BFG – Sophie & der Riese

Blu-ray Review

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Highlight Communications, 01.12.2016

OT: The BFG

 


Von Furzelbäumen und Gigaraffen

Unglaublich fantasievolle und stimmige Adaption der Vorlage von Roald Dahl.

Inhalt

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Sophie ist die einzige, die in der Nacht oft wach bleibt

Seit sie denken kann, lebt Sophie in einem Waisenhaus. Dort findet sie abends nie richtig Schlaf und stromt noch umher, während alle anderen iin ihren Träumen liegen. Das aufgeweckte Mädchen vertreibt dann auch schon mal Sturzbetrunkene vor dem Anwesen, rechnet aber nicht mit dem, was sie eines nachts beobachtet. Eine gar riesenhafte Hand taucht aus einer Seitenstraße heraus auf und der dazugehörige riesige Riese kommt direkt hinterher. Als er entdeckt, dass Sophie ihn gesehen hat, nimmt er sie kurzerhand mit in sein Reich. Denn immerhin könnte das Mädchen ja in der Welt herumposaunern, dass sie ihn gesehen hat. Und das muss der gigantische Kerl natürlich verhindern, um nicht in einen Käfer eingesperrt und beglotzert zu werden. Sophies anfängliche Angst und der Fluchtgedanke verziehen sich, als sie merkt, dass der Riese freundlich ist und sich akribisch darum kümmert, Träume zu sammeln, die er des Nachts zu den Menschen bringt. Die neun noch viel größeren Brüder des Riesen, die so freundliche Namen haben wie „Fleischfetzenfresser“, „Blutschürfer“ oder „Mädchenmanscher“, sind allerdings überhaupt nicht so nett und essen lieber Kinder. Als sie bemerken, dass Sophie bei ihrem „kleinen Bruder“ ist, machen sie Jagd auf die beiden. Das kleine Waisenmädchen allerdings hat eine Idee, wie sie die gesammelten Träume des guten Riesen einsetzen kann, um die bösen Giganten unschädlich zu machen …

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Der freundliche Riese bei seiner allnächtlichen Arbeit

Eigentlich sind es ja Tim Burton oder Wes Anderson, die für die Verfilmungen von Roald-Dahls fantasievollen Vorlagen zuständig sind, wie sie es bei Charlie & die Schokoladenfabrik oder Der fantastische Mr. Fox eindrucksvoll unter Beweis gestellt haben. Die immer auch etwas abgedrehten Kinderbücher und Geschichten des britischen Schriftstellers sind geradezu prädestiniert für den skurrilen Humor der beiden Filmemacher. Nun kommt ausgerechnet Steven Spielberg und nimmt sich des auch in Deutschland äußerst erfolgreichen „Sophiechen und der Riese“ an. Jener Spielberg, der Fantasie oft mit Spektakel verwechselt und schon aus Peter Pan ein furchtbar überkandideltes Event-Movie gemacht hat. Hoffnung, dass er es bei BFG (Im Original heißt Dahls Buch „The Big Friendly Giant“) vielleicht doch etwas anders macht, wird dadurch erzeugt, dass er seine E.T.-Autorin Melissa Mathison aus dem Ruhestand holte und sie das Drehbuch verfassen ließ. Herausgekommen ist dabei ein Film, der zwar die heutige Technik (äußerst) effektiv nutzt, den Film aber dennoch nicht mit Effekten überfrachtet. Tatsächlich ist BFG vielleicht sogar Spielbergs gelungenster Kinderfilm geworden, wenn man E.T. (vor dem sich der Autor dieser Zeilen noch heute gruselt) überhaupt als Kinderfilm bezeichnen möchte. In seiner Verfilmung von Sophiechen und der Riese spielen die Trickeffekte natürlich eine große (im wahrsten Sinne des Wortes) Rolle. Doch abseits des sensationell umgesetzten Motion-Capturing und den famos realistischen Gesichtsanimationen der Riesen, sind es eben auch die Details und das zauberhafte Wesen der Vorlage, die immer wieder durchscheinen. Das fängt bei der witzigen Fantasiesprache an, die Roald Dahl in BFG auf die Spitze trieb und von denen später sogar Wörter in den Oxford English Dictionary aufgenommen wurden und geht weiter bei der unglaublich akribischen Arbeit an den Sets und Requisiten. Es ist schon beeindruckend und gleichzeitig bezaubernd, die Detailvielfalt in den Höhlen der Riesen oder an ihren Geschmeiden zu bewundern.

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Sophie entdeckt gleich, was noch niemand vor ihr gesehen hat

Das beste Drehbuch, die tollsten Tricks und die charmanteste Vorlage nutzen aber nichts, wenn die Schauspieler es nicht entsprechend umsetzen können. Die junge Ruby Barnhill, die mit Spielbergs BFG ihr Langfilmdebüt gibt, harmoniert ganz prächtig mit dem frisch gebackenen Oscargewinner Mark Rylance (Bester Nebendarsteller in Bridge of Spies), der den Big Friendly Giant trotz Motion-Capturing spielt, als wäre er es selbst, der da aus acht Metern Höhe auf Sophie herunterschaut. Und wenn man im Bonusmaterial sieht, wie viel Spaß sämtliche „Riesen“ bei den Dreharbeiten im MoCap-Studio hatten, weiß man auch, warum sie alle hervorragend funktionieren und sich so individuell voneinander unterscheiden. Spielberg macht es aber auch einfach geschickt. Schon direkt zu Beginn spielt er häufig mit Schatten und Größenunterschieden, streut optische Täuschungen, bis er dann die wirklich gigantische Hand des Riesen erstmals formatfüllend im Bild erscheinen lässt. Die Größenunterschiede funktionieren von da an wirklich perfekt – und zwar sowohl zwischen Sophie und ihrem großen Beschützer als auch zwischen diesem und seinen noch viel gigantischeren Brüdern. Einzig die Bewegungen im direkten Zusammenspiel (beispielsweise wenn das Mädchen in der Hand des Riesen sitzt und durch die Höhle getragen wird), wirken noch etwas staksig und verströmen ein (charmantes) King-Kong-Gefühl. Erzählerisch nimmt sich Spielberg die Zeit, die er braucht, um die Verbindung zwischen Sophie und ihrem großen Freund herzustellen. Schon früh wird klar, dass hier vor allem der Riese von dem kleinen Mädchen lernen kann und nicht anders herum. Das Gemeinschaftsgefühl, das entsteht, wenn die sich meist allein fühlende Sophie mit dem sich noch mehr alleinfühlenden Riesen zusammen auf Traumfang geht, ist wirklich bewegend und für Kinder ebenso fesselnd wie für Erwachsene.

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Das Land der Riesen hat für Sophie gleichzeitig Reize und Gefahren

Spielberg tut auch gut daran, die menschenfressenden neun Brüder (im Buch sind es „nur“ Nachbarn) des Riesen nicht allzu düster und brutal wirken zu lassen. So stellt er sie als tollpatschig hin, lässt sie sich vor dem Regen fürchten und sorgt so dafür, dass der Gruselfaktor eher niedrig bleibt. Natürlich gibt es ein paar ungewisse Momente für die ganz kleinen Zuschauer (so zum Beispiel, wenn der Riese seiner Sophie in der ersten Nacht einen Alptraum beschert), doch alles in allem geht die Altersfreigabe in Ordnung. Freilich sollten Eltern mit der einen oder anderen Frage über das vermeintliche Land der Riesen rechnen, wenn sie sich den Film mit ihren kleinen Kids zusammen anschauen, doch BFG beflügelt eher die Fantasie als dass er Ungewissheit oder gar Furcht verbreitet. Was den „Gobblefunk“, also die Fantasiesprache der Riesen angeht, den viele Rezipienten im Nachgang des Kinofilms verurteilten: Ja, er vereinfacht teilweise Wörter, mixt sie falsch zusammen und wirkt dadurch wenig intelligent. Aber exakt so legte es Dahl in seiner Romanvorlage an und kommentiert das ja auch häufig genug durch die naseweisen Korrekturen der Sophie. Hier ist es das Kind, das sich gewählt ausdrücken kann, während der erwachsene Riese ungebildet wirkt. Zu glauben, dass Kinder sich das zum Vorbild nehmen könnten, wäre hier zu kurz gedacht. Entgegen der heute unter Jugendlichen verrohenden Gossensprache, sind es hier oft fantasievolle Kreationen, die für Kreativität sorgen, nicht für Verdummung. Und bei den meisten Kinder wird der Sprachgebrauch der Riesen eher eine „das sagt man doch ganz anders“-Reaktion hervorrufen, denn eine „das mache ich ab jetzt auch so“-Nachahmung. Spielberg und seine Autorin (sowie die deutschen Übersetzer) haben Dahls Gobblefunk nur moderat modernisiert und lassen sich zu keiner Zeit auf niveaulosen Hip-Hop-Slang herunter. Wer hier nicht differenzieren kann, sollte vielleicht vor seiner unberechtigten Kritik erst einmal die Vorlage lesen, die zu den bemerkenswertesten Kinderbüchern überhaupt gehört.

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Das Mädchen merkt, dass sie ihrem großen Gegenüber vertrauen kann

Bild- und Tonqualität

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Die noch riesigeren Riesen-Brüder spielen schon mal gerne Fangen mit ihrem schmächtigen Schmächtling

Während Steven Spielberg es sonst schon mal sehr gerne sehr grobkörnig mag (vgl. Krieg der Welten, Der Soldat James Ryan oder Terminal), ist das Korn in BFG zwar sichtbar, aber sehr dezent und filmisch eingesetzt worden. Selbst in den dunklen Szenen der Riesenhöhlen nimmt es nicht sichtbar zu und bleibt stets angenehm. Die Schärfe ist während der Close-ups der Riesen phänomenal. Jede kleine (animierte) Hautunebenheit und jedes Härchen lässt sich erkennen und die Spiegelungen auf der Haut wirken äußerst plastisch. Sophiechens Gesicht wirkt ab und an etwas glattgebügelt, was aber auch daran liegen könnte, dass sie einfach noch sehr junge, glatte Haut hat. Farben sind stets absolut prachtvoll und plastisch. Die bunten Träume in ihren Gläsern oder das grüne Blubberwasser treten förmlich aus dem Bildschirm hervor. Auch der hohe Kontrastumfang tut seinen Teil dazu, dass man hier von einem wirklich guten Bild sprechen darf.

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Zu Gast bei der Queen

Ebenso gut schlägt sich der Ton von BFG. Während große Anbieter zuletzt immer wieder Schelte einstecken mussten (vgl. Star Trek Beyond), liefert Highlight Communications in den meisten aller Fälle einen dts-HD-High-Resolution-Sound. Der ist zwar nicht (ganz) verlustfrei, aber um Längen besser aufgelöst als eine schmächtige Dolby-Digital-Spur. Und das hört man Spielbergs Film jederzeit an. Schon die langen Schritte des Riesen in den Gassen der Stadt sorgen zu Beginn für voluminösen Sound. Wenn er dann schnelleren Schrittes Richtung seiner Heimat rennt, fühlt man sich förmlich mitgerissen. Der Subwoofer lässt den Boden ordentlich wackeln und die Effektkanäle sind stets präsent. Gleiches gilt für die vielen Surroundsounds im Land der Riesen oder die wuchtige Intonierung des Außentores, das sich grollend vor die Höhle des Riesen rollt. Die dezenten Stimmen, die von den Träumen ausgehen, wuseln ebenfalls über die Rearspeaker und hinterlassen eine stimmungsvolle Atmosphäre. Ebenfalls toll gelingen die Geräusche, die von der Traumtompete des Riesen ausgehen, wenn er sie in der anfänglichen Fluchtszene immer wieder geschickt einsetzt, um sich zu verstecken. Die Dialoge gehen in all dem nicht unter und fügen sich äußerst harmomisch ein. Klar, dass die Organe der größeren Riesen mit donnerndem Timbre wiedergegeben werden und bereits für Basssvolumen sorgen.

Bonusmaterial

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Bezaubernde Freundschaft

Im Bonusmaterial von BFG warten insgesamt fünf Featurettes, von denen „Wie BFG zum Leben erweckt wird“ das knapp 30-minütige Herzstück bildet. Mit Kommentaren von Spielberg, seinen Darstellern, der Drehbuchautorin Melissa Mathison sowie Dahls Tochter Sophie, die Vater Roald immer als Inspiration für seine Geschichte angab. Auch das Casting wird beleuchtet. So kam Hauptdarstellerin Ruby Barnhill erst spät zum Film und sprach bei Spielberg während dessen Dreharbeiten zu Bridge of Spies vor. Hier konnte man natürlich auch gleichzeitig überprüfen, wie sie mit Hauptdarsteller Mark Rylance harmoniert, der in beiden Filmen mitspielt. Auch schön sind die Aufnahmen von den wunderbar ausgestatteten Sets sowie die Arbeit an den extremen Größenunterschieden. Auch die witzigen Aufnahmen der „Riesen“ während der Motion-Capturing-Aufnahmen machen Spaß. Erstaunlicherweise hat man sie in einem rudimentären Set arbeiten lassen, damit die Vorstellungskraft der Schauspieler noch besser möglich ist. Großartig ist der Einblick in das Prop-Department, das mit ungeheurer Fantasie Dinge aus der realen Welt zu winzigen Dingen in der Riesenwelt (oder andersrum) fand. „BFG und ich“ ist eine kurze, aber sehr nett animierte Kurzgeschichte. In „Charaktere der Riesen“ werden die anderen Giganten sowie ihre Darsteller vorgestellt. Man zeigt, wie man sie individuell gestaltet hat und wie die Schauspieler in ihren grauen Motion-Capturing-Anzügen gemeinsam agierten. „Riesensprache“ kümmert sich um „Gobblefunk“, die fantasievolle Sprache der Riesen. Dabei darf man als Zuschauer noch ein wenig lernen und das Ganze wird sehr humorvoll und rasant animiert vorgetragen und mit Szenen aus dem Film zwischengeschnitten. „EIne Hommage an Melissa Mathison“ ist ein sechsminütiger und wunderbarer Rückblick auf die Arbeit der 2015 verstorbenen Drehbuchautorin, die nicht nur gut 20 Jahre mit Harrison Ford verheiratet war, sondern neben vielen wunderbaren Drehbüchern auch das Skript zu E.T. und natürlich zu BFG verfasste.

Fazit

BFG – Big Friendly Giant ist pure Kinopoesie nach einer der fantasievollsten und bewegendsten Kinderbuchvorlagen überhaupt. Spielberg hat es geschafft, mit modernsten visuellen Effekten und tollen Schauspielern einen Film zu zaubern, der gleichzeitig alte und junge Zuschauer begeistert und seine anrührende Geschichte zu keiner Zeit in Effekten erstickt – ganz großes Familienkino!
Timo Wolters


Bewertung

Bildqualität: 90%
Tonqualität (dt. Fassung): 90%
Tonqualität (Originalversion): 90%
Bonusmaterial: 60%
Film: 90%

Anbieter: Highlight Communications
Land/Jahr: USA 2015
Regie: Steven Spielberg
Darsteller: Mark Rylance, Ruby Barnhill, Rebecca Hall, Penelope Wilton, Bill Hader, Rafe Spall, Jemaine Clement, Ólafur Darri Ólafsson, Adam Godley, Michael Adamthwaite
Tonformate: dts HD High Resolution 5.1: de, en
Bildformat: 2,35:1
Laufzeit: 118
Codec: AVC
FSK: 0

Trailer zu BFG

BFG – BIG FRIENDLY GIANT offizieller Trailer 2

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