer gewöhnlich bewegt und unterhält. Manchmal rührt er zu Tränen, manchmal macht er wütend (ob der Ignoranz der Normalos). Hinzu gesellen sich zwei tolle Darsteller in den Hauptrollen sowie authentische Kollegen in den Nebenrollen. Da verzeiht man auch das etwas unrunde Drehbuch ohne echte Höhepunkte.
Timo Wolters


Bewertung

Bildqualität: 90%
Tonqualität (dt. Fassung): 70%
Tonqualität (Originalversion): 70%
Bonusmaterial: 70%
Film: 80%

Anbieter: Prokino Filmverleih GmbH
Land/Jahr: Frankreich 2019
Regie: Olivier Nakache, Eric Toledano
Darsteller: Vincent Cassel, Reda Kateb, Hélène Vincent, Bryan Mialoundama, Alban Ivanov, Benjamin Lesieur
Tonformate: dts HD-Master 5.1: de, fr
Bildformat: 2,35:1
Laufzeit: 114
Codec: AVC
FSK: 6

(Copyright der Cover und Szenenbilder liegt bei Anbieter Prokino Filmverleih GmbH)

Trailer zu Alles außer gewöhnlich

Alles außer gewöhnlich I Offizieller HD-Trailer I Deutsch German I Ab 05.12.2019 im Kino

 

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