Nerve

Blu-ray Review

Studiocanal, 19.01.2017

OT: Nerve

 


Herausforderungen

Endlich mal ein erfrischender Film.

Inhalt

Vee war bis vor kurzem ein schüchternes Mauerblümchen …

Seit einiger Zeit ist das Internetgame „Nerve“ in aller Munde. Auch die eher schüchterne Venus, die gerade irgendwie ihrer Mutter beibringen muss, dass sie ausziehen und woanders studieren will, bekommt das mit und beschließt (nicht ganz ohne Druck aus ihrem Umfeld) mitzuspielen. Da man sich zu Beginn entschließen muss, ob man „Player“ oder „Watcher“ (also quasi aktiv oder passiv ist), geht Vee nach der Abfuhr durch ihren Traumtypen aufs Ganze und wählt „Player“. Denn immerhin kann man als solcher sogar Geld verdienen. Als Player muss sie nun diejenigen Dinge erfüllen, die ihr von den „Watchern“ aufgetragen werden. Je extremer die Challenge, desto mehr Follower und mehr Aussicht aufs Finale mit hohem Gewinnausschuss. Die drei einzigen Regeln: Jede Aktion muss mit dem Handy gefilmt werden, Abbruch geht nur über Versagen bei der Challenge oder Selbstaufgabe und Betrug wird bestraft. Venus‘ erste Herausforderung wäre da, einen völlig fremden Typen zu küssen. Ihre Wahl fällt auf Ian, den sie fortan nicht wirklich los wird – zumal auch er ein Player ist. Gemeinsam bewältigen sie Challenge nach Challenge und erfreuen sich an der Kohle, die sie erspielen. Bald schon müssen sie aber bemerken, dass Nerve nichts dem Zufall überlässt und einen weit größeren Plan verfolgt – und der kann durchaus tödlich enden …

… bis ein scheinbar harmloses Spiel sie in die Arme von Ian gebracht hat

Während viele Filme gerne hip, modern und cool wären und dabei (meist aufgrund eines realitätsfremden Drehbuchs) in der Regel scheitern, zeigen Henry Joost und Ariel Schulman mit ihrem jüngsten Werk Nerve, wie frisch Kino sein kann. Bereits mit der Doku Catfish demonstrierten sie, dass sie moderne Kommunikation inszenieren können und befriedigten danach mit Paranormal Activitiy 3 & 4 das Mainstream-Publikum. Alleine in Sachen Optik verlässt man ausgetretene Pfade. Zwar gab es immer mal wieder interaktive Einblendungen in Filmen und auch andere nutzten schon visualisierte Handykommunikation. Aber derart flüssig und passend wie hier war es noch nicht. Hinzu kommen die abgefahrenen Kameraoptiken, die teils fast schon mit Fischaugen-Objektiven einen extremen Weitwinkel produzieren, was den Bildern eine immense Dynamik verleiht. Inhaltlich lehnt man sich grob an Finchers The Game an, was in der Vorlage, dem Roman Nerve – Das Spiel ist aus, wenn wir es sagen von Games-Entwicklerin und Jugendforscherin Jeanne Ryan bereits angelegt ist. Das große Thema Verrohung im Angesicht der Anonymität der sozialen Medien bildet dabei den modernen Hintergrund. Die Kritik an Online-Spielen, die hier fast wie eine Cyberdroge daherkommen, ist unübersehbar und wird durch die entsprechende Visualisierung greifbar. Die Spieler werden während der Vogelperspektiven mit ihren Usernamen als bunte GPS-Punkte angezeigt, was New York scheinbar auf die Größe eines Handydisplays schrumpfen lässt.

Gemeinsam mit ihm nimmt sie immer gefährlicher werdende Herausforderungen an …

Während Vee ihre Aufgaben besteht, blendet sich am rechten Bildrand die beständig steigende Zahl der Watcher ein, die ihre Story verfolgen und die sie zum Mittelpunkt werden lassen. Selbst der gedankenloseste User in der realen Welt sollte nach der Sichtung von Nerve gecheckt haben, welche Gefahren die Kombination aus social media, Mobbing und Gruppendruck bergen kann. Besonders deutlich wird das im von den Watchern hochstilisierten Zickenkrieg zwischen Vee und Sydney, der in einer der spannendsten (und gleichzeitig irrsten) Szenen gipfelt. Ohnehin wird es zunehmend spannender, je mehr sich offenbart, dass das Spiel auch den Tod seiner Protagonisten einkalkuliert – gerade für Leute mit Höhenangst sind die letzten dreißig Minuten immer wieder eine ziemliche Folter. Das letzte Drittel konzentriert sich dann auch zunehmend auf die Thrilleraspekte und ordnet die Sozialkritik etwas unter, was Nerve mehr Möglichkeit gibt, Tempo und Rasanz zu entwickeln. Denn rasant ist der Film ohne Zweifel – und dabei auch noch hervorragend besetzt. Emma Roberts und Dave Franco (der jüngere Bruder von James) sind ein Traumpaar vom Moment ihres ersten Kusses an und passen perfekt in ihre zwei unterschiedlich angelegten Charaktere. Vom ersten Moment an haben sie das Publikum auf ihrer Seite. Das wiederum folgt ihnen bereitwillig und erfreut sich am schnittigen Erzählstil nach Lola-rennt-Prinzip. Unterstützt von einem fiebrigen bis spritzigen Soundtrack/Filmscore geht die Zeit in Nerve rasend schnell vorbei.

… wobei ihr die Tattoo-Challenge im Nachhinein ganz gut gefällt

Bild- und Tonqualität

Ian allerdings weiß schon mehr über „Nerve“, als er zugibt

Nerve spielt ebenso mit Bildstilisierungen wie er visuelle Gimmicks einstreut. Das Bild ist demnach häufig wechselnd. Mal zeigt sich ein deutliches Korn (gerade während der nächtlichen Szenen), mal filtert es Farben auf unterschiedliche Weise. Dazu kommen die bunten Einblendungen an den Bildrändern und unvermeidbare Randunschärfen während der krassen Weitwinkelaufnahmen. Die Schärfe in der Bildmitte ist stets gut, reißt aber keine Bäume aus. Der Kontrastumfang in Innenraumszenen (wie beispielsweise auf der Party nach einer Stunde) dürfte etwas höher sein.
Obwohl massive Actionszenen kaum stattfinden (sieht man mal von der Motorrad-Challenge ab), ist der Ton von Nerve aller Ehren wert. Herausragend sind vor allem der Score und die Filmsongs. Gerade die elektronischen Vertreter der letzten Gattung kommen knochentrocken aus Subwoofer und allen anderen Lautsprechern. Gäbe es nicht Dialoge zwischendurch, könnte man die Filmmusik glatt für eine Fete nutzen. Apropos Dialoge: Stimmen sind jederzeit verständlich und gehen im stets räumlichen Geschehen zu keiner Zeit unter.

Bonusmaterial

Vee verstößt gegen Regel #3

Im Bonusmaterial von Nerve muss man auch als Zuschauer wählen, ob man ein „Player“ oder ein „Watcher“ ist. Unter „Watcher“ finden sich neben einem Making-of und Outtakes noch die Featurettes „Creating Nerve“ und „New York Governors Ball“. Das Making-of ist ein nur vierminütiger, einer Filmzusammenfassung gleichender TV-Schnipsel. „Creating Nerve“ läuft gut 25 Minuten und kümmert sich wirklich um die Ansätze des Films, lässt die beiden Regisseure und die Darsteller zu Wort kommen und liefert ein paar interessante Fakten zum ungewöhnlichen Film. In „NY Governors Ball“ verfolgen wir ein paar Kids, wie sie Nerve inmitten eines Musikfestivals spielen. Unter „Player“ darf man einen kleinen Test bestehen (oder auch nicht), ob man selbst auch ein Player wäre.

Fazit

Nerve ist junges, modernes und richtig gutes Kino, das mit zwei überzeugenden Hauptdarstellern und einer ebenso offenen wie wichtigen Botschat rüberkommt. Damit gehört Henry Joosts und Ariel Schulmans Werk gemeinsam mit Disconnect zu den beiden wichtigsten Filmvertretern zum Thema Social-Media- und Internetanonymität.
Timo Wolters


Bewertung

Bildqualität: 70%
Tonqualität (dt. Fassung): 80%
Tonqualität (Originalversion): 80%
Bonusmaterial: 50%
Film: 85%

Anbieter: Studiocanal
Land/Jahr: USA 2016
Regie: Henry Joost, Ariel Schulman
Darsteller: Emma Roberts, Dave Franco, Juliette Lewis, Emily Meade, Kimiko Glenn, Samira Wiley
Tonformate: dts HD-Master 5.1: de, en
Bildformat: 2,35:1
Laufzeit: 97
Codec: AVC
FSK: 12

Trailer zu Nerve

NERVE | Trailer | Deutsch German | Ab jetzt im Kino!

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