Tyler Rake: Extraction [Netflix]

Blu-ray Review

Netflix, 24.04.2020

OT: Extraction

 


Ein-Mann-Armee

Netflix liefert ein richtig fettes Brett von Actionfilm.

Inhalt

Hat alles gesehen und vor gar nichts Angst: Tyler Rake

Tyler Rake war mal ein verdientes Mitglied des Geheimdienstes. Nun jedoch arbeitet der ausgebildete Sniper auf eigene Faust und schlägt sich als Söldner durch die Krisengebiete der Erde. Rake hat keine große Bindung zu irgendwem, Gefühle lässt er ohnehin nicht zu. Ein typischer Kerl, der nichts mehr zu verlieren hat. Und weil das so ist, sind ihm seine Auftraggeber mehr oder weniger egal, solange sie gut zahlen. Aktuell ist das ein international operierender indischer Gangsterboss, dessen Sohn entführt wurde und in Bangladeschs Hauptstadt Dhaka gefangen gehalten wird. Tyler soll ihn aus den Fängen seiner Kidnapper befreien. Seine Gegner sind aber nicht irgendwelche Knallchargen, sondern die hochgerüsteten Soldaten eines international operierenden Drogenbarons. Für Tyler eine willkommene Gelegenheit, sich in tödliche Gefahr zu begeben. Denn mittlerweile ist er so kaputt, dass es ihm ganz Recht käme, wenn er während eines solchen Auftrags draufginge …

Rake hat den Jungen. Jetzt muss er ihn nur noch heim bringen

Obwohl die Entwicklungsgeschichte von Extraction noch nicht sonderlich lang ist, kann der von Sam Hargrave inszenierte Actionthriller schon auf eine bewegte Titelvergangenheit zurück blicken. Als man 2018 ankündigte, dass der Film realisiert würde, hieß er noch „Dhaka“, was widerspiegelt, dass der Film zu einem Teil in der Hauptstadt Bangladeshs spielt.
Nach dem Ende der Dreharbeiten benannte man den Film dann im März 2019 in „Out of the Fire“ um, bevor es dann zum finalen Titel kam, der den Inhalt des Films deutlicher wiedergibt.
Hargraves, der mit Extraction sein Langfilmdebüt gibt, kennt seinen Hauptdarsteller Chris Hemsworth gut. Immerhin ist der Filmemacher einer der Stamm-Stunt-Koordinatoren der Marvel-Filme (unter anderem Avengers: Endgame und Infinity War) und hat sich im ersten Avengers auch schon als Stunt-Double für Chris Evans‘ Captain America in die Kämpfe geschmissen.
Um den Kreis aus alten Bekannten voll zu machen, sei erwähnt, dass das Drehbuch aus der Feder von Joe Russo stammt und er gemeinsam mit Bruder Anthony auch produzierte. Das Dream-Team führte Regie bei insgesamt vier Filmen des MCU. Unter dem Label ihrer noch jungen, eigenen Produktionsfirma AGBO ist Extraction nach 21 Bridges der zweite abendfüllende Film überhaupt.

Er spielt ein doppeltes Spiel

Die Basis für die Story bildet die graphic novel Ciudad, die die Russo-Brüder gemeinsam mit Ande Parks erdacht hatten. Ursprünglich sogar als Film konzipiert, entwickelte man um 2009 herum die gemeinsame Idee und arbeitete parallel an der graphic novel und an einem Filmdrehbuch. Letzteres sollte (wie so oft bei späteren Netflix-Titeln) ursprünglich von Paramount produziert und verfilmt werden. Außerdem war anfänglich auch mal Dwayne Johnson für die Hauptrolle im Gespräch.
Für die filmische Adaption, die dann doch noch gut zehn Jahre auf sich warten ließ, wechselte man nun nicht nur Hauptdarsteller, Land und Kontinent (ursprünglich spielt die graphic novel in Paraguay), sondern nimmt auch eine andere Figur, die errettet werden soll. War es in der Comic-Vorlage noch eine Frau namens Eva Roche, ist es nun ein kleiner Junge, der vor den Fängen seiner Entführer bewahrt werden soll.
Geblieben ist indes die Hauptfigur des Tyler Rake. Der Ex-Geheimdienstler und Scharfschütze, dessen Vergangenheit diffus ist und ihn irgendwann zum furchtlosen Söldner hat werden lassen, ist Dreh- und Angelpunkt von Extraction. Der Film betont wie die graphic novel, dass Rake nichts mehr zu verlieren hat und deshalb jedes Risiko einzugehen bereit ist. Einer, dem mehr oder weniger egal ist, wer ihn engagiert und was mit ihm passiert, bis dieser Junge ihn eines Besseren belehrt
Rake mag physisch muskelbepackt und fit sein, emotional ist er ein feiger Krüppel. Und bis er zu seiner persönlichen Absolution gelangt, die hier konsequent und glaubwürdig durchgezogen wird, geht Hemsworth‘ Tyler durch die Hölle.
Für den Darsteller ist das eine willkommene Abwechslung von seiner Saubermann-Superhelden-Rolle in Thor. Hier darf er mal so richtig im Dreck wühlen und ein misanthropisches Arschloch spielen. Vor dem Schauplatz im fernen Asien wirkt das umso authentischer und schmuddeliger. Die Straßen sind staubig, die Plätze überfüllt, die Behausungen gleichen oft Bretterverschlägen mit Wellblech-Dächern. Die Städte Bang Pong in der Provinz Ratchaburi/Thailand sowie Dhaka in Bangladesh boten den exotischen Hintergrund für die atmosphärischen Bilder.

Die Action ist handgemacht und lange einstudiert

Neben der Intensität, die durch diese Schauplätze bewirkt wird, sorgt aber vor allem eins für packende Dynamik: Die Kamerafahrten.
Nimmt man sich exemplarisch die zehnminütige Plansequenz nach etwas über 35 Minuten, klappen die Münder der Zuschauer sicherlich reihenweise runter.
Was Sam Hargrave (dank seiner Erfahrung als Stuntman wohl teils selbst) und sein Kameramann Newton Thomas Sigel hier auffahren (im wahrsten Sinne des Wortes), hat man lange nicht gesehen (kurzes Making-of).
Ähnlich der langen One-Shot-Szene in Alfonso Cuaróns Children of Men wird hier quasi „am Stück“ gedreht.
Die Kamera sitzt zunächst innerhalb des Mercedes, schaut Hemsworth über die Schulter oder dreht sich im Fahrzeug herum, um durch die Heckscheibe die Verfolger zu filmen. Dann wechselt sie hinter das Auto, verfolgt den Benz und guckt immer mal wieder ins Seitenfenster. Während der sich anschließenden Sequenz in dem Wohnkomplex ist sie erneut ganz nahe an den Protagonisten. Wie ein zweiter, den ersten deckender Mann folgt sie dem vorauseilenden, bleibt stehen, guckt sich gemeinsam mit ihm um.
Dabei verfällt sie aber glücklicherweise nie in nervtötendes Gewackel, sondern ist einfach dynamisch am Geschehen. Das führt kumulierend zu wahnsinnig packend choreografierten und perfekt getimten Prügelszenen wie jener ab 39’40. Es macht einfach Spaß, dieses genau geplante Schauspiel zu verfolgen, das in seinen Hautnah-Shootouts nicht selten an John Wick erinnert.
Nicht von Ungefähr wird auch der Brutalitätsfaktor des Keanu-Reeves-Actioners erreicht. Die ab 18-Einstufung nach dem Netflix eigenen Schema macht klar, dass Bilder von aufgeschlitzten Kehlen, in Garten-Harken versenkten Köpfen und Kopfschüssen in Großaufnahme nun rein gar nichts für Kids sind.

Zünftig geht es zu, in „Extraction“

Bild- und Tonqualität

Die Extraktion beginnt

Netflix eigene Produktionen werden praktisch ausschließlich nur noch in 4K gedreht – mindestens. Denn mittlerweile sind hochwertige Digitalkameras zu deutlich mehr Auflösung in der Lage. Und so war es auch bei Extraction. Zum Einsatz kamen hier ausnahmsweise mal keine ARRI-Kameras, sondern jene aus dem Hause RED. Zwei unterschiedliche wurden verwendet, die RED Monstro sowie die RED Dragon. Während Letztere in 6K aufzeichnet, schafft die Monstro gar 8K. Von diesem Material wurde dann ein 4K Digital Intermediate gezogen, was den Stream zum Real-4K-Stream werden lässt. Obendrauf kommt bei Netflix in der Regel – und auch hier – dann auch noch das dynamische HDR-Format Dolby Vision.
Aufgrund der derzeitigen Datenreduktion (coronabedingt) läuft der Stream zwar bei 4K nur mit halbierter Datenrate (7.62 Mbps anstelle 15.25 Mbps), doch die Reduktion bekommt Netflix wirklich gut hin. Sieht man von ganz leichten Problemen von detaillierten Bildhintergründen (bspw. Bäumen) ab, kommt das Bild ohne größere Artefakte aus. Rein visuell beginnt das Ganze (und kommt auch später immer wieder darauf zurück) mit einem sehr gelblich-ockerfarbenem Look, der die Intensität des Films und seinen exotischen Schauplatz unterstützt. Die Bildruhe des mit hoher Auflösung digital gefilmten Streifens ist expemplarisch hoch und zeigt auch in dunklen Szenen keine Körnung. Die Schärfe bietet in Close-ups eine vorzügliche Auflösung, die jede Pore und jede Schweißperle auf den Gesichtern offenbart (50’10). Schwarzwerte sind dazu meist satt und nur ab und an gibt’s Probleme mit der Durchzeichnung auf Schattenbereichen. Richtig satte Dolby-Vision-Momente bleiben zwar aus, doch immerhin werden Reflexionen auf Objekten oder Gesichtern prägnant dargestellt, was im Falle von reflektierendem Schweiß auf der Haut nochmals für eine Steigerung der subjektiven Schärfe sorgt. Banding bleibt übrigens selbst in den schwierigen Farbverlaufs-Szenen im Abspann sowie bei einer nebligen Totalen auf die Stadt nach rund 45 Minuten komplett aus.

Auf der Brücke geraten alle unter Beschuss

Wie bei Netflix üblich, so kommt auch Extraction mit einer Dolby-Digital-Plus-Tonspur fürs Deutsche und einer Dolby-Atmos-Fassung für die Originalspur. Letztere basiert in aller Regel ebenfalls auf DD+.
Das Ganze startet äußerst räumlich, wenn in der Anfangsszene bereits von hinten rechts Geschosse anflitzen und in den Protagonisten einschlagen. Jede Prügelszene gerät zudem dynamisch und relativ druckvoll. Wobei der Bass zunächst etwas verhalten eingesetzt wird und meist nur einzelne Schüsse begleitet. Bei der Explosion nach 46’25 geht’s dann aber doch ganz gut zur Sache und später während des Angriffs aus dem Hubschrauber sowie dessen Zerstörung wird es sogar richtig wuchtig. Allerdings dürfte der Tiefton mehr Feinheiten liefern. Insgesamt wirkt das doch recht brummelig.
Für die Räumlichkeit und die Dialogverständlichkeit gilt das allerdings nicht. Denn beides überzeugt durchweg. Keine Spur des verkorksten Sounds von Triple Frontier. Hier geht’s ebenso sauber wie akzentuiert zu Werke. Der Helikopter durchschneidet die Luft realistisch, einzelne Schüsse wurden mit Wucht vertont und fetzen prägnant in Mauerwerk. Vereinzelte Explosionen durch Handgranaten kommen dynamisch zum Gehör und während der Autoverfolgung kann man sich vor räumlichen Sounds kaum retten. Ständig ist etwas los und wenn die Kamera sich um die beiden Protagonisten dreht, dreht sich die Akustik ebenso mit – klasse.
Dennoch kann der Ton auch die ruhigen Passagen. Dialoge bleiben meist klar verständlich, weisen keine Zischeleien auf, könnten aber ein bisschen mehr Fundament vertragen. Alles in allem aber eine der besseren Tonspuren bei Netflix, die nur etwas mehr Wucht im Bass verdient gehabt hätte.

Ovi weiß noch nicht, ob er Tyler vertrauen kann

Wechseln wir auf die englische Tonspur, bekommen wir (wie angesprochen) das 3D-Soundformat Dolby Atmos. Das klingt über die reguläre Ebene zunächst praktisch identisch mit dem deutschen DD+-Ton. Betrachten wir das Ganze also unter Einbezug der Höhen-Ebene.
Schon direkt in der ersten Szene gibt’s ein paar dedizierte Geschosse aus den Gewehren, die über die Heights querschlagen.
Nach 3’20 öffnet sich das Geschehen mit authentischem Vogelgezwitscher und ab 9’13 hört man Greife und weitere Vögel. Während der dramatischeren Momente gesellt sich dann schon mal etwas Filmmusik hinzu – allerdings nur während dieser, nicht dauerhaft. Bei 31’05 hört sich der Dschungel sehr lebhaft an, weil von überall Tiergeräusche kommen. Kurz darauf geht die Alarmsirene auf dem Boot los und bei 34’28 hört man den Helikopter über den Köpfen. Während der Autoverfolgung erhält man ebenfalls einige 3D-Sounds und auch einen heftigen Zusammenstoß (37’42). Ab Minute 40 hallen dann immer wieder Schüsse von oben nach und bei 58’34 hört man erneut den Hubschrauber sowie Lautsprecher-Durchsagen aus den Heights – der bis dato heftigste 3D-Soundeffekt. In der Disko setzt es dann später fette Beats von oben (63’40) und während des Beschusses nach etwas über 80 Minuten fallen Schutt und Brocken von oben herab. Später setzt es dann noch mal dedizierte Schüsse aus dem Helikopter aus den Heights (87’45).

Fazit

In Sachen Inszenierung, Kameraführung und Choreografie ist Extraction der bisher beste Netflix eigene Actionfilm überhaupt. Was hier an Schauwerten geboten wird, ist vor allem in der Sequenz nach etwas über einer halben Stunde allererste Sahne. Da kann sich ein Herr Bay eine ganz dicke Scheibe abschneiden. Und im Prinzip ist die Kameraarbeit oscarverdächtig.
Bis auf eine kurze Entspannungsphase zur Mitte des Films wird hier praktisch zwei Stunden lang aus allen Rohren gefeuert und gegeben, was Waffen, Fäuste und Material bereithalten. Hemsworth emanzipiert sich ein wenig von seiner Superhelden-Rolle und empfiehlt sich für harte Action in diesem Stil.
Dazu gibt’s ein sauberes, mit atmosphärischer Farbgebung stilisiertes und recht scharfes Bild sowie einen sehr räumlichen Ton, dem es nur ein bisschen an Bassfundamentt fehlt – klare Empfehlung für Streamer!
Timo Wolters


Bewertung

Bildqualität: 85%

Tonqualität (dt. Fassung): 85%

Tonqualität 2D-Soundebene (Originalversion): 85%
Tonqualität 3D-Soundebene Quantität (Originalversion): 60%
Tonqualität 3D-Soundebene Qualität (Originalversion): 75%

Film: 85%

Anbieter: Netflix
Land/Jahr: USA 2020
Regie: Sam Hargrave
Darsteller: Chris Hemsworth, David Harbour, Golshifteh Farahani, Derek Luke, Pankaj Tripathi, Randeep Hooda, Marc Donato
Tonformate: Dolby Atmos (DD+-Kern): en // Dolby Digital Plus: de
Bildformat: 2,39:1
Laufzeit: 117
Real 4K: Ja
Datenrate: 7.62 Mbps (freiwillige Corona-Datenbeschränkung)
Altersfreigabe: 18

(Copyright der Cover und Szenenbilder liegt bei Anbieter Netflix)

Trailer zu Extraction

Extraction | Official Trailer | Netflix
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3 thoughts on “Tyler Rake: Extraction [Netflix]

  1. Avatar Dennis

    Toller Film, nur eine Bemerkung:
    Er ist wirklich sehr leise, musste meine Anlage ordentlich aufdrehen.

  2. Avatar Michael

    Stimmt, leise war er wirklich. Hab ihn gestern leider schon etwas übermüdet geguckt, fand ihn aber richtig richtig gut. Allein was die Kameraeinstellungen teilweise anbelangt war das irre. Und der Schluß lässt eventuell möglicherweise unter Umständen auf eine Fortsetzung hoffen. Das ist gut. Schlecht hingegen ist, dass es auch den Film zumindest in absehbarer Zeit (bis eine Zweitverwertung für Netflix doch mal interessant werden sollte) nicht haptisch geben wird. Es gibt ja auch Zeiten, wo man mal kein Internet hat (wie bei uns Umzug in 2 Wochen), und dann hat man bissel Pech. Würde mir wünschen, dass es da irgendwann mal so ein Modell ähnlich Print on demand gibt…

  3. Avatar Tom

    Tolles Review liest sich sehr gut
    Nach Criminal Squad,Fallout,Sicario oder auch The Equalizer hat mich
    Extraction wieder richtig gut unterhalten.Eine Simple Story mit Schnörkellosen Action-Feuerwerk vom feinsten wie es mir gefällt.
    Logik suche ich bei solcher Art Filmen eh nicht.
    Hab an dem Film fast gar nix auszusetzen,weil hier fast alles stimmt,was einen guten Actionfilm ausmacht.Ok bis auf die Szene mit David Harbour (Gaspar) die fand ich sehr unpassend und dumm.
    Bei einigen Atemberaubenden Verfolgungsjagden war man kurz vor der Störung des Gleichgewichtssinnes wegen der spektakulären Kamaraperspektive.Top Film!Glaube sogar der bisher beste auf Netflix
    Bild war gut Ton relativ leise.Bitte weiter mit Tyler Rake

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