Audition [Mediabook]

Blu-ray Review

Capelight Pictures, 10.02.2023

OT: Ôdishon

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Keine Geheimnisse

Takashi Miikes Start ins Horrorgenre erstmalig mit beiden deutschen Synchros und neu gemastertem Bild.

Inhalt

Ein Casting ohne Film

Shigeharu Aoyamas Frau Ryoko ist nun seit sieben Jahren tot. Der Witwer hat aber immer noch keine neue Herzdame kennengelernt. Als selbst sein Sohn Shigehiko meint, dass er das langsam mal tun solle, fühlt sich Aoyama beflügelt. Aber wie genau soll er es anstellen? Da kommt ihm sein Freund Yashuhisa Yoshikawa gerade recht. Der Filmemacher schlägt Shigeharu vor, dass sie unter dem Vorwand einer neuen Filmproduktion gemeinsam ein Casting veranstalten. Natürlich gibt es keinen Film und damit auch keine Rolle zu vergeben. Vor dem eigentlichen Vorsprechen erhält der Witwer schon einmal 30 Bewerbungsmappen, aus denen vor allem Asami Yamazaki hervorsticht. Sie scheint eine besonders sensible und empfindsame Frau zu sein, die emotionale Tiefe bevorzugt. Das Casting verläuft zunächst wenig vielversprechend, wobei die beiden Männer keinen Anlass auslassen, sich über die Damen lustig zu machen. Asami jedoch gefällt Shigeharu auf Anhieb. Und so beginnt er, sich mit ihr zu treffen. Yoshikawa allerdings findet heraus, dass der Direktor für japanische Musik, mit dem Asami bei einer Plattenfirma zusammengearbeitet hatte, seit Längerem vermisst wird und warnt seinen Freund. Aoyama schlägt die Bedenken aber in den Wind, nicht ahnend, was ihm kurze Zeit später widerfahren wird …

Asami wirkt zerbrechlich und schüchtern

Takashi Miike ist so etwas wie das Enfant terrible des japanischen Kinos. Immer wieder provozierter er mit seinen Filmen, packte glühend heiße Themen an und ging in puncto Gewaltdarstellung nicht selten über das Maß des Erträglichen hinaus. Weit über 100 Produktionen hat er seit seinem Debüt Anfang der 90er bereits auf seinem Konto und nicht selten stieß und eckte der unter ärmlichen Verhältnissen aufgewachsene Filmemacher an. Ende der 90er bot ihm Produzent Toyoyuki Yokohama an, den Roman Das Casting von Ryu Murakami zu verfilmen. Miike interessierte damals vor allem die Yakuza-Welt, die er aus seiner Kindheit und Jugend selbst kannte, während Yokohama auf der Erfolgswelle des ersten Ring Films weiterschwimmen wollte. Um sich von dem Geister-Horror etwas abzusetzen, kam Yokohama die Adaption der Geschichte um die traumatisierte Balletttänzerin gerade recht. Und für Miike bot sich die Gelegenheit, erstmalig in diesem für ihn neuen Genre zu arbeiten. Ein Genre, das ihn forthin noch sehr lange begleiten und für Filme sorgen sollte, die heute Legendenstatus haben. Audition darf man allerdings durchaus auch als Zwitterwesen bezeichnen. Denn bis zu seinem Finale ist der Film vielmehr ein Drama als ein Horrorfilm.

Ob der Schein trügt?

Ein großes, wenn nicht das zentrale Thema von Audition ist die Auseinandersetzung mit der Objektifizierung der Frau in der japanischen Gesellschaft. Schon alleine die Tatsache, sich eine Frau aufgrund eines Castings nach bestimmten Eigenschaften auszusuchen, entspringt einer männlich-dominierten Fantasie. Dass sich Aoyama und Yoshikawa dabei auch noch wie die Axt im Wald benehmen und sich über die Damen lustig machen, überhöht den frauenfeindlichen Aspekt noch ein gutes Stück – ist aber gleichzeitig auch ein interessanter filmischer Aspekt, da Miike hier erstaunlich viel Humor integriert. Gleichzeitig prangert er unverhohlen das misogyne Verhalten der japanischen Männer gegenüber den Frauen an. Während Aoyama „seine“ Frau nach seinen Vorstellungen mustert und auswählt, kümmert man sich an dieser Stelle nicht im Geringsten darum, was der Wunsch der Frauen sein könnte. Damals wie heute (und heute aus der MeToo-Diskussion heraus noch mehr) darf man diese Sequenz zudem als sehr deutlichen Kommentar gegenüber chauvinistischen bis übergriffigen Verhaltensweisen von Filmemachern gegenüber Schauspielerinnen im Castings-Prozess verstanden wissen. Dennoch wird bis heute kontrovers darüber gestritten, ob Miikes Film selbst misogyn ist oder der Regisseur sich mit den späteren Rachefeldzug Asamis stellvertretend für alle Frauen am patriarchalen japanischen System rächt. Wäre das der Fall und würde man den Film feministisch sehen wollen, bleibt dennoch fraglich, warum eines der Opfer Asamis eine Frau war.

Mahlzeit!

Unbenommen von der Kritik an der Laufzeit des Films sowie der Misogynie-vs-Feminismus-Thematik zeigt Miike aber auch in Audition, dass er ein großer Stilist mit einem fantastischen visuellen Auge ist. Die statischen Kameraeinstellungen, mit denen er das karge Innere von Asamis Wohnung einfängt; mit denen er auf dem Rücken der Protagonistin verharrt, während im Hintergrund ein unterschwelliges akustisches Dröhnen zu vernehmen ist, ziehen unwillkürlich in den Bann. Man muss hin und wieder an Lynchs Eraserhead denken, der eine ähnliche Atmosphäre verströmt. Tatsächlich kann man dem Film vorwerfen, dass er sich schon mal ein wenig zieht und schleppt. Man kann ihm aber nicht vorwerfen, dass er in der letzten halben Stunde nicht für einen ziemlich flauen Magen sorgt. Beginnend mit der Offenbarung des Sack-Inhalts werden auch die grafischen Inhalte der Foltermomente lange im Gedächtnis bleiben. Zumal hier sehr deutlich mit sexualisierten Metaphern gearbeitet wird. Sind es in der Regel die Männer, die Frauen penetrieren, nutzt Asami Nadeln, um gleich dutzendfach in Aoyamas Körper einzudringen. Dass sie ihm zuvor auch noch ein Mittel zur Betäubung und Schmerzintensivierung gespritzt hat, verstärkt den Überraschungseffekt und intensiviert die Tatsache, dass dieses scheinbar so zarte und zurückhaltende Wesen Asami eine geschundene Seele hat. Faszinierend ist die Dynamik aus dem optisch engelsgleichen Wesen, dessen Stimme immer noch so weich und schmeichelnd ertönt, während sie ihrem Opfer gnadenlos Stich um Stich um Stich zufügt.

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Erscheinungstermin: Fri, 10 Feb 2023
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Bild- und Tonqualität

Asami hat Tiefschürfendes vor

Audition stammt aus dem Jahr 1999 und wurde natürlich analog aufgenommen. Das Ergebnis war ein sehr filmischer Look mit einer sichtbaren Kornstruktur. Die bisherige Blu-ray von stammt aus dem Jahr 2014 und kam von Anbieter Rapid Eye Movies. Grundsätzlich hatte diese damals kein schlechtes Bild und ging vor allem mit der recht groben Körnung recht authentisch um, filterte diese bspw. nicht weg. Leider stand mir die Disk nicht parallel zur Verfügung, sodass hier nur meine Erinnerung zu Rate gezogen werden kann. Capelight nutzte für seine Neuveröffentlichung das neue 2K-Master, das Arrow Video 2016 von einem 35-mm-Interpositiv hatte anfertigen lassen. Und auch dieses Master bleibt der filmischen Quelle treu. Gefiltert wurde hier zu keiner Zeit, die Körnung ist nach wie vor sehr deutlich sichtbar. Die generelle Auflösung mag nicht über jeden Zweifel erhaben sein, was allerdings auch am Ausgangsmaterial liegen könnte. Miike drehte das Ganze in drei Wochen ab – typisch für ihn, der seinerzeit als Schnellfilmer galt. Drei Wochen Drehzeit für einen zwei Stunden langen Film bedeutet aber auch, dass man nicht immer aufs letzte Detail achten kann und hier und da die Fokussierung der Kamera nicht perfekt ist. Bei der Farbgebung wählte man einen durchweg wärmeren Look, der vor allem das Finale in rötlich-braune Bilder taucht – zumindest solange das Geschehen nicht in dem Ferienhaus spielt, wo es farblich betont kühl zugeht. Dort zeigt sich aber auch, dass man beim Schwarzwert sehr satt gemastert hat, was hier und da zu leichten Versumpfungen führt. Schwierig gerät nach wie vor das Encoding, was man gut an der Detaildarstellung des Netzes auf dem Hochhaus bei 40’53 erkennen kann. Die feinen Maschen offenbaren immer wieder Bereiche, in denen man sie nicht mehr erkennt und die Stellen zu vermatschen beginnen.

Stich und Stich und Stich und Stich

Capelight veröffentlicht Audition nicht nur erstmals in Deutschland auf Basis des neuen 2K-Masters, sondern ebenso als Premiere mit beiden vorhandenen deutschen Synchronfassungen. Die Erste ist jene, die für die ursprüngliche Kinofassung gemacht wurde. Die zweite Version wurde im Auftrag von ARTE und in Kooperation mit dem ZDF von der Studio Hamburg Synchron GmbH vorgenommen. Hier wurden gleichzeitig auch Anpassungen in den Dialogen gemacht, die vom Sprachgebrauch etwas moderner wirken. In einer ganz berühmt gewordenen Passage unterscheiden sie sich zudem ebenfalls. Wenn Asami ihr quälendes Werk an Aoyama verrichtet, sagt sie bei der Kinofassung immer wieder „Stich und Stich und Stich und Stich“, die Neusynchro wurde auf „Kille, kille, kille, kille“ geändert. Wenn wir akustisch ein erstes Ohr in die Original-Kinosynchro werfen, so klingt diese meist recht gut. Ein leichtes Hintergrundrauschen lässt sich nicht verleugnen und die Filmmusik schwankt hier und da ein wenig. Dafür sind die Dialoge sehr präsent und stehen gut verständlich im Vordergrund. Hier und da klingen sie ein bisschen topfig und wie in einem zu engen Raum aufgenommen. Es fehlt etwas die Offenheit. Dafür präsentiert die ARTE-Fassung Soundeffekte wie das Einholen des Angelnylons etwas überpräsent. Hier erscheint die Darstellung nicht wirklich realistisch. Ebenfalls auffallend laut der Geräuscheffekt des Regens nach 15’07. Das bedeutet natürlich, dass solche Momente ganz besonders hervorstechen, führt aber auch dazu, dass das lange Bimmeln des Telefons nach 48 Minuten ganz schön schrill ist. Die Kinosynchro geht hier tonal etwas ausgewogener vor. Sie geht mit den Soundeffekten etwas weniger aggressiv um, was fürs Ohr angenehmer klingt. Die Räumlichkeit  ist gleichzeitig etwas größer, die Stereobühne wirkt etwas breiter als bei der ARTE-Version. Wo die Geräuscheffekte mitunter weniger plakativ und tonal angenehmer klingen, ist die Filmmusik allerdings deutlich leiser integriert (Klavier bei 60’00). Über die Neusynchro ist dafür die Stimme von Aoyamas Sohn angenehmer. Sie klingt wärmer und etwas schmeichelnder. Ansonsten sind beide Synchronfassungen von der Besetzung her gleich hochwertig.Neusycnchro klingen die Stimmen etwas wärmer, bekommen etwas mehr Volumen.

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Bonusmaterial

Das Bonusmaterial von Audition besteht zunächst aus dem Audiokommentar von Miike-Biograf Tom Mes, der auch schon zwei Bücher über den Regisseur geschrieben hat. Der Audiokommentar ist zwar nicht untertitelt, aber alleine aus Informationsgründen äußerst spannend. Ebenso spannend wie das 35-minütige Quasi-Interview mit Japankino-Experte Tony Rayns, das wiederum Untertitel aufweist und bei dem man staunend vor dem TV sitzt ob der ganzen Dinge, die Rayns „mal eben“ aus dem Hemdsärmel schüttelt, ohne Notizen abzulesen. Das Interview mit Miike selbst läuft knapp 50 Minuten und existierte bereits auf der alten Blu-ray von Rapid Eye Movies.

Fazit

Audition ist kein Film für den regulären Mainstream-Gucker. Das sind Miikes Filme aber generell nicht. Die Fans des Regisseurs werden aber auch knapp 24 Jahre nach der Premiere des Films noch anerkennen, dass der japanische Filmemacher hier eines seiner Meisterwerke inszenierte. Den Finger tief in die Wunde einer misogynen Gesellschaft legend, prangert er Missstände an und ist im Hinblick auf die MeToo-Debatte sogar richtiggehend visionär – auch wenn einige dem Film selbst frauenfeindliche Tendenzen vorwarfen. Dass Capelight den Titel hierzulande nun in der bisher bestmöglichen Bildqualität anbietet und gleichzeitig noch erstmalig beide Synchronfassungen aufspielte, lässt die Scheibe für Fans zur Pflicht werden.
Timo Wolters


Bewertung

Bildqualität: 70%

Tonqualität (dt. Fassung DTV): 65%
Tonqualität (dt. Fassung ARTE): 60%
Tonqualität (Originalversion): 70%

Bonusmaterial: 60%
Film: 80%

Anbieter: Capelight Pictures
Land/Jahr: Japan 1999
Regie: Takashi Miike
Darsteller: Eihi Shiina, Fumiyo Kohinata, Ken Mitsuishi, Kunimura Jun, Miyuki Matsuda, Ren Ôsugi, Renji Ishibashi, Ryo Ishibashi, Shigeru
Tonformate: dts HD-Master 5.1: jp // PCM 2.0 Stereo: de (Arte Synchro & DTV Synchro)
Untertitel: de
Bildformat: 1,85:1
Laufzeit: 115
Codec: AVC
FSK: 18 (ungeschnitten)

(Copyright der Cover und Szenenbilder liegt bei Anbieter Capelight Pictures)
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Trailer zu Audition

AUDITION Trailer (Deutsch)


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Die Grundlage für die Bild- und Tonbewertung von Blu-rays und Ultra-HD-Blu-rays bildet sich aus der jahrelangen Expertise im Bereich von Rezensionen zu DVDs, Blu-rays und Ultra-HD-Blu-rays sowie Tests im Bereich der Hardware von Unterhaltungselektronik-Komponenten. Gut zehn Jahre lang beschäftigte ich mich professionell mit den technischen Aspekten von Heimkino-Projektoren, Blu-ray-Playern und TVs als Redakteur für die Magazine HEIMKINO, HIFI TEST TV VIDEO, PLAYER oder BLU-RAY-WELT. Während dieser Zeit partizipierte ich an Lehrgängen zum Thema professioneller Bildkalibrierung mit Color Facts und erlangte ein Zertifikat in ISF-Kalibrierung. Wer mehr über meinen Werdegang lesen möchte, kann dies hier tun —> Klick.
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Unperson

Danke für das tolle Review! Ich hab leider den Fehler gemacht, die DVD und nicht die Blu-Ray in den Player eingelegt zu haben, darum habe ich mich über die Unschärfen gewundert und wollte fast die Scheibe zurückgeben. Die Blu-Ray muss ich mir noch anschauen. Die deutsche Synchro interessiert mich wenig, weil ich japanische Filme grundsätzlich in Original mit Untertitel anschaue.