Brawl in Cell Block 99

Blu-ray Review

brawl in cell block 99 blu-ray review cover
Universum Film, 26.10.2018

OT: Brawl in Cell Block 99

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Südlich von Okay, nördlich von Krebs

Vince Vaughn überrascht mit einer ultrabrutalen Rolle.

Inhalt

brawl in cell block 99 blu-ray review szene 5
Aussprache mit der Frau

Bradley Thomas war mal ein passabler Boxer. Nun lebt er von Gelegenheitsjobs, die ihn und seine Frau mehr schlecht als recht durchbringen. Seine jüngste Arbeitsstelle hat er soeben wieder verloren. Und als er zu früh nach Hause kommt, bekommt er auch noch mit, dass seine Holde jemand anderen kennen gelernt hat. Nachdem sich Bradley abreagiert hat, schlägt er vor, dass man es noch einmal probiert und ein neues Leben anfängt. Das jedoch beinhaltet, dass er als Drogenkurier zu arbeiten beginnt. Etwas, das ihm schnell Geld einbringt und das gemeinsame Leben mit der Frau verbessert. Doch wie es immer ist, geht ein Job schief. Zwar versucht Bradley noch, seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen, doch am Ende landet er im Knast – sieben Jahre lang. Als wäre das nicht schlimm genug, bekommt er schon am zweiten Tag Besuch von einem Fremden. Der offenbart ihm, dass sein Ex-Auftraggeber Bradleys schwangere Frau entführt hat und das man am ungeborenen Kind Gliedmaßen entfernen würde, wenn Bradley nicht einen anderen Knast-Insassen umbringt. Da der in einem Hochsicherheits-Gefängnis einsitzt, muss Bradley aber erst einmal dorthin – und das geht nur mit Gewalt …

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Hinter Gittern

Erinnert sich noch jemand an den 2016er Western mit Splatter-Elementen, Bone Tomahawk? Wenn das so ist, dann zu Recht. Denn das, was Craig S. Zahler damals an Blut und Atmosphäre ablieferte, war ebenso erstaunlich wie ungewöhnlich – ein ziemlich bemerkenswerter Genre-Zwitter.
Nun legt Zahler nach – und wie: Was er in Brawl in Cell Block 99 abzieht, ist manchmal derart roh und brutal, dass man sich verwundert die Augen reibt. Verwundert ist ein gutes Stichwort. Denn wenn man hört und liest, dass Vince Vaughn die Hauptrolle spielt, glaubt man es zunächst kaum. Doch dann schaut man sich die ersten Szenen an, sieht diesen kahlrasierten Schädel mit der tätowierten Rune auf dem Hinterkopf und beobachtet, wie dieser Mann mit bloßen Fäusten ein Auto zu Schrott klumpt. Eben jener Vince Vaughn, den man eigentlich aus Komödien (vorwiegend mit Ben Stiller und Owen Wilson) kennt. Dass es funktioniert, liegt aber nicht nur an der ungewohnten „Frisur“, sondern an Vaughn selbst. Unglaublich, dass man ihm die Rolle des harten Kerls so ohne Weiteres abnimmt. Aber seine unterkühlte und fast pragmatische Art, den Bradley zu spielen, fasziniert. Als Gegenspieler hat man ihm nach 75 Minuten einen absoluten Überraschungsgast vor die Nase gesetzt, der den Wärter Warden Tuggs im Hochsicherheitsgefängnis spielt und mit eiskaltem Zynismus agiert.
Wo Bone Tomahawk ein Genre-Mix aus Splatterhorror und Western war, beginnt Brawl in Cell Block 99 zunächst als gemächlich inszenierter Drogenthriller mit dezenten Drama-Elementen. Man schaut dem Treiben, das sich (ziemlich abrupt) entwickelt, nachdem Bradley von Neuanfang spricht, eine Weile lang zu.

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Der Fremde hat keine guten Nachrichten

Es wird ausgiebig geschildert, wie unser Protagonist mit zwei mexikanischen Kollegen ein Drogen-Versteck auf offenem Wasser aufsucht, leerräumt und dann von der Polizei umstellt wird. Die sich daraus entwickelnde Schießerei wird ebenso in Quasi-Echtzeit geschildert, wie der Einzug Bradleys in den Knast. In ziemlich quälenden Einstellungen schildert Craig S. Zahler die Verhältnisse im Gefängnis, konzentriert sich auf die Verhaltensweisen der Insassen und begleitet in langen Kamerafahrten den Hauptdarsteller. Das könnten viele, die eine dauerhafte Action-Tour-de-Force erwarten, zunächst abschrecken. Und vielleicht will Zahler das auch. Die erste Nacht, die Bradley im Knast verbringt, wurde auf eine ähnliche Weise noch nicht geschildert. Während er auf seiner Pritsche liegt, hört er nebenan das blecherne Geräusch, als einer der Zellennachbarn in sein Metallgefäß uriniert, das die Anstalt wohl Toilette nennt. Man spürt förmlich die Einsamkeit, die einem Insassen entgegen strömt.
Und dann bricht es plötzlich auch Bradley und dem Film heraus. Mit ungeschönter Gewalt drischt Vaughns Figur auf seinen Gegner ein – und während andere Knast-Filme irgendwie zu vermitteln versuchen, dass man dem Hauptdarsteller Unrecht tut, damit man sich auf dessen Seite stellt, bleibt Brawl in Cell Block 99 ungewöhnlich kalt und unemotional. Gerade das sorgt aber für einen Gänsehaut-Faktor. Inszenatorisch ist der Film so ungewöhnlich und gegen die üblichen Sehgewohnheiten, dass man sich bisweilen wirklich wundert. Aber nicht nur über die Inszenierung wird sich so manch einer wundern, auch über den Gewaltgehalt, der im späteren Verlauf drastische Formen annimmt. So drastisch, dass Anbieter Universum Film für eine FSK-18-Fassung leider gezwungen war, etwas über eine Minute heraus zu kürzen. Aber auch ohne diese fehlenden Szenen verfehlt das Szenario seine Wirkung nicht – auch weil Filmmusik praktisch ausbleibt und im Hochsicherheits-Trakt nur ein leichtes Rauschen zu vernehmen ist. Interessanterweise erscheinen die Kampfszenen im Gegensatz zu durchgestylten Actionern manchmal fast plump. Allerdings wirken sie gerade über ihre körperliche Rohheit und urtümliche Gewalt. Wenn Vaughn wie eine Zwei-Meter-Kampfmaschine scheinbar ohne Schmerzempfinden durch seine Widersacher pflügt, fühlt man den Schmerz als Zuschauer praktisch im eigenen Magen (und allen anderen Gliedmaßen).

Bild- und Tonqualität

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Meilenweit entfernt von „Miami Vice“

Brawl in Cell Block 99 nutzt ein massiv stilisiertes und im Kontrast deutlich überhöhtes Bild. Bei Fotografien spricht man vom HDR-Effekt, wenn man derartig krasse Kontraste herstellt. Im laufenden Film sorgt das von Beginn an für eine schwüle, hitzige und atmosphärisch äußerst dichte Atmosphäre. Die Schärfe geht dabei in Ordnung – nicht mehr und nicht weniger. Da die Laufruhe dauerhaft hoch bleibt und eine Körnung nur auf Oberflächen wie dem Himmel zu beobachten ist, sorgt die Auflösung dennoch für einen homogenen Eindruck. Die Farben wirken ein wenig kränklich, was an ihrer teils grünen, teils gelben Einfärbung liegt. Aufgrund des steilen Kontrasts versumpfen in vielen schwarzen Bereichen die Details.
Akustisch beginnt Brawl in Cell Block 99 mit brabbelnden V8-Motoren, die ziemlich massiv und druckvoll rüberkommen, wenn die Muscle Cars durch die Straßen fahren. Auch der Schiffs-Diesel von Bradleys altem Kahn blubbert nett vor sich hin und wenn sich hinter Bradley die Zellentür krachend schließt, reicht das schon für eine ziemlich effektvolle und kräftige Szene.

Bonusmaterial

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Brad, sorry: Bradley macht keine Gefangenen

Im Bonusmaterial von Brawl in Cell Block 99 findet sich ein Behind the Scenes, das gut 15 Minuten läuft und Interviews vom Regisseur und den Produzenten sowie den Darstellern integriert. So erfahren wir, wie Zahler ausgerechnet auf Vince Vaughn als Hauptdarsteller kam und wie seine Verbindung zu Don Johnson ist.

Fazit

Vince Vaughn ist eine Wucht in diesem brutalen und gegen die Sehgewohnheiten gefilmten Grindhouse-Meisterstück eines Regisseurs, den man unbedingt weiter im Auge behalten sollte. Was er hier an ungewohnter Atmosphäre entwickelt und an körperlicher Gewalt entfesselt, lässt jedenfalls atemlos zurück – trotz leichten Kürzungen.
Timo Wolters


Bewertung

Bildqualität: 65%
Tonqualität (dt. Fassung): 70%
Tonqualität (Originalversion): 70%
Bonusmaterial: 40%
Film: 85%

Anbieter: Universum Film
Land/Jahr: USA 2017
Regie: S. Craig Zahler
Darsteller: Vince Vaughn, Jennifer Carpenter, Don Johnson, Udo Kier, Marc Blucas, Dion Mucciacito
Tonformate: dts HD-Master 5.1: de, en
Bildformat: 1,85:1f
Laufzeit: 131
Codec: AVC
FSK: 18 (geschnitten)

(Copyright der Cover und Szenenbilder liegt bei Anbieter Universum Film)

Trailer zu Brawl in Cell Block 99

Brawl in Cell Block 99 – Trailer (deutsch/german; FSK 12)

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