Vielmachglas

Blu-ray Review

vielmachglas blu-ray review cover
Warner Home Video, 04.10.2018

OT: –

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Sag doch mal „Ja“!

Jella Haase entdeckt sich selbst

Inhalt

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Erik kann viel erzählen – von der Welt und seinen Reisen

Marleen, Anfang 20, irgendwie ziellos und ziemlich bequem. Marleen lebt bei ihren (Althippie)Eltern, überlegt aber seit Kurzem, das endlich mal zu ändern. Einen antiken Sessel hat sie schon mal gekauft. Ein schmuckes Stück, das in ihrer ersten Wohnung allerdings noch ziemlich verloren wirken würde. Als Bruder Erik von seinem jüngsten Afrika-Trip nach Hause kommt, merkt Marleen, wie unterschiedlich beide sind. Er ist der Globetrotter, der die Welt schon gesehen hat und allerlei spirituelle Erfahrungen gemacht hat, sie hockt rum und weiß nicht mal, ob ihr ausgewähltes Studium zu ihr passt. Als sich Erik Abends zu Marleen setzt, schenkt er ihr ein Vielmachglas. Kein Einmachglas, sondern ein Vielmachglas. Also ein Gefäß, dass nicht nur einmal verwendbar ist, sondern vielfach. Und Marleen soll es mit Abenteuern und Geschichten füllen. Jedes Mal, wenn sie etwas Tolles erlebt, solle sie es aufschreiben und ins Vielmachglas werfen. Und dazu soll sie bald Gelegenheit bekommen, denn nach einem schweren Unfall steht Marleen am Scheideweg ihres eigenen Lebens. Dann fasst sie sich ein Herz. Das Vielmachglas im Rucksack begibt sie sich auf einen Roadtrip, der voller Gefahren aber auch Abenteure ist – und alles Erlebte wandert in das Glas hinein …

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Marleen kommt auf die Ziege

Jella Haase, das haben die Filmemacher in Deutschland schnell gemerkt, ist eine echte Nummer. Die rotzfreche Göre aus den Fack-Ju-Göhte-Filmen hat genau das, was dem deutschen Kino lange gefehlt hat: Frische!
Das, was Til Schweiger und Matthias Schweighöfer (hier mit unsäglich aufgesetzten Dreadlocks als Öko-Globetrotter) erfolgreich in die absolute Routine gefahren haben und damit nur noch ihre eingefleischten Fans hinter dem Ofen hervor locken, kann jemand wie Haase vielleicht wieder aus dem Einerlei retten. Und das möglicherweise sogar, obwohl Schweigers und Schweighöfers Produktionsfirmen den Film finanziert haben.
Inszeniert hat Vielmachglas der junge Florian Ross, der damit sein Langfilmdebüt gibt. Ihm gelingt es, die komischen Elemente parallel zu den dramatischen Situationen stehen und wirken zu lassen, ohne dass es aufgesetzt wirkt. Und Jella Haase trägt sämtliche Momente so souverän, wie man es von einer so jungen Akteurin nur hoffen kann. Ohnehin selten genug, dass ein deutscher Film seine tragikomische Geschichte auf den Schultern einer weiblichen Hauptdarstellerin ablädt. Gut, ganz ohne die Herren der Schöpfung geht’s nicht ab. Aber die sind hier ausnahmsweise mal nur Sidekicks – und nicht anders herum.

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VLoggerin Zoë ist so richtig „viral“

Inhaltlich ist Vielmachglas eine ganze Menge:
Überraschend? Ohnehin. Eine Entdeckungsreise ins eigene Ich? Sowieso. Charmante Parodie auf Ökos, Esoteriker UND modernen VLog-Blogger-Lifestyle: Schon auch.
Aber eben vor allem eine Ode ans Leben. Ein Film, der die Erfahrung und das Erleben feiert. Ein Film, der Mut macht, sein (vielleicht noch junges) Leben nicht beim Chips und Bier auf dem Sofa zu verlangweilen, sondern der zeigt, dass die Welt und die Menschen es wert sind, sie zu entdecken.
Dabei stolpert sie über eine junge YouTuberin, landet in einem LKW eines verrückten Tierschmugglers oder kehrt in ein Hostel ein, dessen Zimmer ein gigantisches Wespennest beherbergt. Gerade letztere Episode erweckt aufgrund des Gruselfaktors durchaus Erinnerungen an zahlreiche Backwood-Horrorstreifen. Und so hangelt sich Vielmachglas vielleicht manchmal etwas episodenhaft durch seine Geschichte, zitiert sich dabei aber auch munter durch Film- und Sozialkultur.
Ach ja, romantisch und poetisch wird es zwischendurch auch noch. Wenn man so will, ist Vielmachglas für jeden Zuschauer eine Entdeckungsreise – ein Glas voller kleiner Geschichten, die mal witzig, mal dramatisch und mal wunderschön sind – ganz so wie Erik es Marleen prophezeit hatte.

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Bild- und Tonqualität

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Die Antarktis muss warten

Hui, wer mal Randunschärfen in Demoqualität sehen möchte, der schaue sich Vielmachglas direkt zu Beginn an. Wenn Jella Haase auf dem antiken Sessel hockt, verschwimmen ihre Beine und Füße irgendwo im Auflösungs-Nirwana, während die auf gleicher Fokus-Ebene liegenden Knie scharf abgebildet werden. Der untere Bildrand ist praktisch dauerhaft unscharf – egal, ob Close-ups, Halbtotale oder Totale. Das ist vor allem deshalb schade, weil die Auflösung im zentralen Fokus gar nicht mal schlecht ist. Leider sind aber selbst Fast-Close-ups bisweilen bis zu einem kompletten Drittel im unteren Bereich davon betroffen, was höchst irritierend ist.
Die Farbgebung ist – typisch deutscher Film – sehr warm und in erdigen Brauntönen gehalten.
Akustisch übertreibt es Vielmachglas ein bisschen mit dem Hall auf der (tollen) Filmmusik. Das weckt dann schon mal eine arg kirchliche Atmosphäre mit einem viel zu großen Raum. Die Stimmen wirken dazu ein wenig zu dünn und sind im Falle von Schnellquatscherin Emma Drogunova auch mal etwas schwerer verständlich. Dynamisch wird’s genau einmal: Beim Unfall nach einer Viertelstunde. Danach liefert selbst die Filmmusik nur bedingt Differenzierung und Anlass für die Lautsprecher wirklich kräftig einzugreifen.

Bonusmaterial

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Herzensgute Eltern

Vier Charakter-Pods (kurze Charakterisierungen der Figuren) über die Hauptdarsteller und ihre Rollen wurden im Bonusmaterial von Vielmachglas abgelegt. Drei Featurettes gesellen sich hinzu. In „Die Geschichte“ bekommt man in drei Minuten eine Art Lang-Trailer, der schildert, worum es im Film geht. „Hinter den Kulissen“ läuft auch nur drei Minuten und gibt ein kleines bisschen Einblick in die Arbeit hinter der Kamera. „Was ist ein Vielmachglas?“ Weitere zwei Minuten kümmern sich um das Vielmachglas selbst – also um das Symbol für die Abenteuer der Marleen.

Fazit

Toll gespielt, ehrlich erzählt, mit grandioser Musik unterlegt und angereichert mit tollen Bildern aus Stadt und Land – Vielmachglas zeigt, dass deutsches Kino auch jenseits von infantilen Gags oder schwermütiger Dramatik funktionieren kann. Auch und vor allem, weil Jella Haase zeigt, wie gut sie abseits ihrer FJG-Chantal ist. Sie spielt gekonnt gegen einige Klischeehaftigkeiten an, die das Drehbuch dann doch für den Roadtrip bereithält.
Timo Wolters


Bewertung

Bildqualität: 50% (Abwertung aufgrund dauerhafter Randunschärfen)
Tonqualität (dt. Fassung): 65%
Bonusmaterial: 40%
Film: 80%

Anbieter: Warner Home Video
Land/Jahr: Deutschland 2018
Regie: Florian Ross
Darsteller: Jella Haase, Marc Benjamin, Matthias Schweighöfer, Juliane Köhler, Uwe Ochsenknecht, Adam Bousdoukos, Jasmin Lord, Lars Rudolph
Tonformate: dts HD-Master 5.1: de, en
Bildformat: 2,35:1
Laufzeit: 89
Codec: AVC
FSK: 6

(Copyright der Cover und Szenenbilder liegt bei Anbieter Warner Home Video)

Trailer zu Vielmachglas

VIELMACHGLAS – Trailer #1 Deutsch HD German (2018)

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