The Stylist

Blu-ray Review

Lighthouse Entertainment, 24.06.2022

OT: The Stylist

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Das, was man nicht hat

Kickstarter-Koproduziertes Genrekino mit weiblicher Note und ziemlich blutigen Momenten.

Inhalt

Was treibt Claire da in ihrem Keller?

„Wenn du das tust, ist dir meine ewige Liebe sicher“ – eigentlich ist Friseurin Claire nicht auf Hochzeitsfrisuren spezialisiert. Doch als sie ihre gute Kundin Olivia auf Knien darum bittet und „mit Liebe droht“, überlegt sie es sich anders. Denn Claire ist einsam, sucht Anschluss und freut sich über die Aufmerksamkeit ihrer Kundin. Ein bisschen „erkaufte“ Liebe ist besser als gar keine Zuneigung. Als Olivia mit der Frisurprobe unendlich glücklich ist, lädt sie Claire zum Abendessen und später auch zum Junggesellinnenabschied ein. Anfänglich noch zögernd nimmt Claire an und Olivia scheint bei der Junggesellinnenparty sogar noch mehr zu wollen – gemeinsames Joggen zum Beispiel. Zunächst etwas befremdet, fühlt sich Claire dann doch hingezogen. Doch als sie auf die Freundschaft tiefer eingehen möchte, zieht Olivia sich unerwarteterweise plötzlich zurück. Die Abweisung ist für Claire ein herber Rückschlag, hat sie doch schon lange damit zu kämpfen, am liebsten in die Haut anderer schlüpfen zu können – und das notfalls auch mit Gewalt und im wahrsten Sinne des Wortes …

Ah, das treibt sie dort

Jill „Sixx“ Gevargizian feiert mit The Stylist ihr Langfilmdebüt. Eigentlich arbeitet sie – welch Zufall – als Friseurin, deren jüngste und für Freundinnen geschaffene Haarkreationen man unter anderem auf ihrem Facebook-Profil begutachten kann. Dort findet man auch allerlei News zu ihren Filmprojekten. Denn nachdem sie schon als Kind den Camcorder ihres Vaters in Beschlag nahm, beschloss sie 2012, Filmvorführungen in ihrer Heimatstadt zu organisieren – Horrorfilme, wurden gezeigt. Das versteht sich von selbst und spätestens nach dem Schauen von The Stylist weiß man, dass auch nie was anderes in Frage gekommen wäre. Nach und nach erarbeitete sie sich als Second-Unit-Director einen gewissen Ruf und begann zudem, Kurzfilme zu drehen. So war sie mit einem Beitrag (Call Girl) beispielsweise bei der Horror-Anthologie Dark Web vertreten. 2016 inszenierte sie dann einen Shortcut namens The Stylist (zu sehen auf ihrem YouTube-Kanal), für den sie (und Hauptdarstellerin Najarra Townsend) zahlreiche Preise bei Filmfestivals einheimsen konnte(n). Die Introszene von The Stylist stellt mehr oder weniger unverändert den kompletten Kurzfilm dar, sodass die Geschichte mit der Hochzeitsfrisur und Olivia, also der Hauptteil des Langfilms, ganz neu hinzugekommen ist. Jetzt ist es nicht so, dass zum ersten Mal jemand aus seinem eigenen Kurzfilm ein abendfüllendes Werk fabriziert hat. Oftmals waren die hinzugekommenen Ideen aber zu belanglos und konnten der eigentlich Idee des Shortcuts nichts Neues oder gar Innovatives hinzufügen. Wie steht es nun um Jill Gevargizian? Ist sie dem gleichen Problem anheim gefallen? Zunächst einmal setzt sie die Geschichte als eine Art weiblicher Leatherface an und schaute sich parallel noch zahlreiche Psychothriller der 50er, 60er und 70er an, in denen vornehmlich Frauencharaktere im Fokus waren, die so sein wollten wie andere. Ein bisschen 90er-Jahre-Erotikthriller kam noch dazu und auch William Lustigs Maniac oder ein Weiblich, ledig, jung sucht … lugt thematisch etwas um die Ecke. In warme Bilder getaucht überzeugt The Stylist dann vor allem atmosphärisch. Gevargizian hat ein echtes Auge für stimmungsvolle Bilder, weiß ihre Vorbild-Filme geschickt zu zitieren und ihnen zu huldigen. Aber: Wenn man einen 15-minütigen Kurzfilm auf 105 Minuten ausdehnt, geht das wie oben vermutet, meist nicht ganz ohne Längen oder Füllmaterial.

Optisch werden fröhlich Genrevorbilder zitiert

Im Falle von The Stylist gilt das für die Szenen rund um Minute 55 bis 75. Hier sollte sich die Spannung aufbauen, weil Claire ihre Leidenschaft für Olivia zu übertreiben beginnt. Leider ist das Ganze mit redundanten Szenen angefüllt und auch arg behäbig inszeniert. Es gibt der Regisseurin zwar die Gelegenheit, ganz im Stile eines Hitchcock in ihrem eigenen Film aufzutreten, doch die eigentliche Story trägt einfach nicht genug über die Laufzeit, die mit 105 Minuten schlicht zu lang geraten ist. Dabei beginnt der Film geschickt – auch weil er sich in einem Detail von seiner kurzen Variante unterscheidet. Denn wo der Kurzfilm offenbart, dass Claire durch das Anziehen der Skalpe nur noch kurzfristig Linderung ihrer Schmerzen erfährt, ist das im Langfilm die Routine, mit der sie aus ihrer inneren Verzweiflung fliehen kann. Frustriert ist sie erst, wenn sie am nächsten Morgen wieder ungeschminkt und mit ihrem eigenen Äußeren vor den Spiegel tritt. Wie ein kurzer Herointrip wirkt ihre mörderische Flucht aus dem Alltag, die ihr aber nur kurze Linderung verschafft, bevor sie erneut zu morden beginnen muss, um ein Hochgefühl zu erleben. Wie im Kurzfilm auch, ist Najarra Townsend in der Rolle der Claire zu sehen und neben der stilsicheren Inszenierung der Hauptgrund, warum Genrefans hier einen Blick wagen dürfen. Townsend spielt weit über dem Niveau der restlichen Darsteller und schafft es durchaus, die innere Zerrissenheit ihrer Figur zu vermitteln. Nuanciert und glaubwürdig haucht sie der Geschichte mehr Leben ein als das Drehbuch eigentlich hergibt. Gerade in den tragischen und mitleiderregenden Szenen kann sie brillieren. Aber noch einmal zurück zur Inszenierung: Horror, auch grafischer und blutiger Natur, der von Frauen inszeniert wird, hat oft einen etwas anderen Tonfall. Wenn nach zehn Minuten in einer ziemlich langen Einstellung eine Frau skalpiert wird, hat das in The Stylist nicht nur aufgrund der melancholischen Musik im Hintergrund einen fast poetischen Charakter. Eine solche Szenen von einem Mann verantwortet, wäre in der Visualisierung und auch der Wahl des Filmscores offensiver und roher. Gerade diese sensiblere Art der Inszenierung macht aber The Stylist aus. Trotz der Integration von sehr grafischen und prinzipiell brutalen Inhalten, ringt Jill Gevargizian dem Thema eine gewisse Schönheit ab, die viel von der Atmosphäre des Films ausmacht. Außerdem hat die Filmemacherin ein Auge fürs Detail. Als Claire nach einer Tat am Vorabend in der Schlange für ihren Coffee to go steht, sieht sie einen Blutfleck auf ihren Schuhen. Auf schwarzen Schuhen eigentlich kein Thema und sehen würde es auch niemand. Die Tatsache, dass Claire dennoch umständlich versucht, diesen zu entfernen, lässt dem Zuschauer die Figur näher ans Herz wachsen – kann man Claires Nervosität in dieser Situation doch sehr gut nachvollziehen. Ein kleines Detail mit großer Wirkung. Schade, dass die Story zu dünn ist, um über die (zu lange) Laufzeit von 105 Minuten zu tragen.

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Bild- und Tonqualität

Die Regisseurin gab ein blutiges Opfer für den Film

The Stylist wurde sichtbar digital gefilmt und wartet mit einem sehr farbkräftigen Bild auf, das schon die Introszene im Schein von Kerzen und alten Glühbirnen in warmes und angenehmes Licht taucht. Ein wenig artifiziell wirkt das Ganze zwar, aber die Stimmung des Films profitiert davon. Die Bildruhe ist durchweg gut und lässt auch dunklere Einstellungen ohne großes Digitalrauschen passieren. Ob hier eventuell dezent gefiltert wurde, lässt sich so leicht nicht ausmachen. Falls es der Fall war, bleibt es dezent und im Hintergrund. Was die Auflösung angeht, sind Close-ups von Townsends Gesicht scharf und detailreich, Halbtotale fallen dagegen sichtbar ab und wirken bisweilen regelrecht flach. Die Kontrastierung gelingt in den stimmungsvolleren Abendszenen gut, lässt in ganz dunkler Umgebung aber sichtbar Durchzeichnung vermissen und setzt die Kontrastflanken zu steil. In den stärker ausgeleuchteten Momenten überziehen die hellen Bereiche schon mal ein bisschen, was zu Überkontrastierungen führt. Auf uniformen Oberflächen gibt’s außerdem schon mal stehendes Rauschen und die im alten MPEG-2-Standard encodierte Scheibe bleibt – egal, in welcher Szene – bei rund 17 Mbps festgenagelt. Seltsam ist ein Effekt, der bei 32’20 eintritt, wenn die Tür angelehnt wird. Während die Oberflächen rechts von der Tür leichtes Digitalrauschen zeigen und somit organisch wirken, bleibt das Rauschmuster auf der Tür selbst stehen. Möglicherweise doch ein Indiz für eine Filterung.
Der Ton von The Stylist liegt für beide Sprachen in DTS-HD Master vor. Grundlegendes Lob für einen Film, der relativ klein ist und dem man nicht unbedingt die beste Komprimierung hätte angedeihen lassen müssen. Selbst größere Filme „leiden“ ja oftmals unter stark komprimierten Tonspuren.  Was bei der hiesigen Fassung zunächst auffällt, ist die etwas amateurhafte Synchro. Zum einen sind die Stimmen nicht sehr harmonisch ins Hauptgeschehen eingebettet und zum anderen sind nur wenige der Sprecher und Sprecherinnen wirklich akzentuiert und emotional bei der Sache.  Auch die Vertonung der Kurznachrichten geriet etwas staksig. Hier sieht man dann doch, dass für eine deutsche Auswertung kein großes Budget zur Verfügung stand. Produktionsseitig ist der Score hörbar günstig erstellt worden und viele Szenen weisen erst gar keine Umgebungsgeräusche auf. Auch hier hat man einfach sparsam arbeiten müssen und nicht aufwendig nachvertonen können. Während der Taten wird der Score dann schon mal auf die Rears gelegt und die Stimme im Baumarkt bei 42’50 hört man ebenfalls räumlich auf den Surroundspeakern. In der Diskoszene nach etwas über 48 Minuten darf auch der Tiefbass mal kurz seine Präsenz beweisen, ohne hier allerdings LFE-Wurzeln auszureißen.

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Bonusmaterial

Die Menüführung von The Stylist ist übersichtlich: Filmstarten, Tonauswahl, Trailer – nicht mal eine Kapitelanwahl stellt man zur Verfügung – obschon der Film selbst durchaus in Kapitel unterteilt ist. Entsprechend gibt’s auch kein Making-of oder ähnliches. Schade insbesondere, weil man junge und aufstrebende Filmemacherinnen und Filmemacher gerne in die Karten schauen würde, um zu verstehen, welche Intentionen sie zum Film brachten und wo ihre Visionen liegen.

Fazit

The Stylist offenbart das Talent von Jill Gevargizian als Regisseurin und Najarra Townsend als Genre-Darstellerin. Leider kämpfen Regie und Schauspiel aber mit einem löchrigen Drehbuch und einem gewissen Mangel an spannenden Szenen. Was bleibt ist dennoch ein atmosphärisch stimmungsvoller und schön bebilderter Horrorthriller.
Timo Wolters


Bewertung

Bildqualität: 60%
Tonqualität (dt. Fassung): 65%
Tonqualität (Originalversion): 65%
Bonusmaterial: 5%
Film: 65%

Anbieter: Lighthouse Home Entertainment
Land/Jahr: USA 2020
Regie: Jill Gevargizian
Darsteller: Najarra Townsend, Brea Grant, Jennifer Seward, Sarah McGuire, David DeRock, Millie Milan
Tonformate: dts HD-Master 5.1: de, en
Bildformat: 2,39:1
Laufzeit: 105
Codec: MPEG-2
FSK: 16

(Copyright der Cover und Szenenbilder liegt bei Anbieter Lighthouse Home Entertainment)
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Trailer zu The Stylist


So testet Blu-ray-rezensionen.net

Die Grundlage für die Bild- und Tonbewertung von Blu-rays und Ultra-HD-Blu-rays bildet sich aus der jahrelangen Expertise im Bereich von Rezensionen zu DVDs, Blu-rays und Ultra-HD-Blu-rays sowie Tests im Bereich der Hardware von Unterhaltungselektronik-Komponenten. Gut zehn Jahre lang beschäftigte ich mich professionell mit den technischen Aspekten von Heimkino-Projektoren, Blu-ray-Playern und TVs als Redakteur für die Magazine HEIMKINO, HIFI TEST TV VIDEO, PLAYER oder BLU-RAY-WELT. Während dieser Zeit partizipierte ich an Lehrgängen zum Thema professioneller Bildkalibrierung mit Color Facts und erlangte ein Zertifikat in ISF-Kalibrierung. Wer mehr über meinen Werdegang lesen möchte, kann dies hier tun —> Klick.
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