Die Geiselnahme

Blu-ray Review

die geiselnahme blu-ray review cover
DCM Film, 22.02.2019

OT: Bel Canto

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Soldaten für das Volk

In Paul Weisz‘ jüngstem Film wird das Stockholm-Syndrom auf die Spitze getrieben.

Inhalt

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Die gefeierte Opern-Diva Roxanne Crosse singt für den japanischen Industriellen

Irgendein südamerikanisches Land: Katsumi Hosokawa ist ein erfolgreicher japanischer Großindustrieller, der kurz davor ist, in dem Land eine große Fabrik zu bauen. Entsprechend wird er von den Verantwortlichen Politikern hofiert. Anlässlich seines Geburtstages wird eine große Feier abgehalten, zu der die berühmte Sopranistin Roxanne Crosse eingeladen wird. Hosokawa ist großer Fan der Sängerin und ihrer Kunst. Doch kaum hat man sich vorgestellt, dringen Guerillas in das Anwesen ein und nehmen die Anwesenden als Geiseln. Ihr Ziel ist es, Kameraden frei zu pressen, indem sie hofften, auf den Präsidenten zu treffen. Da dieser nicht anwesend ist, muss man allerdings mit denen vorlieb nehmen, die man vorfindet. Unter ihnen der Vizepräsident und der französische Botschafter – und natürlich Hosokawa und Crosse. Ein Mitarbeiter des Roten Kreuzes versucht sich in Verhandlungen, scheitert jedoch. Zwar werden einige Geiseln freigelassen. Allerdings nur, um es für die Entführer übersichtlicher zu machen. So vergeht die Zeit. Wochen ziehen ins Land. Wochen, in denen Entführer und Geiseln sich arrangieren müssen. Bis das Unvermeidliche passiert …

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Alle Frauen dürfen gehen, außer Roxanne

Paul Weitz (About a Boy) kehrt mit einem Bestseller von Ann Pratchett auf die Regie-Bühne zurück. Was als Geiseldrama beginnt, konzentriert sich zunehmend auf die Figuren selbst. Das bewirkt teils wirklich packende Momente, weil man auch den Geiselnehmern ein Gesicht und Tiefe verpasst. Nicht nur kann man deren Motive nachvollziehen, zeigen sie sich doch grundsätzlich menschlich. Das wird schon direkt zu Beginn der Geiselnahme deutlich, wenn ausgerechnet eine der Verbrecherinnen zur freiwilligen Hilfsärztin wird. Was eher weniger überzeugend ist, ist die Rolle der Sopranistin. Julianne Moore mag dafür idealbesetzt sein, doch warum ausgerechnet der Operngesang ihrer Figur für Vermittlungsversuche eingesetzt wird, ist einfach nicht nachvollziehbar – unabhängig davon, ob man Oper mag oder nicht. Zumal leider deutlich zu sehen ist, dass sie nicht selbst gesungen hat, was der Authentizität ihrer Figur schadet. Herausragend agieren Sebastian Koch als Mitarbeiter des Roten Kreuz sowie Ken Watanabe als japanischer Geschäftsmann. Während Letzterer erneut eine ruhige und weise Rolle spielt und von Beginn an eher melancholische Charakterzüge zeigt, dominiert Koch die Szenen mit ihm deutlich. Aufgrund des Settings mit zahlreichen gesprochenen Sprachen und Landsmännnern wirkt der deutsche Schauspieler hier auch keineswegs deplatziert. Im Gegenteil: Gegenüber einem (auch sichtlich) gealterten Christopher Lambert glänzt er geradezu.

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Messner versucht, mit den Kidnappern zu verhandeln

Wie gesagt: Das Problem ist das Opern-Thema. Denn es kommt einfach nicht glaubwürdig rüber, das ausgerechnet das für eine gewisse Harmonie zwischen Geiselnehmern und Gangstern sorgt. Nachvollziehbarer hingegen ist die Beziehung, die sich zwischen einer jungen Guerilla und dem japanischen Dolmetscher entwickelt. Hier wird deutlich, welches Potenzial in Die Geiselnahme gesteckt hätte, wenn man sich mehr darauf konzentriert hätte. Wenn die junge Frau darum bittet, von dem Vielsprachler in spanischem Schreiben unterrichtet zu werden, hat das fast zärtliche Aspekte. Szenen des gemeinsamen Singens und Spielens zwischen Roxanne Crosse und dem französischen Botschafter wirken dagegen wie ein Fremdkörper. Außerdem lässt die Spannung erzählerisch nach knapp einer Stunde doch merklich nach. Man merkt, dass die Dynamiken zwischen den Charakteren abschwächen und die Friede-Freude-Eierkuchen-Atmosphäre wirkt kaum nachvollziehbar.
Was zu kurz kommt, sind außerdem die Motive der Kidnapper, die ja erst nachvollziehbar machen, warum sie so sanft mit ihren Geiseln umgehen. Wenn sich dann im Finale zeugt, wer die wahren Bösen sind, wird deutlich, dass auch hier mehr Potenzial möglich gewesen wäre, wenn man den Konflikt zwischen Regierung und Guerillas besser herausgearbeitet hätte. So, wie es letztlich geschildert wird, kommt es zwar überraschend, aber eben im Sinne einer erzählerischen Stringenz unpassend und wirkt bewusst kalkuliert. Selbst wenn sich dadurch erfüllt, was Roxanne Crosse zu Beginn über den Inhalt einer Oper gesagt hatte.

Bild- und Tonqualität

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Entführer und Entführte kommen sich näher

Die Geiselnahme wurde zwar digital gefilmt, wurde aber mit ein wenig Körnung unterlegt, um die Bilder im Anwesen etwas schmutziger und echter wirken zu lassen. Der Schwarzwert ist ein sichtbarer Kritikfaktor. Denn auf dunklen Bereichen sieht’s doch arg grau aus. Außerdem gibt es leichte Randunschärfen im unteren Bereich. in den gut fokussierten Szenen ist die zentrale Schärfe aber gelungen. Farben wie die roten Halstücher der Geiselnehmer kommen prächtig rüber, Hauttöne sind warm gehalten. Kompressionsartefakte sind nicht auszumachen.
Akustisch bleibt Die Geiselnahme unauffällig. Die wenigen abgefeuerten Schüsse zu Beginn sind hübsch trocken, aber ohne große Surround-Einbeziehung. So dominieren in der Regel die Dialoge vom Center und die Musikstücke. Glücklicherweise ist der Operngesang nicht zu vorherrschend, sondern recht harmonisch eingebettet.

Bonusmaterial

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Katsumi Hosokawa und Roxanne zeigen mehr als Respekt und Anerkennung voreinander

Im Bonusmaterial von Die Geiselnahme finden sich zwei Featurettes. Eines davon kümmert sich um die Charaktere des Films, das Zweite erzählt Hintergründe zur Geschichte selbst. Allerdings sind die Infos kurz gehalten und summieren sich auf gerade einmal sechs Minuten. Immerhin gibt es aber ein paar interessante Infos von Regisseur Weisz zum Film und seiner Motivation, ihn zu drehen.

Fazit

Während ein paar der persönlichen Verwicklungen durchaus bewegen und fesseln, bleibt Die Geiselnahme doch etwas zu unentschlossen zwischen den leichten Thriller-Aspekten und dem Figuren-Drama. So schaut man bisweilen genauso verwundert aus der Wäsche wie Messner, als er nach einigen Wochen wieder ins Haus kommt. Erst zum Ende hin wird es wieder etwas spannender, während es in der Mitte bisweilen arg durchhängt. Was bleibt, ist das gut herausgearbeitete Thema des „Was macht den Menschen aus?“, das hier unabhängig von Sprachbarrieren oder politischen Einstellungen durch gute Darsteller kommuniziert wird.
Timo Wolters


Bewertung

Bildqualität: 65%
Tonqualität (dt. Fassung): 70%
Tonqualität (Originalversion): 70%
Bonusmaterial: 40%
Film: 60%

Anbieter: DCM / Universum
Land/Jahr: USA 2018
Regie: Paul Weitz
Darsteller: Julianne Moore, Sebastian Koch, Ken Watanabe, Ryo Kase, Tenoch Huerta
Tonformate: dts HD-Master 5.1: de, en
Bildformat: 2,35:1
Laufzeit: 101
Codec: AVC
FSK: 16

(Copyright der Cover und Szenenbilder liegt bei Anbieter DCM)

Trailer zu Die Geiselnahme

DIE GEISELNAHME | TRAILER

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