Der Goldene Handschuh

Blu-ray Review

Warner Home Video, 22.08.2019

OT: –

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Das Leben ist eine Drehorgel

Fatih Akin verfilmt das Tatsachenbuch von Heinz Strunk über den Frauenmörder Fritz Honka.

Inhalt

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In den Kneipen treffen sich die einsamen und kaputten Seelen

Hamburg, Mitte der 70er: Der Hilfsarbeiter Fritz Honka lernt bei seinem allabendlichen Besuch in der Spelunken-Kneipe „Zum Goldenen Handschuh“ die ältere Gerda kennen. Bei Korn und Kippen kommen sich die beiden in der völlig zugequalmten Spelunke näher und Fritz nimmt sie mit zu sich nach Hause. Dort haben sie Sex – bzw. so etwas wie Sex. Nichts jedenfalls, was auf Gleichberechtigung ruht. Und sie trinken Korn. Eine ganze Menge davon. Außerdem ist Fritz gerne Knackwurst. Vornehmlich jene, mit der er Gerda zuvor penetriert hat. Dass es in Fritz‘ Wohnung stinkt wie auf der Müllkippe, fällt Gerda zwar auf, doch den Grund findet sie nicht. Was sie nicht weiß: Fritz ist ein Frauenmörder. Und Teile der zerstückelten Leichen versteckt er im Kriechspeicher seiner Bude. Und da sein letzter Mord schon etwas her ist, verspürt er mehr und mehr den Drang, erneut zu töten …

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Ein weiteres Opfer im Blick?

Eine schmuddelige kleine und vergilbte Wohnung. Nacktfotos aus Magazinen hängen an der Wand. Eine Frau liegt am Boden. Regungslos. Dann beugt sich ein Mann über sie und beginnt, den Körper mit einer Säge zu zerteilen. Anstrengend scheint es zu sein, denn er muss pausieren, bevor er weitermachen kann. Dazwischen legt er kurz eine Vinyl-Single auf und spielt sie ab: „Es geht eine Träne auf Reisen“. Irgendwann ist er fertig, hat den Kopf abgetrennt und bringt ihn in mit ein paar anderen Körperteilen in einem alten Koffer hinaus. Den Rest der Frau, der blutig auf einer Plane in seinem Wohnzimmer liegt, wird er auch noch verstaut bekommen …
Wem nach der quälenden zehnminütigen Eröffnungssequenz, die mit schlotzenden Geräuschen beim Absägen des Kopfes ihren Höhepunkt erreicht, noch nicht kotzübel ist, dem sei gesagt: Es wird noch schlimmer.
Fatih Akin hat mit Der goldene Handschuh einen widerwärtigen Film gedreht. Einen Film, der über die Grenzen jeden Geschmacks hinaus tritt und das ganz bewusst tut. Eine Mischung aus Horrofilm, Verliererdrama und Sozialstudie ist es geworden. Und ein Film, der auf Tatsachen beruht.
Der 1935 in Leipzig geborene und später in Hamburg gestrandete Fritz Honka hatte zwischen 1970 und 1975 vier Frauen ermordet, zerstückelt und im Kriechspeicher seiner Wohnung verstaut. Den Gestank suchte er mit Duftsteinen zu übertünchen.

Zwei, die ihre Kunden kennen

Zunächst sei gesagt, dass Der goldene Handschuh rein gar nichts für einen gemütlichen Sonntagnachmittag ist. Auch nichts für einen kuscheligen gemeinsamen Filmabend. Man sollte schon in halbwegs guter Stimmung sein, um sich von den gezeigten Bildern und der Atmosphäre nicht gleich mit in den Abgrund ziehen zu lassen. Denn das ist es, wohin man hier schaut: In den Abgrund. Ganz tief dorthin, wo Menschen ohne Illusion und ohne jede positive Erinnerung leben.
Akin begleitet einen Mann, der von mangelndem Selbstwertgefühl zerfressen ist und seine Aggressionen und Komplexe an wehrlosen Frauen auslässt. An Frauen, die der Film derart teilnahmslos darstellt, dass man schockiert den Blick abwenden möchte. Während die Bluttaten schon schwer zu ertragen sind, weil sie exzessiv, ausgedehnt und kommentarlos visualisiert sind und ziemlich grafisch ausfallen, widert vor allem der Umgang Honkas mit den Frauen sowie deren Reaktion an.
Weil sie es nicht anders gewohnt zu sein scheinen und die Situation in Honkas Bude scheinbar noch erträglicher ist als das, was sie sonst schon erlebt haben, kommen sie sogar zurück, nachdem sie mit einem Kochlöffel vergewaltigt wurden und Fausthiebe ins Gesicht ertragen mussten. Regungslos liegt Gerda da, wenn Fritz sie vergewaltigt. Weder flieht sie noch ruft sie um Hilfe. Die pausenlosen Erniedrigungen, die von Honka ausgehen, sind wortwörtlich und tatsächlich zum Kotzen.

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Die Frauen, die Fritz einlädt haben alle Illusionen verloren

Und so sehr es auch schmerzt und so sehr man seinen Blick abwenden will. Das ist es letztlich, was Der goldene Handschuh ausmacht, ja bisweilen sogar sehenswert macht. Auch wenn man das nicht unbedingt mehrfach tun möchte. Denn der Film spiegelt eine Gesellschaft wider, die nichts für diejenigen übrig hat, die ganz unten angekommen sind.
Eingepackt hat Akin sein Drama in Bilder, die so schmuddelig sind, so authentisch wirken, als wäre man selbst vor Ort. Als würde man riechen können, was die Frauen in Honkas Wohnung rochen. Als würde man den Dampf der Kippen sehen – Der goldene Handschuh ist die Klo-Szene von Trainspotting – nur 110 Minuten lang.
Und in dieser Atmosphäre bewegen sich die Schauspieler ebenso authentisch. Ob das die gestrandeten Seelen in der Kneipe sind – von „Soldaten-Norbert“ über „Doornkaat-Willy“ bis hin zu „Tampon-Günther“ – oder die Hauptfiguren. Jonas Dassler (Werk ohne Autor) in der Hauptrolle ging täglich durch eine dreistündige Maske, um das verbeulte Gesicht und das Schielen rüber zu bringen. Dazu läuft er gebückt. Dieses Glöckner-von-Notre-Dame-Aussehen ist zwar reichlich übertrieben, verfehlt aber seine Wirkung nicht.
Was man abseits von Atmosphäre, Schweiß, Fäkalien und Blut allerdings vergeblich sucht, sind Motive und nachvollziehbare Erklärungen für Honkas Verhalten. Akins Film bleibt damit an der Oberfläche und gibt auch seinen weiblichen Figuren keine Geschichte. Die Frauen in Der goldene Handschuh sind Opfer. Nur dazu da, von Honka (und anderen Männern) geringschätzig behandelt, beschimpft, erniedrigt, vergewaltigt und zu Tode geprügelt zu werden. Was dem Film dadurch letztlich fehlt, ist Mitgefühl für diese Menschen.

Bild- und Tonqualität

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Der erste Mord

Um seinen Film auch visuell so authentisch wie möglich zu gestalten, nutzte Akin eine sichtbare Körnung auf den meisten Bildern – vor allem, wenn es weniger gut ausgeleuchtet ist. Farben sind bisweilen zwar bunt, haben aber durch eine leichte Warmfilterung ein typisches 70er-Jahre-Flair. Die Schärfe geht in Ordnung, ist aber nie exemplarisch hoch.
Ungewöhnlicherweise für ein deutsches Drama liegt der Ton der Blu-ray (neben einer ebenfalls vorhandenen dts-HD-Master-Fassung) in Dolby Atmos vor (True HD kodiert). Ungewöhnlich deshalb, weil man mit Atmos immer gleich auch 3D-Soundeffekte gleichsetzt. Das ist natürlich zum einen etwas kurz gedacht, denn eine Dolby-Atmos-Spur kann auch auf der regulären Ebene extrem überzeugend aufspielen, zum anderen weckt es natürlich schon eine gewisse Neugier, ob Höhen-Effekte bei Der goldene Handschuh integriert wurden und (noch wichtiger) Sinn ergeben.
Das Ergebnis kann man als teils/teils bezeichnen.

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Angewidert vom Geruch seiner Leichen

Denn es gibt durchaus (isolierte) und vereinzelte 3D-Sounds wie ein Klopfen nach 3’12 oder das „Kusch kusch“ etwas später (3’38). Dazu kommen sehr schöne Effekte bei der Druckmaschine des Hamburger Rundblick nach gut zehn Minuten sowie bei den Arbeitsgeräuschen, dem Schleifen, Bohren und Hämmern in der Halle nach knapp 25 Minuten. Auch eine Schulklingel ertönt korrekt. Was man vom zündenden Feuerzeug nach 13 Minuten nicht sagen kann, weil es auf der Höhe der Kamera passiert.
Was praktisch immer wieder hinzugemischt wird, ist der Schlagersound in der Kneipe oder auch in Fritz‘ Wohnung. Und so werden ab und an immer wieder kleinere Akzente gesetzt, ohne dass es sonderlich viel Anlass für viel 3D-Sound-Aktivität gäbe. Die deutlichsten sind noch die Verkehrsmeldung nach 80 Minuten oder das Werken der Feuerwehr kurz vor Schluss.
Auf der regulären Ebene fällt zunächst auf, dass der Subwoofer sich 75 Minuten lang nicht aktiv meldet. Erst mit dem Moment, in dem Honka wieder zu trinken beginnt, rumort es ein wenig wie im Heizungsraum. Allerdings nur, um danach wieder zu verstummen. Ansonsten bleibt das Geschehen vollkommen auf die Front beschränkt und liefert nur ab und an etwas Räumlichkeit während der Musikszenen oder auch mal im Zusammenhang mit einem Jumpscare-Effekt.

Bonusmaterial

Im Bonusmaterial von Der goldene Handschuh gibt es lediglich zwei kurze Featurettes. „Die Dreharbeiten“ kümmert sich um die Beweggründe Akins und gibt ein paar kurze Einblicke in die Dreharbeiten. So baute man das Set der Kultkneipe 1:1 im Studio nach und alle Schauspieler waren verblüfft, nicht auf die Reeperbahn hinaus zu treten, wenn man es verließ. „Realität und Fiktion“ läuft ebenfalls nur gut drei Minuten und nimmt Bezug auf die Buchvorlage von Heinz Strunk. Unter anderem bekommt man auch einige Fotos aus der echten Wohnung zu sehen.

Fazit

Kein Film, eher eine Tortur. Mit dem (hoffentlich) nötigen Abstand kann man Der goldene Handschuh als knallharte und hervorragend ausgestattete Persönlichkeits- und Gesellschaftsstudie anerkennen. Das transportierte Frauenbild ist allerdings bedenklich und bekommt im Film kein ausreichendes Gegengewicht.
Timo Wolters


Bewertung

Bildqualität: 70%

Tonqualität BD/UHD 2D-Soundebene (dt. Fassung): 65%
Tonqualität BD/UHD 3D-Soundebene Quantität (dt. Fassung): 30%
Tonqualität BD/UHD 3D-Soundebene Qualität (dt. Fassung): 60%

Bonusmaterial: 30%
Film: 60%

Anbieter: Warner Home Video Germany
Land/Jahr: Deutschland 2019
Regie: Fatih Akin
Darsteller: Jonas Dassler, Margarethe Tiesel, Katja Studt, Marc Hosemann
Tonformate: Dolby Atmos (True HD): de // dts HD-Master: de
Bildformat: 1,85:1
Laufzeit: 110
Codec: AVC
FSK: 18 (ungeschnitten)

(Copyright der Cover und Szenenbilder liegt bei Anbieter Warner Home Video Germany)

Trailer zu Der goldene Handschuh

DER GOLDENE HANDSCHUH – Trailer #1 Deutsch HD German (2019)

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5 thoughts on “Der Goldene Handschuh

  1. Avatar Rüdiger Petersen

    Endlich mal wieder eine Rezension die sich gut anhört. Auch der Tonsektor…….he he mir bleibt die Spucke weg. Bitte weiter so. Habe extra auf die Heimkinoauswertung gewartet weil das exelentes Heimkinofutter ist das ich mir nicht unbedingt im Kino anschauen muß. Das der Film uncut ist finde ich Klasse. Die Blu-ray müsste eigentlich heute bei mir eintreffen. Wird dann direkt am WE gesichtet. Was ich in den Trailer gesehen habe sah nicht schlecht aus und außerdem enttäuscht Fatih Akin den Zuschauer so gut wie nie.

  2. Avatar ondy

    Extrem guter film der unter die haut geht.

    • Avatar Rüdiger Petersen

      Werde ihn mir heute Abend anschauen. Wird bestimmt keine leichte Kost werden. Ich persönlich kann mich noch gut daran erinnern wie Fritz Honka damals sein Unwesen trieb. Zu dieser Zeit war ich noch Jugendlicher aber diese Morde sind mir immer irgendwo im Gedächtnis geblieben. Mal sehen wie Herr Akin das umgesetzt hat. Für mich persönlich überhaupt einer der das Filmemachen innehat.

  3. Avatar sebi

    Moin. Hab die Bluray nun. Mein ich das nur, oder ist das Bild a) viel zu hell, heller als der Trailer und in vielen Szenen schon überbelichtet?! Und b) schlecht coloriert, sodass es durch den verwendeten Filter (analog-Simulation?) zu Farbabrissen z.B. in den Rottönen und sichtbaren Pünktchen kommt?! Bin derbe enttäuscht von der Bildquali.

    • Das Bild ist gegenüber düsteren Fantasyfilmen oder ähnlichem durchaus etwas heller und hat nicht den perfekten Schwarzwert, aber abgesehen von ein paar hellen Stellen auf Hautpartien ist es auf meinem Display nicht bemerkenswert überbelichtet. Farbabrisse in Rottönen oder sichtbare Pünktchen kann ich bei mir nicht reproduzieren.
      Vielleicht hast du ja mal einen Timecode für mich, bei dem es bei dir deutlich sichtbar ist und beschreibst den Fehler dann noch mal. Dann checke ich das explizit gegen.

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