Westfront 1918 – Vier von der Infanterie

Blu-ray Review

Westfront Blu-ray Review Cover
Atlas Film / AL!VE AG, 13.04.2018 (Bild: Stiftung Deutsche Kinemathek)

OT: –

 


Krieg, keinen Frieden!

Georg Wilhelm Pabsts Klassiker von 1930 erscheint neu remastered erstmals auf Blu-ray

Inhalt

Westfront Blu-ray Review Szene 7
Die Kampfhandlungen in den Gräben sind zermürbend (Bild: Stiftung Deutsche Kinemathek)

1918 irgendwo an der Front in Frankreich: Die vier deutschen Soldaten Karl, der Student, der Bayer und der Leutnant haben nur wenig Zeit, sich ein paar Momente der Ruhe und einige Albernheiten mit der Französin Yvette zu gönnen, bevor sie wieder in den Graben müssen. Dort verschüttet eine Explosion drei der Kameraden. Der Student gräbt sie fast eigenhändig wieder aus. Nach weiteren schrecklichen Erlebnissen an der Front darf zumindest Karl auf Heimaturlaub. Voller Vorfreude kehrt er heim und findet seine Frau mit einem Liebhaber im Bett vor. Kein Wunder, dass er sich wieder zurück in den Krieg wünscht …

Westfront 1918 - Deutschland 1930; Regie: Georg Wilhelm Pabst4.2-05/17-0
Ein Ende der Gewalt scheint nicht in Sicht (Bild: Stiftung Deutsche Kinemathek)

Westfront 1918 ist ein Manifest. Und zwar eins des flammenden Pazifismus. Mit unbarmherzigem Realismus bannte Regisseur Georg Wilhelm Pabst (Die Büchse der Pandora) das Kriegsgeschehen auf die Leinwand und erzeugte vor allem über den Ton eine schockierende Wirkung. Der Tonfilm war 1930 noch jung, die Kinos begannen erst damit, sich darauf einzustellen und die Maschinengewehrsalven und Schreie der Kriegsopfer müssen eine extreme Verstörung bei den Zuschauern bewirkt haben. 90 Minuten lang konfrontierte Pabst sein Publikum mit den Schrecken des Krieges und erinnerte sie unausweichlich daran, was es bedeutet, sein Leben im Namen des Vaterlands zu lassen. Da seinerzeit viele Besucher das Kino verließen, scheint auch klar, dass es einigen kaum angenehm war, mit solchen Bildern konfrontiert zu werden und sie lieber davor flohen – vermutlich eben jene Menschen, die keine zehn Jahre später auch nicht aufbegehrten, als Deutschland den nächsten Krieg anzettelte. Konsequenterweise ließ die just gewählte Regierung der Nationalsozialisten 1933 den Film verbieten. In der Begründung dazu hieß es…
dass der Bildstreifen aufgrund seiner übertrieben realistischen Darstellung den Verteidigungswillen des Volkes untergrabe und den Zielen der Wehrhaftmachung entgegenwirke. Somit also lebenswichtige Interessen des Staates gefährde …
Wer sich den Film heute anschaut, sollte genau bei dieser Begründung kurz innehalten und reflektieren, dass es nie wieder zu solchen Zensuren im Namen eines Regimes kommen darf.

Westfront 1918 - Deutschland 1930; Regie: Georg Wilhelm Pabst4.2-05/17-0
Nicht immer bekämpfen einen nur die gegnerischen Soldaten (Bild: Stiftung Deutsche Kinemathek)

Dass Pabst mit Westfront 1918 ein so wichtiges Werk schuf, sollte auch darin erkannt werden, dass er selbst 1914, als er aus New York (wo er am Deutschen Volkstheater angestellt war) nach Europa kam und vom Krieg überrascht wurde, in französische Gefangenschaft geriet. Auch in Haft gründete er eine Theatergruppe und mit seinem Film zeigt er eindrücklich, dass er keinen Groll gegen jene Nation hegt, die ihn einige Jahre inhaftiert hielt. Ganz im Gegenteil: Seine vier Protagonisten machen allesamt dem französischen Bauernmädchen den Hof und die Kriegsgeschehnisse werden (zum Leidwesen der Nazis) nicht dazu genutzt, den Feind (hier also den Franzosen) zu dämonisieren. Ganz im Gegenteil ist Westfront 1918 eher ein Plädoyer für Völkerverständigung und generalisiert seine Antikriegs-Aussage für alle Völker. Für die Sympathisanten der Nazis war’s freilich nur ein Machwerk jüdischer Propaganda, mit dem „Endziele, die deutsche Wehrmüdigkeit zu vertiefen“.
Was er in der Tat vertieft, ist die Kritik an der Absurdität des Kriegs. Meist in den kleinen Gesten und Szenen wird deutlich, was die Zeit der Entbehrung und der Gewalt mit den Menschen macht. So zwingt sich beispielsweise Karls Mutter, in der Schlange zur Lebensmittelausgabe stehen zu bleiben, obwohl ihr Sohn auf Heimaturlaub kommt und vor ihren Augen vorbeiläuft. Pabst spart auch nicht aus, dass es die persönlichen Schicksale sind, die dem Krieg zu Opfer fallen – und das muss nicht mal durch die Gewalt selbst sein. Wenn Karl daheim seine Frau mit einem Liebhaber überrascht und nach kurzem Emotionsausbruch zum Alltag übergeht, sich dann aber nach der Front sehnt, wird deutlich, dass Krieg niemals Gewinner kennt.
Aus heutiger Sicht ist Westfront 1918 deshalb ein historisches Kunst-Dokument, das an Intensität nicht eingebüßt hat und nun in einer neu restaurierten Fassung vorliegt. Dazu mehr im nächsten Kapitel.

Bild- und Tonqualität

Westfront 1918 - Deutschland 1930; Regie: Georg Wilhelm Pabst4.2-05/17-0
Karl erfährt daheim eine böse Überraschung (Bild: Stiftung Deutsche Kinemathek)

Westfront 1918 wurde bereits 1988 einmal restauriert. Seinerzeit wurden fehlenden Teile des häufig in verschiedenen gekürzten Fassungen gezeigten Films auf Basis eines Dup-Negativs (Kopie des Original-Kameranegativs) wieder zusammengefügt. Allerdings blieben Bild- und Tonqualität dabei weiterhin auf der Strecke. Ab 2014 ging die Deutsche Kinemathek die Restaurierung dann erneut an, konnte dieses Mal allerdings ein Dup-Positiv einsetzen, das seinerzeit für den Export nach England genutzt worden war. Das Dup-Positiv stellt die Zwischenstufe zwischen Original-Negativ und Dup-Negativ dar und dient dazu, weitere Dup-Negative zu erstellen. Allerdings war auch das englische Positiv gekürzt, weshalb erneut fehlende Teile ergänzt werden mussten.
Der 2K-Scan wurde im Übrigen von Alpha-Omega in München vorgenommen.
Schaut man sich das Ergebnis nun an, fällt zunächst das ungewöhnlich knappe Bildformat auf. Mit einem Seitenverhältnis von 1,19:1 ist es schon fast quadratisch und wirkt dadurch etwas wie eine alte Fotografie. Warum genau die seitlichen Bildränder schmaler sind als beim Original-Film, der in 4:3 aufgezeichnet wurde, lässt sich nur vermuten. Beispielsweise könnte es sein, dass das Original-Frame zwar 4:3 war, aber durch die seitliche Tonspur entsprechend Format „verloren“ ging.
Wie dem auch sei: Beeindruckend ist zunächst einmal die relative Defektfreiheit. Immerhin ist das Material fast 90 Jahre alt. Sicherlich gibt’s hier und da Blitzer und leichte Schmutzpartikel. Aber das hätte man sich auch wesentlich schlimmer vorstellen können. Der Kontrastumfang liegt eher im mittleren Bereich und kann weder knackiges Schwarz, noch helles Weiß vorweisen. Allerdings passt der etwas schmuddelige Look durchaus zum Thema. In manchen Einstellungen wirken Gesichter etwas wachsartig grau und das Korn ist natürlich sehr deutlich. Außerdem erkennt man bisweilen sehr gut, welche Szenen vom Positiv und welche vom Dub-Negativ kamen.
Figuren, die in der zweiten Reihe stehen, haben zudem kaum Schärfe – ganz im Gegensatz zu den Objekten im Vordergrund, die überraschend knackig sind. Gerade die Szenen in Karls Wohnung wirken selbst aus heutiger Sicht erstaunlich gut und haben wesentlich mehr Dynamik als jene Außenaufnahmen bei den Schützengräben.

Westfront 1918 - Deutschland 1930; Regie: Georg Wilhelm Pabst4.2-05/17-0
Nur wenige werden die Heimat unversehrt wiedersehen (Bild: Stiftung Deutsche Kinemathek)

Wie dem Bild, so schenkte man auch dem Ton von Westfront 1918 bei der Neubearbeitung gesteigerte Bedeutung. Allerdings konnte selbst modernste Digitaltechnik nicht retten, was schlicht nicht mehr vorhanden ist.
So tönen vor allem die Stimmen jener Darsteller relativ dünn, die etwas entfernter von der Kamera stehen. Die Tatsache, dass vom Bayer natürlich Dialekt gesprochen wird und gerade die spitzen Töne arg zerren und unangenehm laut werden, fördert die Sprachverständlichkeit ebenfalls nicht. Hier und da ist es hier deshalb durchaus nicht peinlich, wenn man die englischen Untertitel zusätzlich aktiviert.
Wesentlich besser funktionieren die Bombeneinschläge und Geräusche des Kriegs-Geschehens, die trotz nur gedoppeltem Mono-Tons erstaunlich dynamisch und kraftvoll erscheinen. Auch rieselnder Sand überzeugt und das typische Pfeifen der fallenden Granaten verfehlt seine Wirkung nicht. Ebenfalls erstaunlich, wie fehlerfrei und detailliert das Spiel des Xylophons rüberkommt, wenn die Soldaten den beiden Musiker-Clowns lauschen (39’45).

Bonusmaterial

Westfront Blu-ray Review Szene 5
Die leblosen Körper häufen sich (Bild: Stiftung Deutsche Kinemathek)

Das Bonusmaterial von Westfront 1918 besteht aus dem schicken Mediabook, das BD und DVD des Films enthält und vor dazu ein absolut lesenswertes, 24-seitiges Booklet, das näher auf den Regisseur, die Darsteller und auch die Restaurierung des Films eingeht – unbedingt Lesen!

Fazit

Westfront 1918 ist ein historisches Kinodokument aus einer Zeit, in der es alles andere als selbstverständlich war, einen Antikriegsfilm zu drehen. Pabst konnte mit seinem Werk zwar nicht verhindern, dass es kurz darauf erneut zum Ausbruch eines Weltkriegs kam, doch das macht seinen Film nicht weniger wichtig und intensiv.
Die Restaurierung liefert unter den gegebenen Umständen sicherlich das Bestmögliche und muss auf jeden Fall vor dem Hintergrund des Filmalters gesehen werden. Eine Zier für jede Sammlung ist das Mediabook mit dem dicken Booklet.
Timo Wolters


Bewertung

Bildqualität: 60%
Tonqualität (dt. Fassung): 45%
Bonusmaterial: 50%
Film: 80%

Anbieter: Atlas Film / AL!VE AG
Land/Jahr: Deutschland 1930
Regie: Georg Wilhelm Pabst
Darsteller: Fritz Kampers, Gustav Diessl, Hans Joachim Moebis, Claus Clausen, Gustav Püttjer
Tonformate: dts HD-Master 2.0 Mono: de
Bildformat: 1,19:1
Laufzeit: 96
Codec: AVC
FSK: 12

Trailer zu Westfront

WESTFRONT 1918 & KAMERADSCHAFT (Two films by G.W. Pabst) (Masters of Cinema) New & Exclusive Trailer

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