Pyewacket – Tödlicher Fluch

Blu-ray Review

Pyewacket Blu-ray Review Cover
Pierrot Le Fou, 13.07.2018

OT: Pyewacket

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Wichtcraft

Nervenzerrender Okkult-Horror von Adam MacDonald.

Inhalt

Pyewacket Review Rezension Szene 1
Leah und ihre Freunde treffen sich nach der Schule

Leah hat vor Kurzem ihren Vater verloren und macht ihre Trauer mit sich selbst aus. Während sie sich, um Ablenkung zu erhalten, in neue Freundschaften, Musik und das Interesse am Okkulten flüchtet, kommt ihre Mutter nicht über den Tod des Gatten hinweg. Sie kümmert es deshalb auch nicht, was Leah macht und wohin sie geht. Es ist ihr egal. Das einzige, das sie für ihre Tochter übrig hat, sind Vorwürfe, wenn sie mal wieder zu spät nach Hause kommt. Als die Mama Leah eröffnet, dass sie sich im Haus der Familie nicht mehr wohl fühlt und einen neuen Start in einer neuen Gegend beschlossen hat, ruft das tiefe Trauer und Wut in der Tochter hervor. Immerhin hat sie mit ihren Freunden so etwas wie ein soziales Netz und ist nicht bereit, das aufzugeben. Und weil das neue Haus irgendwo draußen im Wald liegt, sind spontane Treffen kaum möglich. Als ihre Mutter zum wiederholten Male Leahs Freunde als Versager bezeichnet und ihr sagt, dass sie alles an ihr an den verstorbenen Mann erinnere – Erinnerungen, die sie der Tochter gerne aus dem Gesicht „waschen“ würde – wünscht Leah der Mama den Tod. Und um das zu bekräftigen, begibt sie sich in den Wald und spricht dort eine Beschwörungsformel. Nicht ahnend, dass sie es bereuen wird, sobald der okkulte Zauber tatsächlich Wirkung zeigt …

Pyewacket Review Rezension Szene 4
Leahs Mutter ist voller Trauer über den Verlust des Gatten

Pyewacket: [Eine der übernatürlichen Erscheinungen, die Hexen in ihrem Werk assistieren] Es ist noch nicht lange her, dass Adam MacDonald vom Darsteller- auch ins Regiefach schaute. Sieht man von Kurzfilm-Fingerübungen ab, erschien sein Langfilmdebüt 2014 und traf direkt den Nagel auf den Kopf des Genre-Freunds. Denn der Survival-Horror Backcountry gehört zu den spannendsten Beiträgen der letzten Dekade in diesem Subgenre. MacDonald, den man als Darsteller aus Filmen wie Wolves oder Home Sweet Home kennt, offenbarte im Kammerspiel mit drei Darstellern und einem aggressiven Bär ein exzellentes Talent für Atmosphäre, nervenzerrenden Thrill und durchaus drastische Gore-Einlagen.
Nun nimmt er sich (selbstbewusst ist er ja) erneut ein eigenes Drehbuch, kehrt aber dem Survival-Horror den Rücken und wendet sich dem Okkult-Schocker zu.
Dem Horrorgenre bleibt er damit natürlich verbunden – und wie!
Denn auch in Pyewacket erschafft MacDonald von Beginn an eine umheimliche Stimmung. Sein Film eröffnet mit Bildern aus dem Wald, unterlegt mit der Beschwörungsformel, die den Zauber auslöst und abgeschlossen vom grafisch hübsch anzusehenden Titelschritzug. Dazu wummert der Subwoofer mit ordentlich beunruhigendem Bass … Jetzt können okkulte Filme schon mal albern rüberkommen. Nicht selten sind sie zudem wenig furchterregend – gerade für weltliche Pragmatiker. Pyewacket gehört nicht dazu. Ganz im Gegenteil. Das fängt schon dabei an, dass der Film seine Figuren und gerade die Jugendlichen ernst nimmt. Sicher, man muss Okkultfans nicht unbedingt in der Gothic-Szene verorten. Aber wenn man es schon tut, dann darf es ruhig authentisch, unverkrampft und echt rüberkommen.

Pyewacket Review Rezension Szene 3
Beinahe-Kollision

Und genau das schafft MacDonald. Schon die Auswahl der Filmsongs passt hervorragend, weil es mal nicht die typischen Dark-Wave-Nummern sind, sondern solche, die davon zeugen, dass jemand Ahnung davon hatte, welche Titel er auswählt. Die Kids verhalten sich außerdem nachvollziehbar und werden nicht als oberflächliche Anarchos mit Hang zu Death-/Black-Metal charakterisiert. Die Schubladen, die Pyewacket öffnet, sortiert er neu und schließt sie mit teils überraschenden Ideen. Weil der Film vor allem das Seelenleben Leahs ernst nimmt, identifiziert sich der Zuschauer fast augenblicklich mit ihr – immerhin kennt vermutlich jeder aus seiner Jugend eine Situation, in der er sich von den Eltern unverstanden und unbeachtet fühlte. Dass das so gut funktioniert, liegt aber nicht nur am feinen Drehbuch, sondern natürlich auch an Nicole Muñoz in der Rolle der Tochter. Die 23-jährigen Kanadierin ist fast schon ein alter Hase, hat sie doch schon 50 Auftritte in Film und TV hinter sich. Als Leah reichen ihr oft ein paar Momente aus, um über ihre Mimik zu vermitteln, welche Trauer und Wut sich in ihr manifestiert haben. Auf der Gegenseite hat MacDonald ebenfalls eine hochkarätige Aktrice gewonnen. Laurie Holden, die man noch als Andrea aus The Walking Dead kennt, ist eben nicht die klischeehafte Tyrannin, sondern eine Frau, die vor Trauer fast umkommt. Eine Mutter, die verletzende Dinge sagt und sie kurz darauf am liebsten Ungeschehen machen möchte. Die schlicht menschlich handelt und agiert – selbst wenn die eigene Tochter es abkriegt. Das macht dann einen großen Teil der Dynamik aus, denn so sehr man nachvollziehen kann, dass Leah ihr spontan den Tod wünscht, so tief bereut sie es, als die Beziehung zwischen beiden plötzlich besser wird, die gerufene Bosheit aber ihren Tribut fordert.

Pyewacket Review Rezension Szene 2
Leah vollzieht das Ritual …

Neben den Darstellern überzeugt aber, wie beschrieben, die Stimmung, die Pyewacket zu erzeugen vermag. Weil das Skript eine nachvollziehbare Ausgangslage konstruiert, ist das Ritual, das Leah im Wald abhält, ebenso verständlich und eben nicht entrückt wie bei den meisten Okkult-Streifen. Die Bilder, die Kameramann Christian Bielz dazu einfängt, sind schmuddelig, grau und immer ganz nahe am Geschehen. Oft schaut er den Protagonisten von hinten über die Schulter, was eine erstaunliche Wirkung vom „Dabeisein“ erzeugt. Der grummelige Tiefton-Score erzeugt dazu eine unheilvolle Stimmung – nur um während der minutenlangen Beschwörung komplett zu verstummen und durch reine Naturgeräusche ersetzt zu werden. Das ist nicht nur wirkungsvoll, sondern echt unheimlich. Die Nerven sind angespannt und werden noch stärker strapaziert, wenn der Score dann wieder mit 30Hz-Signalen einsetzt. Wem sich hier der Magen etwas unwohl dreht, dem geht es wie dem Autoren dieser Zeilen. Beginnt der Spuk im Haus und klopft aggressiv auf dem Dachboden, setzt es vehemente Effekt-Attacken, die für eine dauerhafte Anspannung sorgen. Und wer bei undeutlichen Schattenwesen oder sich verrenkenden, bleichen Geister-Erscheinungen im Bildhintergrund das Flattern bekommt, der kann sich schon mal das nächstbeste Kissen bereitlegen. Denn spätestens ab Minute 45 macht Pyewacket genauso ernst wie das herbeigerufene Böse. Selbst wenn es zunächst noch mal kurz ins Teenie-Geplänkel abdriftet, als Janice bei Leah übernachtet, ist schon der gemeinsame Ausflug in den Wald wieder äußerst spannend – auch unterstützt von der auf einen Specht reduzierten Geräuschkulisse. Weil MacDonald sich aber nicht auf billige Effekthascherei konzentriert, sondern lieber subtil vorgeht, umgeht er die meisten Klischees ähnlicher Filme und lässt Hauptfigur und Zuschauer mit einem äußerst unbequemen Gefühl zurück.

Pyewacket Review Rezension Szene 6
… das bald seine Wirkung zu zeigen scheint …

Bild- und Tonqualität

Pyewacket Review Rezension Szene 7
… im Wald

Pyewacket nutzt in Innenräumen vorwiegend eine Braunpalette und lässt die Aufnahmen warm und angenehm erscheinen. Während die Bildruhe in den statischen Szenen sehr gut ist, nimmt man während kurzer Bewegungen dann doch etwas Körnung wahr (31’25). Während der dunkleren Szenen zeigt sich auf Hauttönen schon mal etwas Farbrauschen (30’05). Ohnehin könnten die Farben etwas differenzierter sein, was aber letztlich bewusst gewählt wurde. Die Schärfe ist in ruhigen Close-ups sehr gut und offenbart dann fast jede Hautpore (70’30).
Im Gegensatz zur Originalfassung, deren Dialoge hauptsächlich „echt“ wirken (also wenig bearbeitet) und etwas zu leise eingebettet sind, ist die Synchro von Pyewacket hörbar lauter eingepegelt. Das sorgt für ein besseres akustisches Verständnis der Stimmen und wirkt dennoch nicht überhöht. In Sachen Räumlichkeit öffnet sich der Sound immer mal wieder, wenn es etwas Action gibt. Beispielsweise kommt der Auto-Unfall nach etwas über 35 Minuten verhältnismäßig dynamisch daher. Auch der unheimliche Score legt sich bisweilen unterschwellig-unheimlich auf alle Speaker, wobei echte direktionale Surround-Sounds eher selten zu vermelden sind und das wesentliche Geschehen sich auf den Haupt-Lautsprechern abspielt. Der Sub darf im Finale dann auch mal eingreifen, wenn er dumpfes Pochen ins Heimkino pumpt (78’10).

Bonusmaterial

Pyewacket Review Rezension Szene 5
Die Frau Mama ahnt, dass mit Leah etwas nicht stimmt

Das schicke und hochwertige Mediabook (#13 aus der Uncut-Serie des Anbieters) von Pyewacket beginnt schon mal damit, dass sich ein schickes Artwork-Poster darin wiederfindet. Getoppt wird dies aber noch durch das 24-seitige Booklet. Dieses enthält eine umfassende Analyse des Films durch Journalist und Filmemacher Jonas Hoppe. Das ist aber noch nicht alles, kommt obendrauf doch noch ein umfassende Interview mit dem Regisseur, das vom Deadline Magazin geführt wurde. Die dritte physische Beigabe ist die DVD des Films, die ebenfalls enthalten ist. Auf der Blu-ray selbst gibt’s neben dem Trailer zwar nur ein Featurette, doch dieses Behind the Scenes ist durchweg interessant geraten. Mit eingestreuten Interviews durch die beiden Hauptdarstellerinnen sowie einer etwas längeren Einführung durch MacDonald darf man intensiv hinter die Kulissen blicken und freut sich vor allem an den großartigen Szenen, in denen zu sehen ist, wie der Regisseur hinter der Kamera mitgeht/-arbeitet und -fiebert. Man sieht ihm an und spürt, dass er voll drin ist und sein Film seine Leidenschaft ist. Aber auch die Interview-Schnipsel mit Nicole Muñoz und Laurie Holden sowie der kurze Abriss über die Arbeiten an den Feuer-Stunts sorgen für Kurzweil.

Fazit

Mit Pyewacket gelingt Adam MacDonald das Gleiche wie zuvor mit Backcountry: Eine Frischzellenkurz für das Subgenre des Okkult-Horrors. Wo die meisten anderen Beiträge knietief im Klischee waten, setzt Pyewacket auf eine beklemmende Atmosphäre, subtile Spannung und zwei hervorragende Hauptdarsteller – Pflichtprogramm für Horrorfans – vor allem im schicken und gut ausgestatteten Mediabook.
Timo Wolters


Bewertung

Bildqualität: 70%
Tonqualität (dt. Fassung): 70%
Tonqualität (Originalversion): 70%
Bonusmaterial: 70%
Film: 80%

Anbieter: Pierrot Le Fou
Land/Jahr: Kanada 2017
Regie: Adam MacDonald
Darsteller: Nicole Muñoz, Laurie Holden, Chloe Rose, Eric Osborne, Mikey Brisson, Romeo Carere
Tonformate: dts HD-Master: de, en
Bildformat: 2,35:1
Laufzeit: 88
Codec: AVC
FSK: 16

Trailer zu Pyewacket – Tödlicher Fluch

Pyewacket Official Movie Trailer

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