The Last Full Measure – Keiner bleibt zurück

Blu-ray Review

Universum Film, 24.01.2020

OT: The Last Full Measure

Unterstützt die Arbeit an meinem Blog, indem ihr den Film bei Amazon kauft.

 


Das höchste Maß

Intensives Drama mit hochkarätiger Besetzung.

Inhalt

Scott und seine Frau sind zum zweiten Mal schwanger …

Sommer 1999: Es ist gerade kein guter Tag für Regierungsanwalt Scott Huffman. Der Verkehr ist dicht, sein vorgesetzter Staatssekretär hat seinen Rücktritt erklärt (was auch Huffman den Job kosten wird) und sein Terminkalender ist so voll, dass er alle Termine am liebsten absagen würde. Doch dieser 11-Uhr-Termin, den seine Sekretärin und sein Kollege ihm ans Herz legen, hat es dennoch in sich. Der altgediente Master-Sergeant Thomas Tully ist in Vertretung seines damaligen Vietnamkriegs-Kollegen William H. Pitsenbarger einen weiten Weg gekommen. Seinerzeit hatten sie „Pits“ für die Medal of Honor vorgeschlagen, weil er im Angesicht des Feindes mehrere Dutzend Menschen gerettet hatte. Anerkannt wurde dem bei seinen Rettungsaktionen getöteten Sanitäter aber nur das Air Force Cross, das in seiner Bedeutung niedriger angesiedelt ist. Huffman jedoch wiegelt ab, da er in drei Monaten eh nicht mehr in Lohn und Brot stünde, die Arbeiten für eine Nachprüfung aber viel länger dauern würde. Daraufhin wendet sich Tully an den Staatssekretär Peters selbst. Und bei ihm trifft er den entscheidenden Nerv. Peters betraut Huffman höchstpersönlich damit, die notwendigen Akten zu wälzen und Informationen zusammen zu tragen, um eine etwaige Hochstufung auf die Medal of Honor zu erwirken. Huffman ist wenig begeistert und reagiert mit arroganter Ablehnung. Je mehr er jedoch recherchiert, desto mehr stößt er auf Widersprüche, die sich zu einem kleinen Skandal verdichten …

… da kommt die Nachricht, dass er bald seinen Job verlieren wird, eher ungelegen

William Hart Pitsenbarger, Jahrgang 1944 starb am 11. April 1966 im Dschungel von Vietnam. Er starb während der Ausübung seines Jobs als Fallschirm-Sanitäter. Und das auch nur, weil er sich weigerte, im Hubschrauber weiter zu fliegen. Nein, er ließ sich hinab ins hart umkämpfte Gebiet – was einer Selbstmordaktion gleich kam. Neun Soldaten rettete er dort unten das Leben und flog auch nicht mit dem zweiten Helikopter aus dem Gebiet, bevor dieser sich aufgrund von Beschuss aus der Gegend entfernen musste. Er blieb weiter bei den Verletzten, sammelte Munition von den Toten und nahm schließlich selbst das Gewehr in die Hand – bis er irgendwann in der Nacht bei einem Angriff des Vietcong getötet wurde. Für gewöhnlich werden solche Soldaten später zu Helden erklärt. Und für gewöhnlich erhalten sie die Medal of Honor, die höchste militärische Auszeichnung der USA. Nur eben nicht William H. Pitsenbarger, genannt „Pits“. Die Gründe dafür sind (ohne den Film zu spoilern) ziemlich skandalös.

Vietnam 1966: William H. Pitsenbarger rettet mitten im Kampfgeschehen Menschenleben

Regisseur Tom Robinson (Lonely Hearts Killers) nimmt sich nun dieser Geschichte an und besetzt sie mit einem schier unglaublich hochkarätigen Cast – und das, wo sich der Film vornehmlich auf die Ermittlungen von Huffman konzentriert. Während dieser für seinen Fall recherchiert und Zeitzeugen befragt, wechselt das Geschehen allerdings mitten ins Kriegsgeschehen nach Vietnam. Und das (trotz FSK-12-Freigabe) in durchaus intensiven Bildern. Zwar bleiben die blutigsten Resultate außerhalb der Kamera, aber die Atmosphäre ist dennoch extrem dicht. Pits war mit den Soldaten gemeinsam auf einem kleinen Areal von 100m Durchmesser eingekesselt und die Projektile flogen nur so um seinen und die Köpfe aller anderen US-Infanteristen. Selbst wenn’s nur kurze Momente sind, wird in diesen die Dramatik des Kriegs extrem greifbar.
Parallel kümmert sich Last Full Measure aber auch um jene Veteranen, die seinerzeit (auch wegen Pits Taten) überlebten. Von an PTBS leidenden und schwer traumatisierten Wegbegleitern über solche, die aufgrund ihrer afroamerikanischen Wurzeln nach dem Ende des Kriegs als Feiglinge verspottet wurde, weil sich ihre Verwundungen (und damit die Begründung für ein Purple Heart) ja im Rücken abzeichneten.
Samuel L. Jackson ist dieser Mann, der Pits für die Medal of Honor vorschlug und dessen Schilderungen wirklich intensiv geraten. Ebenso wie jene von Peter Fonda (in dessen letzter Filmrolle), der als traumatisierter Soldat seit dem Krieg nicht mehr Nachts geschlafen hat, um seinen Dämonen zu entfliehen. Fonda gibt noch einmal eine kleine Kostprobe seines Könnens – irgendwo zwischen aufgestauter Wut, Ehrerbietung und Psychose.

Takoda trägt dunkle Schuldgefühle mit sich herum

Ed Harris, dem eine ganz besonders Rolle zukommt, hat vielleicht die traurigsten Momente des Films und ist souverän wie immer. Was Last Full Measure durch den Wechsel zwischen 1999 und 1964 hervorragend gelingt, ist die Verknüpfung der Charaktere der Gegenwart mit jenen aus der Vergangenheit. Nach und nach bekommen wir aufgrund der durchweg herausragenden Darsteller immer mehr Bezug zu dem, was geschehen ist und was die Überlebenden so schwer traumatisiert hat. Robinson arbeitet das geschickt heraus und lässt die Zeitenwechsel zu keiner Zeit anstrengend, hektisch oder zusammenhanglos erscheinen.
Tatsächlich passen Timing und Emotionen hier so gut, dass die nun wirklich nicht innovative Rahmenhandlung (arroganter Bürohengst wird widerwillig auf einen Fall angesetzt, entwickelt unerwarteten Ehrgeiz und wird dadurch selbst zum besseren Menschen) gekonnt überspielt wird. Denn innerhalb dieser Rahmenhandlung hat Sebastian Stan (Winter Soldier aus den Avengers-Filmen) den undankbarsten Job – allerdings auch, weil sein Schauspiel doch eher limitiert ist. Das Ganze wäre noch etwas runter (gerade für den hiesigen Zuschauer), wenn’s am Ende dann doch nicht ganz so pathetisch geworden wäre und man nicht ganz so dick aufgetragen hätte.

last full measure blu-ray review szene 4
Pits muss selbst zur Waffe greifen

Bild- und Tonqualität

Späte Ehrung

Last Full Measure wurde digital gefilmt, was hier vor allem in den Innenraumszenen für absolut ruhige und klare Bilder sorgt – eigentlich also alles gut. Eigentlich allerdings nur deshalb, weil es ab und an zwischen den Baumwipfeln in der Entfernung ganz massiv zu wuseln beginnt (18’25). Das allerdings sind seltene Ausnahmen. Ansonsten gefällt vor allem die hohe Detailschärfe bei Close-ups – vor allem im Gesicht von Scotts Sekretärin Celia. Aber auch die Charaktergesichter von Christopher Plummer und Ed Harris oder Sam Jackson (63’00) werden scharf und dreidimensional abgebildet. Während der Rückblendungen in die grüne Hölle Vietnams wird ein ganz leichtes, bewusst eingesetztes Korn genutzt, das auch schon mal in den dunkleren Szenen auftaucht. Der Kontrastumfang ist durchweg gut, allerdings sind die Tageslicht-Einstellungen etwas zu hell geraten und überreißen schon mal etwas.
Nach einer knappen Viertelstunde wird’s dann richtig dynamisch. Mit der ersten Beschreibung des Kriegsszenarios kreist der Hubschrauber über den Köpfen, Mörser-Granaten schlagen voluminös ein und vor allem die umherfliegenden Geschosse flitzen dem Zuschauer ständig um die Ohren. Vor allem in Sachen Räumlichkeit ist das sehr beeindruckend und baut eine sehr breite Bühne auf (ab 12’50). Jedes Mal, wenn die Erzählung zu den Geschehnissen in Vietnam schwenkt, wird man durch wuchtiges Sperrfeuer, Granateneinschläge und heulend anfliegende Geschosse aufgeweckt. Sämtliche Explosionen und Schüsse kommen dabei furztrocken und präzise zum Gehör – so auch bei (20’13). Gekontert werden die akustischen Dynamikmomente der Kriegsszenen mit harmonischen Dialogen in den Sequenzen der Gegenwart, wo in Sachen Räumlichkeit natürlich nicht wirklich viel geboten wird. Allerdings macht genau das viel aus und demonstriert, wie hoch bei entsprechend offensiv eingepegelten Filmen die Dynamik sein kann.

Bonusmaterial

Im Bonusmaterial von Last Full Measure wurden nur die Trailer zum Film hinterlegt.

Fazit

Last Full Measure erscheint hierzulande parallel zu seiner Veröffentlichung in den USA. Durchaus nachvollziehbar, dass man hier eine Direct-to-Video-Geschichte draus gemacht hat, da die Story vermutlich doch eher fürs US-Kino geeignet scheint und nicht für die deutschen Lichtspielhäuser.
Im Heimkino wirkt die emotional aufgeladene und auf wahren Begebenheiten beruhende Geschichte allerdings durchaus – vor allem die Figurenzeichnung und das Timing verdienen Lob. Selbstredend auch das hochwertige Cast, die allesamt vorzügliche Leistungen erbringen.
Timo Wolters


Bewertung

Bildqualität: 80%
Tonqualität (dt. Fassung): 90%
Tonqualität (Originalversion): 90%
Bonusmaterial: 5%
Film: 75%

Anbieter: Universum Film
Land/Jahr: USA 2019
Regie: Todd Robinson
Darsteller: Sebastian Stan, Christopher Plummer, William Hurt, Ed Harris, Samuel L. Jackson, Peter Fonda, Bradley Whitford,
Tonformate: dts HD-Master 5.1: de, en
Bildformat: 2,35:1
Laufzeit: 115
Codec: AVC
FSK: 12

(Copyright der Cover und Szenenbilder liegt bei Anbieter Universum Film)

Trailer zu The Last Full Measure

THE LAST FULL MEASURE Trailer (2020)

 

One thought on “The Last Full Measure – Keiner bleibt zurück

  1. Avatar Oliver Rockenbach

    Ein sehr guter Film der auch ohne Krach Bäng Boom zu gefallen weiss.

    Mal was anderes!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.