Tully – Dieses verdammte Mutterglück

Blu-ray Review

Universum Film, 12.10.2018

OT: Tully

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Seelsorgerin

Warum Jason Reitmans neueste Dramödie fast so gut ist wie Juno

Inhalt

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Die Geburt des dritten Kindes hat Marlo geschafft – in jeder Hinsicht

Marlo lebt ein recht beschauliches Leben in der Nähe des Big Apple. Sie ist Mutter zweier Kinder und Ehefrau eines Mannes, der tagsüber für den Unterhalt der Familie sorgt. Allerdings ist sie gerade zum dritten Mal schwanger und die Geburt des neuen Babys Mia wirft sie aus der Bahn. Der Alltag überlastet sie völlig, da ihr Sohn als verhaltensauffälliger Junge ohnehin schon viel Aufmerksamkeit fordert und weil Ehemann Drew tagsüber nicht da ist und Abends auch keine echte Hilfe leistet, fällt sie in eine Depression. Als Marlos Bruder Craig, nicht ganz der Ärmste, mitbekommt, wie es seiner Schwester geht, offenbart er Marlo gegenüber, dass er eine sogenannte Night-Nanny engagiert hat. Also eine junge Babysitterin, die vor allem Nachts anwesend ist, um der Mutter endlich mal Schlaf und Erholung zu verschaffen. Zunächst skeptisch gegenüber Tully (so ihr Name), freundet sie sich innerhalb von wenigen Nächten mit ihr an. Die Konfrontation mit der Jugend der Mittzwanzigerin weckt auch bei Marlo Erinnerungen an die eigene Unbeschwertheit und an eine Zeit ohne Verpflichtungen.

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Tully kommt sofort mit Mia klar

Im Gegensatz zu seinem Vater Ivan ist Jason Reitman eher der Mann für den feinsinnigen Humor. Für die witzigen Zwischentöne, die das Leben sogar dann schreibt, wenn es eigentlich dramatisch zugeht und man schon mal vor Problemen steht, die man nicht bewältigen kann. So lieferte er seinerzeit mit Juno einen der bewegendsten, schönsten und ehrlichsten Filme über eine Jugendliebe und -schwangerschaft ab, die man sich vorstellen kann. In #Zeitgeist bot er einen vortrefflichen Kommentar auf das Leben im Zeitalter sozialer Netzwerke und in seinem jüngsten Film Tully – Dieses verdammte Mutterglück porträtiert er nun lebensnah die schwierige Situation, in der eine (bald) dreifache Mutter steckt.
Charlize Theron ist diese Frau, die mit der Geburt des dritten Kindes komplett aus der Bahn geworfen wird – und zum zweiten Mal nach Monster geht sie mit ihrer Darstellung dahin, wo es weh tut. Dieses Mal nicht (nur) körperlich (in dem sie erneut rund 25 Kilo Gewicht zulegte), sondern vor allem physisch. Schon die Szenen bis zur Geburt des dritten Kindes sind intensiv. Und wenn sie danach in eine postnatale Depression fällt, weil der Alltag sie schlicht überrennt, sieht man sie im Doppel-Milchpumpen-Einsatz, der ihre Brüste wund zurücklässt und mit offenem Mund im wenig schickem Morgenmantel auf der Couch vor Erschöpfung einschlafen. Respekt darf man haben vor ihrer Darbietung und vor dem Mut, sich von der Kamera in wenig attraktiven Momenten filmen zu lassen.
Zugleich gelingt es Reitman einfach sensationell, Verständnis für den Alltag gestresster Mütter zu kreieren. Wenn er in zügiger Schnittabfolge die einzelnen Stationen eines Tages von Marlo und ihren Kindern zeigt, wird auch der letzte Zuschauer im Heimkino verstehen, dass das ein 24h-Vollzeitjob ist, der in Sachen Anspruch jeden Job der für die finanzielle Versorgung zuständigen Männer in den Schatten stellt (Und welche Mutter kennt sie nicht, die herumliegenden LEGO©-Steine?). Manchmal fällt es beim Zuschauen sogar schwer, nachzuvollziehen, wie man derart viel Geduld aufbringen kann, um all das zu schaffen, was Mütter so bewältigen.

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Die beiden Frauen entwickeln nach und nach eine intensive Bindung zueinander

Theron, die zwar selbst nie eine Schwangerschaft durchlebte, aber zwei Adoptivkinder hat, war Story und Mitwirken im Film so wichtig, dass sie Tully koproduzierte. Auch, wie sie sagt, um ihre zahlreichen Freundinnen zu würdigen, deren Schwangerschaften (und teils auch postnatalen Depressionen) sie mitbekommen hat. Um das Thema aber nicht zu schwer werden zu lassen, nutzt Reitman seinen typischen feinen Humor. Und der tritt nach 30 Minuten in Person von einer grandiosen Mackenzie Davis (Blade Runner 2049) auf. Wenn sie als Tully in Marlos und Mias Leben eintritt und dabei so unbefangen und positiv ist, dass sie sich wie „Saudi-Arabien fühlt“ (zu viel Energie), dann gibt es immer wieder Momente voller Schönheit, Wahrhaftigkeit und Komik. Unglaublich, wie jemand derart viel Positivität und Freundlichkeit beim Schauspielen ausdrücken kann.
Und auch abseits vom sensibel gespielten und inszenierten Verhältnis zwischen Mommy und Nanny gibt es viele tolle Szenen. Wenn Jonah in seiner neuen Schule beispielsweise auf eine verständnisvolle Lehrkraft trifft, die dessen Verhaltensauffälligkeiten gekonnt neutralisiert, dann gewinnt man als Zuschauer tatsächlich den Eindruck, dass die Welt auch einfach mal gut sein kann. Und dass ein Film so ein Gefühl vermittelt, ist selten genug.
Schade, dass einige Rezensenten die Story als reaktionär und quasi frauenfeindlich missinterpretiert haben, weil Tully missachte, dass Erziehung heutzutage schon länger eine Sache von Mutter UND Vater ist.
Schade deshalb, weil es darum eigentlich nicht geht. Weil hier kein Familienbild gezeichnet wird, sondern vielmehr ein Loblied auf Mütter gesungen wird. Wer das als reaktionär bezeichnet, der hat verlernt, ohne einen vorgefassten Blickwinkel auf Filme zu schauen.

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Endlich wieder Quality Time für die Familie

Bild- und Tonqualität

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Ob sie da schon ahnte, was das dritte Kind bedeuten würde?

Tully liefert durchweg warme Farben und angenehme Kontraste, ohne das tiefste Schwarz oder das weißeste Weiß zu erreichen. Die Laufruhe des Bildes im Format von 1,85:1 ist gut und wird auch nicht zu grob, wenn es mal dunkler zugeht. Wirklich absolut hell ist es ohnehin nicht in Tully, da die meisten Szenen in Innenräumen bei geringer Beleuchtung spielen. Die Schärfe geht in Ordnung, ohne Großes zu leisten. Dafür ist sie ausgewogen über den gesamten Bildbereich verteilt. Ein paar Banding-Artefakte gibt es aber während Marlos Träumen zu vermelden, die sie ins Meer führen (19’02, 41’30).
Beim Ton von Tully konzentriert sich das Geschehen auf den Center und damit auf die Stimmen. Die kommen warm zum Ohr und sind durchweg gut verständlich. Der Filmscore und -soundtrack lässt das Ganze ab und an etwas aufleben. Sogar etwas Bass gibt’s auf einer Party nach etwas über 60 Minuten mal – allerdings ohne Einsatz des Subwoofers, der hier erstaunlicherweise nicht angesteuert wird.

Bonusmaterial

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Ohne Tully wäre Marlo aufgeschmissen

Das Bonusmaterial von Tully enthält ein exakt zehn Minuten laufendes Featurette über den Dreh und die Zusammenarbeit der Darsteller im Film. Natürlich mochten sich alle ganz doll und hatten eine perfekte Chemie. In der Tat glaubt man es hier aber auch zur Abwechslung mal – vor allem, wenn man den Film dazu gesehen hat.

Fazit

Tully hat zwar einen doofen deutschen Untertitel, was aber nicht im Mindesten davon ablenken sollte, dass Reitmans Film über Mutterschaft und eine tolle Frauen-Freundschaft ebenso bewegt wie er gut unterhält. Theron und Mackenzie sind außerdem gnadenlos gut zusammen.
Timo Wolters


Bewertung

Bildqualität: 70%
Tonqualität (dt. Fassung): 60%
Tonqualität (Originalversion): 60%
Bonusmaterial: 30%
Film: 85%

Anbieter: Universum Film
Land/Jahr: USA 2017
Regie: Jason Reitman
Darsteller: Charlize Theron, Mackenzie Davis, Mark Duplass, Ron Livingston, Emily Haine, Crystal Lonneberg, Elaine Tan
Tonformate: dts HD-Master 5.1: de, en
Bildformat: 2,35:1
Laufzeit: 96
Codec: AVC
FSK: 12

(Copyright der Cover und Szenenbilder liegt bei Anbieter Universum Film)

Trailer zu Tully – Das verdammte Mutterglück

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