Der letzte Bulle

Blu-ray Review

Warner Home Video, 28:05.2020

OT: –

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Real Wild One

Kinoadaption der beliebten SAT1-Serie.

Inhalt

Mick ist nur noch ein Strich in der Landschaft … (es ist der Typ auf der Bank, nicht der große Kerl nebendran)

Die Fahrt zum Krankenhaus und damit zur Geburt des gemeinsamen Nachwuchses von Polizist Mick geht gerade noch mal gut. Doch nach den Feierlichkeiten zur Geburt der Tochter bekommt er eine Nachricht vom Präsidium. Er kann einen gesuchten Kriminellen hops nehmen. Dumm, dass der Plan nicht aufgeht. Mick wird angeschossen und fällt ins Koma. Seine Tochter sieht er erst gar nicht mehr. 25 Jahre später wacht er unerwartet wieder auf. Doch während der innerlich der Alte ist, hat sich um ihn herum alles verändert. Die Welt spricht Internet und Handy, Autos mahnen, den Gurt anzulegen und die neue Vorgesetzte im Polizeipräsidium ist eine Frau. Noch dazu mit Afro-Wurzeln. Nein, das ist nicht das, was Mick kennt und wo er sich wohlfühlt. Und weil das so ist, macht er sich die Welt eben wie sie ihm gefällt. Und er besucht seine damalige Freundin. Die natürlich jetzt einen Neuen hat. Einen Softie. Andreas heißt er. Und Andreas ist zu allem Überfluss Micks neuer Partner. Kein Wunder, dass die zwei so gar nicht miteinander können. Doch sie müssen. Denn irgendetwas ist faul im Präsidium. Und ganz nebenbei hat Mick natürlich auch ein Interesse daran, wer ihn damals so jäh aus dem Leben geschossen hatte …

Lederjacke, Opel Diplomat, Sonnenbrille und ’ne Fluppe im Mund: Mick wie er leibt und (in den 80ern) lebt(e)

Von April 2010 bis Juni 2014 ermittelte der „letze Bulle“ auf SAT1. 60 Folgen lang jagte der in den späten 80ern hängen gebliebene Polizist Mick Brisgau in und um Essen herum, nachdem er zuvor 20 Jahre lang im Koma gelegen hatte. Für den Privatsender bedeutete die Serie nach leicht holprigem Start eine sich kontinuierlich steigernde Quote und bald eilte der Show der Ruf einer „Kultserie“ voraus. Kein Wunder, dass sich im Laufe der Jahre und Staffeln die Prominenz deutscher Schauspieler und Society-Größen die Klinke in die Hand gab, um einen Gastauftritt für den letzten Bullen zu absolvieren: Ronald Zehrfeld, Sonja Kirchberger, Sophia Thomalla, Mathieu Carrière, Götz Otto, Annette Frier oder Heinz Hoenig – die Liste der bekannten Namen, die wahlweise Zeugen, Täter oder Opfer spielen wollten, ist lang.
Erstaunlicherweise wurde das Grundkonzept sogar in andere Länder exportiert. So laufen in Frankreich, Spanien und Japan jeweils eigene TV-Serie mit der gleichen Ausgangsprämisse.
Offenbar war es Hauptdarsteller Henning Baum ein Herzensanliegen, die Geschichte auch ins Kino zu verfrachten. Die Idee hatte er wohl bereits längere Zeit mit sich herum getragen, bis er dann mit Peter Thorwarth, dem in Unna aufgewachsenen Regisseur der Kultfilme Bang Boom Bang und Nicht mein Tag ins Gespräch kam. Thorwarth schien die Idee zu interessieren, allerdings entwickelte er seine eigene Story, in der die Geschichte praktisch in einer Art Paralleluniversum neu erzählt wird.

Micks erste Anlaufstelle: Ralle’s Muckibude (nur echt mit Deppen-Apostroph)

Also erdachte sich der Regisseur und Autor die prinzipiell gleiche Geschichte, komprimierte sie aber auf 100 Minuten Kinofilm und quetscht auf diese Weise möglichst viel Tempo und Witz aus der Spielzeit von zwei TV-Episoden.
Erneut beginnt es also mit einem Ereignis, das Mick für über zwei Jahrzehnte ausknockt und in einer Welt aufwachen lässt, die ihm völlig fremd ist. Doch anstelle sich duckmäuserisch zu verhalten ob dieser Veränderungen, zieht Mick sein Ding genauso durch wie vor seinem Koma. Moderner Firlefanz kann ihm den Buckel runter rutschen und das Internet bringt ihn auch nicht schneller ans Ziel.
Es ist dieser raubeinige Charme des aus der Zeit gefallenen Cops, was auch die Filmadaption von Der letzte Bulle so amüsant macht. Der Clash der unterschiedlichen Generationen, der ausgiebig in Liebeserklärungen an die „gute alte Zeit“ gipfelt.
Nichts Neues könnte man meinen, wenn man die Filme Thorwarths kennt. Der in Dortmund geborene und in Unna groß gewordene Filmemacher liebt das Ruhrgebiet. Er liebt die Menschen mit ihren schrulligen Eigenschaften und ihrer Kodderschnauze. Und Mick Brisgau passt in dieses Konzept ebenso hinein wie Keek in Bang Boom Bang oder Kalle in Was nicht passt, wird passend gemacht. Auch die älteren Filme Thorwarths spielen mit der Erinnerung an gute alte Zeiten. Schon Keek fuhr in seinem ollen Ford Taunus die paar Meter in Schleichgeschwindigkeit zur Videothek.
Nun ist es Mick, der im Opel Diplomat zum Tatort knattert und dem die verweichlichten Polizei-Methoden der Neuzeit am Allerwertesten vorbei gehen.
Nein, es sicherlich nichts Neues oder gar Innovatives an Thorwarths Version von Der letzte Bulle.
Aber etwas Charmantes und viel Witziges. Wenn Mick die Ghetto-Faust seines alten Polizei-Kollegen schüttelt anstatt sie zu erwidern oder wenn sich die beiden Partner wider Willen gegenseitige Nettigkeiten zuteilen. Schon die ersten Szenen im Dienst-Fahrzeug laden zum Dauerschmunzeln ein. Und wenn er auf die Übergabe einer Handynummer fragt, was 0157 für eine Stadt wäre, sind das Gags für die Generation der 80er, die von heutigen 20-jährigen gar nicht mehr verstanden werden.

Bei Ralle wird fleißig Protein getrunken und in Muskelmasse umgewandelt

Es fehlen vielleicht die ganz großen Lacher und es fehlen so ein bisschen die schrulligen Nebenfiguren; die Grabowskis und die Schluckes. An deren Stelle treten reichlich klischeehafte Gangster-Typen, deren fahrbare Untersätze vermutlich sämtliche Autoverleiher der Essener Umgebung leer gefegt haben. Immerhin der Spruch mit der „Essener Motorshow“ kommt schön trocken rüber, während die Sequenz dann doch arg stereotyp geraten ist. Ähnlich holprig wirken auch Szenen, in denen aktuelle Gesellschaftsthemen (Veganismus, Gender-Mainstreaming) für ziemlich abgeschmackte und arg vorhersehbare Gags missbraucht werden. Was hier fehlt, ist echte Bissigkeit, die von einem leidlich bemüht wirkenden Burger-Konter einfach nicht erreicht wird. Eine Bissigkeit, die es immerhin nach 56 Minuten gibt, wenn Brisgau der Dame von „Wir zuerst“ einen passenden Kommentar drückt. Schade, dass solche Treffer-versenkt-Szenen selten sind.
Dennoch gibt’s ehrlich großartige Momente. Und zwar jene, in denen Ralle seinen Kumpel Mick findet und wieder hoch trainiert. Fast unbemerkt schleicht sich hier so etwas wie Melancholie und tiefe Freundschaft in den Film – auf Ruhrpott-Art, versteht sich. In diesen Szenen atmet der Film jene Atmosphäre, die man sich von der Kinoadaption erhofft und von Thorwarth erwartet hatte. Und Ralf Moeller ist besser als in all seinen US-Produktionen zusammen genommen. Der grundsätzliche Charme, der von diesen Figuren und von der Dynamik zwischen den beiden unfreiwilligen Partnern ausgeht, tröstet auch etwas über die belanglose und in allen Aspekten vorhersehbare Story hinweg. Wer hier gut und wer böse ist, ist schnell ersichtlich. Es führt aber am Ende dazu, dass die alte Welt von Mick und die neue (behördlich-korrekte) Welt des Andreas voneinander lernen und profitieren. Und das ist in Summe ähnlich unterhaltsam wie bei den US-Buddy-Cop-Komödien.
Ruhrgebietler werden sich zudem erneut über die thorwarth’schen Schauplätze freuen, die zahlreiche bekannte Orte und Gebäude Essens und der Umgebung integrieren.

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Bild- und Tonqualität

Zwei wie Feuer und Wasser

Der letzte Bulle zeigt sich mit einem zwar digital aufgenommenem, aber recht filmischen Bild, das hin und wieder leichte Körnung offenbart, aber im Großen und Ganzen sehr laufruhig erscheint. Farben sind weitgehend natürlich und nach den anfänglichen Szenen im Krankenhaus von warmer Tönung. Während der hellen Szenen im Hospital überstrahlt das Bild hingegen über ein gewünschtes Maß hinaus – offenbar als Stilmittel bewusst eingesetzt. Außerdem gibt’s Doppelkonturen, die auf die Verwendung einer Greenscreen-Aufnahme hindeuten (Hand bei 11’48). Die Schärfe gerät in Close-ups meist exemplarisch gut. Ob das Henning Baums Mick ist oder das charakterstarke Antlitz von Florence Kasumba. Schwarzwerte sind jederzeit sehr kräftig und der Kontrastumfang ist so gut, dass die Bilder dynamisch ins Heimkino geworfen werden. Glücklicherweise ist Thorwarth auch kein Freund einer sepiafarbenen Bildgestaltung nach Til-Schweiger-Muster.
Die Crux der Blu-ray ist der Ton – leider.
Trotz dts-HD-Master-Kodierung wirkt der Sound furchtbar dünn. Stimmen zischeln bisweilen unangenehm und während der Dialoge wirkt das Geschehen fast ein wenig phasenverschoben. Kommt etwas Dynamik ins Spiel – meist über den Score – komprimiert das Ganze auch noch hörbar und bricht zeitweise etwas in sich zusammen. In den Actionszenen wird kaum Druck erzeugt und während der Schießereien splittert Glas dermaßen mickrig, dass der Vergleich mit US-Produktionen zu keiner Zeit möglich ist. Die dann einsetzende, etwas wuchtigere Filmmusik wirkt ebenfalls wie phasenvertauscht und klingt auch nicht besser, wenn Heinz Rudolf Kunze seinen „Reim auf Schmerz“ komplett aus den Surrounds erklingen lässt: Dazu kommt, dass nachvertonte Elemente zum Teil nicht ganz lippensynchron sind. Ein guter Tonsektor hört sich leider anders an.

Bonusmaterial

Altes Eisen bei der Inspektion (gemeint ist der grüne Vierrädrige)

Das Bonusmaterial von Der letzte Bulle hält neben insgesamt 13 Interviews noch deleted und extended Scenes bereit. Außerdem gibt’s Outtakes, einen Audiokommentar mit Henning Baum, Peter Thorwarth und Maximilian Grill. Herzstück aber ist die 45-minütige neue Doku über den Hauptdarsteller. Sie folgt ihm bei Wanderausflügen und ist ganz nahe beim Menschen Henning Baum. „Knallhart herzlich“ heißt sie und beschreibt damit ganz gut den Charakter des Darstellers. Noch einmal lässt man Revue passieren, wie’s mit der Serie anfing und warum er nach 60 Folgen aus Überzeugung aufhörte. Außerdem begleitet man die Dreharbeiten und blickt den Darstellern beim entspannten Klönschnack am Set zu.
Das Musikvideo zu Cellar Kids Iggy-Pop-, bzw. Johnny-O’Keefe-Covers „Real Wild One“ sowie ein Making-of der VFX runden das Material ab.

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Fazit

Fans der Serie dürften nicht jede Änderung der Filmadaption begrüßen. Wer mit der Serie nur wenig Verwandtschaft hatte, bekommt einen unterhaltsames Buddy-Movie mit gut aufgelegten Darstellern und charmanten Nebenfiguren wie Moellers Ralle. Ein echtes Thorwarth-Highlight ist Der letzte Bulle aber leider nicht geworden.
Die Blu-ray überzeugt mit einem kontrastreichen und laufruhigen Bild, der Ton ist allerdings arg dünn geworden.
Timo Wolters


Bewertung

Bildqualität: 80%
Tonqualität (dt. Fassung): 60%
Bonusmaterial: 80%
Film: 60%

Anbieter: Warner Home Video
Land/Jahr: Deutschland 2019
Regie: Peter Thorwarth
Darsteller: Henning Baum, Maximilian Grill, Ralf Moeller, Florence Kasumba, Kazim Demirbas, Oliver Noack, Helmfried von Lüttichau, Christian Kahrmann
Tonformate: dts HD-Master 5.1: de
Bildformat: 2,39:1
Laufzeit: 101
Codec: AVC
FSK: 12

(Copyright der Cover und Szenenbilder liegt bei Anbieter Warner Home Video)

Trailer zu Der letzte Bulle

DER LETZTE BULLE - Trailer #1 Deutsch HD German (2019)

 

One thought on “Der letzte Bulle

  1. Avatar k

    Ich fand den Film wirklich furchtbar.
    Von allen Sneak Previews letztes Jahr der Schwächste.

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