Velvet Buzzsaw – Die Kunst des toten Mannes [Netflix]

Blu-ray Review

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Netflix, 01.02.2019

OT: Velvet Buzzsaw

 


Art Fights Back

Der neue Gilroy erscheint exklusiv auf Netflix – Lohnt der Blick in den Abgrund der Kunst-Szene?

Inhalt

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Morf entscheidet, was wichtige Kunst ist und was nicht

Als Josephina, eine Assistenten der Kunstagentin Rhodora, am Morgen zur Arbeit eilen möchte, ist sie schockiert, dass sie ihren Nachbar tot im Flur vorfindet. Deprimiert ist sie dann kurz darauf, weil Rhodora ihr wiederholtes Zuspätkommen mit Sanktionen bedenkt. Doch das ändert sich als sie Abends Geräusche aus des Toten Wohnung hört und die unabgeschlossene Tür öffnet. Schock und Depression verwandeln sich in Erstaunen. Denn was ihre Augen dort erblicken, sind Hunderte von Gemälden. Hatte doch tatsächlich jahrelang ein wahrer Künstler über ihr gewohnt. Ein ziemlich gruseliger Künstler offenbar, denn seine Bilder sind allesamt düster wie die Nacht. Von schreienden Kindern über verbogene Gliedmaßen oder doppelte Gesichter reicht die Palette. Josephina bringt ein paar der Werke zu ihrem Derzeit-Lover, Morf. Der ist der anerkannteste Kunstkritiker überhaupt. Sein Wort zählt – und es entscheidet darüber, ob der Künstler Karriere macht oder in der Gosse landet. Morf erkennt in den Gemälden wahre Meisterwerke. Als Rhodora gleichzeitig von den Arbeiten Wind bekommt, entwickelt man schnell gemeinsame Pläne, einen massiven Profit zu erlösen. Doch die Kunstwerke tragen ein Geheimnis. Und das ist noch düsterer als die Motive selbst. Irgendeine übernatürliche Macht scheint sich darin zu verbergen. Eine Macht, die in der Lage ist, zu töten. Kein Wunder, dass der Erschaffer eigentlich wollte, dass man seine Bilder nach dem Tod vernichtet …

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Hätte nicht dem Alkohol abschwören sollen: Piers

Velvet Buzzsaw – Die Kunst des toten Mannes gehört zu den Filmen der jüngeren Vergangenheit, die exklusiv von Streaming-Anbieter Netflix produziert wurden. Allerdings erfuhr der von Dan Gilroy (Roman J. Israel, Esq., Nightcrawler) inszenierte Thriller zumindest eine Premiere auf dem Sundance Festival am 27. Januar und erhielt auch einen sehr limitierten Release in einigen Kinos (der USA).
Was das Projekt für Netflix und auch Sundance so attraktiv machte, war die Art und Weise, wie Gilroy den Film nach seinem eigenen Skript realisieren wollte. So stand beispielsweise von Beginn an fest, dass man auf eine große Anzahl bekannter Schauspieler setzen wollte, um die Story mit verschiedenen Perspektiven anzureichern. Deshalb trifft man im Verlaufe der knapp zwei Stunden auf Hochkaräter wie Toni Collette, Rene Russo, John Malkovich, Tom Sturridge oder Jake Gyllenhaal. Und Letzterer kennt sich in der Welt von Gilroy bereits sehr gut aus. Die beiden hatten in dessen Regiedebüt Nightcrawler das düstere Los Angeles und den moralischen Verfall eines Sensationsreporters ausgelotet. In Velvet Buzzsaw könnte Gyllenhaal allerdings kaum krasser gedreht sein. Denn sein schmieriger Kunstkritiker Morf Vandewalt ist von Beginn an ein hochgradig moralisch gestörter Typ, der seine Macht ausnutzt, um über Erfolg oder Niedergang eines Künstlers zu entscheiden. Gleichzeitig ist sein Kritikerdasein eine Obsession. Nichts kann er unkommentiert lassen – ob das die Größe der Couch in Josephinas Wohnung ist, die nicht zur Deckenhöhe! passt oder die Farbe des Sargs, in dem ein Kollege beerdigt wird. Ebenso wie in Nightcrawler wird er gegen Ende aber zur tragischen Figur.

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Die Kunst des Toten ist ziemlich spooky

Angelegt ist Die Kunst des toten Mannes (so der etwas altmodische deutsche Titel) als Mix aus Horror und Satire. Letztere hat es mit scharfem Blick auf die Kunstszene abgesehen hat. Hier bekommt jeder sein Fett weg – vom eingebildeten Künstler bis zum ebenso selbstverliebten Kritiker. Während die Satire die erste Hälfte des Films übernimmt, wechselt es mehr und mehr ins Horrorfach, wenn die Beteiligten in der zweiten Hälfte erfahren, wohin ihr überheblicher Umgang mit der Kunst führt.
Immer wieder kommt einem im späteren Verlauf Final Destination in den Sinn, in dem die Protagonisten ebenfalls von vornherein dem Tod geweiht sind. Und so ist Velvet Buzzsaw vielleicht die zynische Intellektuellen-Variante davon.
Man kommt als Zuschauer auch nicht drumherum, sich insgeheim zu freuen, wenn mal wieder einer dieser affektierten Kunstliebhaber/-kritiker/-kenner das Zeitliche segnet. Vermutlich hat ja jeder von uns schon mal ein Museum oder eine Ausstellung besucht und in der Tasche eine Faust geballt, wenn ein Grüppchen erlauchter Kunstfans in geschwollener Sprache ein Werk diskutiert hat. Oftmals dachte man sich vielleicht: Ob sich der Künstler dabei wirklich dasselbe gedacht hat? Oder hat er vielmehr einfach einen schwarzen Punkt auf eine weiße Leinwand gesetzt und würde sich nun selbst köstlich amüsieren, wenn er hörte, was man darüber deutet?
Schon die virtuos inszenierte Eröffnungssequenz spiegelt dies wider: Der Agent, der sich an den Hals des Kritikers wirft (Küssen in die Luft rechts, Küsschen in die Luft links), um dem von ihm vertretenen Künstler eine gute Kritik zu verschaffen. Der Kritiker, der dies mit einem arrogant-gelangweilten Augenbrauen-Zucken kommentiert und die Galeristin, die ihre Anarcho-Punkband und damit ihre eigene Kunstform gegen den Kommerz getauscht hat. Dazu ein Maler, der seine Kreativität verlor, als er mit dem Trinken aufhörte. Das ist bissig. Das ist böse und ziemlich amüsant. Sogar Siri gibt ihren ganz eigenen Kommentar dazu ab, wenn sie sich „Pop Art“ einfach nicht diktieren lassen will.

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Morf ist begeistert von den Werken des Verstorbenen

Dabei kann man Velvet Buzzsaw natürlich auch als hintergründigen Vergleich auch auf das Filmbusiness beziehen. Ebenso wie die Schönheit oder die Großartigkeit bildender Kunst, eines Gemälde oder eines Skulptur für die einen ein Wunder und für die anderen Teufelswerk ist, so geht es dem Film nicht viel anders. Was der eine mag, stößt den anderen ab.
Was allerdings auch jene, die Gilroys jüngsten Film, faszinierend finden, kritisieren dürften, ist sein bisweilen etwas gemächliches Tempo. Immer wieder schleppt es sich etwas und kümmert sich um belanglose Nebensächlichkeiten, was die knapp zwei Stunden Laufzeit etwas gedehnt wirken lässt. Außerdem verliert Velvet Buzzsaw eine Figur mit viel Potenzial aus den Augen und kehrt erst zum Abspann wieder zu ihr zurück. Die Bissgkeit, mit der der Film begann, lässt zwischendurch ein wenig zu sehr nach. Gut, dass Gilroy aber immer mal wieder ein As aus dem Ärmel schüttelt. Nicht nur überrascht er mit splatterartigen Szenen, sondern auch mit einem ultrasarkastischen Kommentar auf die Aktionskünstler der Nachkriegszeit, wenn Gretchen unangenehme Bekanntschaft mit dem „Sphere“ macht.
Es sind diese Momente und die entlarvend geschilderte Oberflächlichkeit in der Szene, die dem Film dann doch die Portion Würze verleihen, die ihn sehenswert werden lässt. Außerdem ist es grandios, John Malkovich als desillusioniertem Zyniker in der Schaffenskrise zuzusehen und Jake Gyllenhaal liefert gerade im Finale eine denkwürdige Performance ab.
Das letzte Bild vor dem Abspann lässt sich übrigens auf zwei unterschiedliche Weisen interpretieren. Wobei der Verfasser dieser Zeilen lieber jetzt endet – nachher schlägt die Kunst noch zurück …

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Nein, die Farbe des Sargs ist nun wirklich nicht das, was er verdient hat

Bild- und Tonqualität

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Keine gute Idee, Gretchen

Velvet Buzzsaw wurde mit den noch recht jungen Panavision-Millennium-DXL-Kameras aufgenommen. Die Digital-Geräte lösen mit 8K-Auflösung auf, was für den Film dann über ein 4K-Digital-Intermediate aufs Master gelangte. Wir haben es also mit einer nativen 4K-Auflösung zu tun. Zusätzlich hat Netflix den Film in Dolby Vision abgelegt.
Das Resultat ist ein in den gut ausgeleuchteten Szenen extrem gut kontrastiertes Bild mit einer beachtlichen Schärfe. Allerdings leiden dunkle Szenen des in 1,85:1 gehaltenen Bildes unter teils mangelnder Durchzeichnung (Taxi, 11’30). Hier übertreibt die höhere Bilddynamik mit etwas zu düsteren Bildanteilen.
Ziemlich knallig sind die Farben bisweilen. Gerade Rhodoras Lippenstift wirkt beinahe so intensiv als hätte man ihn nachkoloriert. Wirklich gut ist die Schärfe in Close-ups, die auf Gesichtern mitunter sämtliche Kleinst-Unebenheiten offenbart. Ebenfalls sehr gut ist die Bildruhe, die kaum Rauschen oder Körnung zulässt.
Akustisch geht Netflix bei Die Kunst des toten Mannes den aktuell bekannten Weg: Dolby Atmos fürs Englische und Dolby Digital Plus fürs Deutsche.
Während die Dialoge hier und da in der Synchro etwas dünn klingen, gefällt die Räumlichkeit in den Horror-Szenen durchaus. Sogar der Sub bekommt hier immer wieder ganz gut zu tun, grummelt allerdings ein bisschen dumpf vor sich hin. Auch könnte und dürfte die Dynamikspreizung besser sein. Manchmal wird es zwar laut, aber sonderlich differenziert und dynamisch ist das nicht. Wirklich gut gelungen ist der Score, der sich erstaunlich räumlich über die Speaker verteilt und für eine offene Atmosphäre sorgt.
Der englische Atmos-Sound klingt trotz identisch kodiertem Kern (ebenfalls DD+) ein wenig freier und addiert tatsächlich Atmosphäre aus den Heights. Zwar wird viel gesprochen und es gibt nur wenig Anlass für Rundumsound. Doch in den dramatischen Sequenzen gesellt sich hörbar der Score von oben hinzu und gruselige Sounds begleiten das Ableben sämtlicher Opfer (61’00, 75’10). Potenzial liegen lässt man allerdings in der Szene, in der Morf im abgeschlossenen Akustikraum von den Stimmen traktiert wird – hier wäre eine geradezu grandiose Möglichkeit gewesen, den Raum nach oben zu erweitern (81’00).

Fazit

Velvet Buzzsaw ist großartig gespielte Kunst-Satire und Horror-Thriller in einem. Manchmal ist das ein wenig unentschlossen und ab und an auch etwas zäh. Aber die Darsteller sowie einige grandios-sarkastische Dialoge reißen es locker raus.
Timo Wolters


Bewertung

Bildqualität: 75%

Tonqualität (dt. Fassung): 70%

Tonqualität BD/UHD 2D-Soundebene (Originalversion): 75%
Tonqualität BD/UHD 3D-Soundebene Quantität (Originalversion): 50%
Tonqualität BD/UHD 3D-Soundebene Qualität (Originalversion): 70
%

Film: 75%

Anbieter: Netflix
Land/Jahr: USA 2018
Regie: Dan Gilroy
Darsteller: Jake Gyllenhaal, Rene Russo, Toni Colette, John Malkovich, Zawe Ashton
Tonformate: Dolby Atmos (DD+-Kern): en // Digital Plus: de
Bildformat: 1,85:1
Laufzeit: 112
Codec: AVC
HDR: Dolby Vision
Datenrate: 15,26 Mbit/s
FSK: 16

(Copyright der Cover und Szenenbilder liegt bei Anbieter Netflix)

Trailer zu Velvet Buzzsaw

Velvet Buzzsaw | Official Trailer [HD] | Netflix

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