Black Mirror: Bandersnatch

Blu-ray Review

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Netflix, 28.12.2018

OT: Black Mirror: Bandersnatch

 


Nur zehn Sekunden

Der erste interaktive (Real)Film auf Netflix ist eine (fast schon) bewusstseinserweiternde Erfahrung.

Inhalt

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Stefan demonstriert seine Spielidee

Stefan Butler ist ein junger Tüftler. Ein Computerspiele-Entwickler, der im Jahre 1984 zu Frankie Goes to Hollywoods „Relax“ aufwacht und Tuckersoft, einem aufstrebenden Software-Unternehmen, gerne seine Spiele-Idee eines interaktiven Games verkaufen möchte. Trotz seiner Überzeugung ist er überrascht, dass deren Chef Mohan Takur anbeißt und man Stefan auch direkt noch den jungen Computerspiel-Guru Colin vorstellt. Der ist ebenfalls von Beginn an der Überzeugung, dass Stefan Potenzial hat. Auch wenn das Spiel nach seiner Veröffentlichung von der Kritik vernichtet wird. Stefan allerdings gibt nicht auf und fängt noch mal von vorne an …

Black Mirror Bandersnatch
Colin ist Stefans Idol

Black Mirror startete 2011 auf dem britischen Sender Channel 4. Die SciFi-Serie behandelt grundsätzlich die gegenseitigen Wirkungs-Beeinflussung zwischen Mensch, Technik und Medien. Produzent Brooker wollte dabei die „Nebenwirkungen“ der „Droge Technik“ ausloten und gestaltete jede Folge in sich abgeschlossen mit einem neuen Thema. Während die ersten beiden Staffeln je drei Episoden aufwiesen, wurde Netflix im September 2015 auf die Serie aufmerksam und produzierte im Nachgang 12 Episoden für eine dritte, exklusive Season (die dann mit je sechs Folgen als Staffel drei und vier reüssierte).
Bevor es dann 2019 in die fünfte Staffel gehen wird, gab man aber grünes Licht für einen Ableger in Spielfilmlänge. Dieser wurde am 28. Dezember 2018 veröffentlicht. Wobei Spielfilmlänge etwas irreführend ist, denn dieser Black Mirror: Bandersnatch sprengt mit einer möglichen Gesamtlaufzeit von über fünf Stunden den üblichen Rahmen.
Warum das so ist?
Bandersnatch ist ein interaktiver Film. Einer, bei dem der Zuschauer an bestimmten Punkten über den Fortgang der Geschichte entscheidet. Man hat dabei stets die Wahl zwischen zwei Pfaden, die zunächst simpel eingeführt werden: Die Kassette von Thompson Twins oder doch lieber jene von Now 2. Doch der „Schwierigkeitsgrad“ zieht zügig an. Denn sobald Stefan für die Computerfirma arbeiten soll, werden die Entscheidungen schwerer und vor allem folgenreicher.

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Wird Stefan fertig mit dem Spiel?

Da der Zuschauer nie weiß, welche Antwort sich hinter Tür „A“ oder „B“ aufhält, wird er auch mit seiner eigenen Entscheidungsfreudigkeit konfrontiert. Denn die Macher haben Bandersnatch noch ein Level upgegradet.
Man hat nämlich nicht ewig Zeit, einen Weg zu wählen. Parallel zu den beiden Möglichkeiten läuft ein Counter von zehn Sekunden ab, an dessen Ende (so man keine Wahl trifft) die Story in der von Brooker voreingestellten Variante weiter läuft. Ist man also faul, kann man den Film auch konventionell zu Ende schauen und kommt dann auf etwa 90 Minuten. Besonders experimentierfreudige Zuschauer können aber auch weitaus länger in der Geschichte stecken bleiben und sich auf die Suche nach den zahlreichen Enden zu machen, von denen bisher (angeblich) noch nicht mal alle entdeckt worden seien.
So viel zur Theorie. Ist das Ganze aber in der Praxis spannend? Oder kürzt man doch lieber ab, wählt den Schnelldurchgang und ist dann in 40 Minuten durch?
Man verrät nicht zu viel, wenn man sagt, dass das Gute an Bandersnatch nicht das Experiment der Interaktivität an sich ist, sondern die Tatsache, dass es von der Story entsprechend perfekt umrahmt ist. Einfach nur links oder rechts auf der Fernbedienung drücken würde schnell ermüden.
Aber da Autor/Produzent Brooker ein Nerd ist, passt sich die Geschichte der Interaktivität an. Schon die Wahl des Szenarios (80er Jahre, Computerspiel-Kids) ist großartig gewählt. Denn der Film strotzt nur so vor Kultur-Zitaten, die jeden Kenner dieses Jahrzehnts vor Glück strahlen lassen. Vom Walkman über die alten Spielekonsolen bis hin zu Schokoriegeln der damaligen Zeit; von der Musik über die Klamotten bis hin zu Lewis J. Carrolls Jabberwocky (in dem eine Figur „Bandersnatch“ heißt) reichen die Zitate. Und weil Stefan sein Computerspiel auf einem Buch hat basieren lassen, dessen Story den Leser auch immer wieder vor Entscheidungen stellt (wofür er dann Seiten vor- und zurückblättern muss), ist natürlich auch das Game interaktiv. Bandersnatch ist also interaktiver Film im interaktiven Spiel – eine großartige Film-im-Film-Verknüpfung.

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Zwar ist die Idee mit der Interaktivität nicht neu (schon 1991 gab es einen Oliver-Hirschbiegel-Tatort, der mit zwei unterschiedlichen Handlungsverläufen parallel in ARD und ZDF lief. Außerdem sollte jeder mal das 2011er Kurzfilmprojekt „3 Regeln“ ausprobieren —> Klick), doch so konsequent und vor allem flüssig wie Brooker hat das noch keiner hinbekommen.
Gerade der Stress, der irgendwann entsteht, wenn der Zuschauer seine Wahl innerhalb von zehn Sekunden treffen muss, sorgt für Adrenalin. Denn, wie gesagt: Je länger der Film dauert, desto härter und heftiger werden die Entscheidungen. So muss man bspw. irgendwann entscheiden, ob man selbst oder doch jemand anders möglicherweise stirbt – moralisch nicht ganz einfach.
Aufgelockert wird das Ganze mit viel Humor und eben jenen Anekdoten, die nur die 80er bereithalten können. Wenn Thakur Stefan erklärt, dass man nicht das ganze Buch in ein Spiel packen könne, weil man nur 48 KB Platz hat, dann muss man aus heutiger Sicht natürlich mehr als Schmunzeln. Wie weit käme man heute noch mit 48 Kilobyte …?
Doch der Humor bricht nur den durchaus vorhandenen Ernst der Story. Denn mit zunehmender Spielzeit erfahren wir mehr über Stefan und darüber, warum er so ein zurückgezogener Einsiedler ist, der immer wieder mit seinen inneren Dämonen kämpft. Außerdem kommt noch ein weiteres Thema hinzu, das an dieser Stelle noch nicht verraten sei.

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Stefan fühlt sich irgendwann wie in einer Parallel-Welt

Dargeboten wird dieses Schauspiel von Fionn Whitehead (Dunkirk) als Stefan, der seine Rolle überzeugend spielt. Wesentlich beeindruckender ist aber noch Will Poulter (Shameless, Maze Runner) der als Entwickler-Guru Colin für zahlreiche Gänsehaut-Momente sorgt.

Übrigens: Neben den offiziellen fünf (richtigen) Enden soll es noch „geheime“ Auflösung geben. Außerdem hat man Easter Eggs versteckt. Denn eine ganz bestimmte Abfolge von Entscheidungen führt tatsächlich zu einer spielbaren Version eines der Games aus dem Film (insofern man einen ZX Spectrum Emulator hat). Hat man diese bestimmte Abfolge von Entscheidungen getroffen, spielt das (in diesem Moment eingelegte) Tape hochfrequente Geräusche ab, was den Datensounds eines ZX-Spectrum-Computers entspricht. Schickt man diese Signale durch einen entsprechenden Emulator, winkt am Ende ein QR Code, der auf eine versteckte Seite der offiziellen Webpage zum Film verlinkt. Tusch: Dort könnt ihr dann unter der Seite zu Nohzdyve das Spiel downloaden.
Und jetzt behaupte noch mal jemand, Produzent und Autor Charlie Brooker sei kein Nerd!
Achtung, Spoiler: Wer einfach wissen will, welche Wahlmöglichkeiten die jeweiligen Ergebnisse zutage bringen, kann sich mit dem unter diesem Link verknüpften Chart alle Pfade anschauen. Mehr Spaß macht es allerdings, selbst alle Stränge zu erkunden.

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Die Entscheidungen für den weiteren Verlauf bestimmt der Zuschauer per Cursor und OK-Taste

Bild- und Tonqualität

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Stefans Therapeutin beglückwünscht ihren „Schützling“ zum Erfolg

Black Mirror: Bandersnatch liegt auf Netflix in 4K UHD vor – allerdings ohne Dolby Vision oder erweiterten Farbraum. Das Bildformat kommt derweil während der meisten regulären Szenen im ungewöhnlichen 2,20:1 daher. Die Rückblicke Stefans erscheinen allerdings in 4:3 und einige andere Szenen liegen in 1,78:1 vor.
Die hohe Auflösung sieht man dem Bild vor allem in den Close-ups sichtlich an. Was hier an Detailreichtum auf Gesichtern gezeigt wird, ist absolut klasse. Selbst bei den jungen Darstellern lässt sich jede Hautunreinheit, jede Pore erkennen. Dazu ist die Bildruhe des mit Arri-Alexa-65-Kameras aufgenommen Films wirklich beeindruckend hoch. Kein Körnchen trübt das Bild (sieht man von den bewusst so körnig gestalteten Rückblicken ab sowie ein paar sehr dunklen Szenen ab). Trotz nicht vorhandenem HDR sind die Farben und Kontraste prächtig. Die Dynamik zwischen den schwarzen Haaren seiner Therapeutin und deren hellem Teint ist beispielsweise phänomenal. Auch die Farben sind recht kräftig, was man gut an Colins rotem Pullover ablesen kann. Bei seitlich einfallendem Licht sind zwar die Schlagschatten an den Gesichts-Randbereichen etwas harsch, doch ansonsten liegt das Bild auf einem hohen Qualitäts-Niveau.
Beim Ton setzt Netflix auf Dolby Digital Plus für beide Sprachen – Dolby Atmos gibt’s hier nicht. Braucht es aber auch nicht, denn es gibt praktisch kaum Anlass für entsprechende Effekte. Schon die reguläre Ebene bekommt nur selten eine Öffnung des Raums. Der psychedelisch angehauchte Score liegt in der Regel sehr leise auf den Speakern und die deutsche Synchro hätte tonal etwas offener sein dürfen. Gerade Colins Stimme klingt topfig/muffig.
Wenn echte Filmmusik ertönt, werden dann auch mal die Rearspeaker mit einbezogen (Stefans LSD-Trip). Ebenso während Stefans Träumen und Visionen vom Boss-Gegner. Ansonsten konzentriert sich das Geschehen jedoch auf die Front und die beliefert der englische Ton mit ausgewogeneren Stimmen und harmonischerer Einbettung derselben.

Fazit

Black Mirror: Bandersnatch hätte kapital Schiffbruch erleiden können, wenn es ausschließlich um die Interaktivität gegangen wäre. Wenn sich die Story drumherum wie ein Flickwerk angefühlt hätte. Aber das ist nicht der Fall – im Gegenteil: Aufgrund des Settings in der Computerwelt der 80er und der Film-im-Film-Struktur, saugt Bandersnatch den Zuschauer geradezu ins Geschehen. Ein außerordentlich spannendes Erlebnis und vermutlich einer der Filme bei Netflix, die am häufigsten aufgerufen werden – schlicht weil man ihn noch mal mit anderen Optionen durchschauen möchte.
Timo Wolters


Bewertung

Bildqualität: 80%
Tonqualität (dt. Fassung): 75%
Tonqualität (Originalversion): 80%
Film: 90%

Anbieter: Netflix
Land/Jahr: USA 2018
Regie: David Slade
Darsteller: Fionn Whitehead, Craig Parkinson, Alice Lowe, Asim Chaudhry, Will Poulter, Tallulah Haddon
Tonformate: Dolby Digital Plus 5.1: de, en
Bildformat: 2,20:1 // 4:3 // 1,78:1
Laufzeit: 40 bis 312 (theoretisch)
Codec: AVC
FSK: 16

(Copyright der Cover und Szenenbilder liegt bei Anbieter Netflix)

Trailer zu Black Mirror: Bandersnatch

Black Mirror: Bandersnatch | Offizieller Trailer [HD] | Netflix

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