Beale Street

Blu-ray Review

DCM Film/Universum Film, 30.08.2019

OT: If Beale Street Could Talk

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Nur die Liebe zählt

Barry Jenkins lässt seinem Oscar-Gewinner Moonlight ein weiteres anspruchsvolles Stück afroamerikanisches Kino folgen.

Inhalt

Eine Liebe ohne Bedingungen

Harlem, Manhattan: Mitten in den für Afroamerikaner nicht gerade einfachen 70er Jahren lieben sich die 19-jährige Clementine, genannt Tish und der 22-jährige Künstler Alonzo, der von allen nur Fonny genannt wird. Die Zweisamkeit wird allerdings jäh unterbrochen, als Fonny ungerechtfertigterweise einer Vergewaltigung bezichtigt wird. Trotz eines Alibis wird er eingesperrt und Tish kann ihn nur noch in der Haftanstalt besuchen. Dort muss sie ihm dann auch erzählen, dass ein Baby unterwegs ist. Und das muss sie zur Not auch ohne ihn groß ziehen. Unterstützung findet sie allerdings in ihrer Familie – wenn da nicht die Schwiegermutter in spe wäre, die immer schon wusste, dass Tish ihren Sohn in den Abgrund ziehen würde …

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Glückwünsche an die werdende Mutter

Regisseur Barry Jenkins hat nach dem 2017er Oscar-Hit Moonlight (Bester Film, bestes adaptiertes Drehbuch, bester Nebendarsteller) einen Ruf zu verteidigen. Er gilt als eines der größten Talente, wenn es darum geht, abseits von überdrehten afroamerikanischen Komödien und jüngsten Horror-Hoffnungen (Jordan Peele) ein dramatisches Gegengewicht zu liefern. War Moonlight die intime Coming-of-Age-Geschichte eines homosexuellen schwarzen Jungen, der als Minderheit unter Minderheiten mit Ressentiments zu kämpfen hatte, knüpft sich Jenkins nun eine ähnlich vom Mikrokosmos der Menschen ausgehende Geschichte vor. Dafür nahm er sich den Roman des preisgekrönten Autors James Baldwin und adaptierte ihn erneut selbst für die Leinwand.
Ruhig ist sein Film geworden. Trotz der Einleitung, dass es auf den vielen Beale Streets Amerikas eigentlich laut zugeht. Das dem Film vorangestellte Zitat des Autors beschreibt, dass „Beale Street“ als Synonym für die Gegenden und Straßen steht, auf denen sämtliche schwarze Amerikaner aufgewachsen sind – von Louis Armstrong zu Tish und Fonny. Konzentriert ist Beale Street zudem. Fokussiert auf die eigentlichen Elemente der Story: Liebe und Familie.
Denn während Jenkins Film natürlich eine unverholene Kritik am Rassismus der USA in der damaligen Zeit darstellt, stellt er der latent vorhandenen Angst und der Gewalt auf den Straßen die moralischen Werte von Zusammenhalt und bedingungsloser Unterstützung gegenüber. Natürlich spart Beale Street aber auch nicht aus, dass es innerhalb dieser kraftvollen Gemeinschaften auch zerstörerische Kräfte gab. Hier vor allem durch die von religiöser Ehrfurcht krankhaft durchzogene Mutter Fonnys.

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Tishs Eltern stehen zu ihr

Jenkins erzählt die Liebesgeschichte der beiden Hauptfiguren in stimmungsvollen Bildern anhand von zahlreichen Rückblicken. Während der Film in der Gegenwart der Inhaftierung Fonnys spielt, springt er immer wieder zurück. Teils in die weiter zurückliegende Kindheit der beiden oder auch in die Zeit, in der sich die Zwei dann lieben lernten. Echte Schwarzweiß-Bilder sorgen in Zusammenfassungen bspw. des angeblichen Tathergangs für eine zusätzliche Variante. Der Zuschauer wird dabei von der kommentierenden Off-Stimme Tishs ein wenig geleitet und verliert dadurch den Überblick nicht.
Dass Jenkins die Arthaus-Fahne des afroamerikanischen US-Kinos hochhält, merkt man ihm auch in der Wahl der Filmmusik und -songs an. Der mitunter jazzig oder klassisch angehauchte Soundtrack ist jedenfalls erfrischend unvorhersehbar.
Gleichzeitig fängt die Kamera das Geschehen stilvoll und in warmen Bildern ein. Hektische Schnitte oder rasante Kameraführung sucht man vergeblich und kann sich deshalb noch besser auf die Handlung konzentrieren.
Allerdings sollte man eine gewisse Vorliebe für diese Langsamkeit mitbringen, die auch über die fast schon poetisch gesprochenen Dialoge vermittelt wird. Nicht selten hat man ein wenig das Gefühl, einer afroamerikanischen Variante eines Terrence-Malick-Films beizuwohnen. Doch gerade diese ungewöhnliche Schnittabfolge in Kombination mit den teils sphärischen Klängen des Scores und den poetischen Bildern und Dialogen sorgt für ein ebenso überraschendes wie kraftvolles Kinoerlebnis. Eine Kraft, die vor allem auch dann ausgestrahlt wird, wenn klar wird, warum der Officer (stark: Ed Skrein) gerade Fonny auf dem Kieker hatte.
Künstlerisch erfolgreich war Beale Street übrigens auch. Denn erneut ging der Nebendarsteller-Oscar (für Regina King) an den Film – auch wenn der ebenfalls nominierte Jenkins für das beste adaptierte Drehbuch dieses Mal leer ausging.

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Regisseur Jenkins (Mitte) bei der Arbeit mit seinen Darstellern

Bild- und Tonqualität

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Kann Tishs Mutter das Opfer zu einer anderen Aussage bewegen?

Beale Street wurde zwar vollständig digital aufgezeichnet und nimmt vom open-gate-Format der verwendeten Alexa 65 immerhin ein 2.00:1-Seitenverhältnis, doch man sollte kein glattgebügeltes Bild erwarten. Die Nachbearbeitung ist in Sachen Farb- und Kontrastgestaltung sowie in puncto Bildruhe und Filterung durchaus heftig ausgefallen. Zunächst wirkt der Film aufgrund eines hinzugefügten Korns sehr analog. Dazu kommt eine sehr dunkle Abstimmung mit einem extrem ins Braunrote gefilterten Bild. Selbst für einen Film mit afroamerkanischem 70er-Jahre-Thema ist es hier ziemlich warm und recht düster geworden. Zum Film passt es natürlich, aber technisch perfekt sieht es nicht aus. Die Schärfe ist in Close-ups allerdings sehr gut.
Akustisch hat Beale Street zwar ein ganz bestimmtes Problem, weil er gesprochene Dialoge während vorhandener Filmmusik bisweilen zu leise einpegelt, doch das scheint durchaus bewusst so gewählt zu sein, denn im Englischen ist das genauso. Es verstärkt mitunter die Konzentration auf das gesprochene Wort – man muss halt genauer hinhören. Während einiger Szenen öffnet sich der Raum immer wieder. So zum Beispiel während der Gespräche der beiden im Besucherzimmer oder auch durch den auf die Fenster prasselnden Regen während der ersten gemeinsamen Nacht. Dynamisch wird’s ab und zu ebenfalls. Beispielsweise, wenn nach gut einer Stunde die U-Bahn durch den Bahnhof rauscht (58’00).

Bonusmaterial

Das Behind the Scenes, das sich im Bonusmaterial von Beale Street befindet, beleuchtet für etwa fünf Minuten die Hintergründe zum Film und lässt ein paar der Beteiligten zu Wort kommen.

Fazit

Beale Street ist gegenüber Moonlight der etwas schwächere und langatmigere Film. Dennoch folgt man dem Schicksal Fonnys und Tishs konzentriert und freut sich mit ihnen, wenn sie ihre erste eigene Wohnung finden. Ebenso leidet man mit ihnen, wenn sie sich nur noch durch die Glasscheibe des Gefängnis-Besucherraums unterhalten können. Jenkins findet dafür erneut poetische Bilder und unterlegt das Geschehen mit einem tollen Soundtrack. Definitiv ein Highlight für Freunde anspruchsvoller Dramen und von hochwertigem Erzählkino.
Timo Wolters


Bewertung

Bildqualität: 70%
Tonqualität (dt. Fassung): 65%
Tonqualität (Originalversion): 65%
Bonusmaterial: 30%
Film: 80%

Anbieter: DCM Film/Universum Film
Land/Jahr: USA 2018
Regie: Barry Jenkins
Darsteller: KiKi Layne, Stephan James), Regina King, Colman Domingo, Teyonah Parris, Ed Skrein
Tonformate: dts HD-Master 5.1: de, en
Bildformat: 2,00:1
Laufzeit: 120
Codec: AVC
FSK: 12

(Copyright der Cover und Szenenbilder liegt bei Anbieter DCM Film / Universum Film)

Trailer zu Beale Street

BEALE STREET | TRAILER

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