Camino

Blu-ray Review

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WVG, 02.12.2016

OT: Camino

 


Schnee in Kolumbien

Zoe Bell muss sich in Camino als Journalistin vor einem Killer im Dschungel retten.

Inhalt

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Weiß noch nicht, was sie von den Missionaren halten soll: Fotografin Avery

1985: Avery Taggart erhält den Preis für die Fotojournalistin des Jahres. Zwar freut sie sich dem ihr angestammten Sarkasmus darüber, widmet die Auszeichnung aber vor allem jenen, die sie abgelichtet hat. Die Kriegsfotografin ist jedenfalls immer bereit, in interessante (und riskante) Gebiete zu reisen, um für die Welt festzuhalten, was auf ihr geschieht. Und so nimmt sie das Ticket ihres Kollegen ebenfalls an. Der hat die Möglichkeit aufgetan, ein paar bewaffnete kolumbianische Rebellen durch den Dschungel zu begleiten. Die erscheinen zwar ein wenig überdreht (gerade der junge Alejo), stehen aber füreinander ein und wirken von ihrer Sache überzeugt. Gerade Anführer Guillermo wirkt sogar vertrauenswürdig. Als Missionare bezeichnet er sich und die anderen, doch ihr Benehmen ist kurze Zeit später alles andere als christlich, als Avery beobachtet, wie Guillermo schwere Pakete mit Kokain austauscht und einem jungen Zeugen die Kehle durchschneidet. Von nun an muss die Fotografin um ihr Leben rennen oder sich alternativ zur Wehr setzen …

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Zu Anführer Guillermo scheinen alle aufzuschauen

Die verdiente Stuntfrau Zoe Bell, die in Quentin Tarantinos Death Proof erstmals aus dem Schatten ihrer eigentlichen Arbeit heraustrat und eine Sprech- (und Kampf)-rolle bekam, darf in Camino nun als Hauptfigur durch den Regenwald wandern, rennen und fighten. Da sich der Film durchaus bemüht, seinen Charakteren etwas Tiefe zu verleihen, darf man als Zuschauer ein wenig Nähe zu Avery aufbauen, bevor man mit ihr mitfiebert, wenn sie ihren blutigen Todeskampf im Dschungel antreten muss. Bell nutzt natürlich ihre Physis und zeigt bisweilen spektakuläre Stunts, wenn sie aus einem Baum herausspringt oder sich brutal von Alejo zurichten lassen muss. Gerade die erste Konfrontation zwischen ihr und dem psychopathischen Kerl mit Rückentattoo gerät intensiv und ziemlich erbarmungslos. Spaßig ist Camino zu keiner Zeit – im Gegenteil. Bisweilen erreicht die Atmosphäre eine Terrornote, die sich gewaschen hat. Die FSK-18-Freigabe jedenfalls erscheint durchaus berechtigt. Der Dschungel bietet dabei den exotischen Hintergrund, der den Film aus dem Einerlei ähnlicher Werke abhebt und dadurch den Spannungsfaktor spürbar anhebt. Wirklich gut gelingen auch die Schwarz-Weiß-Bilder, die man am Set gemacht hat, um die Arbeit Averys vor Ort widerzuspiegeln – offenbar war hier ein hervorragender Fotograf am Werk. Gut fotografiert ist auch der Film selbst, der den Regenwald geschickt für seine Zwecke nutzt und immer wieder Einstellungen findet, die für Atmosphäre sorgen. Absolut außergewöhnlich ist zudem der Filmscore, der nicht dem üblichen Action-Stereotyp entspricht, sondern mit wirren Sounds und pumpendem Bass für Anspannung sorgt – erstaunlich, wie viel das zum Thrill beiträgt. Ganz anders ist er dann, wenn Avery in einer Art Traumsequenz mit ihrem Mann spricht und das von sphärisch-melancholischen Klängen begleitet wird. Die Kampfszenen zwischen Avery und ihren Verfolgern geraten dabei schön roh und unmittelbar – manchmal fühlt man sich ein wenig an Rambo II erinnert, was die Auseinandersetzungen und die Atmosphäre angeht. Mit 105 Minuten Laufzeit ist Camino hier und da vielleicht etwas zu lang geraten, was man beispielsweise merkt, wenn Avery nach knapp 80 Minuten einen kleinen Nervenzusammenbruch erleidet – das Weinerliche passt nicht ganz zum vorher so taffen Charakter der Fotografin. Auch Guillermos Monolog kurze Zeit später gerät etwas zu lang und aufgeregt, als dass man es nicht nach zwei Minuten doch irgendwann nervig finden könnte. Außergewöhnlich gestaltet sich das Ende, das alles andere als gewöhnlich verläuft und Guillermo vor den härtesten Richter stellt, den er haben kann.

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Avery nutzt ihren Grips, um die körperlich überlegenen Söldner zu erledigen

Bild- und Tonqualität

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Avery kämpft ums Überleben

Sattes Grün und äußerst kräftige Kontraste lassen den Dschungel förmlich ins Heimkino wachsen. Die Bildruhe ist äußerst hoch – selbst in dunkleren Szenen gibt’s kaum Körnung, wobei die Schärfe generell sehr gut ist und auch bis in die Randbereiche bleibt. Die Farben driften in düsteren Szenen zwar etwas ins bläulich-lila-farbene ab und auf der Schattenseite von Gesichtern versumpfen Details schon mal (22’30), doch das ist der einzige Kritikpunkt am erstaunlich guten Bild von Camino.
Akustisch gefällt direkt zu Beginn schon die weiträumige Stimmung im Veranstaltungsraum, in dem man Avery auszeichnet. Später herrscht dann im Dschungel eine lebhafte Tieratmosphäre, die allerdings noch stärker über die Rearspeaker hätte transportiert werden können. Fallen Schüsse, wie bei den Übungen nach knapp 20 Minuten, verhallen diese recht authentisch. Stimmen sind jederzeit gut verständlich und wenn der Filmscore mit hektisch-nervöser Musik den Wendepunkt der Geschichte einläutet, wird’s dynamisch und äußerst effektvoll (32’00).

Bonusmaterial

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Wird sie dem Dschungel lebend entkommen?

Im Bonusmaterial von Camino finden sich drei Behind-the-Scenes-Features. In „Der Dreh“ geben Regisseur und Drehbuchautor aus dem Off wirklich interessante Fakten zur Entwicklung des Films preis und sind dabei überraschend selbstironisch. So sagt Autor Daniel Noah, dass er das Skript innerhalb von zwei Tagen verfasst hat, was (so man den Film möge) sehr beeindruckend sei, oder (wenn man Camino nicht gut findet) dafür eine Erklärung sei. Außerdem erfahren wir, dass das Budget zu niedrig war, um in Kolumbien zu drehen, weshalb Hawaii herhalten musste. In „Die Kampfszenen“ betont Regisseur Waller, dass er die Auseinandersetzungen vor allem emotional realistisch halten wollte. Obendrauf gibt’s viele Aufnahmen von den Choreografieproben. In „Musik-Kamera-Schnitt“ geht’s um die Ästhetik, den Look und die Stimmung des Films – also um das Zusammenspiel der einzelnen Komponenten. Hier ist sicher das interessanteste Detail, dass die Nachtszenen nach dem „Day-for-Night“-Prinzip stattfanden. Sie wurden also am Tag gedreht und in der Postproduktion durch Filterung, Desatturierung und Helligkeitsveränderung auf Nacht getrimmt.

Fazit

Bis auf die kleinen Längen vor dem Finale liefert Camino durchweg spannende und aufgrund des Szenarios sehr atmosphärische Unterhaltung mit authentisch-rohen Fightszenen und einer überraschend überzeugend agierenden Zoe Bell.
Timo Wolters


Bewertung

Bildqualität: 75%
Tonqualität (dt. Fassung): 75%
Tonqualität (Originalversion): 75%
Bonusmaterial: 50%
Film: 60%

Anbieter: WVG
Land/Jahr: USA 2015
Regie: Josh C. Waller
Darsteller: Zoë Bell, Nacho Vigalondo, Francisco Barreiro, Sheila Vand, Tenoch Huerta, Dominic Rains, Nancy Gomez, Jason Canela, Kevin Pollak
Tonformate: dts HD-Master 5.1: de, en
Bildformat: 2,35:1
Laufzeit: 104
Codec: AVC
FSK: 18 (ungeschnitten)

Trailer zu Camino

CAMINO Trailer (Zoë Bell – THRILLER – 2016)

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