Trauma – Das Böse verlangt Loyalität

Blu-ray Review

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Premiere auf dem Obscura Filmfest Hannover, 13.04.2018

OT: Trauma

 


“Was getan werden muss!”

Brutal, schonungslos und grenzüberschreitend – Chiles jüngster Beitrag zum Horrorfilm.

Inhalt

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Die vier Mädels suchten Spaß und etwas Entspannung …

Die Freundinnen Julia und Magdalena sowie die Schwestern Andrea und Camila wollen einen alten Ort in Chile namens Las Agustinas besuchen. Dass man ihnen bei der Suche nach Auskunft in einer Bar schon ziemlich feindlich kommt, ignorieren sie zunächst. Am Ziel, einem hübschen Anwesen des reichen Onkels von Andrea angekommen, wird erst einmal ein bisschen gefeiert und rumgezickt. Doch in der Nacht dringen zwei Fremde ein und vergewaltigen die Frauen mit unfassbarer Brutalität. Als die Männer am nächsten Morgen verschwinden, ist eine von den Frauen tot und die drei anderen stehen völlig unter Schock. Von der herbeigerufenen Polizei ist wenigstens einer so anständig und verspricht, die Täter zu fassen. Sein Kollege würde die Dinge lieber auf sich beruhen lassen – immerhin sind ihm die zwei Vergewaltiger bekannt und er weiß auch um deren schreckliche Geschichte …

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… fanden aber Terror und Folter

Manchmal gibt es NICHT ernst gemeinte Warnungen, die zu Beginn einer Rezension ausgesprochen werden. Oft aus sarkastischen oder humoristischen Gründen. Dieses Review stellt eine ÄUSSERST ernst gemeinte Warnung voran:
All ihr zartbesaiteten Filmschauer mit schwachen Mägen und flatternden Nerven – macht lieber einen riesigen Bogen um Trauma. Und wenn ihr denkt, der Abstand wäre groß genug, erweitert den Radius noch einmal.
Denn das, was uns Lucio A. Rojas hier auftischt, dürfte so ziemlich das Härteste sein, das in Chiles Filmindustrie jemals produziert wurde – jedenfalls dann, wenn man es ungeschnitten zu Gesicht bekommt. Es drängen sich schnell Vergleiche mit A Serbian Film auf, der auf ähnliche Art und Weise Tabus brach.
Ein kleines Beispiel gefällig?
In einer gut sechs Minuten langen Sequenz wird ein Sohn dazu gezwungen, seine eigene, bereits brutal zugerichtete Mutter zu vergewaltigen. Als man der dann in den Kopf schießt, muss der Filius mit aufs Gesicht gespritztem Hirn der Toten weitermachen. Auch als er sich reichhaltig auf sie übergibt, ist noch nicht Schluss. Man zwingt ihn, immer noch weiter zu machen.
Nein, schön ist das nicht. Erträglich auch nicht. Aber eben außergewöhnlich und tabubrechend. Es sind Filme wie Trauma (oder Human Centipede oder Headless), die das Genre auf ein weiteres Level bringen.
Ist das selbstzweckhafte Gewalt?
Und ob!
Darf man das?

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Freiwilliges Schicksal?

Nun, dafür muss man eventuell ein kleines bisschen ausholen:
Chile gehört zu den Ländern, die bis vor nicht allzu langer Zeit unter einer repressiven Militärdiktatur litten, nachdem sich General Augusto Pinochet im September 1973 (mit der Hilfe der USA) zum Machthaber putschte und erst 1990 durch verfassungsgemäße Wahlen abgesetzt werden konnte. In dieser Zeit (gerade zu Beginn nach dem Putsch) wurden tausende Menschen gefoltert und von der Militärjunta ermordet. Politische Gegner wurden verfolgt, inhaftiert und verschleppt.
Regisseur Rojas ist Jahrgang 1978 und hat diese Zeit als Junge und Teenager noch erlebt. Sein Trauma will sich als mahnende Parabel auf das diktatorische Regime verstanden wissen und schildert in der Tat eine Geschichte, in der einer der beiden Täter sehr deutlich aus einem Trauma heraus handelt, das er durch eine unfassbare Aktion des Militärs erlitten hat. Gemixt wird dieser Storypart mit den bei Gorehounds immer wieder beliebten Elementen des Rape&Revenge-Subgenres und Rojas taucht das Ganze nach ca. 40 Minuten immer wieder in ultrablutige Bilder. Und wenn dort steht ultrablutig, dann ist das durchaus wörtlich gemeint. Die eingangs beschriebene Szene ist nur eine Andeutung dessen, was sich Rojas für den späteren Verlauf seines Films hat einfallen lassen.
Bisher war der Regisseur mit weniger heftigen und vor allem sehr günstig produzierten Filmen wie Perfide aufgefallen, steigert in Trauma aber sämtliche Bereiche. Die Darsteller sind besser, die Locations aufwändiger und die Inszenierung professioneller. Dazu kommen wirklich gelungene Make-up-Effekte, die ihre Wirkung nicht verfehlen. Im Übrigen auch deshalb, weil Rojas es versteht, die Grausamkeiten in schmuddeligen und ziemlich atmosphärischen Räumen stattfinden zu lassen. In Verbindung mit der dieses Mal sehr passenden Filmmusik ergibt sich eine mitunter magenumdrehende Stimmung. Ganz besonders perfide wirkt dabei die Tatsache, dass er mehrfach Bilder (teils fast expliziter) Erotik entsprechend rohen und brutal-perversen Sequenzen gegenüberstellt – Sequenzen, welche die Sexualität ins Abartige und Menschenverachtende umkehren. Das konfrontiert den Zuschauer mit ziemlich unangenehmen Empfindungen und nötigt ihm durchaus die selbstreflexive Frage auf, welche Gefühle er dabei entwickeln darf oder sollte.
Zwar verlaufen die letzten 20 Minuten dann doch sehr nach Schema-F, aber auch das kann nicht verhindern, dass Trauma in seiner Intensität wirklich gefangen nimmt und denjenigen, der es bis hierhin durchgehalten hat, so schnell auch nicht loslässt.
Kurzer Nachtrag: Dieses Review wurde für das Obscura Filmfestival 2018 verfasst. Die mittlerweile in Deutschland erhältliche Blu-ray weist drastische Kürzungen auf.

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Wenn jemals auf einen Bösewicht in einem Film zutraf, dass er eine schwere Kindheit hatte, dann auf Juan

Bild- und Tonqualität

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“Trauma” ist alles andere als zimperlich

Da Trauma hierzulande zunächst nur auf dem Filmfest laufen wird, gibt es keine Bewertung zur Bild- oder Tonqualität. Die für einen späteren Zeitpunkt geplante Veröffentlichtung auf Blu-ray, wird dann hier entsprechend gewürdigt und bewertet.

Fazit

Trauma ist hart, heftig, bisweilen widerwärtig und abartig. Er ist aber auch fesselnd, spannend, atmosphärisch und voller bitterer Kommentare der Militärdiktatur Chiles gegenüber. Ob man das nun gut finden darf und soll, muss jeder für sich selbst entscheiden.
Nur, noch einmal: Alle weniger hartgesottenen Horrorfilm-Schauer seien vor der Härte des Films gewarnt.
Wer es sich dennoch wagen möchte, darf sich bei der seit dem 18. Januar 2019 erhältlichen Blu-ray allerdings ärgern: Anbieter WVG musste ihn um rund zehn Minuten kürzen, um eine FSK-18-Freigabe zu erhalten.
Timo Wolters


Bewertung

Bildqualität: keine Bewertung möglich
Tonqualität (dt. Fassung): keine Bewertung möglich
Tonqualität (Originalversion): keine Bewertung möglich

Film: 75%

Anbieter: Indeed Film
Land/Jahr: Chile 2017
Regie: Lucio A. Rojas
Darsteller: Catalina Martin, Macarena Carrere, Ximena del Solar, Dominga Bofill, Daniel Antivilo
Tonformate: –
Bildformat: 2,35:1
Laufzeit: 105 (original) // 94 (Blu-ray WVG)
Codec: AVC
FSK: –


So testet Blu-ray-rezensionen.net

Die Grundlage für die Bild- und Tonbewertung von Blu-rays und Ultra-HD-Blu-rays bildet sich aus der jahrelangen Expertise im Bereich von Rezensionen zu DVDs, Blu-rays und Ultra-HD-Blu-rays sowie Tests im Bereich der Hardware von Unterhaltungselektronik-Komponenten. Gut zehn Jahre lang beschäftigte ich mich professionell mit den technischen Aspekten von Heimkino-Projektoren, Blu-ray-Playern und TVs als Redakteur für die Magazine HEIMKINO, HIFI TEST TV VIDEO, PLAYER oder BLU-RAY-WELT. Während dieser Zeit partizipierte ich an Lehrgängen zum Thema professioneller Bildkalibrierung mit Color Facts und erlangte ein Zertifikat in ISF-Kalibrierung. Wer mehr über meinen Werdegang lesen möchte, kann dies hier tun —> Klick.
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Dort findet ihr auch das aktuelle Referenz-Gerät für die Bewertung der Tonqualität, das aus folgenden Geräten besteht:

Das Referenz-Equipment fürs Bild findet ihr wiederum hier aufgelistet. Dort steht auch, wie die Bildgeräte auf Norm kalibriert wurden. Denn selbstverständlich finden die Bildbewertungen ausschließlich mit möglichst perfekt kalibriertem Gerät statt, um den Eindruck nicht durch falsche Farbtemperaturen, -intensitäten oder irrigerweise aktivierten Bild”verbesserern” zu verfälschen.

2 thoughts on “Trauma – Das Böse verlangt Loyalität

  1. Jürgen Merstetter

    Kann man die Blu-Ray irgendwo bestellen ?

    • Die Blu-ray (wenn überhaupt) kommt frühestens im Sommer. Aktuell läuft er ja erst einmal nur auf Kino-Festivals. Und ob das Ganze dann in Deutschland ungeschnitten erscheint, ist sehr fraglich, bzw. unwahrscheinlich.

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