High Flying Bird – Netflix

Blu-ray Review

high flying bird netflix review cover
Netflix, 08.02.2019

OT: High Flying Bird

 


Revolution im System

Steven Soderbergh bleibt sich treu: Sportlerdrama gefilmt mit einem iPhone.

Inhalt

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Ray klärt seinen Schützling Erick über die aktuellen Entwicklungen auf

Ein Lockout (Streik) hat die NBA fest im Griff. Spiele finden nicht statt und die Spieler erhalten kein Gehalt. Ray ist Spieler-Agent und leidet ebenfalls unter diesem Zustand. Denn solange seine Klienten kein Geld verdienen, kann er ebenfalls keine Rechnungen schreiben. Noch dazu ist er akut pleite. Sein jüngstes und vielversprechendstes Pferd im Stall ist der aufkeimende NBA-Star Erick Scott. Doch auch der kann gerade kein Geld umsetzen, wenn er nicht auf dem Spielfeld steht. Als Rays Kreditkarte auch noch abgewiesen wird, seine Gehälter eingefroren werden und er praktisch zahlungsunfähig ist, bringt ihn der Zufall auf eine Idee. Ray fasst einen Plan. Doch der ist nicht ganz ohne Risiko und könnte das ganze System des Basketballs verändern …

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Spence ist Basketballtrainer der alten Schule

Steven Soderbergh ist und bleibt der kleine Revoluzzer unter den erfolgreichen Regisseuren Hollywoods. Hatte er sich 2013 nach Side Effects zunächst vom Filmgeschäft offiziell verabschiedet und verkündet, nur noch Filme oder Serien fürs TV zu inszenieren, kehrte er 2017 mit Logan Lucky doch zurück. War Letzterer tatsächlich eine große A-Produktion, ging er direkt darauf wieder einen bewussten Schritt zurück. Denn mit Unsane – Ausgeliefert produzierte er einen kleinen Thriller mit einem sehr reduzierten Team. Das Umfeld wusste praktisch nichts über die Dreharbeiten. Gleichzeitig fungierte Soderbergh als Regisseur und (unter Pseudonym) auch als Cutter sowie als Kameramann. Um noch unabhängiger von den großen Studios und einem immensen Tross an Leuten zu sein, drehte er (allerdings auch aus Neugier) mit einem iPhone (7 Plus). Ursprünglich hatte er vor, die Auswertung komplett über ein Streaming-Portal laufen zu lassen, entschloss sich dann aber doch, den Film ins Kino zu bringen – angeblich, weil ihm die Bildqualität des Smartphones so gut gefiel, dass er es auf der großen Leinwand sehen wollte.
Obwohl gerade letztere Aussage von technikaffinen Heimkinofans gerne angezweifelt werden darf, weil der Dynamikumfang eines mobilen Telefons schlicht nicht ausreicht, um durchweg harmonische Kontraste oder rauschfreie Ergebnisse zu liefern, setzt Soderbergh auch bei seinem jüngsten Film auf diese Arbeitsweise.

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David Starr, Rays Chef, hat keine guten Nachrichten

Noch mehr noch, denn bei High Flying Bird geht er nun tatsächlich den exklusiven Weg über eine Streaming-Plattform. Ab dem 08. Februar steht das Sportler-Drama bei Netflix zur Verfügung, nachdem er lediglich im Januar beim Slamdance Film Festival Premiere feierte.
Ebenso wie bei Unsane reduzierte Soderbergh aufgrund des kleinen Teams die Produktionszeit und damit das gesamte Budget. Gerade einmal drei Wochen dauerten die Dreharbeiten an, was für einen 90-minütigen Film geradezu rasend schnell ist.
Doch das ist eigentlich nicht die Überraschung. Vielmehr ist man fasziniert davon, wie Soderbergh diese extrem unmittelbare Technik für eine hohe Dynamik nutzt. Dadurch, dass er sich die Ergebnisse des Tages direkt zuhause anschauen kann und ggf. für den nächsten Drehtag Justagen vornehmen kann, ist High Flying Bird so unmittelbar und direkt wie er nur sein kann. Man ist extrem nahe an den Darstellern und aufgrund der sehr ruhigen Einstellungen (Action geht mit so einem iPhone halt nicht) kann man sich auf deren Gespräche konzentrieren. Allerdings sollte man zumindest Grundkenntnisse der NBA (oder des Sport-Vermarktungs-Systems an sich) mitbringen, um den teils wie aus einem Maschinengewehr geschossenen Dialoge folgen zu können. Letztere sind extrem scharfzüngig und zeugen von hoher Kenntnis der Szene. Sie nehmen das System auseinander, klatschen den Protagonisten (und dem Zuschauer) Wahrheiten vor den Latz, die sich gewaschen haben und prangern gleichzeitig an.

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David ist einer der weißen Liga-Geldgeber

Denn Soderbergh behandelt in High Flying Bird vor allem das Thema der Kommerzialisierung des Profisports. Die NBA ist dafür das prominenteste Beispiel überhaupt. Die Clubs werden von reichen (weißen) Investoren geleitet und beeinflusst. Die Spieler (gerade die afroamerikanischen) haben in der Regel nur wenig zu sagen und versuchen deshalb ihren Schnitt über die Vermarktung in den sozialen Medien zu machen. Mit spätestens 35 Jahren ist die Karriere vorbei und bis dahin muss man seinen Schnitt gemacht haben. Kaum verwunderlich, dass sich die Jungs vermarkten so weit wie es nur möglich ist – immer die Angst im Nacken, es könnte irgendwann mal nicht mehr reichen. Natürlich spielt irgendwann auch die Gier eine Rolle und man findet sich schneller in einer Spirale aus Luxus und Abhängigkeiten wieder als einem lieb ist.
Dass der Film dabei zu 95% aus Dialogen besteht und nur einmal kurz überhaupt Basketbälle zugeworfen werden, sollte einem vor dem Genuss des Films klar sein. Die Erwartungshaltung muss ganz klar in Richtung Fokussierung auf hintergründige Analysen gehen, nicht auf rasante Schnitte und Posen wie man sie aus Jerry Maguire kennt. Ohnehin erlaubt so ein iPhone nur wenige Kameraperspektiven. Der teils befremdlich wirkende Weitwinkel hat eine leichte Verzerrung des Raums und der Darsteller in ihm zur Folge und ansonsten wechselt Soderbergh lediglich zwischen statischen Perspektiven hin und her. Mehr als ein Schwenk auf einem festen Stativ ist nicht drin. Optisch wirkt das zwar sehr unmittelbar, aber auf Dauer auch etwas ermüdend. So tiefgründig wie sein High Flying Bird ist und so gut wie seine Darsteller (allen voran André Holland) agieren, so sehr denkt man sich mitunter: Mit Profi-Equipment hätte man hier durchaus mehr Unterhaltungswert herausgeholt.

Bild- und Tonqualität

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Ray gibt sich stets kämperisch

Ja, so ein iPhone kann schon erstaunlich knackige Bilder liefern – und das in Real 4K. High Flying Bird ist über Netflix ebenfalls in 4K abrufbar und bekam auch noch die dynamische Kontraststeigerung in Dolby Vision.
Sieht man von den stößigen Wacklern ab, die Soderbergh selbst als technische Herausforderung sieht (Fußgängerweg 8’40) sind die Außenaufnahmen knackig und kontrastreich. Die komplette Dynamik beherrscht so ein Mobiltelefon dann aber doch noch nicht. Ab und an sind Gesichter viel zu dunkel – gerade, wenn im Hintergrund sehr helle Flächen auftauchen (9’45, 13’50). Das KANN auch ein Problem von übertriebenem Dolby-Vision-Einsatz sein, verhindert aber dann doch die maximale Bild-Dynamik. Wunderbar ist hingegen die Bildruhe, denn Körnung ist hier absolut kein Thema. Ab und an wirken Gesichter allerdings etwas weich und wachsig – gerade in Schwenks. Außerdem überreißen helle Bildbereiche auf Haut schon mal. Ebenfalls gewöhnungsbedürftig ist die bisweiel ARG blaue Einfärbung neutraler Flächen (58’00).
Lest die Bewertung zur Bild- und Tonqualität zum Start des Films am 08.02.2019
Der Ton liegt für beide Sprachen in Dolby Digital Plus vor und konzentriert sich natürlich vollkommen auf die Dialoge. Diese gelangen über den Center sehr gut verständlich ans Ohr – leider sind nicht alle Synchronsprecher wirklich professionell. Gleichzeitig sind atmosphärische Umgebungsgeräusche wirklich ansprechend vertont. Das Gequietsche der Sportschuh-Sohlen in der Turnhalle kommt absolut authentisch rüber. Und auch die Außenszenen punkten mit realistischem Sound. Wirklich offen und räumlich klingen die Filmsongs, die das Geschehen auf alle Speaker ausweiten.

Fazit

High Flying Bird erzählt eine höchst interessante und entlarvende Story mit unkonventioneller Produktionstechnik. Das erfordert selbst bei „nur“ 90 Minuten Laufzeit höchste Konzentration, belohnt aber mit intensivem Schauspiel und mutig ausgesprochen Wahrheiten.
Timo Wolters


Bewertung

Bildqualität: 70%
Tonqualität (dt. Fassung): 70%
Tonqualität (Originalversion): 70%
Film: 75%

Anbieter: Netflix
Land/Jahr: USA 2018
Regie: Steven Soderbergh
Darsteller: André Holland, Melvin Gregg, Kyle MacLachlan, Bill Duke, Zazie Beetz, Zachary Quinto
Tonformate: Dolby Digital Plus: de, en
Bildformat: 2,35:1
Laufzeit: 90
Real 4K: Ja
Datenrate: 15,26
FSK: 12

(Copyright der Cover und Szenenbilder liegt bei Anbieter Netflix)

Trailer zu High Flying Bird

High Flying Bird | Official Trailer [HD] | Netflix

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