High-Rise

Blu-ray Review

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DCM/Universum, 18.11.2016

OT: High-Rise

 


Büchse der Pandora

Dystopische Zukunftsvision im 70er-Jahre-Stil, die tief in die Psyche des Menschen blicken lässt.

Inhalt

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Charlotte aus dem 26. Stock wirft ein Auge auf Robert

Dr. Robert Laing ist gerade in den 25. Stock eines Hochhauses gezogen und erhofft sich nach einem privaten Schicksalsschlag dort etwas Anonymität. Seine schicke und ziemlich luxuriöse Wohnung sorgt für genug Ablenkung. Doch mit der Ruhe ist es erst einmal vorbei, als Charlotte aus der Wohnung über ihm eine freuchtfröhliche Party schmeißt und ein Auge auf den hübschen Arzt wirft. Während der Feier wird Laing allmählich klar, dass der Wohnbunker einer klaren Hierarchie folgt: Ganz oben, im Penthouse des 40. Stock wohnt Mr. Royal, der Architekt des Hochbunkers, autark und wie ein König. Ganz unten hingegen leben die weniger wohlhabenden und vor allem die Familien mit Kindern. Mr. Royal wollte mit dem Gebäude eine Art Schmelztiegel verwirklichen, in dem sich unterschiedliche Herkünfte und soziale Status zu einem harmonischen Ganzen vermischen. Doch Stromausfälle und beginnende Müllberge sorgen für Konflikte, die bald zu eskalieren drohen. Während Laing ein Art oberflächliche Bekanntschaft mit Mr. Royal beim Squash pflegt und dessen ursprüngliche Gründe für die Entwicklung des Hochhauses nachvollziehen kann, entwickelt er gleichzeitig eine Freundschaft mit Wilder. Der Dokumentarfilmer und Familienvater lebt „nur“ im zweiten Stock und betrügt seine schwangere Ehefrau. Laing sieht sich alsbald als Vermittler zwischen moralisch eigentlichen einwandfreiem „König“ und dem Anführer der Arbeiterklasse, dessen Moral längst baden gegangen ist, der allerdings das Herz für die Bedürfnisse der Menschen am rechten Fleck hat. Als die Zustände immer chaotischer werden, droht der ganze Komplex zu implodieren …

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Mr. Royal ist ein Mann mit einwandfreien Wünschen, die sich aber offensichtlich nicht realisieren lassen

Nachdem man lange Zeit befand, dass der dystopische Zukunftsroman „Hochhaus“ von J.G. Ballard (Crash) nicht verfilmbar sei, hat sich nun Ben Wheatley (Sightseers) der düsteren Geschichte (die nicht ganz unähnlich auch schon in Snowpiercer zur Verwendung kam) angenommen und sich bei seiner Realisierung von filmischen Fesseln befreit. Mit wilden Stilelementen, optischen Finessen und abgefahrenen Traumsequenzen versehen ist High-Rise ein Leckerbissen für jene, die auf die Extravaganzen eines Terry Gilliam stehen und sich dazu eine optische Mischung aus Stanley Kubrick und Ken Russell vorstellen können. Der 70er-Jahre-Look von High-Rise kommt nicht von ungefähr, stammt doch der Roman Ballards selbst von 1975. Gerade die Tatsache, dass der Wohnkomplex nicht aussieht wie eine aktuelle Zukunftsvision, sondern wie eine, die man vor 40 Jahren gehabt hätte, macht Wheatleys Werk so einzigartig. Aber nicht nur die Optik ist reizvoll, sondern vor allem der Inhalt: Vom Aufbau her gleicht die Geschichte einem Abbild von Freuds Psychoanalyse. Mr. Royal steht dabei für das Über-Ich, das die Kontrolle und das Gewissen repräsentiert. Wilder, dessen moralische Verkommenheit und latente Aggressivität mehr als präsent ist, repräsentiert das triebhafte Es und Laing, der in der Mitte wohnt, gleicht dem Ich. Als solches sorgt er für das bewusste Denken und muss zwischen triebhaftem Es und anspruchsvollem Über-Ich vermitteln. Das Hochhaus steht also für den Organismus selbst und in der Tat führt es eine Art Eigenleben, das über das Schicksal der in ihr lebenden Menschen zu entscheiden scheint.

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Die feine Gesellschaft des Hochhauses ist tagsüber adrett unterwegs …

Natürlich ist High-Rise aber auch ein Gleichnis über die auseinanderklaffende Schere zwischen den einzelnen Schichten. Während die Reichen es zunächst als Spiel betrachten und sich herausgefordert fühlen, eine „noch größere Party“ zu feiern als die Unterschicht, werden dort ängst Pläne für eine Revolution geschmiedet. Es scheint, dass nicht zusammenkommt, was nicht zusammengehört – und damit könnte die Kritik des 40 Jahre alten Romans am Kapitalismus kaum größer sein. Denkt man zurück an das Jahr der Entstehung der Buchvorlage so war es die Zeit des beginnenden Thatcherismus und das reflektiert High-Rise. Film und Vorlage schildern allerdings auch, dass der Aufstand der unteren Klassen nie organisiert abläuft und immer wieder im Chaos endet – Plünderungen und Gewalt treten an die Stelle, an der zuvor noch eine (wenn auch fragile) Ordnung herrschte. Hier läuft High-Rise dann auch von seiner Bildersprache her zu Höchstform auf. Wenn sich im 40. Stock die Dekadenz vor dem Hintergrund des Zusammenbruchs sämtlicher Regeln zur einer fellinischen Orgie steigert und die niederen Etagen in blutige Anarchie verfallen, sind das Bilder, die lange im Kopf bleiben – auch wenn der Verfall von Moral und Ordnung etwas überhastet stattfindet und mit schnellen geschnittenen Aufnahmen im Quasi-Zeitraffer vollzogen wird. Darstellerisch hätte man den Film kaum besser besetzen können. Jeremy Irons als Mr. Royal verleiht seiner Figur das tragische Element, das diese benötigt. Luke Evans (Bard aus Der Hobbit) steigert sich als Richard Wilder im späteren Verlauf in einen wahren Blutrausch und zeigt, dass er ein enorm physischer Schauspieler ist und Tom Hiddleston (der Loki aus Thor) befindet sich als Laing ziemlich genau zwischen diesen beiden Akteuren. Mitfühlen ist zwar schwierig in dieser durch und durch kühlen und anonymen Atmosphäre, dennoch bleibt das Geschehen nicht ohne Wirkung. Geradezu schaurig sind die unterschiedlichen Interpretationen von ABBAs „SOS“, das mal klassisch variiert wird und mal im Düster-Elektro-Gewand daherkommt. Textinhaltlich passt es ohnehin perfekt und auch die jeweilig unterschiedlichen Stimmungen, die über den Song transportiert werden, funktionieren.

Bild- und Tonqualität

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… feiert Abends aber die ausschweifendsten Partys

Das Bild von High-Rise passt sich bisweilen dem 70er-Jahre-Look an und ist in Sachen Kontrastumfang eher etwas begrenzt. Helle Einstellungen lassen knackiges Schwarz etwas vermissen und Farben dürften noch kräftiger sein. Die Bildruhe ist hingegen recht hoch und offenbart nur ein dezentes Korn. Schärfe und Auflösung gehen in Ordnung, ohne allerdings Maßstäbe zu setzen. Dafür ist es bis in die Randbereiche gut aufgelöst und angenehm.
Akustisch dominieren die Dialoge, die allesamt klar und verständlich aus dem Center kommen. Während der Partys wird’s räumlich, wobei relativ viel Hallanteil hinzugemischt wurde. Authentischer klingt da schon der Schuss aus der Pistole nach knapp 100 Minuten, dessen Knall durchaus erschreckt und der räumlich verklingt. Ansonsten bleibt High-Rise jedoch meist auf seine Front beschränkt und wird nur während der Partyszenen oder in den Sequenzen mit Filmmusik mal spürbar räumlich.

Bonusmaterial

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Mr. Royal sieht sein Projekt scheitern

Im Bonusmaterial von High-Rise warten sieben Interviews mit den Darstellern und dem Regisseur. Dazu kommt ein knapp vierminütiges „Vom Buch zum Film“-Featurette, das den ursprünglichen Roman von Ballard etwas näher vorstellt. Bei den Interviews sollte man sich jenes von Wheatley unbedingt ansehen, der sehr interessante Details über die Entstehung des Films preisgibt.

Fazit

High-Rise entzieht sich an vielen Stellen einer herkömmlichen Rezeption und fordert die Auseinandersetzung mit den zugrundeliegenden psychosozialen Aspekten von Gesellschaft. Inszenatorisch darf das Experiment als geglückt gelten, darstellerisch ohnehin. Ein Film, der lange nachhallen sollte
Timo Wolters


Bewertung

Bildqualität: 70%
Tonqualität (dt. Fassung): 70%
Tonqualität (Originalversion): 70%
Bonusmaterial: 40%
Film: 75%

Anbieter: DCM/Universum
Land/Jahr: Großbritannien 2015
Regie: Ben Wheatley
Darsteller: Tom Hiddleston, Luke Evans, Jeremy Irons, Sienna Miller, Elisabeth Moss, James Purefoy, Keeley Hawes, Peter Ferdinando, Sienna Guillory, Reece Shearsmith, Enzo Cilenti, Augustus Prew
Tonformate: dts HD-Master 5.1: de, en
Bildformat: 2,35:1
Laufzeit: 119
Codec: AVC
FSK: 16

Trailer zu High-Rise

HIGH-RISE – Main Trailer

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