Jack Ketchums Beutegier

Blu-ray Review

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NSM Records, seit 26.08.2016

OT: Offspring

 


Hungrige Sippe

In der Verfilmung eines Romans von Jack Ketchum geht’s nicht gerade zimperlich zu.

Inhalt

Jack Ketchums Beutegier Blu-ray Review Szene 6
Ex-Cop George Peters ist über die schaurigen Bilder nicht ganz so überrascht wie die jungen Kollegen

Amy und David haben zwar gerade finanzielle Schwierigkeiten, doch das erste gemeinsame Kind lässt sie trotzdem hoffnungsvoll in die Zukunft blicken. Da passt es ihnen auch gar nicht, dass Amys Ex sich ankündigt, denn der ist schon damals immer gewalttätig gewesen. Doch der blasierte und aggressive Kerl ist ihr geringstes Problem, denn was David da im Mondlicht einer Nacht erblickt ist keine nackte Frau, die zu einer lokalen Hippiekommune gehört, sondern eine waschechte Angehörige eines Kannibalenclans, der seit Jahrhunderten an der Grenze zwischen Kanada und den USA herumwandert und tötet. Da die Menschenfresser aktuell akuten Bedarf an Babys haben, kommt ihnen der Frischling von Amy und David gerade Recht …

Jack Ketchums Beutegier Blu-ray Review Szene 2
Die Familienidylle wird jäh unterbrochen …

Jack Ketchums Beutegier ist zwar schon sechs Jahre alt, hat bisher allerdings mit einer geschnittenen FSK-18-Version auskommen müssen. Nun nimmt sich NSM (nach einem bereits veröffentlichten Mediabook) des blutigen Kannibalenfilms an und man bekommt über den Umweg des Nachbarlandes die ungeschnittene Fassung. Regisseur/Produzent Andrew van Houten, der schon für die Realisierung von Ketchums Evil – The Girl Next Door verantwortlich zeichnete, inszeniert die Geschichte um eine menschenfressende Sippe nach einem Drehbuch, das Ketchum selbst verfasste (im Übrigen ist er auch in einem Cameo als Pathologe am Tatort zu sehen). Wer das Buch kennt, weiß, dass der Film sehr nahe am Drehbuch bleibt. Das allerdings führt dazu, dass viele Momente der Adaption eher fragmentarisch bleiben. Außerdem wird die Vorgeschichte von George Peters nicht miteinbezogen, die Leser des Autors durch die vorherigen Romane kennen. Hier hätte man zugunsten der Logik das Drehbuch einfach filmischer gestalten müssen. Dennoch gelint es van Houten, Tiefe in seine Figuren zu bringen – vornehmlich der Familie, die angegriffen wird. Herausragend gelingt ihm aber die Atmosphäre des Films, die äußerst bedrückend wirkt. Das auch, weil viele der Tötungsaktionen von Kindern verübt werden und auch Gewalt gegen die Minderjährigen allgegenwärtig ist – hier werden gängige Moralverstellungen gehörig erschüttert. Am stärksten beeindruckt die Haupfigur der Kannibalen, die von „The Woman“, also einer Frau aus dem Stamm gegeben wird. Diese wird von Pollyanna McIntosh mit Inbrunst gespielt, was dazu führt, dass man bisweilen sogar mit ihr sympathisiert – immerhin hat sie nachvollziehbare, wenn auch rudimentär-instinktive Gründe für ihr Verhalten. Dass sich Beutegier zunächst gut über eine halbst Stunde Zeit lässt, wird diejenigen stören, die gerne eine Gewaltat an der anderen sehen möchten, doch es hilft, sich mit den Charakteren zu identifizieren und mitzufühlen, wenn sie schließlich angegriffen werden. Dies passiert dann entsprechend roh, unvermittelt und ohne Vorwarnung. Der enervierende Filmscore passt sich dem Geschehen an und lässt den Film in den entsprechenden Momenten noch schwerer erträglich werden als seine Bilder es alleine schon bewirken würden. Da verzeiht man dann auch, dass sich die Polizei generell und der Ex-Beamte George Peters (Art Hindle aus Cronenbergs Die Brut) insbesondere ziemlich dämlich verhalten. Da Beutegier genauso unvermittelt endet, wie er Gewalt transportiert, hinterlässt ein seltsames Gefühl der gespensigen Leere. Es ist also nicht zwingend die filmische Qualität, die talentierte Regie oder das herausragende Schauspiel, das hier überzeugt, sondern vornehmlich die konsquent düstere Atmosphäre.

Jack Ketchums Beutegier Blu-ray Review Szene 5
… als eine Kannibalensippe in der Gegend Halt macht

Bild- und Tonqualität

Jack Ketchums Beutegier Blu-ray Review Szene 9
Deren Tischmanieren sind ebenso rudimentär wie brutal

Beutegier hat kein sonderlich klares oder gar scharfes Bild. Die Blu-ray zeigt sich eher mit ausgewaschenen Farben, einer beständig vorhanden Körnung und teils deutlichem Verwischen während kurzer Bewegungen. Dazu gibt’s immer mal wieder grieselige Unruhen auf Gesichtern und sogar Pixelrauschen (Sonne 8’18, Fernsehbild 34’25). Der Kontrastumfang liegt eher im mittleren Bereich und Schwarzwerte sind durchweg mittelprächtig. Echte Schärfe oder Detailtiefe gibt’s praktisch nie und so wirkt die Blu-ray beständig, als wäre es „nur“ eine DVD.
Akustisch sind insbesondere die eingestreuten Sounds, vergleichbar mit dem Schlag auf eine Triangel hervorzuheben. Diese erzeugen eine unangenehme Stimmung, auch weil sie von allen Lautsprechern wiedergegeben werden, während Beutegier ansonsten primär frontlastig bleibt. Meist ist es aber sogar das Fehlen von Musik oder großartigen atmosphärischen Geräuschen, das den Film so unmittelbar werden lässt. Da reicht es dann, wenn ein paar kreissägenartige Soundfiles eingestreut werden. Die deutsche Synchro bleibt jederzeit verständlich und ist bis auf wenige Ausnahmen auch qualitativ gelungen.

Bonusmaterial

Jack Ketchums Beutegier Blu-ray Review Szene 7
Auch Amys Ex bekommt das zu spüren

Im Bonusmaterial von Beutegier gibt es neben dem Audiokommentar mit Jack Ketchum und Regisseur van den Houten, den die Zwei anlässlich ihres Besuchs auf dem Oldenburger Filmfestival, wo der Film seine Deutschlandpremiere feierte, aufgenommen haben, noch neun kurze Webisodes sowie das „Progeny“ betitelte Making of, indem man sehr intensive Einblicke aus der Hinter-der-Kamera-Perspektive bekommt. Im kurzen „Kaution für den Erstgeraubten“ gibt’s eine nette Anekdote vom Dreh und eine Bildergalerie komplettiert das Angebot.

Fazit

Beutegier hinterlässt eine unangenehme Stimmung und sollte nicht nur aufgrund der (manchmal nicht ganz gelungenen) Make-up- und Gore-Effekte von zarter besaiteten Menschen gemieden werden. Vielmehr ist van den Houtens Adaption eines Ketchum-Romans etwas für aufgeschlossene Genrefans, die einen Film nicht nur aufgrund bloßer Gewaltaneinanderreihungen bewerten, sondern sich von der Atmosphäre gefangennehmen lassen.
Timo Wolters


Bewertung

Bildqualität: 35%
Tonqualität (dt. Fassung): 60%
Tonqualität (Originalversion): 60%
Bonusmaterial: 40%
Film: 55%

Anbieter: NSM
Land/Jahr: USA 2010
Regie: Andrew van den Houten
Darsteller: Ahna Tessler, Amy Hargreaves, Art Hindle, Erick Kastel, Pollyanna McIntosh, Andrew Elvis Miller, Preston Mulligan, Tommy Nelson
Tonformate: dts HD-Master 5.1: de, en
Bildformat: 2,35:1
Laufzeit: 79
Codec: AVC
FSK: ungeprüft

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